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Interview
Michael Sollorz: "Wo sind die Ironie und das Lachen hin?"
Mit seinem Debüt "Abel und Joe" schuf Michael Sollorz 1994 einen schwulen Klassiker. Zur Neuausgabe sprachen wir mit dem Berliner Autor über die Hintergründe des Romans, analoge Freuden und die Verfassung der queeren Subkultur.

30 Jahre nach der Erstausgabe ist im Albino Verlag eine erweiterte Neuauflage von Michael Sollorz' Debütroman "Abel und Joe" erschienen (Bild: Albino Verlag)
- 8. Dezember 2024, 08:43h 7 Min.
Michael, "Abel und Joe" ist im Herbst zu seinem 30. Jubiläum in einer neuen Ausgabe erschienen. Hast du mit dem Abstand der drei Jahrzehnte eine eigene Erklärung dafür, was den Text zeitlos macht?
Wie sagt man in Berlin? Die Liebe und der Suff, dit regt den Menschen uff. Es sind ja die zeitlosen Themen, um die das Buch kreist, die ewige Sehnsucht, die Liebe, sexuelle Begierde. Verlustangst. Dazu die lebenslange Herausforderung, mit Veränderungen zurechtzukommen. Auch vor dem Hintergrund historischer Umbrüche.
Der Roman folgt Abel, der auf der Suche nach seinem verschwundenen Freund Joe durch Berlin läuft und dabei die Geschichte der beiden reflektiert. Eine gute Versuchsanordnung, um sehr nahbar Beziehungs- und Lebensentwürfe aus schwuler Sicht zu verhandeln. Ging es dir beim Schreiben des Romans darum, einen Kontrapunkt zu gängigen heterosexuellen Beziehungsnarrativen zu setzen? Oder was war die Motivation, den Roman zu schreiben?
Sie ringen ja miteinander, weil Abel ihre Beziehung offen führen will, während Joe darunter leidet, dass der Freund häufig mit anderen schläft. Das ist ihr Konflikt. Kann ihre Beziehung überhaupt bestehen, wenn Joe das nicht aushält? Ein schmerzhafter Lernprozess, und der ist vielleicht am dichtesten dran an dem, was du heterosexuelles Beziehungsnarrativ nennst. Also eigentlich kein Kontrapunkt, sondern dieselbe Sauce, an der so viele Ehen scheitern. Mich hat das in jüngeren Jahren auch sehr beschäftigt. Daher taucht dieses Ringen in meinen Büchern immer mal auf.
Ein wichtiges Sub-Thema sind auch die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Abel ist Ostberliner, Joe aus dem Westen in die neue Hauptstadt gezogen, was sie in vielen Punkten unterscheidet. Wie präsent waren solche Unterschiede in deinem eigenen Leben/der schwulen Szene, als der Roman 1994 – fünf Jahre nach dem Mauerfall – erschien?
Am Anfang gab es Neugier aufeinander, die hat sich später abgekühlt. Die meisten Westler schauten ja auf den Osten herab, der interessierte sie eigentlich nicht. Sie hätten ja auch früher schon gucken kommen können, oder? Neulich schrieb ich für die "Siegessäule" etwas zum Mauerfall-Jahrestag, da ging es auch um meine Wahrnehmung der Westmänner damals. In dem Text steht der Satz: "Da hockte viel Angst hinterm Lack." Aber ich hatte Glück. Der Mann, dem das Buch gewidmet ist, kam Anfang der 1990er Jahre aus NRW zu mir in die Rigaer Straße. Katholisch grundierter Antikommunist trifft gottlosen Ostberliner Linksradikalen, könnten wir behaupten. Klänge spannend. War es wohl auch. Und man könnte denken, ich hätte mir das Abenteuer unserer Liebe von der Seele geschrieben. Manches war fremd, das schon, aber wir wollen nicht übertreiben. Er kam ja schließlich nicht aus Laos oder Eritrea. Über diese Unterschiede steht einiges in dem Buch, die haben mich natürlich beschäftigt. Heute sind wir kein Paar mehr, dafür sehr enge Freunde. Über alles Trennende hinweg.
Es heißt ja oft, Schwule untereinander würden sich bei der Überbrückung kultureller Unterschiede leichter tun, weil sie die gemeinsame Erfahrung der Abweichung von der Heteronorm und die Prägung durch die schwule Subkultur eint. Würdest du dem zustimmen?
Grundsätzlich ja. Verfolgt oder zumindest abgelehnt zu werden, ist ja sozusagen Teil unserer DNA, eine existenzielle Erfahrung, die wir gemeinsam haben, selbst wenn heute vieles leichter geworden ist. Und das bringt Vorteile im Umgang, mehr Verständnis füreinander – oder sollte es zumindest. Um so ratloser macht es mich, wie sich Teile unserer sogenannten Community fetzen und zerlegen, statt gemeinsame Interessen zu verfolgen. Wo sind die Ironie und das Lachen hin? Da geht es so geltungsbedürftig und machthungrig zu, zum Weglaufen ist das.
Sex spielt als Mittel zur Verständigung und Selbstverortung eine wichtige Rolle in "Abel und Joe". Du bildest im Roman die vielfältigen Cruising-Möglichkeiten Berlins ab, dessen Ruf als schwule Party- und Sexhauptstadt sich damals ähnlich wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts neu etablierte. Kannst du beurteilen, was diesen Ruf ausmacht, und ob er immer noch gerechtfertigt ist?
Weiß ich nicht. Das sind bloß so Etiketten. Köln klebt es ja genauso auf der Stirn. Berlin wandelt sich ständig, mehr noch als andere Städte durch die Folgen der Teilung. Dinge verschwinden, neue entstehen, schwer zu vergleichen. Zu Abels Zeit hatten wir fünf schwule Saunen. Dafür waren "Fickstutenmarkt" oder Berghain noch in weiter Ferne, Grindr und Gay Romeo noch nicht erfunden. Damals war der Prenzlauer Berg der angesagte schwule Ausgehbezirk im Osten. Das hat die Gentrifizierung gründlich kaputt gemacht, die Läden sind alle weg. Mal abgesehen von "Sonntagsklub" und "Bärenhöhle". Und den beiden Porno-Schuppen, zum Glück.
Du schreibst gleichzeitig unverblümt und sinnlich über Sex. Unter dem Pseudonym Fabian Kaden hast du auch explizite schwule Erotik geschrieben. Das Pseudonym ist kein Geheimnis, aber eine klare Abgrenzung. Was unterscheidet die Arbeit an den Kaden-Büchern von der Arbeit an Texten wie "Abel und Joe"?
Ich liebe Pornografie. Leider sind die meisten Einhand-Texte unlesbar schlecht geschrieben, sprachlich wie dramaturgisch. Bleiben die vielen Filme, da gibt es im Müllberg manches wirklich Schöne. Und ich liebe Literatur. Das sind zwei Paar Schuhe, auch wenn die Grenzen gerne verschwimmen. Ein Text wie "Abel und Joe" nimmt sich alle Freiheiten der Literatur, das ist sozusagen eine Entdeckungsreise mit ungewissem Ausgang, beim Schreiben und beim Lesen. Ein Porno verfolgt dagegen die klare Absicht, sexuelle Erregung zu stiften. Und, wenn es lustvoll funktionieren soll, diese Erregung jedes Mal lange genug am Köcheln zu halten. Denn auf drei schlappe Zeilen zu wichsen, ist schwierig, das braucht Begleitung, mehr Futter für längere Minuten Lesezeit, wohldosiertes, nahrhaftes Textfutter, dem man gerne weiter folgt. Fabian Kaden ist mein Versuch, solche Texte zu schreiben, wie ich sie selber lesen würde.
Der Neuausgabe von "Abel und Joe" ist eine sehr liebevolle aktuelle Betrachtung deiner Kollegin Katja Oskamp angefügt, die wie du aus Ostberlin stammt und gerade mit "Die vorletzte Frau" ebenfalls ein Buch herausgebracht hat, in dem es viel um Sex geht, wenn auch aus Heteroperspektive. Was von beiden verbindet stärker: die Sozialisation in der DDR oder das Interesse an Sex?
Oh je, du stellst Fragen. Die DDR erlebt zu haben, denke ich. Eben auch ihren entspannteren Umgang mit Körper und Sexualität. Dort jung gewesen zu sein, in diesen ganzen Widersprüchen. Und dann hinterher erlebt zu haben, wie 35 Jahre auf ihr rumgetrampelt wurde, diese feindselige Missachtung, als wäre sie ein Höllenloch gewesen.

Michael Sollorz und Katja Oskamp bei der Buchpremiere in Berlin (Bild: Albino Verlag)
Die queer.de-Rezension der Neuausgabe von "Abel und Joe" stellt "die gewagte Vermutung" in den Raum, Joe gäbe es vielleicht gar nicht, sondern er sei "eine personifizierte Metapher von Abels Bindungsängsten". Kannst du mit dieser Interpretation etwas anfangen?
Klar, warum nicht? Das ist doch jedes Mal faszinierend, wie ein Text zunächst beim Schreiben Gestalt annimmt, und dann entsteht im Kopf des Lesers noch mal etwas ganz Eigenes. Das kann auch sonst wohin führen, die Macht des Autors endet dort. Deutungsoffen, jeder liest sein eigenes Buch. Bindungsängste? Bitte, gerne. Joe als Traumprinz? Die Liebe, das Festhalten – vielleicht ist ja alles nur ein Traum?
Atmosphärisch vermittelt "Abel und Joe" sehr gut den gemächlicheren Rhythmus einer analogen Welt ohne Handys, Social Media und Dating-Apps, der aus heutiger Sicht durchaus als Idylle gelesen werden kann. Wie stehst du zu den Veränderungen, die digitale Vernetzungssysteme der (schwulen) Welt gebracht haben?
Die gehen ziemlich an mir vorbei. Ich mag Langsamkeit. Konzentration. Den Mann, mit dem ich seit 14 Jahren sehr glücklich bin, habe ich aus dem Internet, das immerhin, den Erfindern dafür großen Dank. Die beiden Partner vor ihm kamen noch analog zustande. Es ging also schon mal ohne. Und sonst? Mein Handy hat zehn Euro gekostet, ein sogenannter Knochen, der steckt immer in der falschen Jacke. So bin ich in der U-Bahn der Einzige, der nicht auf ein Display starrt. Selber schuld. Das Leben ist ja nun mal analog. Oder die Sachen, die mir wichtig sind. Ein Buch, überhaupt Papier. Lamys Brot. Kaltes Bier. Fahrrad fahren. Schwänze. Regen im Garten, Hummeln, Nachbars Katze. Schuhe putzen. Wäsche waschen. Umarmungen. Krankheiten. Sterben. Was hab ich vergessen? Ist alles restlos analog, oder?
In deinen letzten Arbeiten für den Rundfunk und dem Roman "Zeit der Kräne" waren die schwulen Themen weniger präsent. Dürfen wir für die Zukunft trotzdem mal wieder auf eine schwule Erzählung des Autors Michael Sollorz hoffen?
Versprochen.
Michael Sollorz: Abel und Joe. Roman. Mit einem Nachwort von Katja Oskamp. 156 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2024. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-86300-380-7). E-Book: 15,99 €
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