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Die bescheidenen Anfänge einer bösen Hexe: "Wicked" im Queer-Check

Der Kinofilm "Wicked" erzählt die Vorgeschichte der Hexen aus dem Klassiker "The Wizard of Oz". Obwohl das campy Fantasy-Musical keine queere Handlung hat, ist es von Queerness quasi durchzogen. Aber leider auch voller Klischees.


Elphaba (Cynthia Erivo) ist ursprünglich alles andere als böse (Bild: Universal Studios)

Die Bewohner*innen des Märchenreichs Oz sind, man muss das leider so sagen, offensichtlich nicht die Hellsten. Sie sind zwar jederzeit für eine Gesangs- und Tanznummer zu haben, aber leicht zu beeindrucken, noch leichter zu manipulieren und notorisch misstrauisch und gemein gegenüber jedem und allem, was irgendwie von der Norm abweicht.

Dazu gehört die grünhäutige Elphaba, die seit ihrer Geburt überall großen Aufruhr auslöst – und natürlich auch, als sie ihre gehbehinderte jüngere Schwester zum Studienstart an die Magie-Universität Shiz begleitet. Wie in jedem US-Teeniefilm steht der gemobbten Außenseiterin eine hyperpopuläre Star-Studentin gegenüber, die nichts falsch machen kann und von einer Art "Hofstaat" umschwärmt wird: Galinda. Aus den beiden werden später die gute Hexe Glinda (die subtile Namensveränderung passiert im Laufe des Films) und die böse Hexe des Westens (im Original: the Wicked Witch of the West), zentrale Figuren des amerikanischen Märchenklassikers "The Wizard of Oz" (1939).

Gutherzige Außenseiterin statt böse Hexe


Poster zum Film: "Wicked" läuft seit 12. Dezember 2024 bundesweit im Kino

Das eben in den Kinos gestartete Fantasy-Musical "Wicked" erzählt die Vorgeschichte dieser legendären Hexen – und siehe da: Elphaba (Cynthia Erivo) ist ursprünglich alles andere als böse, im Gegenteil. Fast als einzige hat sie einen moralischen Kompass, lässt sich nicht für dumm verkaufen und möchte ihre magischen Kräfte beherrschen lernen, um sie positiv einzusetzen. Zum Beispiel, um den sprechenden Tieren zu helfen, die mehr und mehr aus der Gesellschaft von Oz gedrängt werden. Galinda (Ariana Grande) hingegen ist selbstbezogen, oberflächlich und manipulativ.

Aber auch nicht ganz ohne Herz, denn sie ist es schließlich, die den entscheidenden Schritt auf Elphaba zumacht und sie damit doch noch aus ihrer Außenseiterposition an der Uni herausholt. Die beiden werden so etwas wie Freundinnen und gemeinsam von Madam Morrible (Michelle Yeoh) in Magie unterrichtet. Allerdings sieht sie bei Galinda dafür wenig Potenzial und nimmt sie nur Elphaba zuliebe auf. Diese hingegen findet die Magieprofessorin derart vielversprechend, dass sie den Wizard (Jeff Goldblum) auf sie aufmerksam macht, eine geheimnisumwobene Figur, die in der Smaragdstadt in einem Palast residiert und enorme magische Kräfte haben soll.

Als aus dem Palast eine persönliche Einladung an Elphaba kommt, machen sich die beiden jungen Frauen auf den Weg, nur um dann beim Treffen mit dem Wizard festzustellen, dass alles ganz anders ist als sie dachten.

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Vom Buch übers Broadway-Musical zum Kino-Zweiteiler

Bis dahin wird viel gesungen und getanzt – die Buchvorlage von 1995 wurde zuerst als Musical adaptiert, das seit 2003 am Broadway in New York läuft und auf dem nun die beiden Filme basieren. Teil 2 wird im November 2025 in die Kinos kommen. "Wicked" ist aufwendig inszeniert, bunt und laut, bietet aber auch für Nichtkenner des Musicals kaum Überraschungen und lässt wirklich kein Handlungsklischee aus. Selbst das Ohrwurmpotenzial der Songs hält sich in Grenzen. Und als es gegen Schluss endlich spannender und düsterer wird, endet der Film schon bald – immerhin mit Potenzial für die zweite Hälfte der Geschichte.

Obwohl "Wicked" keine queere Handlung hat, ist der Film von Queerness quasi durchzogen. Das fängt an mit dem Genre (Musical!) und geht weiter mit der Außenseiterstory und dem Cast: Cynthia Erivo (Elphaba), Jonathan Bailey (Prinz Fiyero), Bowen Yang (Teil von Galindas Hofstaat), Marissa Bode (Elphabas Schwester) – alle gay. Ebenso wie diverse weitere Darsteller*­innen in Nebenrollen. Zudem ist der Film über weite Strecken dermaßen übertrieben überdreht, dass man ihn nur als ziemlich campy bezeichnen kann.

"The Wizard of Oz" hat ikonischen Status bei Queers

Die queersten Szenen liefert Jonathan Bailey als Mitschüler und unbekümmerter Partyprinz. Da ist einmal der Moment, in dem Bowen Yangs offensichtlich schwule Nebenfigur ihm schmachtend gesteht, dass er alles für ihn tun würde. Und dann natürlich Fiyero's Song "Dancing Through Life", in dem er mit Frauen und Männern gleichermaßen tanzt und flirtet, obwohl er sich in der Story nur für Galinda und Elphaba interessiert.


Bronwyn James als Shenshen und Bowen Yang als Pfannee in "Wicked" (Bild: Universal Studios)

Hinzu kommt die historische Bedeutung des Originalfilms von 1939 zumindest für die amerikanische Gay Community. Die vielen Außenseiterfiguren der Geschichte sprachen die bis in die 1960er Jahre weitgehend versteckt lebenden Queers enorm an, und Hauptfigur Dorothy und ihre Darstellerin Judy Garland erreichten einen geradezu ikonischen Status. Ebenso der von Garland im Film gesungene Klassiker "Somewhere over the Rainbow", der zur Schwulenhymne wurde und offenbar sogar die Regenbogenflagge der queeren Bewegung mitinspirierte.

Dass "Wicked" also gerade auch bei queeren Menschen auf Interesse stößt, kann da nicht überraschen. Dennoch: Wer weder ein Fan des Originalfilms noch des Broadwaymusicals ist, findet im reichhaltigen Streamingangebot definitiv bessere Fantasyfilme, bessere Musicals und sowieso bessere queere Filme, um ein paar unterhaltsame Stunden zu verbringen.

Infos zum Film

Wicked. Filmmusical. USA 2024. Regie: Jon M. Chu. Cast: Cynthia Erivo, Ariana Grande, Jonathan Bailey, Ethan Slater, Bowen Yang. Laufzeit: 161 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 6. Verleih: Universal Pictures. Kinostart: 12. Dezember 2024
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