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Schwules Leben vor 100 Jahren
Heute startet eine zehnteilige wöchentliche Serie über das Jahr 1925. Es ist nicht einfach, aber möglich, sich das Leben von schwulen Männern in Deutschland in diesem Jahr vorzustellen

Oktober 1925: Gustaf Gründgens, Erika Mann, Pamela Wedekind und Klaus Mann bei der Aufführung des auch lesbischen und schwulen Dramas "Anja und Esther"
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28. Dezember 2024, 06:16h 5 Min.
Vor einem Jahr habe ich hier auf queer.de das schwule Leben im Jahr 1924 dokumentiert. In Fortführung dieser Serie habe ich nun das darauffolgende Jahr 1925 untersucht.
Für Schwule und Lesben verschlechterte sich die Situation von 1924 auf 1925. Während sich die Homosexuellenbewegung 1924 noch darüber freuen konnte, dass die KPD ihr Anliegen der Entkriminalisierung bzw. der Streichung des § 175 RStGB unterstützte, musste sie 1925 hart daran arbeiten, dass dieser Paragraph nicht sogar noch verschärft wurde. Während die Szene rund um Magnus Hirschfeld, Adolf Brand und Friedrich Radszuweit 1924 noch harmonisch wirkte, eskalierte 1925 der Streit zwischen ihnen auf offener Bühne.
Die Weimarer Republik
Zunächst einige einführende Zeilen über die faszinierende Epoche der Weimarer Republik (1918-1933). Es gab erstmals eine parlamentarische Demokratie in Deutschland, wenn auch mit wenigen überzeugten Demokrat*innen. Die Geschichte der Weimarer Republik lässt sich in drei Abschnitte gliedern. Im mittleren Abschnitt – d. h. in den Jahren von 1924 bis 1929 – war die Hyperinflation fast vorbei, es begann eine Zeit relativer politischer Stabilität und wirtschaftlicher Erholung. Im dritten Abschnitt der Weimarer Republik ab Ende 1929 kam mit der Weltwirtschaftskrise und dem Aufstieg der Nazis das Ende der Demokratie.
Es gibt teilweise immer noch die ärgerliche und klischeehafte Vorstellung, dass die Weimarer Republik auch für schwule Männer eine große wilde Party gewesen sei. Die Bezeichnung "Goldene Zwanzigerjahre" ist jedoch eine nachträgliche Projektion. Ich erinnere an den Film "Bent", der ergreifend und historisch richtig die Schrecken des Nationalsozialismus schildert und damit eindrucksvolle Bilder hinterlassen hat. Aber die Schilderung des angeblich sexuell freien Lebens in Berlin noch im Jahre 1934 zu Beginn des Films ist eine ärgerliche Geschichtsverfälschung. Auch für Schwule gab es keine "Goldenen Zwanzigerjahre".
Was ist 1925 alles passiert?
1925 sollte der § 175 RStGB verschärft werden und ein Entwurf dazu lag bereits auf dem Tisch. Diese Strafverschärfung ist vor dem Hintergrund des Falls des schwulen Serienmörders Fritz Haarmann zu sehen, der die Strafrechtsdiskussion beeinflusste. Das Todesurteil gegen Haarmann wurde am 15. April 1925 vollstreckt. Die Auswirkungen seiner Taten und ihres Medienechos auf Politik und Gesellschaft sind nicht zu unterschätzen. Vermutlich wegen ihm hatte es die Bewegung in mehreren Städten auch mit einer zunehmend repressiveren Polizei zu tun. 1925 wurden in Deutschland 1107 Männer nach § 175 RStGB verurteilt – das war der Höchststand in der Weimarer Republik.

"Das Freundschaftsblatt" (1925, Heft 1) berichtete über den zunehmenden Druck und den Beginn einer neuen Verfolgungswelle
In einigen Folgen dieser Serie wird die frühe Homosexuellenbewegung beleuchtet, die vor allem in Berlin verortet war und auch 1925 alles daransetzte, die Öffentlichkeit durch wöchentliche Vorträge und durch Schriften aufzuklären. Es gab das Lokal "Eldorado" in der Berliner Kantstraße, das am 22. März 1924 eröffnet, aber 1925 schon wieder polizeilich geschlossen wurde. Unter Auflagen konnten Schwulenzeitschriften wie "Der Eigene" von Adolf Brand erscheinen.
1925 eskalierte der Szenestreit: Magnus Hirschfeld wurde in einer Sondernummer von "Der Eigene" als "Tante" (= Tunte) und "Sexual-König" mit einem Dildo als Zepter verspottet.

Zwei Ausgaben der Schwulenzeitschrift "Der Eigene" von 1925 (Heft 9, 11)
Auch kulturell ist 1925 einiges passiert. Über Thomas Manns Ende 1924 erschienenen Roman "Der Zauberberg" mit einer homoerotischen Nebenhandlung wurde 1925 viel diskutiert und in "Das Ehe-Buch" (1925) äußerte sich der berühmte Autor auch über die Bisexualität des Menschen. Von seinem Sohn Klaus Mann erschien im Oktober 1925 dessen erster Roman "Der fromme Tanz", der als einer der ersten deutschsprachigen Homosexuellen-Romane gilt. Im gleichen Jahr erschien sein erstes Drama "Anja und Esther", die darin enthaltenen homoerotischen Andeutungen zwischen Anja und Esther erregten öffentliches Aufsehen. In einigen Schwulenzeitschriften wurden zudem anspruchsvolle und dezente Aktfotografien veröffentlicht.

Dezente Aktfotografien aus "Der Eigene" (1925, Heft 12, S. 582)
In der letzten Folge werde ich Filme vorstellen, die 1925 uraufgeführt wurden und einen unterschiedlichen Umgang mit Geschlechterrollen und Homosexualität aufweisen, wie z. B. den Travestie-Klamauk in "Charleys Tante". In "Oberst Redl" geht es um einen realen Spionagefall, wobei im Film der in Wirklichkeit homosexuelle Protagonist als heterosexuell dargestellt wurde. Der Film "Wege zu Kraft und Schönheit" zeigt halbnackte Männer in antiker Szenerie, der Film "Parisian Love" zeigt Zärtlichkeiten zwischen Männern und in "Dr. Palmers unheimliches Haus" werden wohl nicht ganz zufällig schwule Signalwörter wie "Pansy" (= Stiefmütterchen) verwendet.

Homoerotisch rezipierte Zärtlichkeiten zwischen Männern im Film "Parisian Love" aus dem Jahr 1925
Quellen zu lesbischer und österreichischer Geschichte
Über die Jahrhunderte hinweg wurden Schwule und Lesben sehr unterschiedlich wahrgenommen. Die Straflosigkeit lesbischer Sexualität in dem seit 1871 geltenden deutschen Strafgesetzbuch ist nur ein äußeres Zeichen davon. Die Öffentlichkeit der damaligen Zeit beschäftigte sich vornehmlich mit Schwulen und auch die homosexuelle Emanzipationsbewegung in der Weimarer Republik ging vornehmlich von schwulen Männern aus. Diese Serie unter der Überschrift "Schwule und Lesben" zu veröffentlichen hätte Erwartungen geweckt, denen sie nicht hätte gerecht werden können. In dieser Artikelserie geht es also vor allem um Schwule. Wenn es sich im Einzelfall anbot, bin ich aber auch auf lesbische Geschichte eingegangen.
Auch Quellen zur österreichischen Geschichte werde ich mit anführen, weil es hier nicht nur aufgrund der Sprache die meisten Parallelen zu Deutschland gibt.
Die Chancen neuer Quellenfunde und ein Dank an das Centrum Schwule Geschichte
Diese Serie wäre vermutlich kaum möglich gewesen, wenn in den letzten Jahren nicht viele Zeitungen digitalisiert worden wären, was durch eine Texterkennung die Suche nach Beiträgen zum Thema erheblich erleichtert. Um hier einige Beispiele nur für das Jahr 1925 und nur für die Suche nach "homosex*" zu nennen: "ANNO" (Österreichische Nationalbibliothek) bietet 361 Treffer und "Zeitpunkt" (Zeitungsportal NRW, im Aufbau) 116 Treffer. Auch die Homosexuellenzeitschrift "Der Eigene", die schwule Geschichtszeitschrift "Capri" und das "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" sind seit einigen Jahren online verfügbar und damit leichter auswertbar.
Mit diesen Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen können viele Hintergründe ergänzt werden. Einige können nun auch korrigiert werden: So wird seit Jahrzehnten kolportiert, es sei nur "wenigen Eingeweihten" bekannt gewesen, dass Dr. Hellmut Ritter, Professor für Orientalistik an der Universität Hamburg, 1925 nach § 175 verurteilt wurde. Dabei gibt es viele zeitgenössische Presseartikel, die darauf hinwiesen, dass Ritter im Oktober 1925 wegen sexueller Kontakte mit 13- bis 15-jährigen Jungen verurteilt wurde, was hinsichtlich der Beurteilung der Straftat einen großen Unterschied ausmacht.
Für die Möglichkeit der Recherche in Homosexuellenzeitschriften der Zwanzigerjahre wie "Die Freundschaft" bedanke ich mich hiermit recht herzlich beim Centrum Schwule Geschichte in Köln.
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