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Kinostart

"Baldiga": Kunst und Ficken und Sterben

Der Fotograf Jürgen Baldiga war der Chronist der Berliner Schwulenszene und der Aids-Krise der 1980er Jahre. Die bewegende Doku "Baldiga – Entsichertes Herz" erzählt anhand seiner Tagebücher sein kompromissloses Leben.


Als Jürgen Baldiga 1993 im Alter von 34 Jahren stirbt, hinterlässt er tausende Fotografien und 40 Tagebücher – ein einzigartiges künstlerisches Vermächtnis (Bild: Salzgeber)

Der 14. November 1984 änderte sein Leben. An dem Tag erfährt Jürgen Baldiga, dass er HIV-positiv ist. "Habe den Aids-Virus drin", notiert der 25 Jahre alte Fotograf in seinem Tagebuch. Zu dem Zeitpunkt gilt das als Todesurteil, nicht mal eineinhalb Jahre zuvor schrieb der "Spiegel" von der "Homosexuellen-Seuche", die jetzt auch Europa erreicht habe.

Fünf Jahre zuvor kommt Jürgen Baldiga aus Essen nach Berlin. Er ist ein stolzes Arbeiterkind, will in die Metropole, sich ausleben, seine schwule Identität finden, er selbst sein. Anfangs jobbt der junge Mann in einem Rollschuh-Restaurant, später beginnt er, Fotos zu machen. "Kunst und Ficken, das ist mein Leben", schreibt er. Er habe ja auch dem schwulen Ideal entsprochen: Jung, hübsch, guter Körper, großer Schwanz.

40 unveröffentlichte Tagebücher


Poster zum Film: "Baldiga – Entsichertes Herz" startet am 28. November 2024 bundesweit im Kino

Er fotografiert seine Lover, sich selbst, die West-Berliner SchwuZ-Tunten, steife Schwänze. Selbstbewusst, entschlossen, erotisch und explizit, frei von Scham und Konvention. Ein Versuch, die Zeit anzuhalten, das Leben einzufangen. Sein Leben, gegen das er nicht länger arbeiten will: "Warum gegen den Trieb vorgehen?", schreibt er in sein Tagebuch, aber auch: "Mein Trieb bringt mich nochmal um." Seine Fotografien machten ihn zum bis heute bedeutendsten Chronisten der West-Berliner Schwulenszene in den 1980er Jahren.

Der Dokumentarfilm "Baldiga – Entsichertes Herz" erzählt das Leben, das Ficken, das Fotografieren, aber auch das Sterben des Künstlers. Regisseur Markus Stein und Drehbuchautor Ringo Rösener stützen ihre Filmbiografie vor allem auf Baldigas 40 unveröffentlichte Tagebücher, anhand derer sie sein Leben in sieben Kapitel – von "Jürgay" bis "Etwas Besseres" – einteilen.

Baldigas Schwester und sein letzter Partner

Maurice Läbe trägt die poetischen Zeilen, aus denen oft eine enorme Entschlossenheit spricht, gekonnt vor. "Baldiga" nutzt fast ausschließlich Archivmaterial: Allen voran natürlich Baldigas Fotos, deren Negative zu Tausenden teilweise unsortiert im Archiv des Schwulen Museums liegen. Dazu kommen Videoaufnahmen aus der Zeit, manche von Jürgen Baldiga selbst, sowie einige wenige nachgestellte Szenen. Insgesamt ergibt sich so eine stimmige Mischung, die ein Gefühl für die Zeit ermöglicht.

Die Filmemacher sprechen auch mit Weggefährt*­innen des Fotografen, etwa seiner Schwester Birgit oder seinem letzten Partner Ulf Reimer. Dessen Unerschrockenheit in Bezug auf Baldigas Aids im Vollbild ist bis heute bemerkenswert. Zu Wort kommt außerdem Personal aus dem Berliner Auguste-Viktoria-Klinikum, das die Aids-Krise so unmittelbar wie sonst kaum jemand erlebt hat. Die Perspektiven und Erinnerungen der Ärzt*­innen und Pfleger*­innen sind besonders emotional – und bislang wenig präsent. Es wird deutlich, wie sehr sich diese Zeit auch bei ihnen eingebrannt hat.

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Reihenweises Sterben und enorme Solidarität

"Baldiga – Entsichertes Herz" ist eine mehr als gelungene Würdigung des Ausnahme-Menschen Jürgen Baldiga. Ein schwuler Mann, der von Ausgrenzung berichtet, von der Scham der anderen in der Klinik, die ihr Zimmer nicht verlassen wollten, davon, ein Außenseiter unter Außenseitern zu sein. Der auch nicht davor zurückschreckt, von grüner Kotze, Durchfall und zehn Tabletten täglich zu schreiben, oder ein Selbstporträt mit blutunterlaufenen Augen zu machen. HIV wurde für Jürgen Baldiga zum Identitätsmerkmal, das er genauso wenig verstecken wollte wie Jahre zuvor seine Homosexualität.

Es ist eine Zeit, die heute unvorstellbar scheint, dabei ist sie gerade einmal 30 Jahre her. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung an das Leid, die Schmerzen, das reihenweise Sterben, die Ausgrenzung, aber auch die enorme Solidarität innerhalb der Community lebendig zu halten.

Filme und Serien wie "120 bpm" oder "It's a Sin" thematisierten die Aidskrise eindrucksvoll. Doch deutsche Produktionen gibt es trotz der Schwulenmetropole Berlin mit seinen vielen Geschichten kaum. "Baldiga – Entsichertes Herz" kann ein Anfang sein, um das zu ändern.

Infos zum Film

Baldiga – Entsichertes Herz. Dokumentarfilm. Deutschland 2024. Regie: Markus Stein. Mitwirkende: Bernd Gaiser. Juliette Brinkmann, Birgit Baldiga, Tima die Göttliche (Timo Lewandowsky), Ichgola Androgyn (Bernd Boßmann), Kaspar Kamäleon, Keikawus Arastéh, Volker Wierz, Manuela Merkel, Sakine Meral, Hermann Jansen, Ulf Reimer, Ingo Taubhorn. Sprecher: Maurice Läbe. Cast. Franziskus Claus, Jannis Veihelmann, Raphael Kaballo, Leonie Becker, Thomas Braungardt, Teilzeitprinzessin Linette, Stefan Wiedner, Lennart Stein. Laufzeit: 92 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 28. November 2024
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