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Kiel
Wut und Entsetzen: Pride-Banner durch Deutschlandfahne ersetzt
An der Muthesius Kunsthochschule haben Unbekannte die große Regenbogenfahne gegen eine Deutschlandflagge ausgetauscht. Die Polizei ermittelt. Aus Solidarität hissten Stadt und Fachhochschule das LGBTI-Symbol.

Die Progress Pride Flag hing seit Februar 2023 am Kesselhaus der Muthesius Kunsthochschule Kiel (Bild: Julia Marre / Muthesius Kunsthochschule)
- 19. November 2024, 07:03h 4 Min.
Am Wochenende haben Unbekannte die am Kesselhaus der Muthesius Kunsthochschule in Kiel befestigte Regenbogenflagge entfernt. An dessen Stelle wurde eine Deutschlandfahne aufgehängt. Die Tat wurde nach Angaben der Hochschule umgehend der Polizei gemeldet. Beamt*innen sicherten beide Banner und untersuchen diese derzeit auf Spuren.
Als Reaktion auf den Vorfall mit Symbolcharakter riefen der AStA sowie Studierende für Sonntagnachmittag zu einer Protest-Kundgebung auf. Im Innenhof der Kunsthochschule kamen rund 500 Personen zusammen. Ein Pride-Banner wurde dabei als Lichtprojektion am Altbau gezeigt.
"EIn Angriff auf die Welt, von der wir träumen"
"Die Flagge an der Muthesius [ist] das größte und sichtbarste Zeichen von queerem Leben in der Stadt, und ein Anschlag darauf soll allen queeren Menschen in Kiel Angst einjagen", heißt es in einem Statement der Studierenden. Der Angriff reiche über die Mauern der Kunsthochschule weit hinaus und sei Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse. "Es ist ein Angriff auf die Welt, von der wir träumen: eine Welt, in der viele Welten Platz haben."
Aus der Gewissheit, nicht allein zu sein, hätten die Studierenden und Angehörigen der Muthesius Kunsthochschule jedoch Kraft und Tatendrang geschöpft: "Seitdem das Fehlen der Fahne am Samstagmorgen entdeckt wurde, ist viel passiert: In kürzester Zeit sind wir als Studierende, Alumni, Hochschulangehörige und Freund*innen zusammengekommen. Wir wollen uns nicht einschüchtern lassen, sondern umso lauter antworten."
Präsident Zerbst: "Muthesius steht für Vielfalt, Offenheit und Freiheit"
Auch Präsident Arne Zerbst zeigte sich "traurig, wütend und entsetzt". Die Muthesius Kunsthochschule sei "von feigen anonymen Tätern angegriffen" worden. "Unsere Muthesius steht für Vielfalt, Offenheit und Freiheit; wir stehen gegen Hass und Gewalt", sagte Zerbst. "Dieser Angriff auf unser Progress-Pride-Banner ist ein unerträglicher Angriff auf queeres Leben und ein Angriff auf uns alle als Hochschulgemeinschaft. Wir sind eine starke Gemeinschaft und werden unsere Werte verteidigen: Das Progress-Pride-Banner steht für unsere Grundhaltung der Toleranz, Gleichberechtigung und Solidarität — und es wird weiterhin und weithin sichtbar am Kesselhaus der Muthesius Kunsthochschule hängen. Wir lassen uns nicht einschüchtern: Keine Toleranz gegenüber der Intoleranz!"
Senats-Vorsitzender Egger: "Zutiefst kränkend und verstörend"
Prof. Oswald Egger, Vorsitzender des Senats der Muthesius Kunsthochschule, wertete "die Schrecken des Wochenendes als zutiefst kränkend und verstörend, fundamental angriffig und mehr als Grenzen verletzend". Weiter meinte er: "Unser Widerstand und Widerspruch sollte meines Erachtens zusätzlich markieren, dass wir unsere Empörung nicht in der (vermutlichen) Sollbruchstelle verschanzen, sondern geschlossen allem entgegenstehen, was sozusagen mitgemeint ist: die Subordination souveräner Bildung, Intellektualität, die freien Künste und die weltoffene Kultur der Kultur."
Pride-Banner hängt seit Februar 2023 am Kesselhaus
Die Progress Pride Flag hing seit Februar 2023 am Kesselhaus der Muthesius Kunsthochschule an der Legienstraße in Kiel. Eine Sprecherin der Hochschule sagte am Montagmittag, dass bereits eine neue Fahne bestellt worden sei. Die Kommission für Gleichstellung und Diversität und das Präsidium wollen gemeinsam Maßnahmen erarbeiten, wie sie künftig – etwa mit einem Schloss – besser vor Vandalismus geschützt werden kann.
Stadt und Fachhochschule solidarisch
Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) hisste am Montag aus Solidarität am Rathaus die Regenbogenfahne. Der Fahnenklau erinnere ihn an Vorfälle in Neubrandenburg. "Kiel ist und bleibt eine weltoffene Stadt, die alle willkommen heißt, unabhängig davon, wie sie leben oder wen sie lieben", erklärte Kämpfer.
Auch die Fachhochschule (FH) Kiel reagierte auf den Vorfall an der Muthesius Kunsthochschule. Mitglieder des Präsidiums, des Queer-Referats des AStA, der Gleichstellungsstelle, die Diversitätsbeauftragung und weitere Hochschulmitglieder hissten am Montag zwei Regenbogenfahnen und eine Transflagge.

Zeichen der Solidarität, für Vielfalt und gegen Queerfeindlichkeit: Mehrfachbeflaggung an der Fachhochschule Kiel (Bild: M. Fischer)
"Dass an der Muthesius Kunsthochschule die Progress-Pride-Fahne gestohlen und stattdessen eine Deutschland-Fahne gehisst wurde, zeugt bei den Verantwortlichen von einer reaktionären Gesinnung und erzeugt bei uns Abscheu", erklärte Prof. Dr. Björn Christensen, Präsident der Fachhochschule Kiel. "Unsere Gesellschaft lebt von Vielfalt. Sie ist die Basis unserer demokratischen Grundordnung. Deswegen weht an der Fachhochschule Kiel schon seit Jahren dauerhaft die Regenbogenfahne, um weithin sichtbar zu signalisieren: Wir sind ein weltoffener Standort. Hier wird in Vielfalt gelebt, gelehrt und geforscht."
Aus Anlass des Transgender Days of Remembrance (Tag der Erinnerung an die Opfer von Transfeindlichkeit) findet am Mittwoch, den 20. November 2024 um 17 Uhr in Kiel eine Kundgebung in der Holtenauer Straße, Höhe Dreiecksplatz-Park statt. (cw/pm)















