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Repräsentative Umfrage

Studie aus der Schweiz: So sehr hapert es mit der Akzeptanz queerer Menschen

Eine Befragung zu queerfeindlichen Einstellungen zeigt größere Vorbehalte im Bereich Geschlechtsidentität als bei sexueller Orientierung. Aber auch küssende Männer auf der Straße oder zwei Mamis mit Kind stoßen in Teilen der Bevölkerung weiter auf Ablehnung.


Menschen bei einem früheren CSD in Bern (Bild: Bern Pride)
  • 21. November 2024, 11:23h 5 Min.

"Trans und non-binäre Personen folgen einem Trend und wollen viel Aufmerksamkeit" – dieser Aussage stimmen 48 Prozent der Schweizer*innen zu, unter Männern gar 57 Prozent. Dies ist ein trauriges Ergebnis einer Studie von gfs.Bern über "Hintergründe und Prävalenz von Queerfeindlichkeit in der Schweiz" mit teils differenzierten und ambivalenten Ergebnissen. Im Auftrag von Amnesty International und mehrerer queerer Organisationen hatte das Institut Anfang Oktober online eine repräsentative Bevölkerungsumfrage mit rund 1.000 Beteiligten ab 16 Jahren durchgeführt.

Die Bevölkerung zeigt sich den Ergebnissen nach gegenüber LGBTQIA+-Themen grundsätzlich offen, allerdings mit deutlichen Nuancen. Während sexuelle Orientierung wie bei schwulen, lesbischen und bisexuellen Personen breitere Akzeptanz findet, stoßen Themen rund um Geschlechtsidentität auf geringeres Verständnis und stärkere Vorurteile. Auch zeigt sich ein Unterschied zwischen theoretischer Zustimmung zu individuellen Freiheiten und der effektiven Akzeptanz im Alltag. So betrachten viele das Ausleben der eigenen Sexualität als Grundrecht, empfinden aber Unbehagen bei der öffentlichen Zuneigung gleichgeschlechtlicher Paare.

"Ich bin offen, über die Erfahrungen und Herausforderungen von LGBTIQ+Personen zu lernen" – hier antworten 57 Prozent mit sehr häufig bis manchmal (und auch ganze 21 Prozent mit "nie"). Zugleich sind aber 60 Prozent mit der Meinung einverstanden, dass diese Personen "im Verhältnis zum Rest der Bevölkerung zu viel Beachtung erhalten". Die Offenheit gegenüber queeren Personen schwankt stark nach Parteiabhängigkeit und kleiner unter anderem nach dem Geschlecht und Alter der befragten Person. Auch queere Personen im persönlichen Bekanntenkreis machen einen größeren Unterschied. Ähnliche Unterschiede finden sich bei den Antworten immer wieder.

Unterstützung für Menschenrechte ja, aber Mängel im Alltag

Die Studie, vorgestellt in einem 44-seitigem PDF-Bericht, zeigt, dass eine Mehrheit von 60 bzw. 53 Prozent die rechtliche Gleichstellung schwuler oder lesbischer Menschen befürwortet. Bei trans und nicht-binären Personen sind das hingegen nur 37 und 35 Prozent. Zugleich gaben über 50 Prozent der Schweizer*innen an, sehr häufig bis häufig die Geschlechtsidentität von Menschen anzuerkennen und gewünschte Pronomen zu verwenden ("nie" 13 Prozent, "selten" 10, "manchmal" 12). Auch sind 50 Prozent in der aktuellen politischen Debatte dafür, einen dritten Geschlechtseintrag einzuführen oder diesen ganz abzuschaffen. 77 Prozent halten es für ein Menschenrecht, "über die eigene Geschlechtsidentität zu entscheiden und diese zum Ausdruck zu bringen".

Auch bei abgefragten Vorurteilen und Stereotypen gibt es Unterschiede: "Nur" noch 10 Prozent glauben etwa, die sexuelle Orientierung sei durch Willenskraft änderbar, oder 18 Prozent, dass schwule Männer keine guten Eltern sein könnten. Bereits 28 Prozent halten zugleich intersexuelle Personen für "sonderbar und schwierig zu verstehen". 35 Prozent meinten, Menschen sollten ihre "sexuelle Orientierung nur zu Hause und nicht in der Öffentlichkeit zeigen". In einer anderen Frage waren 92 Prozent sehr oder eher damit einverstanden, dass es ein Menschenrecht sei, die eigene sexuelle Orientierung leben zu dürfen.


Eine Grafik aus der Studie

29 Prozent empfinden es als sehr bis eher "unerfreulich", zwei küssende Männer auf der Straße zu sehen. Für 24 oder 22 Prozent ist es "unerfreulich", ein trans Familienmitglied zu haben oder zwei gute Freundinnen, die ein gemeinsames Kind erwarten. Ein intergeschlechtliches Regierungsmitglied wird von 20 Prozent als "unerfreundlich" eingestuft, eine intergeschlechtliche vorgesetzte Person hingegen von zehn Prozent. Die teils unterschiedlichen Ergebnisse zeigen Politik und queeren Organisationen so Handlungsmöglichkeiten auf. Dass ein eigenes oder ein nahestehendes Kind in der Schule über Geschlechtervielfalt lernt, wird einerseits von 19 Prozent als "unerfreundlich" eingestuft. 12 Prozent antworteten mit "teils/teils", während eine große Mehrheit von 65 Prozent entsprechenden Unterricht, wie er seit Jahren von rechten Bewegungen attackiert bis verboten wird, für erfreulich hält. Und bei allen "unerfreundlich"-Fragen sinkt der Anteil deutlich, wenn queere Personen im näheren Bekanntenkreis sind.

Jede zweite queere Person wurde in einem Jahr verbal angegriffen


Das Deckblatt der als PDF verfügbaren Studie

Zugleich führte das Institut eine Community-Befragung ebenfalls unter rund 1.000 Personen ab 15 Jahren durch, die es als nicht repräsentativ bewertet. Die Zusammensetzung (etwa Cis-Anteil 69 Prozent, lesbisch, schwul, bi, pan, asexuell 21, 29, 25, 8 und 4 Prozent) entspreche halbwegs der im letzten Jahr von der EU-Grundrechteagentur durchgeführten Umfrage unter queeren Menschen, von der auch viele Fragen übernommen wurden.

Fast alle Befragten geben an, dass sie mindestens ab und zu bestimmte Plätze oder Orte meiden würden, aus Angst, angegriffen, bedroht oder belästigt zu werden. Laut der Studie gebe es dabei zwischen den verschiedenen Gruppen in der Community keine größeren Unterschiede. Am häufigsten vermieden wird das Zeigen der eigenen Identität oder Orientierung im öffentlichen Raum und öffentlichen Verkehr.

Jede vierte LGBTIQ+-Person hat in den letzten fünf Jahren mindestens einmal körperliche oder sexuelle Übergriffe erlebt, die sich auf ihre Identität oder Orientierung bezogen. In den letzten zwölf Monaten berichteten 18 Prozent von Gewaltandrohungen, mindestens einmal verbal angegriffen wurden 50 Prozent, durch Gesten beleidigt, bedroht oder "angestarrt" 60 Prozent.

Etwas über 20 Prozent der Befragten wurden in den letzten 12 Monaten in einem Café, Restaurant, einer Bar oder einem Club diskriminiert. An zweiter Stelle folgt das Gesundheitswesen (20 Prozent) – "was besonders problematisch ist, weil dort eine Offenheit in Bezug auf die persönlichen Lebensumstände zuweilen zentral sein kann und Vertrauen essenziell ist", so die Studie. Am eigenen Arbeitsplatz, in einem Geschäft, einer Behörde oder in Bildungsinstitutionen wurden zwischen 12 und 18 Prozent diskriminiert.

Unterschiede zeigen sich in der Community in der Wahrnehmung, ob die Akzeptanz queerer Menschen zu- oder abnimmt. 43 Prozent sehen eine Zunahme von Vorurteilen und Intoleranz, 32 Prozent einen Rückgang. Der Anteil, der eine deutliche Zunahme sieht (14 Prozent), ist höher als der für starken Rückgang (sechs Prozent). Hier scheint sich die die Stimmungsmache in Bezug auf Geschlechts­identität widerzuspiegeln.

Als Gründe für einen Rückgang von Vorurteilen, Intoleranz und Gewalt werden primär die Sichtbarkeit und Teilnahme von LGBTIQ+-Personen im täglichen Leben und positive Änderungen in Recht und Gesetz gesehen; die Unterstützung von Politik und Zivilgesellschaft wird dabei deutlich weniger wahrgenommen. Die Gruppe, die eher einen Rückgang der Akzeptanz sieht, führt diesen vor allem auf negative Einstellungen und Äußerungen aus der Politik zurück. (cw)

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