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New York

Eine Perle der queeren Trashkultur: "Der Tod steht ihr gut" als Musical

Mit einer stimmigen Besetzung, flotter Musik und einer sehr queeren Überarbeitung des Scripts feiert der Kultfilm "Death Becomes Her" am Broadway seine Premiere als Musiktheater. Unser Autor hat die Preview-Uraufführung besucht.


Überzeugende Spezialeffekte: Madeline Ashton (Megan Hilty) und Helen Sharp (Jennifer Simard) als Zombie-Zicken (Bild: Matthew Murphy & Evan Zimmerman, 2024)

Altwerden, körperlicher Verfall und die Konfrontation mit dem Tod: Das klingt erst mal nach schwerer Kost. Aber keine Sorge, um all das geht es in dieser Show nur vordergründig. "Death Becomes Her" ist vor allem eine Satire, die den nur allzumenschlichen Kampf gegen Falten, Fett und Vergänglichkeit mit derben Witzen aufs Korn nimmt und bei der man sich vor Lachen getrost krümmen und auf die Schenkel klopfen darf. Der Plot wird derart auf die Spitze getrieben, dass nicht zuletzt der Humor derjenigen auf die Probe gestellt wird, die selbst hin und wieder den Versuchungen der plastischen Chirurgie erliegen – in einer Stadt wie New York keineswegs ein seltenes Phänomen. Am Abend der Broadway-Uraufführung scheint es jedenfalls so, als würde ein Teil des überwiegend queeren Publikums durchaus über sich selbst lachen: eine Tugend, die nicht unbedingt allgemein verbreitet ist.

Doch fangen wir von vorne an. Der Stoff wurde bereits 1992 mit Meryl Streep, Goldie Hawn, Isabella Rossellini und Bruce Willis verfilmt, also in hochkarätiger Besetzung – auf Deutsch unter dem Titel "Der Tod steht ihr gut". Seit Jahrzehnten gilt der Film als Perle der Trashkultur. Kein Wunder, dass er sich in der queeren Community großer Beliebtheit erfreut.


Das Plakat zum Musical (l.) und das Plakat zum Film

Madeline spannt Helen den Verlobten aus

Wir erinnern uns: Der selbstverliebten und skrupellosen Schauspielerin Madeline Ashton scheint das Glück hold zu sein. Sie erlangt schlichtweg alles, was sie sich in den Kopf setzt. Sie ist berühmt, gilt als Sexsymbol und angelt sich den Mann ihrer Wahl. Bei letzterem handelt es sich um den plastischen Chirurgen Ernest Menville, der für seine Unterstützung humanitärer Projekte hohes Ansehen genießt und den sie ihrer besten Freundin Helen Sharp einfach so vor der Nase wegschnappt – ausgerechnet kurz vor der geplanten Hochzeit. Dann gibt es einen Cut.

Jahre später ist Menville nur noch ein Schatten seiner selbst. Inzwischen arbeitet er im Bestattungswesen, spezialisiert auf die Verschönerung von Leichen, wobei er allmählich der Trunksucht verfällt. Derweil schwört Helen Rache. Nach einem langjährigen Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt entdeckt sie ein magisches Elixier von einer geheimnisvollen Zauberin, das nicht nur ewige Jugend verspricht, sondern auch Unsterblichkeit. Doch auch Madeline gelangt an die Tinktur. Und so kommt es, wie es kommen muss, nämlich zum Duell der Rivalinnen, das über ihren Tod hinaus immer groteskere Züge annimmt.


Michelle Williams als Zauberin Viola Van Horn preist ihr Elixier der Unsterblichkeit an (Bild: Matthew Murphy & Evan Zimmerman, 2024)

Großzügiger Einsatz von Kunstblut, Glibber und Silikon

Vor allem die surrealen Splatterszenen im Kampf der beiden Zombie-Zicken sind ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: Madelines um 180 Grad verdrehter Hals etwa, oder der durchlöcherte Rumpf von Helen, der den Blick durch ihren Körper hindurch freigibt. Erstmals wurden dafür klassische Filmtechniken mit computergenerierten Spezialeffekten auf eine Art und Weise kombiniert, wie sie das Publikum bis dahin noch nicht gesehen hat. Dafür gab es 1993 sogar einen Oscar.

Doch kann eine Adaption für die Musicalbühne mit den digitalen Tricks der Leinwand wirklich mithalten? An diesem Abend stellt sich heraus, dass das überhaupt nicht nötig ist. Die Aufführung am altehrwürdigen Lunt-Fontanne Theatre bringt das Publikum ganz analog zum Staunen, indem es alle Möglichkeiten ausschöpft, die der traditionelle Bühnenzauber so aufbieten kann: blitzartige Kostümwechsel etwa, ein großzügiger Einsatz von Kunstblut, Glibber und Silikon, oder auch akrobatische Einlagen, die ein gemeinschaftliches Raunen im Parkett und in den Rängen auslösen.

Eine neue queere Nebenrolle


In der Rolle von Madelines schwulem Butler: Josh Lamon (Bild: Polk & Co.)

Das Produktionsteam war sich offenbar der Tatsache bewusst, dass den eingefleischten Fans jede einzelne Szene aus dem Film im Gedächtnis haftet, und darum wurde das Original weder wesentlich verändert noch kopiert – stattdessen wird gezielt mit den Erwartungen im Saal gespielt. Zudem war man sich wohl bewusst, an welches Zielpublikum sich das Stück in erster Linie wendet, und so fügte man der Handlung eine queere Nebenrolle hinzu. Madeline hat nun einen Butler, der darum fürchtet, heterosexuell zu werden – nachdem er bemerkt, dass seine Fähigkeiten im Arrangement der Blumen nachlassen. Der schwule Schauspieler Josh Lamon verkörpert die Figur mit Exzentrik und Hingabe.

Die Besetzung ist ohnehin durch die Reihe stimmig. Christopher Sieber schlüpft in die Rolle des Ernest Menville; Megan Hilty mimt die Diva Madeline Ashton, und Jennifer Simard gibt ihre Rivalin Helen Sharp. Alle drei sind längst Broadway-Stars, doch am bekanntesten dürfte die Rolle der Zauberin Viola Van Horn besetzt sein, und zwar mit der Sängerin Michelle Williams von Destiny's Child. Die Musik von Julia Mattison and Noel Carey ist durchaus mitreißend und nachvollziehbar in die Dramaturgie integriert, wie auch die Choreografien von Christopher Gattelli, der gleichzeitig als Regisseur fungiert und bereits 2012 einen Tony Award für sein Musical "Newsies" einheimste.

Die Gays in Madelines Leben

Doch vor allem das mit köstlichen Wortspielen angereicherte Script von Marco Pennette weiß zu überzeugen. "All I do is for the Gaze", trällert die divenhafte Madeline in einer hitverdächtigen Nummer kurz nach dem flamboyanten Auftakt, umringt von einer flott tänzelnden Schar aus Fashion-Beratern, Friseuren und Visagisten in hautengen Kostümen.

Direktlink | Der Song "For the Gaze" im Musical "Death Becomes Her"
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In diesem Zusammenhang offenbart sich unmittelbar, dass mit "Gaze" – dem Blick von außen – gleichwohl die Gays gemeint sind, von denen Madelines Äußeres abhängt und die notgedrungen einen wichtigen Teil ihres Lebens ausmachen. Im Verlauf der Handlung wird gerne auch mal die Grenze zur Zote überschritten – das wird spätestens dann deutlich, wenn die untote Helen doppeldeutig über den Ärger mit "meinem Loch da unten" klagt, nachdem ihr Madeline mit einer Flinte den Bauch durchschossen hat.

Pennette hat bereits am Drehbuch von TV-Serien wie "Desperate Housewives" oder "Golden Palace" – dem Nachfolger der "Golden Girls" – mitgeschrieben. Jeder seiner Gags wird vom Publikum hysterisch abgefeiert. Die Show: eine einzige Party. Es wäre ein Wunder, wenn sich das Stück nicht zu einem Dauerbrenner mit unbegrenzter Laufzeit mausern würde. Die Gelegenheit, bei einem Besuch in New York mitzufeiern, sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.

-w-