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Buchtipp
Berlin ist nichts für Anfänger, aber doch gut für alles Beginnende
Der kleine Band "Berlin war meine Stadt" ist ein empfehlenswerter Einstieg in das bewegte Leben und Werk des schwulen Schriftstellers Klaus Mann – und nebenbei eine Liebeserklärung an die Spree-Metropole.

Klaus Mann (1906-1949) war der älteste Sohn von Thomas Mann und einer der wichtigsten Vertreter*innen deutscher Exilliteratur. Zu seinen bekanntesten Werken gehören "Mephisto. Roman einer Karriere" und "Der Vulkan. Roman unter Emigranten" (Bild: BeBra Verlag)
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24. Dezember 2024, 12:21h 5 Min.
Klaus Mann war noch nicht ganz 17 Jahre alt, als er mit seiner ein Jahr älteren Schwester Erika heimlich nach Berlin fuhr. Man schrieb das Jahr 1923, und Klaus Mann wusste sofort: "Berlin war meine Stadt". Und er beschreibt auch rückblickend, was ihn an dieser Stadt so faszinierte und fesselte. Als ich das jetzt in dem kleinen Band las, der das Zitat als Titel trägt und der kürzlich im BeBra Verlag erschienen ist, war ich gerührt und amüsiert zugleich.
Und warum? Weil genau dieser Satz in meinem 2021 erschienenen Memoir "Wie alle, nur anders" steht. Wie bei Klaus Mann war dieses Ankommen in der großen Stadt auch für mich wie eine Liebe auf den ersten Blick. Ich wusste gleich, hier bist du richtig. Für ihn waren es nicht ganz zehn Jahre mit Unterbrechungen und für mich wurde es zur Liebesbeziehung auf Lebenszeit. Aber auch er bekennt: "Ich war im siebenten Himmel." Dabei wahrnimmt:
Die Stadt erschien zugleich erbarmungswürdig und verführerisch: grau, schäbig, verkommen, aber doch vibrierend von nervöser Vitalität, gleißend, glitzernd, phosphoreszierend, hektisch animiert, voll Spannung und Versprechen.
Und ich schwöre, dass ich erst mit der Lektüre des hier zu besprechenden Bandes die Berlin-Begeisterung Klaus Manns kennenlernte. Natürlich wusste ich, dass er hier eine Zeit lang lebte und literarisch sehr produktiv war. Das Kuriose daran, unsere Ankünfte liegen genau 50 Jahre auseinander. Ich kam 1973 in die geteilte Stadt und war nur wenig älter als er. Wie er kam auch ich in einer Art Schwulenparadies an. Das mit dem Schwulsein hat sich in meinem Fall dann allerdings anders aufgeklärt...
Knapp zehn Jahre intensivstes, künstlerisch hochtouriges Leben

Das Buch "Berlin war meine Stadt" ist im BeBra Verlag erschienen
Herausgegeben hat "Berlin war meine Stadt" (Amazon-Affiliate-Link ) Frank Träger, Gründer und Vorsitzender der Klaus Mann Initiative. Das Buch im handlichen Taschenformat versammelt Passagen aus vier Werken – den beiden Romanen "Der fromme Tanz" (1926) und "Treffpunkt im Unendlichen" (1932) sowie den beiden Autobiografien "Kind dieser Zeit" (1932) und "Der Wendepunkt" (1949). Aufgeteilt sind die Lesestücke auf drei Kapitel, die mit Flucht nach Berlin, Ankommen in Berlin und Flucht aus Berlin überschrieben sind. Sie umfassen knapp zehn Jahre intensivstes, künstlerisch hochtouriges Leben.
1923 herrschte in Deutschland Inflation, die so verheerend war, dass sie die Menschen geradezu traumatisierte. Klaus Mann beschreibt sie als apokalyptische Stimmung, als einen einzigen Tanz auf dem Vulkan und spricht gar von einem "makabren Jux". "Der Tanz wird zur Manie, zur idée fixe, zum Kult."
Sein erster Bühnenversuch mit "kecken Balladen" endet im Fiasko, was sich wiederum mit meiner Erfahrung deckt – Berlin ist nichts für Anfänger, aber doch gut für alles Beginnende. Was dann Klaus Manns kometenhafte literarische Karriere bestätigt. Freilich ist die Tatsache, dass er der Sohn des großen Schriftstellers Thomas Mann ist, für ihn immer wieder ein Türöffner. Was ihm Neider gerne vorgeworfen haben, und er selbst so kommentierte:
Aber wenn man eine Züchtung für Minderwertigkeitskomplexe einrichten will, so schicke man den Sohn eines berühmten Mannes, der selber Ansprüche stellt, in die Berliner Gesellschaft.
Und diese Gesellschaft konnte sehr boshaft sein, gleich ob sie Kurt Tucholsky, Bert Brecht oder Siegfried Kracauer hieß. Letzterer verstieg sich in einer Buchbesprechung zu dem Resümee: "Ein verschmiertes Talent. Eine wendige Schmiererei." Enttäuschungen gab es für Klaus Mann aber ebenso im Menschlichen. Gustaf Gründgens, der geniale Schauspieler, der sich später mit den Nazis einließ, wurde zur berühmtesten Enttäuschung:
"Er glitzerte und sprühte vor Talent, der charmante, einfallsreiche, hinreißend gefallsüchtige Gustaf!" Und: "Er litt an seiner Eitelkeit wie an einer Wunde. Es war diese fieberhafte, passionierte Gefallsucht […]." Da blieb kein Platz für Klaus Mann.
"Mein geliebter Kurfürstendamm"
Apropos berühmter Vater. Ihr beider Verhältnis bezeichnet man wohl am besten, zumindest von Thomas Manns Seite aus betrachtet, als ein Nicht-Verhältnis. Der Sohn jedenfalls litt unter dessen absoluter Interesselosigkeit, unter der praktizierten "völligen Kälte". Dass der Sohn sein Schwulsein offen lebte, der Vater aber seines versteckt hinter einer bürgerlichen Fassade, verkomplizierte die Situation zusätzlich. Was Sigmund Freuds Charakterisierung der Institution Familie als "Neurosenbrutstätte" anschaulich illustriert.
Dass Klaus Mann den Westteil der Stadt bevorzugt ("mein geliebter Kurfürstendamm"), ist wohl nicht ganz zufällig. Denn die sprichwörtlichen Goldenen Zwanziger fanden vor allem dort statt. Das alte Vergnügungszentrum um die Friedrichstraße herum hatte spürbar an Glanz verloren, der nun durch einen Boom an neuen Lokalen für jedweden Geschmack zwischen Nollendorf- und Lehniner Platz westwärts wanderte. Mitte blieb freilich der Bezirk mit der größten Theaterdichte. Aber alles Neue entstand nun an anderer Stelle – so auch die Film- und Tanzpaläste.
Begann Klaus Manns Verhältnis zu Berlin mit einer Flucht, so endete es gleichermaßen mit einer Flucht, denn die Nazis waren kurz davor, die Macht zu übernehmen. Die wenigen Jahre zwischen der einen und der anderen Flucht reichten jedoch, um den Schriftsteller Klaus Mann berühmt zu machen. Sie reichte leider auch, ihn zum Drogensüchtigen zu machen, der vom Morphium nicht mehr wegkam.
Wer wissen will, wie sich jene vibrierende Zeit anfühlte, erfährt es in den Romanen und Autobiografien des Autors so faszinierend wie schockierend und immer hautnah. Der kleine Band "Berlin war meine Stadt" ist dafür ein empfehlenswerter Einstieg und Appetitanreger – und nebenbei eine Liebeserklärung an die Stadt.
Klaus Mann: Berlin war meine Stadt. Herausgegeben von Frank Träger. Berliner Orte – Klassiker. 144 Seiten. BeBra Verlag. Berlin 2024. Gebundene Ausgabe: 20 € (ISBN 978-3-8148-0314-2). E-Book: 15,99 €
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