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Kunst

Schwul und jüdisch: Das tragische Schicksal von Max Oppenheimer

Ein beeindruckendes Selbstporträt des schwulen Künstlers Max Oppenheimer wird am 19. November 2024 bei einer Kunstauktion im Wiener Dorotheum versteigert.


Restituiert: Max Oppenheimer, Selbstporträt, um 1933, Öl auf Leinwand, 98 mal 81 Zentimeter (Bild: Dorotheum)
  • Von Christian Höller
    17. November 2024, 05:26h 6 Min.

Der schwule Expressionist Max Oppenheimer wird gerade wiederentdeckt. Das zunehmende Interesse an Oppenheimer (1885-1954) nutzt das Wiener Dorotheum, das größte Auktionshaus für Kunst in Mitteleuropa und im deutschsprachigen Raum. Am 19. November werden dort drei Bilder des Künstlers versteigert

Darunter befindet sich auch ein beeindruckendes Selbstporträt, das der Künstler 1932/1933 gemalt hat. Das Dorotheum schätzt den Wert des Gemäldes auf 160.000 Euro bis 220.000 Euro. Das Bild bringt die tiefe innere Zerrissenheit von Oppenheimer zum Ausdruck. Als Jude und als Homosexueller hat der Künstler viel Leid erfahren. Die Nazis wollten ihn und seine Bilder vernichten.

Das Berlin der Goldenen Zwanziger hat ihn fasziniert

Oppenheimer war nach seinem einsamen Tod in New York lange Zeit in Vergessenheit geraten, doch seine Lebensgeschichte ist bemerkenswert. Der schwule Expressionist hat es verdient, dass die Erinnerung an ihn wachgehalten wird. Erst im Oktober 2024 sorgte das Jüdische Museum Berlin mit dem Kauf eines Gemäldes von Oppenheimer für Schlagzeilen. Das Bild mit dem Titel "Weintraubs Syncopators" zeigt die gleichnamige deutsch-jüdische Jazz- und Showband, die in der Weimarer Republik berühmt war. So trat die deutsch-jüdische Band beispielsweise 1928 mit der Tänzerin und Sängerin Josephine Baker im Berliner Theater des Westens auf, bis die Nazis die Veranstaltung störten. Das Bild von Oppenheimer mit der beliebten Jazzband ist nun in der Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin zu sehen, weil das Kunstwerk "unterschiedliche Aspekte deutsch-jüdischer Geschichte in sich vereint", wie das Museum betont. Sie sei sehr glücklich, sagte Hetty Berg, Direktorin des Jüdischen Museums Berlin, "dass dieses einzigartige Kunstwerk nach Berlin zurückgekehrt ist".


Max Oppenheimer, Weintraubs Syncopators / Jazzband , Öl auf Holz, 1927, JMB, ehemals Sammlung Dr. Hugo Staub, 1933 zwangsweise entzogen, seit 1962 Privatbesitz, 2024 vom JMB erworben, im Anschluss an eine gerechte und faire Lösung, vermittelt durch das Auktionshaus Grisebach, mit Mitteln einer Testamentsspende von Gisela Schwandt an die Deutsche Bank Stiftung (Foto: JMB / Roman März)


Oppenheimer war in den 1920er Jahren nicht nur in Berlin, sondern über die Grenzen Deutschlands hinaus ein beachteter Künstler. In seinen Gemälden hielt er unter anderem das damals moderne Berliner Großstadtleben der Weimarer Republik fest, wobei er für seinen futuristischen und neusachlichen Stil bekannt war. Das Berlin der Goldenen Zwanziger hat ihn fasziniert. Er zeigte in seinen Bildern etwa die Atmosphäre in Vergnügungsstätten, den populären Jazz und Sportveranstaltungen.

Oppenheimer und die "Freuden der gleichgeschlechtlichen Liebe"

Auf früheren Werken, in denen viele nackte Männerkörper zu sehen sind, lassen sich auch Anspielungen auf seine Homosexualität erkennen. So ist Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Wiener Leopold Museums, der Ansicht, dass Oppenheimer etwa im mythologisch aufgeladenem Bild "Simson" aus dem Jahr 1911 "die Freuden der gleichgeschlechtlichen Liebe" dargestellt hat. Das Leopold Museum zeigte von Oktober 2023 bis Februar 2024 in Wien eine große Werkschau von Oppenheimer, bei der die Homosexualität des Künstlers offen thematisiert wurde. Die Ausstellung war ein großer Erfolg.

Oppenheimer hat auch Autobiografisches mit biblischen Szenen vermischt, vor allem wenn es um die Darstellungen von leidende Männerkörper geht. Er malte beispielsweise den leidenden Christus wie auf dem Bild "Die Geißelung" aus dem Jahr 1913. Hier sind alle Männer nackt dargestellt, was damals als Provokation galt. Das Bild ist erotisch aufgeladen. "Die Geißelung" sieht wie eine schwule BDSM-Szene aus. Oppenheimer dürfte sich mit dem leidenden und angegriffenen Christus identifiziert haben, weil er wegen seiner Homosexualität in Wien gesellschaftlich geächtet und ausgegrenzt wurde.


Max Oppenheimer, Die Geißelung, 1913 © Privatbesitz (Foto: Leopold Museum / Lisa Rastl)

Seine finanzielle Lage wurde immer prekärer

Die letzten Lebensjahre von Oppenheimer waren tragisch. Auch die Geschichte des Selbstporträts, das jetzt versteigert wird, ist bemerkenswert. So ahnte der Künstler, dass in Deutschland die Machtübernahme Hitlers bevorstand. Er zog daher 1932/1933 von Berlin wieder in seine Geburtsstadt Wien. Dort bekam der Künstler zwar noch einige Aufträge, doch seine finanzielle Lage wurde immer prekärer. Denn auch in Österreich nahm der Antisemitismus zu. In der Zeit von 1934 bis 1938 gab es in Österreich eine austrofaschistische Diktatur. Kennzeichen für das austrofaschistische Regime war ein antidemokratischer Kurs, die Ausschaltung des Parlaments, das Verbot sämtlicher Oppositionsparteien, strenge Moralvorschriften und die enge Verbindung zwischen Politik und katholischer Kirche. Oppenheimer war in dieser Zeit gezwungen, seine Homosexualität streng geheim zu halten. Denn in Österreich wurden im Austrofaschismus viele Homosexuelle festgenommen und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Nazis verschärften später die Verfolgung Homosexueller.

Kurz nach dem "Anschluß" Österreichs an Nazi-Deutschland im Jahr 1938 gelang Oppenheimer rechtzeitig die Flucht in die Schweiz. Die Reise mit dem Zug nach Zürich geschah überstürzt. Der Künstler floh alleine und konnte im Koffer nur das Notwendigste mitnehmen. Oppenheimer war als prominenter jüdischer Künstler besonders gefährdet, weil er auf den Fahndungslisten der Nazis stand. 1937 beschlagnahmten die Nazis in mehreren deutschen Städten im Rahmen der Aktion "Entartete Kunst" seine Bilder, die sich in Galerien und Museen befanden. Kurz nach der Flucht wurde die Wohnung von Oppenheimer in der Wiener Neulinggasse geplündert. Sein letztes Selbstporträt, das jetzt versteigert wird, und viele andere Kunstwerke wurden gestohlen. Die Nazis konfiszierten anschließend seine Bilder in österreichischen Museen. Von vielen Kunstwerken existieren heute nur Fotos, weil sie von den Nazis vernichtet wurden oder als verschollen gelten.

Mit Hilfe von Prominenten wie dem Schriftsteller Thomas Mann schaffte es der Künstler von der Schweiz in die USA. Oppenheimer hat Thomas Mann porträtiert. Beide waren einander freundschaftlich verbunden. Thomas Mann war wie Oppenheimer schwul, doch Mann dürfte die Homosexualität vermutlich nie ausgelebt haben. In den USA ging es Oppenheimer nicht gut. Obwohl er sich bemühte, konnte er nicht an seine früheren Erfolge anknüpfen. 1954 starb er verarmt und vereinsamt in einer kleinen Wohnung in New York an einem Herzinfarkt. Seine Leiche wurde erst Tage später entdeckt.

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Die Zerrissenheit des Künstlers

Oppenheimer wird als getriebene und rastlose Persönlichkeit beschrieben. Immer wieder zog er in eine andere Stadt. Hinzu kam seine Flucht vor den Nazis. Auch das Selbstporträt des Künstlers, das jetzt in Wien versteigert wird, bringt seine Zerrissenheit zum Ausdruck. Auf dem Gemälde ist der Maler im blauen Anzug, mit roter Krawatte, Pinsel und Farbpalette, zusammengekniffenem Auge und gespreizten Beinen zu sehen. Gerade die stark gespreizten Beine sind ungewöhnlich. Im Ausstellungskatalog des Dorotheums wird das Selbstporträt als "faszinierende Darstellung zwischen strotzendem Selbstbewusstsein und innerer Zerrissenheit" beschrieben. Der Künstler vermittle auf dem Bild "eine ungemein konzentrierte, ja resolute Präsenz. Allein die in zahllose Splitter zerbrochenen Farbflächen stürzen diesen Eindruck der Sicherheit in ein wankendes, spannungsgeladenes Chaos", heißt es im Ausstellungskatalog.

Das Bild wurde 1938 nach der Flucht von Oppenheimer aus seinem Atelier in Wien gestohlen. Danach tauchte es bei Julius Fargel auf. Fargel war ein Wiener Gemälderestaurator, der schon 1932 der NSDAP beigetreten ist. Er war dann als Schätzmeister für die Gestapo tätig und bei den Kunstsammlungen der Stadt Wien angestellt. Es ist nicht klar, wie er an das Bild von Oppenheimer gekommen ist. Über Fargel gelangte das Selbstporträt in den Besitz der Stadt Wien. Tatsache ist, dass Fargel als Schätzmeister der Gestapo an den Raubzügen der Nazis beteiligt war. Doch er wurde deswegen nie verurteilt. Als wenn nichts gewesen wäre, arbeitete er nach 1945 für die Sammlungen der Stadt Wien (heutiges Wien Museum) weiter. Jahrzehntelang gehörte das Selbstporträt von Oppenheimer der Stadt Wien. Erst in diesem Jahr erfolgte die Restitution an die Rechtsnachfolger*innen des Künstlers, die es nun im Dorotheum versteigern lassen. Bleibt zu hoffen, dass die Personen oder Institutionen, die das Bild erwerben wollen, das Selbstporträt auch künftig für Museen und Ausstellungen zur Verfügung stellen.

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