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Verborgene Sehnsucht im Stundenhotel
Der junge Heraldo braucht dringend einen Unterschlupf. Da kommt das neonfarbene Stundenhotel gerade recht – doch ihn erwartet mehr als Sex. "Motel Destino" ist ein greller Erotikthriller voller Sehnsucht, Lust und Gewalt.

Szene aus dem Film: "Motel Destino" war im diesjährigen Wettbewerb um die Goldene Palme vertreten und für eine Queer Palm nominiert (Bild: Piffl Medien)
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14. November 2024, 03:02h 4 Min.
In engen Badehosen toben sie am Strand. Lachend stürzen sich die zwei jungen Männer ins azurblaue Meer. Die Sonne lässt die Wassertropfen auf ihrer Haut glitzern. Einzig die langsame, verräterische Musik lässt erahnen, dass hier nicht alles so unbeschwert ist, wie es scheint.
Heraldo, Anfang 20, will sein kleinkriminelles Leben an der Nordküste Brasiliens beenden und es stattdessen mit einer Werkstatt in São Paulo versuchen. Doch daraus wird nichts. Weil er bei seinem letzten Überfall die Bande im Stich lässt, muss er vor der Polizei und den anderen Gangmitgliedern fliehen.
Stöhnen dringt aus den Zimmern

Poster zum Film: "Motel Destino" startet am 14. November 2024 bundesweit im Kino
Unterschlupf findet Heraldo (der Newcomer Iago Xavier, ausgewählt aus über 500 Castings) ausgerechnet in einem neongrellen Stundenhotel, dem "Motel Destino". Das betreibende Paar – selbst mit krummen Sachen vertraut – stellt kaum Fragen. Im Gegenteil: Dayana und Elias freuen sich über die tatkräftige, billige und gutaussehende Unterstützung im alltäglichen Betrieb: Betten abziehen, Sperma wegwischen, auch mal eine Schlange aus einem Zimmer vertreiben.
Das Stundenhotel trägt das Schicksal im Namen, und es ist gleichzeitig noch viel mehr: Hier können alle ihre Begierden ausleben, hier gibt es keine Tabus, dafür gelten andere Regeln. Es ist ein Ort, an dem alles möglich scheint. Doch hinter der Lust, die das billige Motel umhüllt, und dem Stöhnen, das aus den Zimmern dringt, stecken klare Machtverhältnisse.
Das Stundenhotel ist auch ein Gefängnis
Das Motel Destino ist widersprüchlich, ein Ort der gegensätzlichen Gleichzeitigkeit. Der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz bezeichnet es als "Röntgenaufnahme von Brasilien", als "Reich der Fantasie, ein Raum des Vergnügens, aber zugleich auch eine Art Gefängnis."
Ein Gefängnis, weil Heraldo auch hier nicht mehr rauskommt. Das Schicksal hat zugeschlagen – er und Dayana (Nataly Rocha) verlieben sich. Das ahnt ihr missbräuchlicher Partner Elias (Fábio Assunção), und er wird sicher nicht zulassen, dass ein dahergelaufener, naiver Kleinkrimineller ihm die Frau ausspannt. Die jedoch plant ihrerseits einen Ausbruch aus dem Motel.
Es ist heißt, das liegt nicht nur am Sommer
Für den Erotikthriller drehte Regisseur Karim Aïnouz zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder in seiner Heimat Brasilien, im nordöstlichen Bundesstaat Ceará. Der Grund für seine Abwesenheit: die Regierung unter dem extrem rechten Präsidenten Jair Bolsonaro. "Motel Destino" sollte ein Befreiungsschlag werden, der die Sinnlichkeit feiert.
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Und das tut er: Kamerafrau Hélène Louvart, die bereits mehrfach mit Aïnouz zusammenarbeitete, findet im schäbigen Stundenhotel betörende Perspektiven. Die vielen Sexszenen sind – anders als der Ort vermuten ließe – ganz und gar nicht billig. Der Sex ist oft spontan und intensiv, hält sich an keine Konventionen, aber er wird nie zur platten Bumserei. Es ist heiß, und das liegt nicht nur am Sommer.
Die grellen Farben und der treibende Soundtrack – es lohnt sich, den Abspann komplett anzuhören – ergänzen das Treiben hervorragend. Der tropische Neo Noir verlässt sich aber nicht allein auf seine Sinnlichkeit, sondern lässt die Figuren gegen ihr Schicksal, gegen eine pessimistische Welt kämpfen. Da schwingt immer auch eine politische Kritik mit.
Sinnlichkeit schlägt in Brutalität um
"Motel Destino" war im diesjährigen Wettbewerb um die Goldene Palme vertreten und für eine Queer Palm nominiert. Mit dem älteren Rezeptionisten gibt es zwar eine eindeutig schwule – aber sehr skizzenhafte – Rolle. In der Ménage-à-trois aus Heraldo, Dayana und Elias flackern zwar immer wieder queere Begierden durch, der Film hätte hier noch offensiver sein dürfen und wäre dadurch interessanter geworden.
Jede sexuelle Beziehung ist in "Motel Destino" von Machtdynamiken bestimmt. Das führt mehr und mehr zu Gewalt, die zwar in einem Stundenhotel am offensichtlichsten zutage tritt, aber das ganze Land bestimmt. Wenn neonfarbene Sinnlichkeit herrscht, dauert es nicht lange, bis sie in Brutalität umschlägt.
Motel Destino. Erotikthriller. Brasilien, Deutschland, Frankreich 2024. Regie: Karim Aïnouz. Cast: Renan Capivara, Fabíola Líper, Isabela Catão, Yuri Yamamoto, Davi Santos, Jupyra Carvalho, Bertrand de Courville, Katiana Monteiro, Vanessa Cardoso, Jan Moreira, Edglê Lima Moreira. Laufzeit: 112 Minuten. Sprache: portugiesische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Piffl Medien. Kinostart: 14. November 2024
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