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Interview

Ist der Teddy Award nach fast 40 Jahren noch notwendig Tricia Tuttle?

Die lesbische US-Amerikanerin Tricia Tuttle leitet im Februar 2025 als Intendantin ihre erste Berlinale-Ausgabe – und berief mit Todd Haynes einen schwulen Jury-Präsidenten. Wir sprachen mit der 54-Jährigen über die neue Aufgabe.


Tricia Tuttle ist die neue Leiterin der Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale). Zuvor war sie von 2018 bis 2022 künstlerische Leiterin des London Film Festivals (Bild: Elena Ternovaja / wikipedia)

Tricia Tuttle (54) war Gitarristin der Band June. Dann machte sie ihren Master in Film Studies und den Bachelor of Arts in Literature and Radio, Television and Motion Pictures. In den 1990er Jahren zog die US-Amerikanerin nach London. Mit ihrer Partnerin Briony Hanson zieht sie 17-jährige Zwillinge auf.

Im Februar 2025 leitet Tuttle als neue Intendantin ihre erste Berlinale-Ausgabe. Zuvor hatte sie bereits in London erfolgreich Filmfestivals geleitet. Zum einen das queere Flare-Festival, zum anderen das London Film Festival. Wir sprachen mit der 54-Jährigen über die neue Aufgabe in der deutschen Hauptstadt.

Frau Tuttle, neue Besen kehren gut, sagt man in Deutschland. Haben Sie die Berlinale schon neu erfunden? Was sind die wichtigsten Neuerungen?

Nein, es ist keine Neuerfindung notwendig. Die Berlinale ist ein sehr erfolgreiches Festival und eines der wichtigsten weltweit. Es ist ein Privileg, hier zu sein. Wir möchten jedoch die Erfolge weiter ausbauen, wie beispielsweise die Belebung des Potsdamer Platzes und die Erweiterung von Vorführmöglichkeiten, einschließlich des Bluemax Theaters.

Wie einsam fühlen Sie sich als Direktorin eines A-Festivals? Weshalb gibt es weltweit fast nur jene berühmten alten weißen Männer in den Schlüsselpositionen der Festivals?

Es gibt immer noch viele Männer in Führungspositionen, aber es tut sich etwas. Ich bin stolz, eine der wenigen Frauen in dieser Rolle zu sein, da es früher weniger künstlerische Leiterinnen gab. Es ist wichtig, junge Frauen zu inspirieren, diese Arbeit anzustreben. Was die Filmauswahl angeht, setzen wir auf Gleichstellung der Geschlechter und wählen die besten Filme aus.

Bedeutet das, dass Sie vor allem Regisseurinnen für die Berlinale fördern wollen. Oder ist eine Quotenregelung ein alter Hut?

Eine Quotenregelung halte ich nicht für notwendig. In unserem Programm liegt der Anteil an weiblichen Regisseurinnen leicht über einem Drittel, was etwas mehr ist als der Anteil an eingereichten Filmen. Wir suchen aktiv nach aufregenden neuen weiblichen Regie-Stimmen und freuen uns, wenn wir talentierte Regisseurinnen finden.

Der Teddy Award, eine Auszeichnung für queeres Kino, war einst bahnbrechend für ein Filmfestival. Ist solch ein Preis fast vier Jahrzehnte später noch notwendig, oder sollten queere Filme mittlerweile nicht einfach "normal" sein?

Der Teddy Award ist auch fast 40 Jahre später noch sehr wichtig. Er hatte damals großen Einfluss und trägt immer noch dazu bei, queeres Kino sichtbar zu machen. Viele bedeutende Filmemacher*innen wie Pedro Almodóvar oder unser diesjähriger Jury-Präsident Todd Haynes haben den Teddy gewonnen, und der Preis ist ein unverzichtbarer Teil der Geschichte des Festivals. Wir werden ihn weiterhin bewahren und entwickeln, da er zu unserem Erbe gehört.

Sie sind mit der Streichung von Subventionen und dem Verlust von Sponsor*innen konfrontiert. Wie düster ist der finanzielle Himmel über Berlin?

Die finanziellen Herausforderungen sind real, aber das betrifft alle großen Festivals weltweit. Wir haben bereits positive Neuigkeiten, etwa neue Hauptpartner, die die Berlinale unterstützen werden, was uns optimistisch stimmt. Wir sind auf einem guten Weg, diese Herausforderungen zu meistern.

Auf welche Promis kann sich das Publikum freuen?

Es wird sicherlich viele spannende Talente geben, aber ich kann noch keine Namen nennen. Todd Haynes wird auf jeden Fall als Jury-Präsident dabei sein. (lacht)


Tricia Tuttle (r.) mit ihrer Partnerin Briony Hanson im Mai 2024 bei der Verleihung des Deutsches Filmpreises (Bild: IMAGO / Future Image)

Filmkritiker*innen beklagen, dass große Stars auf Festivals keine Interviews mehr geben. Venedig wurde zum Interview-Fiasko, in San Sebastián wurde Johnny Depp von der internationalen Presse für sein Verhalten boykottiert. Was kann die Berlinale tun, um dieser Art von Publikumsverachtung entgegenzuwirken?

Filmkritik ist sehr wichtig, und wir sehen es als Herausforderung, dass immer weniger Prominente für Interviews zur Verfügung stehen. Wir werden hinter den Kulissen weiter mit Studios sprechen, aber es ist schwierig, diesen Trend zu ändern. Wir unterstützen weiterhin die Filmkritik, da sie essentiell für das Kino-Ökosystem ist.

Was sagen Sie zur Preisverleihung im letzten Jahr, die wegen einseitiger Aussagen für Kontroversen sorgte? Haben Sie Maßnahmen getroffen, damit die diesjährige Preisverleihung reibungsloser verläuft?

Wir haben aus dem Vorjahr gelernt und viel in die Sicherheit des Festivals investiert. Es ist unmöglich, Kontroversen vollständig zu vermeiden, aber wir versuchen, ein ausgewogenes Umfeld zu schaffen, in dem verschiedene Perspektiven gehört werden. Wir wollen den Dialog fördern und gleichzeitig die Sicherheit gewährleisten.

Die französische Filmwoche in Berlin zeigt das Programm noch in zehn anderen Städten. Wäre das kein Modell für die Berlinale?

Das Modell der französischen Filmwoche ist interessant, aber für ein Festival mit Weltpremieren schwieriger umzusetzen. Dennoch suchen wir nach Wegen, wie wir auch außerhalb Berlins Filme einem breiteren Publikum zugänglich machen können.

Sie kommen vom London Film Festival, wo der "Überraschungsfilm" längst Kultstatus hat. Wie wäre es mit dem cineastischen Überraschungsei für die Berlinale?

Wir überlegen, das Konzept eines Überraschungsfilms zu übernehmen, aber es wird noch geprüft. Es ist eine interessante Idee, aber ob wir sie umsetzen, ist noch offen.

Beim TV-Festival in Baden-Baden tagt die Jury öffentlich. Wäre das keine Idee für die Vergabe der Bären?

Das Modell der öffentlichen Jury klingt spannend, aber es würde die Gespräche innerhalb der Jury beeinflussen. Für uns ist die Vertraulichkeit der Diskussionen wichtig, um unvoreingenommene Entscheidungen zu treffen.

Was muss ein Film haben, um in den Wettbewerb der Berlinale zu kommen? Was macht einen Film aus, der Sie interessiert?

Wir suchen Filme, die eine klare künstlerische Handschrift haben, originell und mutig sind. Sie sollen emotional oder intellektuell ansprechen und etwas über die Welt aussagen. Wenn ein Film die Art und Weise, wie wir die Welt sehen, verändert, ist das der wahre Schatz des Kinos.

Künstliche Intelligenz ist in der Filmbranche immer mehr präsent. Wäre KI die perfekte Kuratorin, da sie weiß, was das Publikum sehen möchte?

KI könnte für die Industrie nützlich sein, aber Filmfestivals sind eher künstlerisch ausgerichtet. Wir sind weniger an Zahlen interessiert, sondern an der emotionalen und ästhetischen Wirkung von Filmen. KI ist für uns keine ideale Lösung als Kuratorin

Worauf freuen Sie sich am meisten im neuen Job?

Am meisten freue ich mich darauf, die Filme zu sehen. Es ist ein Privileg, Jahr für Jahr so viele neue Filme zu entdecken und die Arbeit von Filmemacher*innen mit einem Publikum zu teilen.

-w-