https://queer.de/?51904
Jetzt im Kíno
In "The Visitor" wird Sexualität zur provokanten politischen Botschaft
Mit seiner Neuinterpretation von Pasolinis "Teorema" verschiebt Bruce LaBruce den Fokus und platziert einen Schwarzen Geflüchteten als Katalysator eines anarchistisch-queeren Revolutionsakts in der heutigen Londoner Upper Class.

Szene aus "The Visitor": Bishop Black verführt als Schwarzer Geflüchteter eine gesamte wohlsituierte weiße Familie (Bild: Salzgeber)
- Von
6. Dezember 2024, 06:26h 3 Min.
Mit seinen weißen Pupillen wirkt "The Visitor" unheimlich, geradezu übernatürlich. Bruce LaBruce hebt seine Hauptfigur über das Menschliche hinaus und macht sie zu einer transzendenten Verkörperung entfesselter Begierden. Mit seiner Neuinterpretation von Pasolinis "Teorema" aus dem Jahr 1968 verschiebt LaBruce den Fokus und platziert einen Schwarzen Geflüchteten als Katalysator eines anarchistisch-queeren Revolutionsakts in der heutigen Londoner Upper Class. "The Visitor" ist kein Individuum, sondern ein Symbol für die Auflösung normativer Strukturen und die Macht der sexuellen Dominanz, die er inmitten eigener struktureller Machtlosigkeit entfaltet.
Der titelgebende Besucher ist die personifizierte, entfesselte Begierde, die in das riesige Familienhaus eindringt. Mit seiner Ankunft gerät alles ins Wanken: familiäre Bindungen, persönliche Identitäten und sogar die Wahrnehmung der Zuschauer*innen. Die Kamera fängt immer wieder in Großaufnahmen den gut gebauten Oberkörper, das markante Gesicht, die ansehnlichen Genitalien der nichtbinären Darstellenden Bishop Black ein – und zeigt zugleich die sexualisierenden Blicke und die voyeuristische Lust der einzelnen Figuren. Doch so faszinierend diese manische sexuelle Verzauberung ist, mit der er die traditionellen Werte der weißen Familie untergräbt, wirkt die Handlung auf Dauer eintönig. Der Besucher wandert von einer namenlosen Figur zur nächsten, ohne dass sich spürbar Neues entfaltet, was streckenweise langweilig wirkt.
Pornografie als subversives Manifest

Poster zum Film: "The Visitor" läuft seit 5. Dezember 2024 im Kino
In "The Visitor" wird Sexualität zur provokanten politischen Botschaft: Mit Slogans wie "Make (revolutionary) love not (colonialist) war", "Open Borders, Open Legs" oder "Eat (out) the rich", die mit Stroboskop-Effekt während expliziter Sexszenen eingeblendet werden, stilisiert LaBruce Pornografie als subversives Manifest: Das Kino fungiert hier als Schlachtfeld, auf dem patriarchale, nationalistische und heteronormative Machtstrukturen angegriffen werden, und in dem der Techno-Soundtrack von Hannah Holland pulsiert. Sexualität ist hier kein bloßes Vergnügen, sondern ein bewusst inszenierter Akt des Widerstands, der Schöpfung und Rebellion. Doch die überladene Symbolik läuft Gefahr, die Inszenierung eher plakativ als tiefgründig wirken zu lassen.
Die fehlenden Dialoge in dem Film rücken die visuelle Bildsprache in den Vordergrund, in der die Fragmentierung des Bildes als Strategie funktioniert. Diese Zersplitterung korrespondiert mit der queeren Ästhetik und den politischen Anliegen des Films, indem sie traditionelle Machtstrukturen und Identitäten aufbricht. Durch den Verzicht auf den zentralisierten Blick des klassischen Kinos verweigert der Film eine kohärente, vereinfachte Perspektive und stellt somit normative Sehgewohnheiten infrage.
Instrumentalisierung von Rassismus
Die gleichzeitige Darstellung mehrerer Szenen und Blickwinkel unterstreicht die Komplexität von Identität, Begehren und politischer Realität – eine Absage an die Idee einer einzigen Wahrheit. Dieses visuelle Chaos verstärkt die thematische Anarchie, die den Film prägt, und fordert das Publikum heraus, sich in der Vielschichtigkeit selbst zu orientieren.
|
Sicherlich streitbar in dem Film ist aber die Instrumentalisierung von Rassismus, der zuweilen nur als ästhetische Provokation genutzt wird, ohne eine ausreichende kritische Kontextualisierung zu liefern. Der Film präsentiert einen durchweg weißen, voyeuristischen Blick auf einen Schwarzen Körper, ohne die rassistischen Machtverhältnisse, die diesem Blick zugrunde liegen, explizit zu hinterfragen. LaBruces Satire auf den gesellschaftlichen Geflüchteten-Hass in Großbritannien kann nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn sie klar die Strukturen angreift, die sie parodiert. "Black Is Beautiful", heißt es in Großbuchstaben auf dem Bildschirm – aber zu welchem Preis wird diese Selbst- und Fremdbefreiung wirklich erreicht?
The Visitor. Pornografische Filmkomödie. Großbritannien 2024. Regie: Bruce LaBruce. Cast: Bishop Black, Macklin Kowal, Amy Kingsmill, Ray Filar, Kurtis Lincoln, Luca Federeci. Laufzeit:101 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 18. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 5. Dezember 2024
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage von Salzgeber
Mehr zum Thema:
» Interview mit dem Regisseur: Was würde Pasolini über Ihre Porno-Kunst sagen, Bruce LaBruce?(03.03.2024)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
00:00h, BR:
Bulldog
Toni und ihr Sohn Bruno sind ein Herz und eine Seele, das ändert sich schlagartig, als sie auf Ibiza eine Frau kennenlernt.
Serie, D 2022- mehr TV-Tipps »















