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Sachbuch
Thomas Manns größte Liebe
Thomas Mann kämpfte sein Leben lang gegen seine Homosexualität. Das neue Sachbuch "Man kann die Liebe nicht stärker erleben" zeigt, wie verliebt der deutsche Schriftsteller als junger Mann in den Maler Paul Ehrenberg war. Ein aufschlussreiches Lesevergnügen.
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1. Dezember 2024, 03:16h 5 Min.
Kaufmannssohn, sechs Kinder, Villa in München: Der Autor und spätere Nobelpreisträger Thomas Mann führte nach seiner Hochzeit mit der äußerst wohlhabenden Katia Pringsheim nach außen hin ein bürgerliches, überaus stattliches Leben. Dabei sah es zunächst gar nicht danach aus. Vor seiner Ehe verkehrte er als junger Redakteur des Satireblatts "Simplicissimus" in kreativen Münchener Bohemien-Kreisen. Und ihm gefielen Männer deutlich besser als Frauen.
Dass Thomas Mann, Autor der "Buddenbrooks", vom "Zauberberg" oder dem "Tod in Venedig", sich (zumindest auch) zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlte, ist heute kein Geheimnis mehr. Er hatte testamentarisch verfügt, dass seine Tagebücher erst 20 Jahre nach seinem Tod erscheinen dürfen. Seit den 1970er Jahren hatte er also sein posthumes öffentliches Coming-out.
Der polarisierende Schriftsteller

Das Sachbuch von Oliver Fischer ist im November 2024 bei Rowohlt erschienen
Und doch fasziniert Thomas Manns Homosexualität noch immer. Zuletzt erschien mit "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" eine kreative Doku, die dieses Spannungsfeld äußerst sehenswert beleuchtet. Vielleicht liegt das Interesse daran, dass Manns sexuelle Orientierung ein weiteres Puzzlestück in dessen komplexer Identität darstellt. Denn schon zu Lebzeiten wurde deutlich, dass Thomas Mann als Person genau wie sein Werk polarisiert. Vielen Künstler*innen und Literat*innen war er zu bürgerlich, den Konservativen waren er und sein aus Schachtelsätzen bestehendes Werk zu intellektuell.
Dass es außerdem noch immer unerzählte Geschichten rund um Thomas Manns Männerliebe gibt, beweist Oliver Fischer mit seinem Sachbuch "'Man kann die Liebe nicht stärker erleben.' Thomas Mann und Paul Ehrenberg". Der Gründer der Hamburger Thomas-Mann-Gesellschaft erforscht darin die Freundschaft der zwei Männer, die für Thomas Mann jedoch deutlich mehr ist. Vieles spricht dafür, dass der Tiermaler für den angehenden Schriftsteller in seinen Zwanzigern die größte
Liebe seines Lebens ist, die ihn jahrzehntelang nicht mehr loslässt.
Thomas Manns Abneigung der Schwulenbewegung
Dafür recherchiert Fischer in Notizen und in Briefen, die Mann etwa seinem Bruder Heinrich oder seinem Vertrauten Otto Grautoff – ebenfalls schwul – schrieb. Darin äußert Thomas Mann sich erstaunlich freimütig über das "unverhoffte Herzensglück". Das ist umso überraschender, wo er sonst sehr ablehnend auf alles Nicht-Heteronormative reagiert: Wenn der ebenfalls verliebte Grautoff seinen Schwarm als "mein Mädel" bezeichnet, weist Mann das entschieden zurück.
Und auch die sich formierende Homosexuellenbewegung lehnt der Schriftsteller ab. In einem in diesem Buch erstmals zitierten Brief bezeichnet er die Urninge rund um Karl Heinrich Ulrichs als "lächerlich", "albern" und "dumme Herdentiere". Deutlich wird in Briefen außerdem, wie sehr Thomas Mann seine eigene Neigung hasst und dagegen ankämpft. Die Ehe mit Katia Pringsheim sieht er als Ausweg. Internalisierte Homophobie würde man das heute nennen.
"Entgegenkommen", das Codewort für Homoerotik
Oliver Fischer schafft es, nicht nur die Freundschaft der eher ungleichen Männer nachzuzeichnen und vorstellbar zu machen. Er gibt ganz allgemein ein stimmiges Bild der Zeit und der Orte. Dafür zitiert er auch aus anderen Biografien, etwa des Malers Paul Klee, und überträgt zum Beispiel Wetterdaten anderer Quellen auf das, was seine Protagonisten erleben – so steht Paul im "ungewöhnlich sonnigen Herbst 1899" im Atelier. Sein Sachbuch wird so fast zur filmischen Reportage und zu einem lebendigen Lesevergnügen. Erläuterungen rund um die Bestrebungen, den Paragrafen 175 abzuschaffen, oder die Eulenburg-Affäre verorten die Freundschaft und die Gefühle zudem im queeren Kontext ihrer Zeit.
Oliver Fischer erzählt zwar chronologisch, bezieht sich aber auch immer wieder auf Thomas Manns später entstandenes Werk. Denn seine Homosexualität ist ein Prisma, das es ermöglicht, die Romane und Novellen anders zu lesen und besser zu verstehen. Ganz eindrücklich wird das etwa beim Tarnwort "Entgegenkommen", womit Mann homoerotische Erlebnisse umschreibt, aber auch bei den vielen Figuren, denen er Teile seiner Persönlichkeit gibt oder die er nach Paul Ehrenberg entwirft.
Die Begierde in der Kunst sublimieren
Immer wieder verlässt der Autor jedoch den Bereich des Faktischen und geht dazu über, sich Situationen vorzustellen oder zu spekulieren. Kommentare, wie dass der Bruder Heinrich "still in sich hineingelächelt haben" wird, als er einen eher ungeschickt formulierten Brief von Thomas liest, haben durchaus einen gewissen Charme. An anderen Stellen geht seine Fantasie jedoch sehr weit, etwa wenn er schreibt, es sei "gut möglich" gewesen, dass Thomas Mann am Münchner Stachus, wo Stricher auf Freier warten, "zögernd stehen bleibt und die jungen Männer beobachtet".
"'Man kann die Liebe nicht stärker erleben.' Thomas Mann und Paul Ehrenberg" ist dennoch ein akribisch recherchiertes, gut lesbares, kurzweiliges erzählendes Sachbuch, das noch dazu mit einer Vielzahl an Quellen überzeugt. Thomas Manns fast jugendlich-naive Schwärmereien für Paul Ehrenberg erweitern genau wie dessen Homofeindlichkeit das Bild des Schriftstellers und eröffnen schließlich auch weitere Zugänge zu seinen Werken. Sie verdeutlichen aber auch einmal mehr, zu welch enormer Zerrissenheit eine queerfeindliche gesellschaftliche Atmosphäre führen kann. Da grenzt es fast ein Wunder, dass Thomas Mann seine Begierde in der Kunst sublimieren konnte – und nicht daran zerbrach.
Oliver Fischer: "Man kann die Liebe nicht stärker erleben". Thomas Mann und Paul Ehrenberg. Sachbuch. 304 Seiten. Rowohlt Buchverlag. Hamburg 2024. Gebundenes Buch: 26 € (ISBN 978-3-498-00389-0). E-Book: 22,99 €
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