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Jahresrückblick, Teil VII
Tiefpunkte des Jahres 2024
Das ablaufende Jahr brachte auch so einige Tiefschläge. Wir stellen zehn negative Entwicklungen des Jahres vor, über die wir auf queer.de berichtet haben.

Wunschträume von Neonazis: Schild "Ganz Deutschland hasst den CSD!" am Rande des CSD Dortmund 2024 (Bild: IMAGO / NurPhoto)
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28. Dezember 2024, 11:53h 5 Min.
Neonazi-Proteste gegen den CSD
So extrem war es noch nie: Bei immer mehr Demonstrationen zum Christopher Street Day (CSD) kam es in diesem Jahr in ganz Deutschland zu rechtsextremen Störversuchen und Gegenprotesten. Für den Zeitraum zwischen Juni und September 2024 zählte die Bundesregierung etwa 22 entsprechende Proteste überwiegend aus der gewaltorientierten Neonazi-Szene (queer.de berichtete). Laut Bundesinnenministerium lag die Teilnehmerzahl bei vier Veranstaltungen im dreistelligen Bereich (Bautzen ca. 740, Leipzig ca. 400, Magdeburg ca. 250, Zwickau ca. 480). Wir zählten jedoch auch in Wismar und Halle mindestens 100 rechtsextreme Gegendemonstranten. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) kündigte an, das Thema "Sicherheit von Christopher Street Days" noch vor Beginn der nächsten CSD-Saison auf die Tagesordnung der nächsten Innenministerkonferenz zu setzen.
Regenbogenfahnen-Verbot in Deutschland
Welche Auswirkungen die Normalisierung von Homophobie haben kann, zeigte sich in Neubrandenburg: Der rechtspopulistische Kommunalpolitiker Tim Großmüller, gegen den die Polizei nach Attacken auf den schwulen OB Silvio Witt eine Razzia durchgeführt hatte, beantragt im Stadtrat, ein Regenbogenfahnen-Verbot für den Neubrandenburger Bahnhof auszusprechen – und kam damit durch, mit Unterstützung aus AfD und BSW. Das führt nicht nur zum Rücktritt des OB, sondern weiterer queerfeindlicher Stimmungsmache. Dann kam es zu einem Anschlag auf einen queeren Verein. Ist Neubrandenburg der Vorbote für das neue, intolerante Deutschland?
Union kehrt zu Queerfeindlichkeit zurück
Vor gut 20 Jahren bezeichnete der Unions-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis Homosexualität als "Perversion der Sexualität". Zu dieser Zeit waren homophobe Sprüche wie dieser in CDU und CSU noch gang und gäbe. Jetzt scheint dieser Hass wieder aufzublühen – weil die Bevölkerung inzwischen Homosexuelle inzwischen weitgehend akzeptiert hat, richtet sich das nun gegen eine andere Gruppe – und das sind vor der Bundestagswahl 2025 national wie international trans Menschen. Schon seit Monaten hat die Union den Weg bereitet: Besonders schlimm war etwa im Sommer die Äußerung von JU-Chef Johannes Winkel, der in einem inzwischen gelöschten Tweet trans Frauen als "kranke Männer" verunglimpfte. Auch im Wahlkampf scheint die Union ganz auf Transphobie zu setzen – etwa, indem sie die Streichung des Selbstbestimmungsgesetzes fordert, um geschlechtliche Minderheiten wieder zu unmündigen Menschen zu machen.
AfD fällt tiefer
In ihrem Wahlkampf orientiert sich die Union insbesondere an der AfD, die in diesem Jahr ebenfalls noch eine Schippe beim Thema Queerfeindlichkeit draufschaufelt – und praktisch in diesem Thema, wie auch in anderen, die Putin-Linie vertritt. So werden queere Menschen von der AfD als "Extremisten" beschimpft oder ein Antrag gegen "LSBTIQ*-Propaganda" in den Bundestag eingebracht. Wie in alten Zeiten wird ein schwuler Politiker nur wegen seiner sexuellen Orientierung als "Warmduscher" diffamiert oder auch Regenbogenfahnen mit der Hakenkreuzfahne gleichgesetzt. Als Feigenblatt hält sich die AfD dabei die lesbische Politikerin Alice Weidel, die in der Schweiz eine Regenbogenfamilie aufzieht – während die Partei in Deutschland "ein positives traditionelles Familienbild" und "gesunde Lebensstile" gefördert sehen will.
J.K. Rowling radikalisiert sich immer mehr
Die einst gefeierte "Harry Potter"-Autorin geht inzwischen offenbar ganz im Kampf gegen die Anerkennung von trans Menschen auf. Schon seit Jahren bezeichnet sie in doppeldeutigen Tweets trans Frauen als "Verbrecher" oder behauptet, sie seien pauschal eine Gefahr für "echte" Frauen. Dieses Jahr ging ihr Hass noch tiefer und sie verbreitet immer offensichtlichere Lügen – etwa, dass die Nazis keine Bücher über Trans-Identität verbrannt hätten.

J.K. Rowling
Elon Musk macht die J.K. Rowling
Wie J.K. Rowling hatte auch Elon Musk in den letzten Jahren einen Imagewechsel vollzogen – vom Tech-Genie zum rechten Stichwortgeber. Auch er schoss sich auf trans Menschen ein. In diesem Jahr setzte er noch einen drauf: So ließ der 53-Jährige den Firmensitz seines Unternehmens SpaceX von Kalifornien nach Texas verlegen – und nannte als Grund transfreundliche Gesetze im Westküstenstaat. Einen Monat später erklärte seine Tochter für tot, weil sie trans ist. Die Tochter keilte mit den Worten "Ich sehe ziemlich gut aus für eine tote Bitch" zurück. Nach dem Wahlsieg des ebenfalls transfeindlichen Donald Trump dürfte die Macht Musks noch steigen, da er in dessen Regierung eine wichtige Rolle übernehmen wird. Außerdem erreichte sein Vermögen mit 450 Milliarden Dollar einen neuen Höchststand – und dürfte wegen seiner Verbindungen mit der Trump-Regierung noch weiter ansteigen, sollten sich die beiden Alpha-Männer nicht doch noch überwerfen.
ESC in der Krise
Auch wenn dieses Jahr mit Nemo erstmals ein nichtbinärer Act den Eurovision Song Contest gewonnen hat – das insbesondere unter schwulen Männern beliebte Event steckt dieses Jahr tief in der Krise. So wurde der Niederländer Joost Klein – einer der Favoriten – disqualifiziert, weil er angeblich eine Mitarbeiterin bedroht hat. Am Ende konnte die Polizei aber kein Fehlverhaten feststellen. Hinzu kam eine Welle von Antisemitismus gegen die israelische Teilnehmerin Eden Golan, die für die Politik ihrer Regierung verantwortlich gemacht wurde. Die ESC-Führung tat relativ wenig dafür, diese Stimmung zu beruhigen.
Homophobie an deutschen Schulen
Im April machte eine Meldung die Runde, dass ein Kleinstadt-Gymnasium in Bayern eine queere Arbeitsgruppe verboten hat – offenbar aus Homosexuellenfeindlichkeit. Die ohnehin nicht besonders queerfreundliche Staatsregierung aus CSU und Freien Wählern toleriert zudem, dass der christlich-fundamentalistischen Verein Teenstar weiterhin seine queerfeindliche Ideologie an Schulen im Land verbreitet. Ähnliche Entwicklungen gibt es dieses Jahr auch in anderen Teilen Deutschlands: In NRW reagiert die schwarz-grüne Regierung etwa gleichgültig darauf, dass einige evangelische Schulen im Land ein Homosexuellen-Verbot unter Lehrkräften ausgesprochen haben. Diese Schulen werden sogar mit Steuergeldern gepäppelt – dabei haben sie kein Problem, auch Steuergelder queerer Menschen anzunehmen.
Feige Unternehmen lassen queere Menschen im Stich
Dass sich der Wind beim Thema queere Akzeptanz in manchen Bereichen dreht, zeigt sich am nachlassenden Engagement von Unternehmen in den USA. Nach einer rechten Kampagne beendeten viele auch in Europa tätige Firmen ihre Diversity-Programme und kappten Verbindungen zu queeren Organisationen. Zu diesen feigen Unternehmen gehören Jack Daniel's, Ford, Toyota und Walmart, der größte US-Einzelhändler.
Union und AfD kämpfen gegen geschlechtergerechte Sprache
Konservative und Rechtsextreme haben neben trans Menschen ein weiteres Feindbild entdeckt: die geschlechtergerechte Sprache. In mehreren Bundesländern hat die Union bereits Genderverbote für verschiedene Bereiche installiert – etwa in Schulen oder Behörden – auch Einschränkungen für Journalist*innen sind geplant, aber noch nicht umgesetzt. Auch bundesweit fordert die Union nun Sprachverbote in ihrem Wahlprogramm. Die AfD schlägt hier genau in die selbe Kerbe. Fraglich ist, ob die Union mit ihrer irrationalen Verbotspolitik Stimmen machen kann – oder doch die AfD stärkt, wie queere Organisationen befürchten.















