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Serientipp
Verbrecherjagd im queerphoben Jamaika
Im eindrücklichen, komplexen Krimidrama "Get Millie Black" versucht eine toughe Ermittlerin mit ihrem schwulen Partner eine Entführung aufzuklären. Daneben kümmert sie sich um ihre traumatisierte trans Schwester.

Der schwule Curtis (Gershwyn Eustache Jnr.) und seine Kollegin Millie Black (Tamara Lawrance) ermitteln in Kingston. Die fünfteilige HBO-Serie "Get Millie Black" ist in Deutschland exklusiv beim Streamingdienst WOW zu sehen (Bild: Warner Bros. Discovery, Inc.)
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26. Dezember 2024, 09:38h 4 Min.
Die Karibikinsel Jamaika ist ein hartes Pflaster für queere Menschen. Schwuler Sex kann mit bis zu zehn Jahren Gefängnis oder Arbeitslager bestraft werden, und die Mehrheit der Bevölkerung hat bestenfalls Verachtung übrig für Queers.
Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund spielt die spannende, teils recht gewalttätige HBO-Krimiserie "Get Millie Black". Im Zentrum steht die toughe Ermittlerin Millie, die mit einem jüngeren Geschwisterteil in Jamaika aufgewachsen ist, lange in London gelebt hat und vor kurzem in ihre alte Heimat zurückgekehrt ist.
Hasserfüllte Vergangenheit und Gegenwart
In Rückblenden sehen wir, wie ihre Mutter den vermeintlichen Bruder als "Schwuchtel" beschimpft und regelmäßig gnadenlos mit einem Gürtel züchtigt (der Vater hat die Familie längst verlassen). Doch das Kind ist nicht schwul, sondern trans und lebt inzwischen unter dem Namen Hibiscus in einem slumähnlichen Quartier der Hauptstadt Kingston – gemeinsam mit anderen trans Menschen, die ständig befürchten müssen, dass irgendwelche hasserfüllten Hetero-Machos nachts auftauchen, um sie zu verprügeln oder Schlimmeres.
Auch deshalb versucht Millie (Tamara Lawrence) ihre Schwester (Chyna McQueen) davon zu überzeugen, mit ihr gemeinsam in ihrem früheren Elternhaus zu leben. Hibiscus jedoch ist von ihrer Kindheit dort derart traumatisiert, dass sie es kaum erträgt, einen Schritt in das Haus zu setzen. Und dies, obwohl ihre Mutter schon vor einiger Zeit gestorben ist – unter erheblichen Schmerzen, wie Hibiscus ihrer Schwester voller Genugtuung berichtet. Diese hatte die Mutter damals zu Verwandten nach England geschickt, als sie sich für ihre kleine Schwester zu wehren begann.

Zwei Geschwister nähern sich wieder an: Chyna McQueen als Hibiscus und Tamara Lawrance als Millie in "Get Millie Black" (Bild: Warner Bros. Discovery, Inc.)
Stich in ein gefährliches Wespennest
Millie arbeitete lange bei Scotland Yard in London, doch gab es dort offenbar einen Vorfall, weshalb sie nun nach Jamaika zurückgekehrt ist und bei der Polizei in Kingston anheuerte. Gemeinsam mit ihrem Partner Curtis (Gershwyn Eustache Jnr), von dessen Schwulsein und fester Beziehung sonst kaum jemand weiß, forscht Millie nach einem verschwundenen Mädchen. Die Spur führt auf direktem Weg zu einer der mächtigsten weißen Familien der Stadt, insbesondere zu deren Sohn Freddie (Peter John Thwaites). Eine selbst für die Polizei heikle Ausgangslage, denn eine solche Familie ist normalweise unantastbar. Erschwerend kommt hinzu, dass plötzlich ein Cop (Joe Dempsie) von Scotland Yard auftaucht, der Freddie ebenfalls sucht, als Kronzeugen für Verbrechen einer in Großbritannien aktiven Gang.
Millies instinktive Skepsis ihm gegenüber erweist sich später als völlig berechtigt, doch zunächst bleibt ihr nichts anderes übrig, als mit ihm zusammenzuarbeiten. Und nach und nach stellt sich heraus, dass der Fall viel größer, komplexer und gefährlicher ist als es zunächst den Anschein hat.
Weit weg von den berühmten Traumstränden
"Get Millie Black" zeigt ein gewalttätiges, heruntergekommenes, korruptes Jamaika – weit entfernt von den touristischen Traumstränden, für welche die Karibikinsel so berühmt ist. Doch so hart und blutig die Hauptstory ist, so berührend ist das Verhältnis der beiden Schwestern, die versuchen, einander nach langer Trennung wieder näher zu kommen. Die Mini-Serie ist denn auch viel mehr als ein Krimi: Es ist ein gesellschaftliches Porträt einer Insel, die noch immer mit ihrer Historie als britische Kolonie ringt – und auch mit dem Erbe der Sklaverei.
Hinter der Serie steckt der preisgekrönte, schwule jamaikanische Autor Marlon James, und auch Hauptdarstellerin Tamara Lawrence hat jamaikanische Wurzeln. Für ihre Rolle ließ James sich von seiner eigenen Mutter inspirieren, die ebenfalls Ermittlerin in Jamaika war. Und ihm war wichtig, auch die dunkle und komplexe Seite der Karibikinsel zu zeigen. "Denn häufig bekommen wir nur eine Karikatur des Landes zu sehen", sagte er in einem Gespräch mit dem "Hollywood Reporter" über seine Serie, "in der Realität ist das Leben dort sehr viel komplizierter." Dazu gehört auch eine weibliche Hauptfigur, die Fehler macht, hart und zart sein kann, aber einen nicht-korrumpierbaren moralischen Kompass hat.
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Vom Kampf als Außenseiterin gestählt
Mindestens so zentral sind jedoch die queeren Rollen, insbesondere Hibiscus, deren jamaikanische trans Darstellerin Chyna McQueen zum ersten Mal vor der Kamera steht und gleich eine Performance hinlegt, die man nicht so schnell vergisst. Gleichzeitig zerbrechlich und vom jahrzehntelangen Kampf als Außenseiterin gestählt, erhofft sie sich von Millie nicht so sehr Hilfe, sondern die Wiederaufnahme der engen geschwisterlichen Beziehung, die sie in ihrer Kindheit einst verbunden hat.
Millie derweil macht sich noch immer Vorwürfe, dass sie Hibiscus damals nicht beschützen konnte und will deshalb so viele andere Kinder wie möglich retten. Letztlich ringen sie beide – wie Jamaika als Ganzes – mit den Geistern der Vergangenheit, deren Einfluss sich nicht so einfach abschütteln lässt.
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