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Interview

Fühlen Sie sich als LGBTI-Ikone, Fiona Shaw?

Als Neuzugang ist Fiona Shaw in der zweiten Staffel von "Bad Sisters" dabei. Wir sprachen mit der lesbischen Schauspielerin über die irische Streamingserie, ihre beeindruckende Karriere, ihr spätes Coming-out und die positiven Folgen ihrer Hochzeit.


Fiona Shaw als Angelica Muldoon in der zweiten Staffel von "Bad Sisters" (Bild: Apple TV+)

Seit mehr als 40 Jahren gehört Fiona Shaw, geboren 1958 im County Cork in Irland und fürs Studium nach London gezogen, zu den ganz Großen in der britischen Schauspielbranche. Nach endlosen Bühnenerfolgen (für "Elektra" erhielt sie 1990 den renommierten Olivier Award) drehte sie so unterschiedliche Filme wie "Mein linker Fuß", "Drei Männer und eine kleine Lady" oder "Super Mario Bros." und wurde schließlich als Petunia Dursley in den "Harry Potter"-Filmen noch einmal einem ganz anderen Publikum bekannt.

Inzwischen ist die lesbische Schauspielerin, die auch in Francis Lees "Ammonite" mit Kate Winslet zu sehen war, vor allem in zahlreichen der spannendsten Serien unserer Zeit zu sehen. Nach Rollen in "True Blood", "Killing Eve" (wofür sie den BAFTA gewann), "Andor" oder jüngst "True Detective: Night Country" spielt Shaw nun in der zweiten Staffel von "Bad Sisters" mit, die gerade bei AppleTV+ gestartet ist (Serienkritik auf queer.de). Wir sprachen mit ihr im Interview.

Ms. Shaw, Sie sind in der zweiten Staffel der Serie "Bad Sisters" der Neuzugang und spielen Angelica Muldoon – eine reichlich anstrengende Frau, die vielen auf die Nerven geht. Was interessierte Sie an dieser Rolle?

Zunächst einmal hatte ich Lust, mit Sharon Horgan, der Schöpferin der Serie, und der Regisseurin Dearbhla Walsh zusammenzuarbeiten. Beide sind Genies! Als wir uns das erste Mal gemeinsam zum Frühstück trafen, war Angelica noch eine sehr diffuse Figur. Sie wussten zwar, welche Rolle diese Frau im Plot der zweiten Staffel spielen würde, hatten aber noch keine Idee, was für ein Mensch sie eigentlich ist. Ihr Charakter hat sich also erst mit der Zeit herauskristallisiert. Aber das ist mit Serien-Rollen öfter so. Auch meine Rolle in "Killing Eve" war anfangs noch etwas undefiniert, bevor das Autor*innen-Team merkte, was gut funktioniert und was nicht.

Und wie würden Sie Angelica nun rückblickend beschreiben?

Für mich ist sie eine Person, wie wir sie alle in unserer Nachbarschaft, unserer erweiterten Familie oder unserem Bekanntenkreis kennen. Jemand, der seine Nase in alles steckt, distanzlos und anstrengend, aber nicht unbedingt ein schlechter Mensch ist. Sie ist ziemlich aufdringlich und möchte gerne die beste Freundin von Leuten sein, die ihr eigentlich am liebsten aus dem Weg gehen würden. Aber das begreift sie gar nicht, weil sie sich selbst für so nett und gut und sympathisch hält. Eine ziemlich widersprüchliche Frau, die zu spielen eine Wonne war.

Sie sind gebürtige Irin. War es für Sie etwas Besonderes, in einer derart irischen Produktion mitzuwirken?

Darauf habe ich mich wahnsinnig gefreut, schließlich haben wir einen Großteil tatsächlich in Dublin und Umgebung gedreht. Die anderen Schauspielerinnen sind ja auch alle Irinnen, die genau wie ich eigentlich längst woanders leben. Für die Arbeit gemeinsam in die Heimat zurückzukehren, ist für uns alle keine Selbstverständlichkeit. Vor allem weil es so ein neues, modernes Irland ist. Man merkt in Dublin überall, wie europäisch die Stadt ist. Die Menschen sitzen in Straßencafés, man hört deutsche, italienische, spanische Akzente. Dublin ist heute so, wie London gerne gewesen wäre.

Ihre Karriere begannen Sie in den frühen 1980er Jahren, inzwischen sind Sie 66 Jahre alt. Aber erst seit einigen Jahren scheinen Sie omnipräsent zu sein und in gefühlt jeder zweiten Serie mitzuspielen. Wie kam es zu diesem zweiten beruflichen Frühling?

Das habe ich nur meinem Alter zu verdanken. Irgendwann war ich alt genug für diese Charakterrollen, die nicht die Heldin sein oder im Zentrum der Geschichte stehen müssen. Ich liebe es, wenn ich nicht die Verantwortung habe, eine ganze Serie auf meinen Schultern zu tragen, aber trotzdem den Raum habe, spannende Figuren zu erschaffen, die eine Geschichte interessanter machen.

Sie haben dabei ein echtes Händchen für Qualität, von "Killing Eve" und "Fleabag" über "Baptiste" und "Andor" bis hin zu "True Detective: Night Country" und nun "Bad Sisters"…

Ach, was heißt Händchen? Ich sage einfach nur bei Projekten zu, die sehr offensichtlich eine besondere Qualität haben und mich auf Anhieb ansprechen. Bei "Andor" waren die Drehbücher schon auf den ersten Blick so unglaublich gut, da gab es gar keinen Zweifel. Und auch "Night Country" war ein No-Brainer, denn wer hätte keine Lust, einige Wochen mit Jodie Foster in Island zu verbringen?! Über "Fleabag" und Phoebe Waller-Bridge müssen wir gar nicht erst sprechen. Was für ein wunderbarer Mensch, was für eine einzigartige Autorin. Für sie würde ich auch nur einmal als Putzfrau durchs Bild wischen, wenn das bedeuten würde, dass ich wieder mit ihr arbeiten kann.

Direktlink | Trailer zur zweiten Staffel von "Bad Sisters"
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Parallel hat sich auch in Ihrem Privatleben vieles verändert. 2018 heirateten Sie Ihre Frau, die Wirtschaftswissenschaftlerin und Autorin Sonali Deraniyagala. Die Ehe hat Sie zur Ruhe kommen lassen, haben Sie mal gesagt. Dabei arbeiten Sie doch kein bisschen weniger als früher, oder?

Doch, das tue ich. Früher war ich in der Arbeit recht fanatisch. 30 Jahre lang war das Theater mein Lebensmittelpunkt, im Grunde genommen jeden einzelnen Tag. In der Theaterwelt ist der quasi kultische Gedanke sehr verbreitet, dass man sich der Sache mit Haut und Haar verschreiben müsse, um seine Schaffenskraft zu entfesseln. Im Rückblick würde ich denken, dass man sich damit im Gegenteil eher einschränkt.

Wie meinen Sie das?

Nun, wenn man jeden Tag zehn Stunden lang probt und abends Vorstellung hat, führt man darüber hinaus kein Leben. Da gibt es nichts als die Arbeit, was soll daran entfesselnd oder kreativ-befruchtend sein? Sonali kennenzulernen und zu heiraten, hat mir dabei geholfen, meinen Lebensrhythmus zu verändern und mich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren.

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Ihr Coming-out als lesbische Frau hatten Sie erst als Erwachsene, nach zwei längeren Beziehungen mit Männern. Spielte da auch die Sorge eine Rolle, welche Auswirkungen ein solcher Schritt auf Ihre Karriere haben könnte?

Zunächst einmal war der Hauptgrund, dass ich sehr katholisch aufgewachsen bin. Als junge Frau im damaligen Irland wäre mir ein Coming-out nicht in den Sinn gekommen. Gott sei Dank haben sich meine Heimat und überhaupt die Welt wirklich verändert! Später gab es dann eine lange Zeit, in der ich mich zwar nicht verleugnet, aber mein Privatleben nicht an die große Glocke gehängt habe. Die Arbeit war wichtiger, und ich fand am Theater immer, dass das Publikum möglichst wenig über die Schauspielenden wissen sollte. Wenn man zu viel über die Person hinter einer Rolle weiß, kann das unter Umständen die Vorstellungskraft des Publikums limitieren. Deswegen sollte die politische Haltung oder die sexuelle Identität einer Schauspielerin in der Öffentlichkeit genauso wenig eine Rolle spielen wie die Frage, ob sie zum Frühstück Toast oder Porridge hatte.

Trotzdem werden Sie nun heute von manchen als LGBTI-Ikone gefeiert. Können Sie mit der Bezeichnung etwas anfangen?

Eigentlich gar nicht. Aber ich freue mich, wenn andere mich so beschreiben wollen. Ich wüsste gerne, wie es sich anfühlt, mit dem Selbstverständnis durchs Leben zu gehen, eine Ikone zu sein. Allerdings assoziiere ich mit dem Begriff immer jemanden, der steif und starr auf einem Podest steht. Und das wäre dann doch so gar nicht nach meinem Geschmack.

-w-