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Queer History
"Chez Romy Haag" – ein queerer Ort der besonderen Art
Heute vor 50 Jahren – am 29. November 1974 – eröffnete in West-Berlin das Travestie-Cabaret "Chez Romy Haag", das zehn Jahre im wahrsten Sinne für Lebens- wie Überlebenskunst stand.

Archivbild: Romy Haag in den 1980er Jahren in Berlin (Bild: IMAGO / BRIGANI-ART)
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29. November 2024, 05:37h 5 Min.
Befragt vom "Tagesspiegel" nach seinen Erinnerungen an das Berlin der 1970er Jahre, antwortete Bryan Ferry, Sänger und Frontman der Band Roxy Music, es sei damals die dekadenteste Stadt Europas gewesen. "Wir gingen zu Romy Haag, solche Clubs gab es woanders nicht […] das war ein alternatives Nachtleben, das es in London nicht gab." Im Vergleich zu heute sei die Stadt heruntergekommener, verruchter gewesen und alles andere als bürgerlich.
Bryan Ferry war Gast im "Chez Romy Haag", einem Travestiecabaret in Schöneberg. Welser-/Ecke Fuggerstraße gelegen, wo heute das "Connection" sein Domizil hat. Und ich erinnere das recht gut, denn ich arbeitete an der Eintrittskasse und Gästegarderobe, und die Gelegenheit zu einem Flirt mit ihm gab es ebenfalls. Nur war leider mein Englisch hundsmiserabel, aber Bryan war trotzdem wirklich charmant, ein echter Gentleman.
Absolute In-Adresse im West-Berliner Nachtleben

Werbepostkarte für das "Chez Romy Haag"
Und er blieb nicht der einzige unter den Rock- und Popstars, die den Weg zu uns fanden. Die Promi-Liste ist lang und reicht von David Bowie bis zu Tina Turner, von Grace Jones, Debbie Harry über Udo Lindenberg bis zu Udo Jürgens. Aber eigentlich fanden alle den Weg ins "Chez Romy Haag". Das Publikum dort war immer ein gesellschaftlicher Querschnitt, und das Lokal blieb offen für alle. Auch das ein Markenzeichen und ein Stück hedonistischer Zeitgeist. Zehn Jahre lang war es nicht nur eine absolute In-Adresse im West-Berliner Nachtleben, sondern ein queerer Ort der besonderen Art. Es zog Nachtschwärmer jeglicher Provenienz an.
Angefangen hatte es vor genau 50 Jahren. An jenem 29. November 1974 öffnete das Travestiecabaret seine Pforten. In der Einladung hieß es: "Falls Ihre Wäsche mehr als 175° aushält, Sie von Vorurteilen frei sind, Transvestiten und Lebenskünstler lieben, dann ziehen Sie Ihre besten Klamotten an und kommen Sie zu uns." Beansprucht wurde zugleich, die erste und einzige Diskothek mit Play-back-Revue in Deutschland zu sein. Die allabendlichen Shows jedenfalls wurden berühmt. Zur Eröffnung fand sich sogar ein Kritiker des "Tagesspiegels" ein, um ins Schwärmen zu geraten: "eine unerwartete kleine Sensation" habe er erlebt und sein Resümee: "hier herrscht Perfektion".

Einladung zur Eröffnung des "Chez Romy Haag"
Die Bühne wurde für Romy Haag zum Schicksal
Das Lokal trug den Namen der Gründerin – Romy Haag. Sie war 1973 nach Berlin gekommen, hatte zunächst ein Engagement im "Chez Nous" (das Travestietheater bestand bereits seit 1958 in der Marburger Straße), und sie brachte nicht nur eine Menge Show-Erfahrungen aus Paris ("Alcazar") und New York mit, sondern vor allem sich selbst – eine trans Frau von makelloser Schönheit und mit rauchiger Stimme. Geboren wurde sie 1948 in Scheveningen/Niederlande. Die Bühne wurde, wenn man so will, ihr Schicksal. Denn was blieb trans Frauen, denen eine rechtliche Anerkennung verwehrt wurde, damals anderes übrig, als ins Nachtleben zu gehen und dort ihr Glück zu versuchen. Romy fand jedenfalls ihr Glück. Inzwischen ist es allerdings ruhig um sie geworden.
Angesprochen auf ihre Anfänge in Berlin, antwortete sie rückblickend:
Hier war nichts los, kein einziger Nachtklub, wo Transsexuelle ordentlich arbeiten konnten, nur Striptease und Animierläden. Also eröffnete ich selbst einen, mit 7000 Mark Startkapital. Wir lackierten alles schwarz, hängten einen roten Samtvorhang vor einer Art Bühne in der Ecke auf, fertig.
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Ein Arbeitsplatz für queere Menschen

Unsere Autorin Nora Eckert 1979 an ihrem Arbeitsplatz "Chez Romy Haag"
Ja, es wurde zum Arbeitsplatz für queere Menschen, die damals freilich noch nicht so hießen, aber es bereits waren. Für etwa zwanzig Menschen, die von überall herkamen, aus Asien, Australien, den USA, Spanien und noch vielen anderen Ländern dieser Welt, bot dieser Ort eine Existenzgrundlage. Die Hälfte davon arbeitete auf der Bühne mit sogenannten Artistenverträgen.
Sie waren es, die zusammen mit Romy allabendlich mit einer Show das Publikum anlockten. Mit einer Show, die sich von den sonst üblichen Starimitationen der Travestiebühnen verabschiedet hatte. Das waren in rascher Nummernfolge kleine parodistische Szenen und Sketche aus allen musikalischen Genres. Neben der Opernarie aus "Carmen" eine urkomische Ballettszene, neben dem Brecht-Song eine Szene aus "Tommy" mit dem beziehungsreichen Song "It's a boy, Mrs. Walker". In einer anderen Szene entstieg Romy mit Spiegelzylinder auf dem Kopf einer Mülltonne. Und wenn es die Zugabe "This is my life" (Shirley Bassey) gab, riss sie sich die Perücke vom Kopf. Mehr Drama und Gänsehaut gingen nicht. Und so verwegen ging es durch alle Shows, die mal den Titel "Bravo les Clowns", "Illusionen" oder "Vive la Plastique" trugen.
Applaus und die Bravos der cis Welt kamen zuverlässig
Das erste Programm hieß 1974 "Vive les Boys", von dem der zitierte Kritiker so begeistert war, und wurde von sechs Künstler*innen plus Romy bestritten, darunter Lokalprominenz wie Dany Lamée, die später gern mit dem Song "Ich bin rund und gesund" auftrat, um ihre üppige Rubensfigur zu feiern, oder Gaby Lurex, die auch schon mal zusammen mit Udo Lindenburg auf einer Bühne stand. Und wenn ich mich nicht irre, dann verbarg sich hinter dem Künstlernamen Baby Bob niemand anderes als Bob Lockwood, Liza Minellis und Marilyn Monroes perfektes Double. Und dann gab es da noch Serge de Paris, die wir längst als Zazie de Paris kennen, und die die Show choreografisch mit aus der Taufe hob.

Bei einem Umbau im "Connection" wurde hinter einer Zwischenwand ein Stück Original-Deko aus dem "Chez Romy Haag" entdeckt. Die schwarze Höhle war mit Art-deco-Elementen dekoriert, auf dem Foto zu sehen der Name von Carole Lombard
Diese Glamour-Welt konnte uns glauben machen, dass sich alles nur um uns dreht. Denn der Applaus und die Bravos der cis Welt kamen zuverlässig und sie wartete geduldig auf Einlass. Mehr als Fassade war das allerdings nicht, aber immerhin bot es eine Möglichkeit in für uns rechtlosen Zeiten zu existieren. Nicht alle, die auf einer Travestiebühne arbeiteten waren allerdings trans, man musste nicht einmal schwul sein, um Travestie zum Beruf zu machen, auch wenn es die meisten waren. Die Verdienstmöglichkeiten waren jedenfalls nicht schlecht. Travestie erlebte damals einen Boom.
In der noch ungeschriebenen trans Geschichte hat das "Chez Romy Haag" einen sicheren Platz, weil dieser Ort im wahrsten Sinne für Lebens- wie Überlebenskunst stand.
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