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Ausstellung
Gelebte und verpasste Versionen von uns selbst: Nan Goldin in Berlin
Die Nationalgalerie am Berliner Kulturforum zeigt mit der Schau "This Will Not End Well" die bislang umfassendste Retrospektive der Fotografin und queeren Pionierin Nan Goldin.

Nan Goldin, Picnic on the Esplanade, Boston (Picknick auf der Esplanade, Boston), 1973, Photographie, aus der Serie "The Other Side" © Nan Goldin. Courtesy the artist
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26. November 2024, 12:36h 5 Min.
Kann das noch ein gutes Ende finden? Nan Goldin lässt auf sich warten. Lange ist nicht mal klar, ob sie überhaupt zum Presserundgang erscheinen wird. Nachdem sie sich bereits vor Eröffnung der Schau "This Will Not End Well" in der Neuen Nationalgalerie Berlin zum Nahostkonflikt positioniert hatte, sind viele darauf gespannt, ob die aus einer jüdischen Familie stammende Künstlerin weiter an der Eskalationsschraube drehen und ihre antiisraelische Haltung untermauern wird . Doch als sie dann auftaucht und von Mikrofonen und Kameras umringt ist, bleibt der Eklat zunächst aus. "Ich werde mich zu Gaza später äußern, aber nicht jetzt, nicht hier. In dieser Runde soll es nur um meine Arbeit gehen."
Das einzige, was an diesem Nachmittag dann doch zu einer kleinen Irritation führt, ist die Frage einer Journalistin nach Goldins künstlerischem Standpunkt als Fotografin. Sie möchte wissen, was es mit ihrem "Blick auf die Marginalisierten in der Gesellschaft" auf sich hat. Goldin stutzt. Sie weiß, dass sie als queere Pionierin gilt, hat sie doch in ihren Bildern von Anfang an Themen wie Transidentität, gleichgeschlechtlichen Sex und Aids in den Fokus gerückt, als das alles noch längst Tabuthemen waren – in vielen Köpfen sind sie es auch heute noch.
Aber marginalisiert? "Ich habe das nie so gesehen. Ich habe meine Liebsten fotografiert. Menschen, mit denen ich zusammenlebte, meine Wahlfamilie. Ich war ein Teil davon. Und wir haben uns nie am Rande der Gesellschaft gesehen."
Kein Machtgefälle zwischen Kamera und Dargestellten

Nan Goldin bei der Pressevorbesichtigung (Bild: Axel Krämer)
Genau das macht ja ihren besonderen Blick aus: Nan Goldin hat von Beginn an sämtliche Grenzen zwischen sich und allem, was sie aufnahm, niedergerissen. Auf den Bildern gibt es keinen Objektblick, kein Machtgefälle zwischen Kamera und Dargestellten, keine undurchdringliche Scheibe zwischen Individuum und Gemeinschaft, kein Voyeurismus, kein Bekenntnisdrang und kein Heischen um Mitleid. Es gibt nur Empathie und ein großes Wir. Gerade so, als wollte Goldin mit jedem einzelnen ihrer Bilder sagen: "Schaut her, wie einzigartig, verletzlich und schön wir alle sein können!" Und vor allem: wie wertvoll und vergänglich. Denn das Ende von allem ist in diesen Momentaufnahmen bereits angelegt, vielleicht lauert es schon hinter der nächsten Ecke.
Das wird nirgendwo so deutlich wie in Goldins berühmtester Bildserie "The Ballad of Sexual Dependency", einem Werk, das nach der "Ballade von der sexuellen Hörigkeit" aus Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" benannt ist und das die Künstlerin erstmals 1979 als Diashow vor kleinem Publikum aufführt. Seither wird es ständig überarbeitet – ein Work in Progress, das aktuell aus rund 700 Aufnahmen besteht. In der Neuen Nationalgalerie läuft es in einem von sechs kinoartigen Pavillons, die sich über das lichtdurchflutete Obergeschoss verteilen. Und auch in der neuesten Version wird über die 42 Minuten Laufzeit hinweg deutlich, dass es sich dabei um ein epochales Meisterwerk handelt, unterlegt mit einem sorgfältig dafür ausgewählten Soundtrack. Petula Clark trällert "Downtown", Velvet Underground singen "After Hours".
Wir sehen Menschen, vorwiegend aus der queeren Szene, die ausgehen, feiern, lieben, scheitern, trauern, Drogen nehmen, erkranken, sterben. Und wir lassen uns dabei von Maria Callas berühren, wie sie sich mit der Arie "Casta Diva" in ihrem Schmerz windet, oder von Klaus Nomi, der wenige Monate vor seinem Tod den "Cold Song" intoniert. Wir hören Screamin' Jay Hawkins, wie er kreischend "I Put a Spell On You" zum Besten gibt, und sehen Menschen, die mitunter so in ihre Leidenschaften verstrickt sind, dass sie sich selbst und andere verletzen.

Nan Goldin, Untitled (Ohne Titel), 1982, Photographie, aus der Serie "Memory Lost" © Nan Goldin. Courtesy the artist
Aber was heißt hier sehen? Wir erleben sie, wir fühlen mit ihnen. Goldin zieht uns in einen Strudel intimer und intensiver Beziehungen, sowohl sexueller als auch familiärer und freundschaftlicher Natur. Vielen im Publikum lässt das unweigerlich Tränen in die Augen schießen. Manche Bilder werden fälschlich als "explizit" oder "provokant" bezeichnet: Begriffe, die eine beobachtende Distanz voraussetzen, doch eine solche ist nicht vorhanden. Letztlich erleben wir in dieser Schau Facetten von uns selbst in allen möglichen gelebten, verpassten oder auch künftigen Versionen – und von allen, die uns nahe stehen.
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Queeres Netzwerk zwischen New York, Berlin, Boston und Bangkok
Ähnlich verhält es sich mit der Diashow "The Other Side", benannt nach einer queeren Bar im Boston der 1970er Jahre, wo sich die Ursprünge von Nan Goldins künstlerischem Werdegang verorten lassen. Dort lernt sie bereits als Jugendliche ihre Wahlfamilie kennen, mit der sie zusammenlebt: eine intime Gemeinschaft, die sich mit ihren Lebensstationen in New York, Berlin, Boston und Bangkok allmählich zu einem queeren Netzwerk ausweitet. Dazu gehören sowohl schwule Männer als auch lesbische Frauen, Bisexuelle, Dragqueens und trans Menschen, wobei in Goldins Kunst stets das Universelle hervortritt: Niemand soll sich ausgeschlossen oder ausgegrenzt fühlen. Das wird in all ihren Lebensthemen deutlich, die mit der Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie so umfassend und facettenreich wie noch nie inszeniert werden. Es ist die bislang umfassendste Retrospektive, die Nan Goldin zu Ehren ausgerichtet wird, ein großartiges Kunstevent.

Nan Goldin, Fashion show at Second Tip, Toon, C, So and Yogo, Bangkok (Modenschau im Second Tip, Toon, C, So and Yogo, Bangkok), 1992, Photographie, aus der Serie "The Other Side" © Nan Goldin. Courtesy the artist
Umso bedauerlicher, dass das Ereignis nun von einem Thema überschattet wird, das mit ihrem künstlerischen Ansatz nicht das Geringste zu tun hat: dem Krieg im Nahen Osten. Zur offiziellen Ausstellungseröffnung am Abend nimmt Nan Goldin die Gelegenheit wahr, um sich in einer Rede ausführlich darüber auszulassen.
Verstörend ist dabei, dass sie angesichts der komplexen Gemengelage eindeutig Partei ergreift und die Schuld allein auf einer Seite zu sehen glaubt. Von der Grenzen sprengenden Wir-Perspektive und der bezwingenden Authentizität, die stets hervorstechende Merkmale ihrer Arbeit waren, scheint nichts mehr übrig. Goldin benennt nun klar ihre Feind*innen und Gegner*innen. Da spielt es schon fast keine Rolle mehr, wem sie welche Rolle zuschreibt. Anklang findet das nur in einem aktivistischen Umfeld, das sich davon politischen Nutzen verspricht und sich ansonsten für Nan Goldins Lebenswerk nicht interessiert. Ein Jammer.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung "Nan Goldin - This Will Not End Well" auf der Homepage der Staatlichen Museen zu Berlin
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