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New York City

Ein richtiges Leben im falschen: Die Alvin-Ailey-Retrospektive "Edges of Ailey"

Das Whitney Museum of American Art widmet dem an den Folgen von Aids verstorbenen Tänzer und Choreografen Alvin Ailey eine mitreißende Multimedia-Schau, die weit über dessen Werk hinausgeht.


Drei Aufnahmen von Alvin Ailey (Bild 1: Normand Maxon, ca. 1950-1960. Courtesy the Jerome Robbins Dance Division, The New York Public Library for the Performing Arts / Alvin Ailey, 1962; Bild 2: Jack Mitchell © Alvin Ailey Dance Foundation, Inc. / Smithsonian Institution / Alvin Ailey; Bild 3: John Lindquist. © Harvard Theatre Collection, Houghton Library, Harvard University)

Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Alvin Ailey wurde 1931 in Rogers, Texas, geboren – in einer Zeit, die von Rassismus und einer systematischen Diskriminierung der Schwarzen Bevölkerung bestimmt war. An queere Selbstentfaltung war zu damaliger Zeit nicht zu denken. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit gelang es Ailey dennoch, die Gesellschaft mit einer eigenen künstlerischen, wenngleich auch sublimierten Vision als Schwarzer schwuler Mann zu prägen und nachhaltig zu beeinflussen. Das New Yorker Whitney Museum of American Art widmet dem 1989 an den Folgen einer HIV-Infektion verstorbenen amerikanischen Tänzer und Choreografen nun die erste umfassende Ausstellung: eine längst überfällige Würdigung seines Vermächtnisses in dem seit 2015 bezogenen neuen Haus am Hudson River.


Die Alvin-Ailey-Retrospektive "Edges of Ailey" ist noch bis zum 9. Februar 2025 im Whitney Museum of American Art in New York City zu sehen (Bild: Natasha Moustache)

Wie es der Zufall will, befindet sich das Museumsgebäude nur wenige Gehminuten vom Aids-Memorial am St. Vincent's Triangle entfernt. Eine kühne und weithin sichtbare Stahlkonstruktion überspannt dort einen Granitbrunnen, in den die Künstlerin Rebecca Horn eine Passage aus dem Gedicht "Song of Myself" eingravieren ließ – Walt Whitmans lyrische Bejahung des Selbst und der menschlichen Verbundenheit. Das Mahnmal wurde zum Gedenken an die mehr als 100.000 Opfer errichtet, die allein in New York an den Folgen von HIV und Aids gestorben sind. Alvin Ailey zählte zunächst nicht dazu. Er hatte kurz vor seinem Tod den ihn behandelnden Arzt gebeten, eine andere Krankheit als Sterbeursache anzugeben, um seiner Mutter das Stigma zu ersparen, das damals mit Aids verbunden war.

Gestorben am 1. Dezember 1989


Carl Van Vechten, Alvin Ailey, 1955. Kodachrome color slide, 2 × 2 in. (5.1 × 5.1 cm). Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale University. © Van Vechten Trust

Es sei von "trauriger Ironie", dass Ailey ausgerechnet an einem 1. Dezember gestorben ist, wie der HIV-Aktivist Juan Michael Porter II in einem späten Nachruf aus dem Jahr 2022 in einem Beitrag für das PBS-Feature "American Masters" bemerkt – dem Jahrestag, der von der WHO als Welt-Aids-Tag erkoren wurde, nicht nur, um an die Toten zu erinnern, sondern auch, "um Menschen mit HIV oder Aids moralisch zu unterstützen", so der Journalist. "Doch 1989 wurde eine Infektion noch als Todesurteil angesehen, Menschen mit einer Virusdiagnose behandelte man wie Aussätzige." Ailey sei von Anfang an dazu gezwungen worden, seine "wahre Existenz zu verbergen." Für manche war dieses Outing mehr als dreißig Jahre nach dessen Tod eine Überraschung.

Zwar vermied Ailey zeit seines Lebens ein öffentliches Coming-out und lebte seine Sexualität weitgehend im Verborgenen. Dennoch erkannte er bereits zu einem frühen Zeitpunkt seiner Laufbahn, dass neben seiner ethnischen Zugehörigkeit auch sein Schwulsein einen wichtigen Bestandteil seiner Identität darstellte, den er künstlerisch bewusst integrieren wollte.

Die Ecken und Kanten des Tanzgenies

Auf diesen konzeptionellen Ansatz setzt die Schau "Edges of Ailey", wie bereits der Titel erahnen lässt: Sie fokussiert sich auf die Ecken und Kanten des Tanzgenies, auf die bis heute weniger bekannten Grenzbereiche seiner Person, und sie stellt die Frage, was nun genau sein Schaffen prägte. Kuratorin Adrienne Edwards verriet in der Einführung der Schau, dass es sich dabei um eine Vielfalt kreativer Einflüsse handelt, die man so nicht erwartet hätte. Eine entscheidende Rolle spielen entsprechende Verweise in zahlreichen persönlichen Schriften, Skizzen und Notizen, von denen zahlreiche in der Ausstellung zu sehen sind.


Jack Mitchell, Alvin Ailey, Myrna White, James Truitte, Ella Thompson, Minnie Marshall und Don Martin in "Revelations", 1961 (Bild: Alvin Ailey Dance Foundation, Inc. / Smithsonian Institution

So ließ sich Ailey von afroamerikanischen Musikrichtungen wie Gospel, Blues und Jazz anregen, von Malerei und Skulptur – aber auch Literatur war ein bedeutender Teil seiner Inspiration. Dazu gehörten Ikonen wie James Baldwin, Langston Hughes und Lorraine Hansberry, die – wie Ailey selbst – eine Sensibilität für die Verbindung von Schwarzer Kultur und Queerness mitbrachten. Mit Truman Capote zählte aber auch ein weißer Schriftsteller zu seinen queeren Vorbildern. Für diese Generation bedeutete queere Sichtbarkeit jedoch eine besondere Form der Stigmatisierung, und darum war ihre Kunst ein Weg, um gesellschaftliche Widerstände zu überwinden und die eigene Sexualität mehr oder weniger sublimiert in die Kultur einzubringen.

Freie Ausdrucksformen für Schwarze und queere Körper

Auch Aileys Sexualität wurde zu einer – wenn auch nicht offensichtlichen -, so doch mächtigen Triebfeder seines Schaffens. Seine Choreografien handeln häufig von Sehnsucht, Isolation und Befreiung – Themen, die die queere Erfahrung aus dieser Zeit widerspiegeln und gleichzeitig universelle Dimensionen aufzeigen. So wie der Jazz mit Spontaneität und Experimentierfreude verbunden war, suchte Ailey auch in der Tanzkunst nach neuen, freien Ausdrucksformen für Schwarze und queere Körper. Auf einem Videolaufband, das sich an der Wand der riesigen Ausstellungshalle in der fünften Etage des Whitney Museums entlangschlängelt, sind Aileys wichtigste Lebensstationen zu erleben. Vor allem Alvins Choreographien, begleitet von einer pulsierenden und mitreißenden Musik sowie persönlichen Statements, machen den Besuch zu einem immersiven Erlebnis.


Jack Mitchell, Alvin Ailey (vorne) mit Carmen De Lavallade, Bruce Langhorne und Brother John Sellers in "Roots of the Blues", 1961 (Bild: Alvin Ailey Dance Foundation, Inc. / Smithsonian Institution

Aileys künstlerische Laufbahn begann in den 1940er Jahren in Los Angeles, wo er zunächst bei Katherine Dunham seine Tanzausbildung erhielt. Die Choreographin und Pionierin des Black Dance setzte sich bereits damals öffentlich gegen Rassismus zur Wehr. Später wurde er Schüler von Lester Horton. Über seine Lehrzeit bei ihm sagt Jamila Wignot, Regisseurin der Filmdokumentation "Ailey": "Diese Phase war für Alvin in vielerlei Hinsicht prägend, denn Horton war selbst ein queerer Mann, der zu jener Zeit eine der ersten multiethnischen Tanzkompanien des Landes leitete."

Gründung der eigenen Tanzkompanie

Nach Hortons Tod 1953 übernahm der erst 22-jährige Ailey die Leitung des Lester Horton Dance Theater und schuf erste Choreografien wie "Creation of the World" und "According to St. Francis". Schon früh zeichnet sich in seinem Schaffen eine unverwechselbare Mischung aus Modern Dance, klassischem Ballett und Tanztraditionen der Black Communities ab. 1958 hob er in New York das Alvin Ailey American Dance Theater aus der Taufe, eine Kompanie, die sich auf afroamerikanische Themen konzentrierte. Zwei Jahre nach der Gründung schuf er mit "Revelations" sein bekanntestes Werk, das seine Erfahrungen im Süden der USA widerspiegelte. Es wurde zu einem Meilenstein des modernen Tanzes.

Weitere bedeutende Werke folgten, darunter "Cry" (1971), ein kraftvolles Solostück für Judith Jamison als Hommage an Schwarze Frauen. Diese waren in Aileys Leben ohnehin eine wichtige Konstante. Er verehrte die Menschenrechtlerin Maya Angelou, Kolleginnen wie Pearl Primus und Carmen De Llavade, oder Sängerinnen wie Billie Holiday und Bessie Smith, die allesamt in seinen Notizbüchern und Briefen erwähnt werden. "Cry" war seiner Mutter Lula Cooper gewidmet, die ihn allein großzog und deren Liebe und Durchhaltevermögen er in seiner Choreographie beschreibt – laut eigener Bekundung ein "Tribut an die Zähigkeit, die Schönheit und die Macht der schwarzen Weiblichkeit."

Alvins Truppe wurde zu einer der renommiertesten Kompanien des Modern Dance weltweit, hatte aufgrund von rassistischen Vorbehalten in den USA allerdings nach wie vor Schwierigkeiten, auf manchen Bühnen Fuß zu fassen. 1962 finanzierte das US-Außenministerium die erste internationale Tournee der Tanzkompanie, nicht zuletzt als Teil einer diplomatischen Strategie inmitten des Kalten Krieges: Die Vereinigten Staaten sollten in multikulturellen Fragen die Deutungshoheit erlangen. Dem FBI wurden die Performances allerdings zu schwul. Es gab Ailey zu verstehen, dass seine sexuelle Orientierung ein Ausdruck "unzüchtiger und krimineller Neigungen" sei, wie von verschiedenen Quellen berichtet wird, und drohte, seine Kompanie in den Ruin zu treiben, falls er während der Tour "Anzeichen von homo­sexuellem Verhalten" zeigen sollte.

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Beeindruckende Sammlung von Postern


Poster aus dem Jahr 1972

Dennoch bereiste das Ensemble sämtliche Kontinente, und bis heute sind Tourneen ein fester Bestandteil des Alvin Ailey American Dance Theaters. Davon zeugt eine beeindruckende Sammlung von Postern aus aller Welt, die in der Ausstellung zu zwei großen Wandcollagen zusammengefügt sind. Die Plakate lassen sich zudem als ein Beleg dafür anführen, dass Aileys Schaffen längst in die amerikanische Kulturgeschichte integriert ist. Darüber hinaus präsentiert die Schau mehr als achtzig zeitgenössische Kunstwerke, die von Aileys Arbeit inspiriert sind oder sich mit verwandten Themen wie Black Identity und Queerness beschäftigen, darunter Gemälde von Jean-Michel Basquiat oder Emma Amos, die 1985 die Ailey-Primadonna Judith Jameson in der Rolle der Josephine Baker porträtierte.

Ein zentrales Exponat im Whitney Museum ist übrigens ein Abschnitt des Aids Memorial Quilt – einem riesigen Teppich, der aus mittlerweile über 50.000 handgenähten Stoffquadraten besteht, jedes ein persönliches Kunstwerk. Seit Beginn seiner Entstehung im Jahr 1985 lagert er im National Aids Memorial in San Francisco, von wo aus immer wieder Teile an Ausstellungen verliehen werden, um das Bewusstsein für die Epidemie zu schärfen und das Gedenken an die Verstorbenen lebendig zu halten. Im Whitney Museum ist ein Segment zu sehen, das einen Tänzer mit ausgebreiteten Armen zeigt, über dem die bewegenden Worte stehen: "Für Alvin Ailey und all unsere Tänzer – ich vermisse eure Schatten."

So zeigt sich der Schatten von Aileys Vermächtnis nicht nur in dieser großartigen Ausstellung, sondern auch in einem Amerika, das erneut mit Fragen zu Rassismus, Queer­feindlichkeit und Ausgrenzung konfrontiert ist. Dass "Edges of Ailey" in eine Zeit des politischen Rückschritts fällt, verleiht der Schau eine besondere Dringlichkeit.

-w-