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Neu im Albino Verlag

Queerer Roadtrip mit Rio Reiser

Micha Riegels Debütroman "Rauchzeichen für Rio" ist eine liebevolle Hommage an den linken schwulen Sänger Rio Reiser – und zugleich eine rührende queere Ergänzung für das Coming-of-Age-Genre.


Symbolbild: Wandgemälde von Rio Reiser (1950-1996) an einer Berliner Häuserwand (Bild: OTFW, Berlin / wikipedia)

Nur mit spärlichem Gepäck und einer Gitarre begeben sich Samu und Lenni auf eine spontane Reise per Anhalter durch Deutschland. Die beiden Jungs versuchen sich als Straßenmusiker über Wasser zu halten und stoßen auf jede Menge charismatische Persönlichkeiten und Überraschungen. Dabei ist es immer wieder die anarchistische Musik von Rio Reiser, die sie inhaltlich, musikalisch und energetisch begleitet. "Rauchzeichen für Rio" (Amazon-Affiliate-Link ) ist eine liebevolle Hommage an den offen schwulen Linken – und zugleich eine rührende queere Ergänzung für das Coming-of-Age-Genre.

Das Romandebüt von Micha Riegel schildert ein paradigmatisches Narrativ des Heranwachsens homosexueller Jugendliche auf dem Dorf und ihrem Drang nach freiheitlicher Selbstentfaltung. Einmal den Hauch der weiten Welt erschnappt, lässt Samu der überbrodelnde Drang, aus der konservativen Borniertheit des kleinen unterfränkischen Dorfs zu entfliehen, nicht mehr los. "Und da hab ich, glaub ich, zum ersten Mal so wirklich gesehen und verstanden und mit allen Sinnen gespürt, wie verdammt groß die Welt sein muss", realisiert der Protagonist in seinen pubertären Jahren, die er auf engem Raum mit seiner Großmutter Alba, seiner Mutter Mascha und seinem Bruder Lukka verbringt. "Und als ich das erstmal kapiert hatte, wurde mir schlagartig klar: Würzburg war nicht die Mitte der Welt. Überhaupt nicht."

Allein machen sie dich ein


"Rauchzeichen für Rio" ist Ende Oktober 2024 im Albino Verlag erschienen

Etappenartig schildert "Rauchzeichen für Rio" die alltägliche Ambivalenz ländlichen Lebens für den schwulen Jugendlichen. Der Autor schwelgt in sinnlichen Bildern prächtiger Fruchtbäume, sonnendurchfluteter Nachmittage, eines vergessenen Wasserhauses, das alsbald als improvisierter Probenraum für die erste eigene Band fungiert. Er zeichnet nostalgische Bilder der störrischen Zuneigung in der Familie, der ersten politisierten Erfahrungen in Antifa-Gruppen, dem taktlosen Schrammeln auf der eigenen Gitarre, der ersten "Ton Steine Scherben"-Schallplatte als hoffnungsvolles Guckloch in die weite Welt.

Es fasziniert Samu, die Musik eines offen homo­sexuellen Musikers zu hören, da es in seinem nächsten Umfeld keine Menschen wie ihn gibt. Denn obwohl er auf die Unterstützung seiner Familie und Freund*­innen zählen kann, spart der Roman nicht die Queerphobie und den Rassismus aus, den das Dorf kontinuierlich fabriziert. Er wird wiederholt Opfer exakt diesen Hasses vor allem, was nicht in die konservative Erwartungshaltung passt, der schon vor ihm Menschen in die Flucht oder Selbstverletzung getrieben hat. Die Texte von "Ton Steine Scherben" erzählen von einer kommunalen und freiheitlichen Gesellschaft, und fangen diesen Wunsch nach einem Ausbruch aus dem Status quo immer wieder ein.

Wir müssen hier raus!

In Frankfurt trifft Samu auf Lenni, und fühlt sich hingezogen von diesem Mysterium, kann sich zunächst keinen Reim auf die impulsiven Handlungen und seine Verschwiegenheit gegenüber der eigenen Vergangenheit machen. Ihre Faszination für den Musiker Reiser führt sie zusammen auf eine Reise per Anhalter durch Deutschland: Sie wollen ans Meer, und nach Fresenhagen, der nordfriesischen Gemeinde, in der sich die Band abgesetzt und als Kommune gelebt hatte.

Die beiden Jungs eint das rührende Verlangen, geliebt zu werden, da sie in ihrer Biografie schon viel Ablehnung erfuhren. Auf ihrem Abenteuer kreuzen sich die Wege mit einigen charismatischen Nebenfiguren, die amüsant-überzeichnet sind. Dabei ahmt Riegel die regionalen Dialekte nach, und lässt seine Charaktere zunächst Unterfränkisch sprechen, und sich später aber auch etwa in Berlinerisch und Hamburger Plattdeutsch äußern. "Rauchzeichen für Rio" konzentriert sich aber immer wieder auf seine eigensinnigen Hauptfiguren und ihre gemeinsame Albernheit, ihre Grobheit, ihre Zärtlichkeit. Jede dieser Begegnungen führt sie näher zu sich selbst, zueinander.

Schritt für Schritt ins Paradies

Der Roman findet seine Stimme immer wieder in dem kindlichen Moment der Erinnerung, dass das eigene Heimatdorf nur ein scheinbarer Lebenshorizont war, die Welt aber noch entdeckungsfreudig vor dir liegt. "Die Brandung rauschte uns entgegen, hinter der Brandung begann die hohe See, und am anderen Ende des endlosen Wassers lag New York. Oder Dänemark, so stand's auf unsrer Landkarte, aber was wusste die schon von der Welt." Dabei gibt Riegel keine eindeutige Antwort auf die Entscheidung zwischen fantasievoller Freiheit – wieso nicht direkt weiter an die griechische Küste reisen? – und einem angepassten Verantwortungsgefühl: Die beiden Protagonisten leben von dem Immer-weiter-Träumen, es feuert sie gemeinsam an.

"Rauchzeichen für Rio" lebt von dem Herzblut des Autors, mit dem er seine Jugendlichen authentisch zu beschreiben und gemeinsame Luft atmen zu lassen weiß. Sicherlich hat der in Würzburg geborene Riegel viele autobiografische Elemente eingearbeitet, auch er reiste in seinem Leben viel umher und verdiente sein Geld unter anderem als Straßenmusiker. Sein Debüt ist dabei nicht nur eine sehr schöne, schwule Stimme für das Coming-of-Age-Genre, sondern bietet auch eine optimistische Geschichte des Fernwehs für all diejenigen, die sich an den eigenen jugendlichen Fluchtinstinkt aus dem Dorf zurückerinnern.

Infos zum Buch

Micha Riegel: Rauchzeichen für Rio. Roman. 304 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2024. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-86300-379-1). E-Book: 17,99 €

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