https://queer.de/?51564
Jetzt im Kino
Thomas Mann, so offen schwul wie nie
Mal mehr, mal weniger offen schrieb der Schriftsteller Thomas Mann über seine homosexuellen Neigungen. Die Doku-Fiktion "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" nähert sich dem Roman "Felix Krull" und verwebt sie kunst- und liebevoll mit Manns Leben.

Sebastian Schneider als junger Thomas Mann in "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" (Bild: mindjazz pictures)
- Von
7. November 2024, 07:16h 3 Min.
Der mit den Schachtelsätzen. So ließe sich der Jahrhundertschriftsteller und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann treffend beschreiben. Oder auch: Der Autor, der seine homoerotischen Fantasien nur in seinen Werken ausleben kann, während er ein vermeintlich vorbildliches, mehr als gutbürgerliches Leben führt.
Das ist ein Spannungsfeld, das bis heute fasziniert: Im vergangenen Jahr erschien ein Buch über Manns Liebe zum Meer, noch diesen Herbst erscheint eines über seine wohl nicht nur freundschaftliche Liebe zu Paul Ehrenberg.
Kein Werk ist so autobiografisch

Poster zum Film: "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" startet am 7. November 2024 bundesweit im Kino
Einen ganz eigenen Ansatz wählt jedoch der Regisseur André Schäfer, selbst schwul: Er verwebt Manns Romanfigur Felix Krull mit der Lebensgeschichte des Schriftstellers. Denn kein Werk gilt als so autobiografisch geprägt wie "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull".
Thomas Mann begann bereits 1910, daran zu schreiben, nahm die Arbeit aber erst rund 40 Jahre später wieder auf und vollendete "der Memoiren erster Teil" 1954 in der Schweiz. Eine Fortsetzung, wie ursprünglich geplant, erscheint nie, denn Thomas Mann stirbt nur ein Jahr später 80-jährig in Zürich.
Ein flamboyanter Felix Krull
Felix Krull ist vieles, was sein Autor nicht ist. Ein fröhlicher Lebemann, der sich dank seines einnehmenden Wesens einen dandyhaften Lebensstil leisten kann. Ein Hochstapler, der sich in höchsten Kreisen wohlfühlt, der es versteht, mit der Elite umzugehen – und sie zu täuschen.
Es ist gar nicht so leicht, "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann", zu kategorisieren. Denn Regisseur André Schäfer hat weder den Roman verfilmt noch eine Literatur- oder Biografie-Doku geschaffen. In seiner Doku-Fiktion lässt er den Darsteller Sebastian Schneider als flamboyanten, mit Rouge geschminkten Wangen und farbenfroh bis exzentrisch gekleideten Felix Krull die Schlüsselszenen des Romans spielen – mal historisch akkurat, dann wieder in der Gegenwart.
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Schwule Sehnsüchte in Tagebüchern und Notizen
Doch der talentierte Sebastian Schneider schlüpft noch in weitere Rollen, die nicht immer klar auseinanderzuhalten sind. Er liest in einem Tonstudio Teile aus Thomas Manns Tagebüchern und Notizen vor, in denen er erstaunlich offen über homosexuelle Sehnsüchte berichtet. Dazu kommen Archivaufnahmen aus Deutschland, der Schweiz und Kalifornien, die Thomas Manns Lebensstationen zeitgeschichtlich einordnen. Kurze Interviews mit ihm, seiner Frau und den Kindern Erika und Golo runden den Film ab.
Das alles ergibt einen Hybrid aus Doku und Spielfilm, der nicht nur von einem auffallend passenden, oft verspielten Score (Komponistin: Daphna Keenan) unterlegt ist, sondern auch noch richtig gut aussieht: Kameramann Janis Mazuch fängt Sebastian Schneider als Felix Krull sagenhaft ein, lässt ein Gefühl der Wärme und Nähe entstehen.
|
Ein "Produkt queerer Fantasien"?
"Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" ist ein anspruchsvoller Film – alleine schon wegen der vielen Schachtelsätze. Er verfolgt keine steile These, suggeriert auch nicht, dass Thomas Mann seine Figur Felix Krull vollends nach sich selbst geschrieben hätte, und schon gar nicht wird der Schriftsteller "zum Produkt queerer Fantasien", wie die Kritikerin des immer mehr nach rechts rückenden Magazins "Cicero" schäumt.
Nein: Der Film geht durchaus mutig, aber sowohl kunst- wie liebevoll mit dem Nobelpreisträger um. Thomas Manns Zerrissenheit, seine Selbstzweifel, aber auch die Sublimierung in der Kunst werden anschaulich. Regisseur und Produzent André Schäfer lässt Thomas Mann durch Felix Krull so offen queer sein, wie er es nie sein konnte. Ob er das je wollte? Das werden wir nie erfahren.
Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann. Biopic. Deutschland 2024. Regie: André Schäfer. Cast: Sebastian Schneider, Nils Rovira-Muñoz. Laufzeit: 91 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: mindjazz pictures. Kinostart: 7. November 2024
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage von mindjazz pictures
Mehr zum Thema:
» Interview mit dem Hauptdarsteller: Was interessiert Sie am schwulen Thomas Mann, Sebastian Schneider? (05.11.2024)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
15:25h, ZDFneo:
Terra X
Deutschland in den Goldenen Zwanzigern – U.a über Magnus Hirschfeld, der für die Anerkennung von gleichgeschlechtlicher Liebe und Transsexualität seiner Zeit weit voraus war.
Doku, D 2021- 3 weitere TV-Tipps »
















