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"Rücksichtslose Entscheidung"
Trotz Todesstrafe für Schwule: FIFA vergibt Fußball-WM an Saudi-Arabien
Mit Unterstützung des DFB ist die Fußball-WM 2034 an ein Land vergeben worden, das Homosexuelle mit dem Tod bedroht.

Die WM-Vergabe nach Saudi-Arabien und die Unterstützung des Folterregimes durch DFB-Chef Bernd Neuendorf ist bereits in den letzten Wochen von deutschen Fans – hier bei einem Spiel des Hamburger SV – kritisiert worden (Bild: IMAGO / Oliver Ruhnke)
- 12. Dezember 2024, 09:41h 4 Min.
Mit dem goldenen WM-Pokal an seiner Seite klatschte Gianni Infantino zufrieden in die Hände. Von den per Videokonferenz zugeschalteten über 200 Delegierten kam keinerlei Widerspruch, folgsam wurde die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2030 und 2034 mit Applaus abgesegnet. Die Endrunde 2034 wird im von Menschenrechtsorganisationen kritisierten Saudi-Arabien gespielt, das die Todesstrafe auf Homosexualität nicht nur gesetzlich festgeschrieben hat, sondern derartige Urteile auch vollstreckt für 2030 bekamen bei dem Online-Kongress gleich sechs Länder den Zuschlag, von denen eines Homosexualität ebenfalls unter Strafe stellt.
FIFA-Präsident Infantino gratulierte Marokko, Spanien Portugal sowie für die Ausrichtung von jeweils einem Eröffnungsspiel Argentinien, Paraguay und Uruguay. In Marokko stehen auf Homosexualität zwischen sechs Monaten und drei Jahre Haft.
In nicht einmal 90 Minuten traf Infantinos FIFA die wegweisenden Entscheidungen für das kommende Jahrzehnt. In der kleinen Videokachel des Deutschen Fußball-Bundes war DFB-Generalsekretärin Heike Ullrich zu sehen, ihr Applaus war in der Live-Übertragung zu erahnen. Es gab jeweils keine Gegenkandidaten.
Während seiner Schlussrede ging Infantino am Rande auch auf "Kritik und Ängste" ein. Er aber habe Vertrauen, "und ich weiß, dass wir eine WM haben werden, die den Erwartungen der Welt entsprechen wird", sagte der 54-Jährige. Es würden "positive Auswirkungen" auf den Umgang mit Menschenrechten erreicht. "Es ist auch positiv, dass die Scheinwerfer auf eine FIFA-WM gerichtet sind und sie zeigen, was verbessert werden sollte und was verbessert werden kann."
Wenige Minuten nach der Abstimmung verschickte das Organisationskomitee aus Saudi-Arabien eine euphorische Pressemitteilung. Das Land verspreche ein "Turnier der Superlative", hieß es. Die Geschichte werde neu geschrieben. Ab 2026 werden die Weltmeisterschaften mit 48 Teams und 104 Partien ausgerichtet. Amnesty International kommentierte: Die "rücksichtslose Entscheidung" der FIFA werde "viele Menschenleben gefährden".
FIFA: Todesstrafen-Staat Saudi-Arabien hat nur "mittleres" Risiko bei Menschenrechten
Saudi-Arabien war in den vergangenen Monaten immer wieder kritisiert worden, auch für Schwule und Lesben (queer.de berichtete). Human Rights Watch schrieb zuletzt von "eklatanten Menschenrechtsverletzungen" in dem Königreich. Die FIFA hatte dem Bewerber dagegen nur ein "mittleres" Risiko in Menschenrechtsfragen bescheinigt. Saudi-Arabien verspricht in seinen Bewerbungsunterlagen weitreichende Reformen – und sagte etwa zu, dass auch queere Fans willkommen seien.
Völlig offen ist, wann im Jahr 2034 gespielt wird. Vergleichbar mit den Bedingungen im Nachbarland Katar, dem Gastgeber der WM Ende 2022, herrscht während der traditionellen WM-Monate im Juni und Juli große Hitze in Saudi-Arabien. Die Verlegung in den Spätherbst brächte große Probleme für die Spieltermine der Ligen und internationalen Club-Wettbewerbe. Am Jahresanfang, im Februar 2034, werden die Olympischen Spiele ausgerichtet.
Die Rückkehr in die Golfregion nur zwölf Jahre nach der Katar-WM wurde möglich, weil FIFA-Präsident Gianni Infantino die Vergabe der Endrunde 2030 an Länder in drei Kontinenten durchgesetzt hatte. In Südamerika wird zum Auftakt wegen des 100-Jahre-Jubiläums der Weltmeisterschaften gespielt. Spanien und Portugal werden die ersten Gastgeber aus dem Gebiet der Europäischen Fußball-Union UEFA seit Russland 2018. "Die Welt wird stillstehen und diese 100 Jahre (der Weltmeisterschaften) feiern", sagte Infantino.
Da die kommende WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada stattfindet, kam gemäß FIFA-Regularien nur ein Gastgeber aus der asiatischen und ozeanischen Konföderation für das Turnier 2034 infrage. Als einziger potenzieller Gegenkandidat von Saudi-Arabien hatte Australien verzichtet – auch wegen kurzfristig angesetzter Bewerbungsfristen. So war der Weg für das Königreich frei.
Nach der skandalumwitterten Doppelvergabe im Jahr 2010 an Russland für die WM 2018 und Katar für die WM 2022 hatte die FIFA ursprünglich angekündigt, auf ein solches Verfahren verzichten zu wollen. Während seiner Eröffnungsrede sprach Infantino von einer "unglaublichen Botschaft der Einheit", die an eine Welt geschickt werde, in der man das Gefühl habe, es gebe keine Einigkeit mehr. "Wir wollen jetzt Geschichte schreiben, wir wollen die Welt vereinen mit dem Fußball, durch den Fußball", sagte der Schweizer.
Die Erklärung des DFB
DFB-Präsident Bernd Neuendorf hatte in der vergangenen Woche angekündigt, trotz der Kritik an Saudi-Arabien bei der Doppelvergabe dafür zu stimmen. "Uns allen ist die Situation der Bürgerrechte und auch der Repressalien in Saudi-Arabien bewusst. Das ist nichts, was wir in irgendeiner Form gutheißen", sagte Neuendorf. Mit einer Ablehnung oder gar einem Boykott würde aber nicht das erreicht werden, was man erreichen wolle. "Ich glaube, wir können den Einfluss nur dann geltend machen, wenn wir sagen: Ja, wir stimmen zu, aber wir wissen, es gibt Defizite", sagte Neuendorf, der damit auch auf Infantinos Aussage anspielte, dass eine WM die Lage der Menschenrechte in einem Land verbessern würde.
Allerdings verweisen LGBTI-Aktivist*innen bei dieser Argumentation gerne auf die WM in Katar. Die FIFA hatte bereits nach der Vergabe an das autoritär regierte Land behauptet, dass sich die Menschenrechtssituation durch das Turnier mit Sicherheit positiv entwickeln werde. In Wirklichkeit müssen laut RTL-Recherchen queere Menschen wegen der WM mit noch mehr Verfolgungsdruck rechnen (queer.de berichtete). Warum dies im Fall des noch weit queerfeindlicheren Saudi-Arabien anders sein soll, haben bislang weder FIFA noch DFB erklären können. (dpa/dk)














