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Jetzt im Kino
So langweilig (und unterhaltsam) kann eine BDSM-Beziehung sein
Ann ist eine ziemlich unscheinbare Frau, doch sie unterwirft sich gerne völlig ihrem Partner. Die Komödie "Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist" macht deutlich, dass BDSM nicht immer aufregend ist. Dafür aber sehr lustig.

Ann (Joanna Arnow), eine etwas mürrische New Yorkerin in ihren 30ern, fühlt sich in allen Bereichen ihres Lebens festgefahren (Bild: 24 Bilder)
- 12. Dezember 2024, 03:48h 4 Min.
Du sollst nicht langweilen. Dieses oberste Gebot des Komödien-Meisters Billy Wilder ("Manche mögen's heiß") gilt noch heute unverändert für Filme genau wie alles andere, was eine Geschichte erzählt. Langeweile erlebt das Publikum schon im eigenen Leben mehr als genug, da soll das Kino eine willkommene Flucht darstellen.
Doch natürlich lässt sich mit dieser goldenen Regel spielen und brechen. Denn gerade das, was allgemein als spannend und aufregend gilt, kann sich in Wahrheit als langweilig und trivial entpuppen. Der Hype ist aufgeblasen – kommt man dahinter, fällt das Konstrukt in sich zusammen.
BDSM im Film: Oft extreme Welten

Poster zum Film: "Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist" startet am 12. Dezember 2024 bundesweit in den Kinos
Spätestens seit der erotischen Roman-Trilogie "Shades of Grey" und der darauf basierenden, vielfach verrissenen Kino-Adaption der Regisseurin Sam Taylor-Johnson ist auch das Thema BDSM in der gesellschaftlichen Blümchensex-Mitte angekommen. Das ist, bei aller inhaltlichen Kritik, ja erstmal was Gutes: Von Sexpositivität profitieren schließlich auch queere Menschen. Selbst dann, wenn sexpositiv nur bedeutet, dass sich Freundinnen einen Sextoy-Adventskalender schenken.
Die Abkürzung BDSM ist zwar präsenter, aber popkulturell ist sie noch weit vom Mainstream entfernt. Das liegt auch daran, wie diese sexuellen Präferenzen dargestellt werden: Meist sprühen BDSM-Filme vor Lust, Hingabe und Leidenschaft und suggerieren, dass es ein ganzes Arsenal an außergewöhnlichem Zubehör dafür braucht. Oft zeigen sie extreme Welten, die mit der eigenen möglichst wenig zu tun haben, wie Lars von Triers "Nymphomaniac" oder Michael Hanekes "Klavierspielerin".
Je erniedrigender, desto besser
Dabei kann BDSM auch in einer ganz schlichten New Yorker Wohnung stattfinden: kahle, weiße Wände statt Kerker-Atmosphäre. Und noch dazu kann BDSM alles andere als aufregend sein. Das beweist "Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist". Die Komödie mit dem sperrigen Titel folgt der Hauptfigur Ann in ihrer längeren, unverbindlichen BDSM-Beziehung mit Allen. Ann ist gerne unterwürfig und folgt den Befehlen ihres Doms – je sinnloser, desto erniedrigender, also besser.
Ann, gespielt von Joanna Arnow, die auch das Drehbuch schrieb und Regie führte, ist nach außen hin eine ganz und gar unscheinbare Person: Gerader Pony, die Haare an den Seiten leicht gewellt, unauffällige Brille, dazu immer ein eher unbeteiligter Gesichtsausdruck. Auch ihr harmloser, nicht zu stressiger Bürojob passt zu ihr. Und auch auf visueller Ebene transportiert sich diese Durchschnittlichkeit: Die vielen Totalen und Innenaufnahmen wirken bewusst uninspiriert, zudem fast dokumentarisch.
Emotionsloser Sex im Fickschwein-Kostüm
"Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist" erzählt nicht die eine lineare Geschichte. Vielmehr nähert sich die Komödie ihrer Hauptfigur in vielen kleinen Kapiteln, die zusammengenommen ein Porträt von Ann ergeben. Im Wesentlichen gibt es drei Handlungsstränge: die BDSM-Beziehung mit Allen, die seit acht Jahren läuft, Begegnungen mit den Eltern sowie Bürosituationen.
Sie eint, dass Ann meist völlig belanglose Gespräche führt und emotionslosen Fetisch-Sex hat. Als sie Allen nicht länger trifft, lernt sie andere Männer kennen – mal mit, mal ohne BDSM, einmal auch im Fickschwein-Kostüm. Doch es bleibt emotionslos. Zumindest, bis sie Chris trifft.
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Das Außergewöhnliche im Normalen
Für die Regie führende Hauptdarstellerin Joanna Arnow ist es der erste Spielfilm. Ihr Kurzfilm "Bad at Dancing" lief vor ein paar Jahren auf der Berlinale und war für einen Teddy nominiert. Schon damals näherte sie sich Sex mit einem trockenen, aberwitzigen Humor, der an Lena Dunhams Serie "Girls" erinnert.
In "Dieses Gefühl" baut sie ihn noch aus. Sie erweitert ihn um Aspekte rund um Kommunikation, Gefühle und Bedürfnisse in einer Beziehung, die zwar von einem dominanten und einem unterwürfigen Part geprägt ist, aber dennoch auf Augenhöhe stattfinden soll. Es sind also durchaus ernste Themen, die in dem emotionslosen Setting zur Sprache kommen.
Es ist ein skurriler Humor, der nicht bei allen zünden wird. Doch Joanna Arnow zeigt hier ein großes Verständnis fürs Außergewöhnliche im Normalen und fürs Normale im Gewöhnlichen. Dass eine langweilige Figur langweiligen Sex hat, kann eben doch spannend und unterhaltsam sein – wenn man sich den Sex so ganz anders vorgestellt hat.
Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist. Komödie. USA 2023. Regie: Joanna Arnow. Cast: Joanna Arnow, Scott Cohen, Alysia Reiner, Parish Bradley. Laufzeit: 89 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: 24 Bilder. Kinostart: 12. Dezember 2024
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