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Interview
"Ich habe einige großartige Gespräche mit Sexarbeitern geführt"
Im queeren Drama "Sebastian" spielt Ruaridh Mollica einen jungen Autor, der über Sexarbeiter schreiben möchte – und dafür eigene Erfahrungen als Escort sammelt. Wir sprachen mit dem 25-Jährigen über seine Vorbereitung, Sexszenen und queere Repräsentation.

Ein junger schwuler Autor sammelt Erfahrungen als Sexarbeiter: Ruaridh Mollica in "Sebastian" (Bild: BFI)
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1. Dezember 2024, 06:02h 6 Min.
Den holprigen Vornamen wird man sich merken müssen: Der italienisch-schottische Schauspieler Ruaridh Mollica wird als Sohn einer schottischen Mutter und eines italienischen Vaters 1999 in der Toscana geboren. Er spielt die Hauptrolle im Kurzfilm "Too Rough". Weitere Auftritte folgen mit der Netflix-Serie "Red Rose", in der Disney-Serie "A Thousand Blows" und als junger Teddy Bass in der Paramount-Serie "Sexy Beast". Für Sam Mendes steht er gemeinsam mit Daniel Brühl in der Komödie "The Franchise" vor der Kamera. Das neue Vater-Sohn-Drama "Sukkwan Island" gilt bereits als heißer Cannes-Kandidat.
In dem queeren Drama "Sebastian" spielt Ruaridh Mollica einen jungen Autor, der über Sexarbeiter schreiben möchte – und dafür eigene Erfahrungen als Escort sammelt. Der Film des finnisch-britischen Regisseurs Mikko Mäkelä ("Die Hütte am See") läuft in diesem Monat in der Queerfilmnacht. Aus diesem Anlass trafen wir den 25-jährigen Schauspieler zum Interview.
Mister Mollica, "Ro-Rie", so spricht man Ihren schottischen Vornamen Ruaridh laut Internet aus, richtig?
Stimmt. (lacht) Ja, das klingt ziemlich perfekt.
"Ruaridh" könnte eine Alternative für den Titel "Sebastian" sein. Da wäre für Stimmung an der Kinokasse gesorgt…
Ich weiß so recht. Ich glaube, niemand würde wissen, um welchen Film es bei so einem Titel gehen soll.
Wie viel hat Ruaridh mit Sebastian gemeinsam?
Wir sind beide im gleichen Alter und verfolgen eine kreative Karriere. Zu diesem Zweck sind wir beide nach London gezogen. Wir mögen beide Literatur. Und wir sind beide queer.
Hinter dem Künstlername des Sexarbeiters Sebastian steckt der sensible Autor Max – wie steht es da um die Schnittmengen?
Mit Max habe ich tatsächlich viel mehr gemeinsam als mit Sebastian. Ich habe das Gefühl, dass ich ein sehr sensibler Mensch bin. Mikka, unser Regisseur, gab mir den Rat, dass ich Max und Sebastian nicht wie Batman und Bruce Wayne sehen soll, sondern als eine Person. Das war wirklich hilfreich, weil ich mit dem Gedanken zu kämpfen hatte, zwei verschiedene Personen spielen zu müssen.
Haben Sie mit schwulen Sexarbeitern gesprochen und in der Stricherszene recherchiert?
Ich habe mir viele Interviews angeschaut und einige großartige Gespräche mit Sexarbeitern geführt. Viele lieben ihren Job, weil er ihnen Freiheiten ermöglicht. Manchen hat er erlaubt, sich vor ihrer Familie zu outen, von der sie nicht selten sogar unterstützt wurden. Bei der Entwicklung der Figur und ihrer Erfahrung mit Sexarbeit habe ich allerdings am Drehbuch orientiert. Max' erste Erfahrung steht bereits auf der ersten Seite des Drehbuchs, und es war eine Reise, die damit begann.
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Wie wohl haben Sie sich bei den intimen Szenen gefühlt?
Ich hatte tatsächlich ziemlich Angst vor diesen intimen Szenen, schon deshalb, weil das völlig neu für mich war. Ich war mir nicht sicher, wie das funktionieren würde und wie die Zusammenarbeit mit einem Intimitäts-Koordinator ablaufen würde. Nach den ersten Proben verstand ich jedoch schnell, dass es sich wie eine Choreografie anfühlt. Man kann sich in der Szene verlieren, anstatt zu viel nachzudenken. Am Anfang ist es dennoch kompliziert. Du musst eine Sexszene überzeugend darstellen, während du nicht wirklich Sex hast. Das ist etwas, an das dein Körper und Geist nicht gewöhnt sind. Man fragt sich ständig, welche Geräusche man macht und was man tut. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran.
Welche Rolle spielen die Intimitäts-Koordinator*innen für solche Szenen?
Für mich gehören Intimitäts-Koordinator*innen zu den wichtigsten neuen Berufe in der Filmindustrie. Ich habe mit älteren Schauspieler*innen gesprochen, die früher Sexszenen ohne diese Unterstützung drehen mussten. Oft wussten sie nicht, wo die Grenzen des Einvernehmens liegen, und hatten Schwierigkeiten, der Regie zu widersprechen. Intimitäts-Koordinator*innen überbrücken diese Lücke und stellen sicher, dass die Szenen um die Sicherheit der Schauspieler*innen herum konstruiert werden. Sie choreografieren die Szenen und bauen eine angenehme Beziehung zwischen den Schauspieler*innen auf. Ohne diese Unterstützung hätte diesen Film nicht machen können.
Gab es bestimmte Grenzen, die Sie dem Intimitäts-Koordinator oder dem Regisseur mitgeteilt haben? Was wollten Sie nicht tun?
Ich habe klar gesagt, dass ich keine vollständige Frontalnacktheit machen wollte, weil ich das für den Film nicht für notwendig hielt. Bei Szenen rund um sexuelle Übergriffe wollte ich sicherstellen, dass ich genau weiß, was passieren wird und wie viele Takes wir machen würden. Man bringt sich in eine verletzliche und traumatische Situation, deswegen ist es wichtig, das alles vorher genau zu klären.
Was halten Sie von der Forderung, wonach queere Figuren nur von queeren Schauspieler*innen gespielt werden spielen sollten. Ist das nach noch relevant oder Schnee von gestern?
Ich halte es für wichtig. Wenn es möglich ist, queere Schauspieler*innen in queeren Rollen zu besetzen, sollte man das tun. Manchmal ist es jedoch noch wichtiger, dass die Filmemacher*innen selbst aus der Community kommen, wenn sie eine queere Geschichte erzählen. Ich finde es entscheidend, dass die Personen, die die Geschichte erzählen, diese aus einer Erfahrung kennen. Natürlich sollten trans Schauspieler*innen auch in trans Rollen gecastet werden. Wir leben in einer Zeit, in der Repräsentation enorm wichtig ist. Die Filmindustrie ist nach wie vor von einer weißen, wohlhabenden und heteronormativen Perspektive geprägt, und obwohl es Fortschritte gibt, bleibt noch viel zu tun.
Haben Sie ein bisschen Angst vor dem Ruhm, der jetzt kommt?
Ich glaube nicht, dass sich viel ändern wird. Ich habe immer gedacht, das ist alles nicht wichtig, und das denke ich immer noch. Ruhm ist ein Nebenprodukt der Arbeit, die man liebt. Aber natürlich mache ich mir Gedanken darüber. Kann ich weiterhin einfach essen gehen, ohne mir Sorgen über meine Tischmanieren machen zu müssen und wie ich in der Öffentlichkeit wahrgenommen werde? Bis jetzt habe ich nur auf Filmfestivals erlebt, dass Menschen mir plötzlich "Hallo" sagen und über den Film sprechen wollen. Das ist schön. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt?
Wie beängstigend oder angenehm ist es für Sie, sich selbst auf der Leinwand zu sehen?
Die ersten paar Male war es auf jeden Fall beängstigend. Die meisten Schauspieler*innen schauen sich selbst nicht gerne an, denn es ist einfach schwierig, den Film objektiv zu betrachten. Jetzt, wo ich "Sebastian" schon zum fünften Mal gesehen habe, kann ich mich mehr distanzieren und den Film so sehen, wie er ist.
Haben Sie schon entschieden, was Sie in Cannes 2025 tragen werden, wenn dort das Vater-Sohn-Drama "Sukkwan Island" gezeigt wird?
Ist das denn bereits bestätigt? Möglich wäre es immerhin bei diesem Film. Für mich ist Cannes eine sehr schöne Vorstellung. (lacht)
Sebastian. Drama. Großbritannien 2023. Regie: Mikko Mäkelä. Cast: Ruaridh Mollica, Hiftu Quasem, Ingvar Sigurdsson, Jonathan Hyde, Leanne Best, Lara Rossi. Laufzeit: 111 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Im Dezember 2024 in der Queerfilmnacht
Links zum Thema:
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