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New York
Verzaubert: Dietmar Busse und seine Kunst
Die Brooklyner Galerie Amant präsentiert Polaroidbilder des aus Niedersachsen zugewanderten Fotografen und Künstlers Dietmar Busse. Dieser lässt in seiner Schau "Fairytales 1991-1999" das New York der 1990er Jahre wiederaufleben – mit zahlreichen queeren Motiven.

Fotoarbeiten von Dietmar Busse: Selbstporträt aus der Werkserie "My life as a flower" (Krishna, Polaroid, 2001) und Lady walking her dogs in Central Park), 1995
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24. November 2024, 10:05h 6 Min.
Ein ambitionierter Kunst-Campus inmitten eines Gewerbegebiets in Brooklyn: Jenseits von Manhattan hat sich die Nonprofit-Galerie Amant in den letzten Jahren zu einem Hotspot entwickelt, der sich über ein weitläufiges Gelände mit vier neu errichteten Gebäuden erstreckt. Die Architektur ist ambitioniert, die ausgestellten Werke sind erstrangig: In einem der Innenhöfe ragt eine von Isa Genzkens überdimensionalen Rosen in den Himmel, in einem anderen erhebt sich über dem Landschaftsgarten Thomas Schüttes berühmte Skulptur einer Meerjungfrau. Und wie es scheint, hat sich das kuratorische Team auf deutsche Namen kapriziert.
Derzeit ist dort auch dem Fotografen und Künstler Dietmar Busse eine große Schau gewidmet, die noch bis Mitte Februar zu sehen ist. Sie trägt den Titel "Fairytales 1991-1999", eine reine Fotoausstellung – und manches der Motive mutet tatsächlich auf den ersten Blick märchenhaft an, wie etwa die 1995 entstandene Aufnahme der in einen silbrig schimmernden Satin-Umhang gehüllten Lady mit blumengeschmücktem Hut, die nachts im Central Park ihre zwei Windhunde ausführt.

Dietmar Busses Aufnahmen der Ausstellung "Fairytales 1991-1999" in der Galerie Amant: Boys with Attitude on Sofa (1996) / Lucia at Home (1996)
Zahlreiche queere Motive finden sich auf dem Ausstellungsparcours, darunter vor allem Polaroids, die spontan auf Erkundungstouren zu Fuß oder mit dem Rad aufgenommen wurden: Drag Queens jeglicher Couleur, Fetisch-Fans, gleichgeschlechtliche Paare, trans Menschen. Beim Rundgang durch die Schau zeigen sich einige Jüngere darüber verwundert, dass all das schon in den 1990er Jahren im Stadtbild so selbstverständlich gewesen soll, wie es auf den Fotos dargestellt ist – obendrein mit einer so beiläufigen und unaufgeregten Attitüde. Das Staunen, das all jene überwältigt, die Manhattan damals als so weltoffen, kreativ und cool erleben wie keinen anderen Ort auf der Welt: beim Betrachten der Bilder springt es auf das Publikum über wie ein magischer Funke.
Das Lebensgefühl einer Ära
Busse gelingt es auf seinen Fotografien, das Lebensgefühl einer Ära einzufangen. Die Entdeckung seiner Werkserie aus den 1990er Jahren durch die Galerie ist ein Glücksfall – zugleich weckt die Schau das Interesse an seinem künstlerischen Werdegang. Busse, der auf einem Bauernhof in Niedersachsen aufwuchs, kam nach Zwischenaufenthalten in Berlin und Madrid 1991 im Alter von 25 nach New York. Ihn hat die Stadt seither nicht mehr losgelassen. Zunächst war nur ein Aufenthalt für drei Monate geplant. "Aber ich wusste damals schon, dass ich bleiben werde", berichtet Busse bei einem Gespräch in seiner kleinen, hellen Wohnung im Dachgeschoss einer fünfstöckigen Altbauzeile in Chinatown. Bücher stapeln sich in den Regalen, an den Wänden hängen Notizen und Fotos – nicht nur seine eigenen, sondern auch eines von Peter Hujar, dem Chronisten der New Yorker Bohème. "Ich habe damals gleich einen Job bei Industria Superstudio bekommen", erinnert sich Busse. "Da war ich zwar erst mal das unterste Glied in der Kette, aber ich war eben genau da, wo auch Steven Klein, Richard Avedon und Ellen von Unwerth waren."

Zu Besuch bei Dietmar Busse in Chinatown (Bild: Bert Hoffmann)
Nach ersten Versuchen mit Polaroids baute sich Busse ein Portfolio auf und bekam erste Jobs als Fotograf. "Ich habe Aufträge für Mode-Shootings bekommen, für Plattenlabels gearbeitet und sehr viele Portraits für Magazine gemacht; Mitte der 1990er Jahre konnte man meine Fotos jederzeit am Kiosk finden: Im New York Times Magazine, in Interview, im Paper Magazine – oder auch dem Out Magazine." Für letzteres hat er den schwulen Architekten Philip Johnson porträtiert. Fotos von dem Shooting sind in der Ausstellung zu sehen – wie auch ein paar sehr eigenwillige Aufnahmen von Pedro Almodóvar, händchenhaltend mit seiner damaligen Muse Rossy di Palma; von Quentin Crisp bei sich zuhause auf dem Bett sitzend, oder von dem Künstler Steve McQueen im pinkfarbenen Outfit.
An ein eigenes Archiv nie gedacht
Dass von Dietmar Busse überhaupt noch Aufnahmen aus der Zeit übrig sind, grenzt an ein Wunder, fiel doch bis vor wenigen Jahren fast seine ganze Arbeit einem Brand zum Opfer. Oder, um es genauer zu sagen: dem Löschwasser. "Ich bin in New York unzählige Male umgezogen, mal so von Sofa zu Sofa, dann auch mal eine eigene Wohnung gehabt oder einen Boyfriend", so Busse. Bis dahin hatte er sich um seine Sammlung nicht gekümmert, an ein eigenes Archiv nicht gedacht. Es geschah an Weihnachten 2016, als er gerade in Deutschland zu Besuch war. Als er kurz darauf in Manhattan ankam, war die Wohnung über seinem Apartment ausgebrannt – und fast seine komplette Fotoarbeiten von Wasser durchtränkt. "Ich hatte im Eingangsbereich noch eine Kiste mit Polaroids stehen, die unbeschädigt blieb – und ein paar Negative. Das ist im Prinzip das Material, das in der Ausstellung zu sehen ist."

Busse fängt die Atmosphäre des New Yorks der Neunzigerjahre ein: Michael Delfino at home (1996) / Filmmaker Steve McQueen (1996)
Die Fotoserie spannt den Bogen bis kurz vor Ende der 1990er Jahre als für ihn ohnehin erst mal Schluss war mit den Shootings. "Ich hatte dann auch keinen Bock mehr, kommerzieller Fotograf zu sein. Es gab so viele Einschränkungen und Vorgaben. Und ich war in der Zeit noch dabei, meine Stimme als Fotograf zu finden."
"Ich lebe als Blume in Brooklyn"
Doch von diesem Zeitpunkt an nahm die Arbeit von Dietmar Busse als Künstler erst richtig Fahrt auf. "Ich fing an, die Fotografie als Medium zu nutzen, um meine Kreativität auszudrücken. Alles, was mich gestört hat, hab ich abgelegt, und alles, was mir gefallen hat, hab ich destilliert und gesagt, okay, das mach ich jetzt: Ich mag Fotografie, ich mag auch Menschen fotografieren, ich bin an Style interessiert, an Transformation und Ritualen, aber ich möchte das privat in einem sicheren Raum für mich erkunden: Wer bin ich überhaupt?"
Und dann kam es zu einer wundersamen Verwandlung: "Ich zog vorübergehend nach Brooklyn, war mein eigenes Model, habe mein eigenes Make-Up gemacht und mein eigenes Styling, hab mich mit Blüten beklebt und mich selber fotografiert. Ich hab dann gesagt: Ich lebe als Blume in Brooklyn." So entstanden Aufnahmen mit Blütenblättern auf nackter Haut und im Gesicht, die wie eine friedliche Umwandlung einer einst kriegerischen Körperbemalung anmuten. Es entstand die Werkserie "My Life as a Flower".
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Zeichnungen auf Fotopapier
Die Metamorphose des Künstlers setzte sich fort: ein Weg zur Selbstfindung über den Umweg der Kunst. "Als die Fotografie nach dem Jahr 2000 ins Digitale ging, hab ich mich für einen anderen Weg entschieden", sagt Busse. "Ich fing an, auf Fotos zu zeichnen und zu malen, ich hab mit Chemikalien aus dem Labor experimentiert und sie auf dem Fotopapier eingesetzt – Wege, die ich nicht kannte und die im Prinzip nicht gängig sind."
In den letzten Jahren zeichnete er nur noch auf Fotopapier, ganz ohne fotografischen Ursprung. Dafür kehrt Dietmar Busse zu seinen biografischen Ursprüngen zurück. In der Werkserie "All I can remember is that I was a Butterfly" tauchen dabei nicht nur seine Eltern auf, sondern auch der Bauernhof und andere Orte aus seiner Kindheit und Jugend, die ihn selbst nach mehr als dreißig Jahren in New York noch heimsuchen. Busse nutzt seine Kunst, um den Schrecken und die Schönheit in der Erinnerung an seine Kindheit aufzuarbeiten – wobei er einen Ansatz findet, der ästhetisch-formal neue Pfade beschreitet, aber auch überzeugend an die Gegenwartskunst anzuknüpfen weiß.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung in der New Yorker Galerie Amant
» Homepage von Dietmar Busse
» Dietmar Busse auf Instagram
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de














