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Heimkino
Queere Identitätsfindung ohne "Ich wusste es schon immer"-Moment
Jane Schoenbruns Horror-Fantasy "I Saw the TV Glow" gehört für uns zu den wichtigsten queeren Filmen 2024. Die bewegende Geschichte über Queer Time und trans Identitäten kann jetzt bei Prime Video gestreamt werden.

Justice Smith als Owen und Brigette Lundy-Paine als Maddy in "I Saw the TV Glow" (Bild: A24)
- Von Leon Frank
5. Januar 2025, 07:15h 4 Min.
Die Teenager Owen (Justice Smith) und Maddy (Brigette Lundy-Paine) tauchen tief in die Welt der fiktiven Young-Adult-Serie "The Pink Opaque" ein, die samstagnachts im Fernsehen läuft. Für sie ist die TV-Serie ein Ausweg aus dem Kleinstadtleben, ein Weg aus ihrer Lebensrealität – und ein Weg in eine andere Welt. Eines Tages verschwindet Maddy spurlos, und "The Pink Opaque" wird mit einem offenen Ende abgesetzt.
"I Saw the TV Glow" ist der zweite Film von Regisseuer*in Jane Schonebrun. Die nichtbinäre Person hat mit "We're All Going to the World's Fair" bereits für Aufsehen gesorgt hat. Hinter der Produktion steht neben dem Studio A24 auch die bekannte Schauspielerin Emma Stone als Produzentin.
The Pink Opaque
"The Pink Opaque", ist inspiriert von Serien wie "Buffy", "Charmed" und "One Tree Hill". Jane Schoenbrun hat sich bei der Namensgebung bei der schottischen Dream-Pop-Band Cocteau Twins bedient. Der sanfte und melancholische Klang der Band passt wie die Faust aufs Auge zur Serie, die von den telepathisch verbundenen Freundinnen Isabel (Helena Howard) und Tara (Lindsey Jordan) erzählt. In jeder Folge stellen sich die beiden dem "Monster of the Week" und Mr. Melancholy, dessen Aussehen stark an Georges Méliès Stummfilm "Die Reise zum Mond" erinnert. Kameramann Eric Yue verleiht "The Pink Opaque" einen dunkelbunten Neon-Look. Das 4:3-Format und das körnige Bild tun ihr Übriges. Die im Film gezeigten Ausschnitte fühlen sich wie eigene Erinnerungen an die Lieblingssendungen aus der Jugend an, bevor sie cheesy und billig gewirkt haben.
Während die Serien-Vorbilder den Raum für ein queeres Reading geöffnet haben, geht Schoenbrun konsequent einen Schritt weiter und forciert die Zuschauer*innen, über eine romantische Beziehung zwischen Isabel und Tara nachzudenken. Ein Mann, der eine heteronormative Interpretation ermöglichen würde, wird in "The Pink Opaque" nie eingeführt.
"I guess I like TV shows"
Auf einem Sportfeld fragt Owen, ob er bei Maddy "The Pink Opaque" mitschauen kann. Bis dahin durfte der zwei Jahre jüngere Owen nicht lang genug aufbleiben, weshalb Maddy ihm Videokassetten zugesteckt hat. "I like girls. You know that, right?", wendet Maddy ein. Auf ihre Nachfrage, auf was er stehe, antwortet Owen: "I guess I like TV shows."

Dunkelbunter Neon-Look: Szene aus "I Saw the TV Glow" (Bild: A24)
Der queere Schauspieler Justice Smith spielt Owen wie eine Hülle, die sich von der Welt umhertreiben lässt. Seine Worte klingen leer und unsicher. Seine Gestik ist auf das Nötigste reduziert. "What if I really was someone else?", fragt er sich an einem Punkt des Films. Es ist eine der deutlichsten Nennungen des eigentlichen Kernthemas. Hinter der Hommage an die Young-Adult-Serien der 1990er Jahre verbirgt sich eine Geschichte über trans Identitäten. "The Pink Opaque" bietet ein Portal, eine Chance, auf der Suche nach einer Identität. Hier gelingt es Schoenbrun sich von dem "Ich wusste es schon immer"-Narrativ zu befreien. In vielen Filmen über trans Menschen gibt es diesen hartnäckigen Stereotypen, diesen einen magischen Moment, in dem die eigene Identität plötzlich ganz klar und deutlich wird. Owen bleibt dieser Moment verwehrt. In einem der bewegendsten Momente des Films läuft er an einer stilvoll mit Kreide bemalten Straße entlang. Wie eine Warnung sticht der Schriftzug "There is still time" hervor.
Queer Time anhand von Owen
Das Konzept der Queer Time beschreibt den unterschiedlichen und non-linearen Verlauf queeren Lebens. Das umfasst Strukturen wie Arbeit, Familie und Freizeit. Ein berühmtes Beispiel aus der Literatur ist der scheinbar nicht alternde Protagonist aus "The Picture of Dorian Gray" von Oscar Wilde. Außer als Siebtklässler (Dort gespielt von Ian Foreman) wird Owen über Jahrzehnte von Justice Smith verkörpert. Er scheint eher zu zerfallen, als zu altern. Seine Haut blättert, die Hülle löst sich auf. Queer Time wird tragisch auf ihn anwendbar. Schoenbrun inszeniert gekonnt Owens Existenz als Fremdkörper.
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Eine emotionale Wucht
Besonders bemerkenswert sind Reaktionen von queeren Menschen auf den Film. Jane Schoenbrun scheint einen Nerv getroffen zu haben. Ein tolles Beispiel ist die "Letterboxd"-Review von "julie", die ihren Text mit folgenden Worten beginnt: "my name is Julie. i am a trans woman. and tonight is the first time i've said those words to anyone other than myself."
Auch beim Schauen mit meiner Schwester, die selbst trans ist, hat sich die emotionale Wirkung des Films gezeigt. Als der Abspann lief, war es still. Erst eine Stunde nach Ende des Films, sprachen wir wieder miteinander. Besonders beeindruckt und schockiert hat uns die akkurate Darstellung von Gender-Dysphorie.
Mit "I Saw the TV Glow" kreiert Jane Schoenbrun einen modernen und queeren Coming-of-Age-Klassiker, mit aufregenden Horrorelementen und einem hochinteressanten Hauptcharakter.
I Saw the TV Glow. Horror-Fantasy-Film. USA 2024. Regie: Jane Schoenbrun. Cast: Justice Smith, Brigette Lundy-Paine, Ian Foreman, Fred Durst, Danielle Deadwyler, Helena Howard. Laufzeit: 100 Minuten. Sprachen: deutsche Synchronfassung, englische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 16. Sony Pictures Home Entertainment. Erhältlich bei Prime Video
Links zum Thema:
» "I Saw the TV Glow" bei Prime Video
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» auf sissymag.de
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