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Queere Rockband auf poetischer Pilgerfahrt
Nicolás Herzog widmet sich in seinem Film "Elda und die Monster" mit bemerkenswerter Feinfühligkeit der Dekonstruktion binärer Rollenbilder und entzieht sich dabei gezielt den Erwartungshaltungen des Publikums.

Mit seiner Band "Monstros" weiß der genderfluide Glam-Star Elda die Massen zu begeistern. Mehr Standbilder aus dem Film gibt es in der unten verlinkten Galerie (Bild: GMfilms)
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26. Dezember 2024, 09:05h 4 Min.
"Wo sind Sie, heterosensueller Herr?" Die Kamera bleibt dicht bei Elda, ihre Lippen fast am Mikrofon. "Du hast alles vergessen meinetwegen, selig lächelst du, während ich deinen Hals küsste. Alles andere war unwichtig, die Nacht hat uns beschützt." In ihrem Song singt die genderqueere Frontperson der Glam-Band "Elda y Los Monstruos" von kindlicher Entrücktheit – von einer Begegnung, in der Konventionen verblassen und das reine sinnliche Erleben im Vordergrund steht. Als hätte der heterosexuelle Mann durch die Geborgenheit dieses Aufeinandertreffens mit Elda eine tiefgreifende Transformation und ein befreiendes Loslassen erfahren.
Die letzte Frage dieser Szene, das schmerzlich sehnsüchtige "Wo sind Sie?", scheint auf die Echtheit dieses Mannes abzuzielen: Hat er die Nähe wirklich angenommen, oder hat er sich wieder in die Sicherheit heteronormativer Konventionen zurückgezogen? Man hat fast das Gefühl, dieser Songauszug steht exemplarisch für den kleinen Film aus Argentinien, der sich ästhetisch durch seine niemals überladene Farblust abhebt. Leider ist er hierzulande seit November nur hinter der "Good!Movies"-Paywall bei Prime Video (Amazon-Affiliate-Link ) zu finden. Regisseur Nicolás Herzog widmet sich in seinem Werk mit bemerkenswerter Feinfühligkeit der Dekonstruktion binärer Rollenbilder und entzieht sich dabei gezielt den Erwartungshaltungen des Publikums.
Reise zum Grab einer ermordeten trans Person

Poster zum Film: "Elda und die Monster" kann seit Ende November 2024 bei Prime Video gestreamt werden
Im Film begibt sich die Band auf den Weg zum Grab einer Person, die einem Transfemizid zum Opfer gefallen ist, um ihr Tribut zu zollen. Dieser Weg führt sie durch das geheimnisvolle Rascheln des Waldes, das sanfte Plätschern der Seen und die melancholisch über den Mord weinende Sonne. Trotz der ernsten Thematik verschmelzen in der Filmsprache und Montage materielle Grenzen, sodass die Szenen ineinanderfließen wie ein kontinuierlicher Strom. Die Auflösung von Binaritäten in der Natur wird so zu einer bildhaften Aussage von poetischer Kraft.
In einer Schlüsselszene stellen sich zwei Personen vor einer leerstehenden Kirche die Frage, warum die Welt so strikt binär programmiert ist. Entweder gibt es Schicksal – oder nicht. Entweder gibt es Gott – oder nicht. Warum können diese Widersprüche nicht koexistieren? "Elda und die Monster" plädiert für eine solche Koexistenz und verweigert den Zuschauer*innen konsequent einfache Antworten. Die Beziehungen zwischen den Figuren bleiben bewusst unklar: Sind sie potenzielle Liebespartner*innen oder verbinden sie platonische, emotional tiefgehende Bande? Diese Offenheit ist eine der großen Stärken des Films.
Exzentrische Performances der Glam-Band
Der Film zeigt die Band-Mitglieder beim entspannten Beisammensein, beim Auslassen von Wut über binäre Systeme durch Box-Training und beim inspirierten Songwriting im Pool. Doch leider bleibt er dabei oberflächlich: Soziopolitische Hintergründe werden konsequent ausgespart. Diese Verweigerung von Kontext ist bedauerlich, denn sie schwächt die narrative Kraft dieser anvisierten Dekonstruktion. Obwohl der Film erfolgreich Identitätspolitiken und Sehgewohnheiten hinterfragt, hätte mehr Mut zur Kontextualisierung und narrativen Tiefe gutgetan: Wogegen wehren sich die Figuren, was treibt sie an?
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Auch über die titelgebende, genderqueere Frontperson Elda erfährt man nur fragmentarisch etwas: Ein bisschen über ihr Liebesleben, ihre Familienbeziehungen, ihr Partyleben, ihren Buch- und Filmkonsum, ihre unerfüllten Liebschaften, die den Film einleiten. Am meisten aber sieht man ihre Auftritte, ihre Outfits und Make-ups. Wiederholt unterbricht "Elda und die Monster" das Roadmovie-artige Narrativ mit Tanzszenen, um die inneren Dynamiken der Figuren anzudeuten und die Schauplätze queer zu kodieren.
Diese exzentrischen und intimen Performances der Glam-Band sind eine zentrale Stärke des Films, der durch sie musikalisch und dynamisch bereichert wird. Dennoch bleibt es unbefriedigend, wenn eine Figur wie Elda einen ganzen Film trägt, aber zu wenig von sich preisgibt.
Wer sind denn die Monster?
Elda und die Monster. Drama. Argentinien 2023. Regie: Nicolás Herzog. Cast: Elda XXY (Diego Detona), Natalia Curcho, Calypso Summer, Anul Oribe, Fran Dacunda. Laufzeit: 73 Minuten. Sprache: kastilisch-portugiesische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. GMfilms. Seit Ende November 2024 bei Prime Video
Links zum Thema:
» "Elda und die Monster" bei Prime Video
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» auf sissymag.de
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