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Buchtipp
Was brauchen junge trans* Personen?
Trans* Kinder und Jugendliche werden oft von Erwachsenen bevormundet. Viel besser wäre es, wenn die Erwachsenen den jungen Menschen zuhören. Denn die können für sich selber sprechen, wie das lesenswerte Buch "Wir sind wir" zeigt.

Symbolbild: Junge trans Menschen feiern Silvester (Bild: Zackary Drucker / The Gender Spectrum Collection)
- Von Christian Höller
20. Dezember 2024, 14:01h 8 Min.
In Teilen der Gesellschaft wird viel über trans* Personen diskutiert. Rechte und konservative Kreise behaupten, dass Transgeschlechtlichkeit ein Hype und das Ergebnis einer "Gender-Ideologie" sei. Sie wollen Kinder und Jugendliche davor "schützen". Rechte Kreise sind etwa der Ansicht, dass Kinder und Jugendliche zu schnell Pubertätsblocker verschrieben bekommen. Bei diesen, teilweise sehr emotional geführten Debatten wird jedoch nur selten auf die Bedürfnisse von jungen trans Menschen eingegangen. Leider glauben Erwachsenen zu wissen, was Kinder und Jugendliche brauchen, ohne mit ihnen darüber gesprochen zu haben.
Doch diese Bevormundung muss aufhören. Es wäre besser, wenn wir als Erwachsene mehr auf junge Menschen zugehen und ihnen wertschätzend zuhören. Denn sie haben uns viel zu sagen. Und wir können auch viel von ihnen lernen, wie das berührende Buch "Wir sind wir" (Amazon-Affiliate-Link ) zeigt. Hier erzählen 18 junge trans* Menschen über ihr Leben. Sie berichten von ihrer Transition, von ihrem Coming-out, von Erfahrungen der Ausgrenzung, aber auch von wunderschönen Momenten.
Über dieses Buch muss gesprochen werden!
Es ist schade, dass so wenig über dieses Buch gesprochen wird. Denn hier haben wir die Gelegenheit, zu erfahren, wie es jungen trans* Menschen geht und was sie brauchen. Wie in dem Buch folgt in diesem Beitrag bei trans* ein Sternchen am Ende des Wortes. Das Sternchen soll sichtbar machen, dass alle trans* Personen angesprochen sind, unabhängig von den Begriffen, die sie für sich benutzen.
"Wir sind wir" macht auch Mut, weil alle Erzählungen zeigen, wie wichtig es ist, zu sich selbst zu stehen. Viele Personen, die Diskriminierung erleben, finden in der queeren Community eine neue Familie. "Die queere Community hilft sehr, sich entspannen zu können, weil man nicht angefeindet wird, weil man sich nicht verstellen muss", sagt Coley (they/them), 18 Jahre alt, auf dem Land aufgewachsen. "Die queere Family, meine Freunde, haben mich da durchgetragen. Die jüngeren Queers in der Jugendgruppe sind für mich quasi wie kleinere Geschwister, um die ich mich kümmere", heißt es im Beitrag von Coley.
"Es lohnt sich zu kämpfen"

"Wir sind wir – Junge trans* Menschen erzählen" ist als Taschenbuch und E-Book erhältlich
Coley will queeren Personen, die es schwer haben, diese Sätze mitgeben: "Egal wie scheiße es dir gerade geht, es wird besser werden! Es lohnt sich zu kämpfen und weiterzumachen. Schlechte Zeiten bleiben nicht ewig." Seitdem Coley sich geoutet habe und Testosteron nehme, "war mein Leben nie angenehmer, und ich war nie glücklicher". Coley habe mit Drag angefangen, "bevor ich mir wirklich sicher war, dass ich trans* bin. Ich habe mich geschminkt, auch mit Bart, und gemerkt: Das fühlt sich gut an!"
Von der Politik wünscht sich Coley: "Aufhören, queerfeindliche Narrative zu verbreiten und Expert*innen einbeziehen." Coley will nicht, dass "immer cis und hetero Menschen darüber entscheiden, wie queere Menschen zu leben haben". Coley hält es für notwendig, dass Erwachsene junge Menschen nicht bevormunden: "Hört den Kindern und jungen Menschen zu und lasst sie für sich selber sprechen." Gesellschaftlich werden Jugendliche noch nicht als vollwertige Menschen gesehen, "sondern immer nur als die Jugendlichen, auf die wir herabschauen, die Jugendlichen, die wir kontrollieren dürfen, die Jugendlichen, deren Körper wir uns aneignen können". Das müsse sich ändern. Es müssen endlich Gesetze für Jugendliche erlassen werden, fordert Coley. "Es gibt so viel Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Sexualität, Gender und Rasse, dass der Kampf für eine gerechtere Welt intersektional geführt werden muss."
"Konnte mich nicht nackt im Spiegel ansehen"
Ähnlich denkt Jasper (er/ihm). Er habe in der Jugend ein starkes Unwohlsein hinsichtlich des Körpers empfunden. "Ich konnte mich nicht nackt im Spiegel ansehen. Das habe ich einmal gemacht und bin dann komplett zusammengebrochen, hab mich arg betrunken und ein paar Tage das Bett nicht verlassen." Seine Dysphorie sei mit der Hormontherapie extrem schnell zurückgegangen.
Zwei Dinge seien für ihn sehr wichtig gewesen: "Die Hormontherapie und einfach akzeptiert zu werden." Früher habe er täglich Suizidvorstellungen gehabt. Es habe eine Hoffnungslosigkeit gegeben. Mit der Hormontherapie sei er "zu einem sehr lebensfrohen, glücklichen, optimistischen, offenen, kommunikativen, begeisterungsfähigen, resilienten Menschen geworden". Er empfiehlt in diesem Zusammenhang queere Treffs, "wo man einfach die Möglichkeit hat, ältere trans* Personen kennenzulernen, die schon ein bisschen weiter sind auf dem Weg". Gleichzeitig rät er aber auch, nicht auf jede Person zu hören. "Schwarze Schafe gibt es überall. Und es gibt durchaus trans* Personen, die selbst trans*feindliche Dinge sagen."
Jasper hält den Grundsatz für wichtig, dass jede Person individuell sei. "Es gibt nicht 'die' trans* Frau und 'den' trans* Mann – jeder Mensch ist anders." Und bei der Transition gehe es nicht darum, ein Mann oder eine Frau zu werden, sondern darum, "den eigenen Weg zu finden, zu sich selbst zu finden." Alles, was die Personen auf diesem Weg für sich herausfinden, sei in Ordnung. So sei es beispielsweise in Ordnung, wenn trans* Menschen keine Hormontherapie machen möchten. "Alles ist okay, man muss keine Erwartungen erfüllen." Er, so Jasper, habe das in der Jugend nicht gewusst.
Trans*feindlichkeit in der schwulen Szene
Eine andere Person möchte in dem Buch nicht den vollständigen Vornamen nennen. Sie wird in dem Buch mit A (er/ihm) angesprochen. Er erzählt, dass er in der Schule komplett alleine gewesen sei. "Die anderen Kinder haben gemerkt, dass mit mir irgendetwas anders ist, und haben mich entsprechend behandelt – haben mich ausgeschlossen und teilweise auch gemobbt." Sie hätten zu ihm gesagt, dass er irgendwie gestört wäre. "Für mehrere Jahre war ich in der Schule isoliert, und die Lehrer*innen haben mich komplett ignoriert." Er habe starke Depression gehabt und habe oft überhaupt nicht mehr leben wollen. "Wenn dir von klein auf das Gefühl gegeben wird, dass du nicht dazugehörst und dass du weniger wert bist, macht das was mit deinem Selbstvertrauen und deinem Vertrauen in die Welt", erzählt A. Er habe habe damals auch "noch diese internalisierten Vorurteile, dass es widerlich ist, trans* zu sein", gehabt. Er habe sich selbst stark gehasst.
Er habe dann mit einer Therapie begonnen. Doch die Therapeutin sei alles andere als hilfreich gewesen. Als er in der Therapie gesagt habe, dass er sich als Junge fühle, wollte die Therapeutin "nicht darüber reden, beziehungsweise sie hat mich eher verunsichert, als sie gesagt hat, ich sei nicht männlich genug, um trans* zu sein".
Seitdem er mit der Hormontherapie begonnen habe, gehe es ihm psychisch viel besser. Sein Selbstvertrauen sei gestiegen. "Mein Ego ist nicht explodiert, ich hab bis heute noch meine Probleme. Aber zumindest konnte ich ein bisschen aus mir rausgehen, wusste, wer ich bin, und damit auch, was und wen ich mag und was oder wen nicht", heißt es in dem Buch. Er wünsche sich, dass Trans*feindlichkeit zurückgeht. "Eine der Grundlagen von Trans*feindlichkeit ist dieses starre Bild von zwei Geschlechtern und den Geschlechterrollen, die dazugehören, und die Vorstellung, dass das die einzig wahre, natürliche Ordnung ist." Jegliches Abweichen davon stelle angeblich eine Gefahr für die Gesellschaft oder die Gesundheit dar. "Das stimmt nicht", betont A. Er sei bi und habe vor allem mit Frauen nur gute Erfahrungen gemacht. "Mit Männern nicht unbedingt. Gerade in der schwulen Szene erlebt man doch sehr viel Trans*feindlichkeit", sagt A. In der schwulen Szene sei er als widerlich bezeichnet worden oder auf eine komische Art fetischisiert worden.
Traumatisierendes Asylverfahren
Lesenswert ist auch der Beitrag von C. (they/them) – eine trans* Person aus Kamerun, die nach Deutschland geflüchtet ist. Doch das Asylverfahren sei besonders schwierig gewesen. "Ich dachte, man erzählt da seine Geschichte und fertig. Aber bei der Anhörung suchen sie nach jedem kleinsten Fehler, den du vielleicht gemacht hast, und stellen gleichzeitig tückische Fragen", erzählt C. Durch solche Befragungen werden Menschen traumatisiert. C wünscht sich, dass diejenigen, die solche Gespräche führen, sensibler seien. "Sie müssen sich mit LGBTIQ+-Themen auskennen, mit Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung, damit sie genau wissen, was los ist, wenn Geflüchtete zu ihnen kommen." Der erste Asylantrag sei abgelehnt worden. "Ich war völlig verloren. Ich wusste nicht, was passiert. Ich konnte niemandem vertrauen. Das ganze Verfahren ist traumatisierend."
Das Auffanglager sei furchtbar gewesen. "Die Leute haben versucht, sich selbst zu verletzen, um eine Flüchtlingsunterkunft zu kommen. Manche haben aus Frustration angefangen zu trinken, weil sie nichts tun konnten." Schließlich sei C dann doch zu einer Richterin gekommen, die über die Situation in Kamerun Bescheid wusste. "Sie wusste, dass es dort keine Rechte für trans* Menschen gibt", erzählt C. Als C den positiven Bescheid bekommen habe, sei er unendlich glücklich gewesen. "Es war so, als hätte sich die Luft um mich herum verändert, verstehst du, es war eine große auch körperliche Erleichterung, wie wenn etwas von einem abfällt."
In dem Buch "Wir sind wir" finden sich noch viele weitere lesenswerte Beiträge. Es ist zu wünschen, dass sich nicht nur junge Menschen, sondern auch viele Erwachsene von diesen Lebensgeschichten inspirieren lassen. Das Buch sollte auch in jeder Schule verfügbar sein.
Kobai Halstenberg: Wir sind wir – Junge trans* Menschen erzählen. Illustriert von: Vanessa Mundle. 350 Seiten. Verlag Fischer Sauerländer. Frankfurt am Main 2024. Taschenbuch: 12,90 € (ISBN 978-3-7335-0788-6). E-Book: 9,99 €
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