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Interview

Queer und neurodivergent: "Ich erlebe oft Unverständnis"

Nico Castro ist schwul, Asperger-Autist und lebt mit ADHS. Im Interview mit queer.de spricht er über Vorurteile, seine früheren Dating-Schwierigkeiten und Forderungen an die Arbeitswelt.


Nico Castro, aktuell arbeitssuchend, betreibt seit 2023 die Gruppe "Queer Hotspot" in Weingarten (Bild: privat)

Vor kurzem erreichte die queer.de-Redaktion eine E-Mail von Nico Castro (22), der seine persönliche Geschichte teilen möchte. Als Asperger-Autist mit ADHS wurde er in der Schule häufig gemobbt – und auch in der Arbeitswelt stößt er immer wieder auf Hindernisse. Zudem erfährt er Diskriminierung aufgrund seiner Sexualität, was ihm die gesellschaftliche Akzeptanz zusätzlich erschwert.

Trotz dieser Hürden kämpft Nico täglich für seinen Platz in der Gesellschaft und möchte mit seiner Geschichte mehr Bewusstsein für die Vielfalt an Herausforderungen schaffen, mit denen queere und neurodivergente Menschen konfrontiert sind. Im Interview mit queer.de spricht er offen über seine Erfahrungen.

Nico, du hast in deiner Nachricht erwähnt, dass du Asperger-Autist bist und mit ADHS lebst. Wie beeinflussen diese Diagnosen deinen Alltag?

Meine Diagnosen prägen meinen Alltag stark. Als Asperger-Autist habe ich Schwierigkeiten, nonverbale Kommunikation zu deuten und mich in sozialen Situationen zurechtzufinden. ADHS bringt Impulsivität und Konzentrationsprobleme mit sich, was oft meine Produktivität und mein tägliches Leben beeinflusst. Ich habe jedoch gelernt, mit Struktur und klaren Strategien zu arbeiten, um diese Herausforderungen zu meistern, was mir auch hilft, mich in bestimmten Bereichen intensiv zu fokussieren.

Gibt es Situationen, in denen du das Gefühl hast, dass deine Mitmenschen besonders wenig Mitgefühl für deine neurodivergente Wahrnehmung oder deine gesundheitlichen Herausforderungen aufbringen?

Ja, besonders in Umfeldern ohne viel Wissen über Neurodivergenz erlebe ich oft Unverständnis. Wenn ich Schwierigkeiten habe, mich sozial anzupassen oder Impulse zu kontrollieren, wird das schnell als unhöflich oder unangemessen wahrgenommen. Es ist frustrierend, wenn meine Wahrnehmung als "seltsam" abgestempelt wird, anstatt Verständnis dafür zu finden.

Als besonders große Herausforderung bezeichnest du die Jobsuche. Wie könnte die Arbeitswelt inklusiver für neurodivergente und queere Menschen gestaltet werden?

Die Arbeitswelt könnte inklusiver sein, indem mehr Flexibilität und Verständnis für individuelle Bedürfnisse geschaffen wird. Für neurodivergente Menschen wären ruhige Arbeitsumgebungen und klare Kommunikation hilfreich. Queere Menschen sollten sich in einem sicheren Umfeld ohne Angst vor Diskriminierung fühlen. Diversity-Trainings und Sensibilisierung für solche Themen können dazu beitragen, mehr Akzeptanz zu schaffen.

Was sind für dich die größten Missverständnisse oder Vorurteile, mit denen du als neurodivergenter, queerer Mensch konfrontiert wirst?


Nico Castro engagiert sich in der LGBTI- sowie in der Klimabewegung

Ein großes Missverständnis ist, dass Neurodivergenz immer mit Defiziten gleichgesetzt wird. Dabei bedeutet es nur eine andere Wahrnehmung und Denkweise. Als queerer Mensch werde ich oft mit Vorurteilen konfrontiert, etwa dass meine Sexualität nicht ernst genommen wird oder dass wir keine stabilen Beziehungen führen können. Diese Vorurteile sind schädlich und weit von der Realität entfernt.

Auch Mobbing hat dich eine lange Zeit deines Lebens begleitet. Möchtest du kurz umreißen, in welcher Form dieses Mobbing aufgetreten ist?

In meiner Kindheit und Jugend wurde ich wegen meiner Neurodivergenz gemobbt. Das reichte von verbalen Angriffen bis hin zu körperlichen Übergriffen. Diese Erlebnisse haben mich sehr geprägt, besonders in Zeiten, in denen ich meine Identität noch nicht vollständig akzeptiert hatte. Erst später konnte ich lernen, mich von diesen Erfahrungen teilweise zu distanzieren.

Haben sich die Mobbing-Angriffe in erster Linie gegen dich als neurodivergenten oder als queeren Menschen gerichtet? Oder war es auch hier ein Zusammenspiel aus beidem?

Die Angriffe richteten sich hauptsächlich gegen mich als neurodivergenten Menschen. Was die queere Identität betrifft, habe ich zwar noch keine direkten Mobbing-Erfahrungen gemacht, aber oft mit diskriminierenden Blicken und Kommentaren zu kämpfen. Besonders in Ravensburg oder im öffentlichen Nahverkehr erlebe ich regelmäßig abfällige Bemerkungen, wenn mein Partner und ich uns in der Öffentlichkeit zeigen. Es zeigt, wie wichtig es ist, für Akzeptanz und Sichtbarkeit zu kämpfen.

Wie bist du mit dem Mobbing umgegangen und hast du Tipps für Menschen, die aktuell von Mobbing betroffen sind?

Der Umgang mit Mobbing war schwer, aber ich habe gelernt, mich mit unterstützenden Menschen zu umgeben. Mein Partner, enge Freunde und meine Familie waren immer eine große Hilfe. Mein Tipp ist, sich Unterstützung zu suchen – sei es durch Freunde oder professionelle Hilfe. Es ist wichtig zu wissen, dass Mobbing niemals die eigene Schuld ist und dass es möglich ist, gestärkt aus solchen Erfahrungen hervorzugehen.

Du schreibst, dass du ein "selbstbestimmtes Leben" führen möchtest und täglich dafür kämpfst. Was bedeutet ein "selbstbestimmtes Leben" für dich?

Für mich bedeutet ein selbstbestimmtes Leben, die Kontrolle über meine Entscheidungen zu haben und meine Identität frei zu leben. Es geht darum, mein Leben nach meinen eigenen Werten zu gestalten, ohne mich an gesellschaftliche Erwartungen anzupassen. Besonders als queerer Mensch ist es mir wichtig, meine Identität offen zu leben und für Akzeptanz zu kämpfen.

Unterstützung erhältst du dabei vor allem von deinem Partner. Wie waren deine Erfahrungen in der queeren Dating-Welt, bevor du ihn kennengelernt hast? War deine neurodivergente Wahrnehmung hier ein Thema?

Vor meinem Partner war das Dating-Leben schwierig. Oft gab es Missverständnisse, weil meine neurodivergente Wahrnehmung anders ist als die der meisten Menschen. Die queere Dating-Welt war oft oberflächlich, und es war schwierig, tiefere Verbindungen zu finden. Mit meinem Partner habe ich jedoch eine liebevolle und verständnisvolle Beziehung aufgebaut, in der wir uns gegenseitig unterstützen und respektieren.

Was würdest du unseren Leser*­innen, die größtenteils aus der LGBTI-Community kommen, abschließend gerne mit auf den Weg geben?

Ich möchte allen in der LGBTI-Community sagen: Ihr seid nicht alleine. Auch wenn jeder von uns individuelle Herausforderungen hat, sind wir gemeinsam stärker. Seid stolz auf eure Identität und eure Geschichte. Lasst uns weiterhin für Akzeptanz, Vielfalt und Sichtbarkeit kämpfen, damit wir irgendwann ohne Angst oder Vorurteile in der Öffentlichkeit leben können.

-w-