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Folge 3 von 10
Schwules Leben vor 100 Jahren: Morde und Gewalttaten
Es gab einige Morde, über die 1925 diskutiert wurde. Vor allem über die Verbrechen des 1925 hingerichteten Fritz Haarmann, deren öffentliches Echo das gesellschaftliche Klima nachhaltig vergiftete.

Schlimmster deutscher schwuler Serienmörder aller Zeiten: Fritz Haarmann (zweiter von links) wird im Juli 1924 von Kriminalbeamten in Handschellen gehalten und gefilmt (Bild: Bundesarchiv, Bild 102-00824 / Georg Pahl)
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12. Januar 2025, 04:26h 22 Min.
Fritz Haarmann – der schwule Serienmörder aus Hannover
In Hannover wurde Mitte 1924 Fritz Haarmann verhaftet und Ende 1924 zum Tod verurteilt, weil er mindestens 24 Jungen und junge Männer sexuell missbraucht und getötet hatte. Haarmanns Taten bekamen eine Bedeutung, die weit über die vielen Opfer hinausging und die die politische und gesellschaftliche Einstellung zu Homosexuellen massiv und nachhaltig negativ beeinflusste. Viele Artikel über Haarmann erschienen ausgerechnet zu einer Zeit, als die Streichung bzw. Reform des § 175 diskutiert wurde. Vor einem Jahr habe ich hier auf queer.de die Situation von 1924 beleuchtet und vor einem halben Jahr ebenfalls auf queer.de noch ausführlicher die Hintergründe zum "schlimmsten deutschen schwulen Serienmörder aller Zeiten" beleuchtet.
Nach der Verurteilung 1924 waren auch 1925 die Nachwirkungen des Mordfalles immer noch deutlich zu spüren. Es wurde weiterhin über Haarmann publiziert und es gab auch in diesem Jahr eine erhöhte Zahl von Razzien, Gerichtsverfahren und Verurteilungen nach § 175 – auch außerhalb von Hannover. Am 15. April 1925 wurde Haarmann durch ein Fallbeil hingerichtet, während das Gerichtsverfahren gegen seinen Komplizen Hans Grans wieder aufgenommen wurde.
Die zeitgenössischen Schriften über den "Werwolf" Haarmann
In den Jahren 1924 und 1925 sind unzählige Artikel und mehrere Bücher über Haarmann erschienen. Auf Hans Hyans Broschüre "Massenmörder Haarmann. Kriminalistische Studie" (1924) bin ich hier auf queer.de bereits eingegangen.
Auch Theodor Lessings Buch "Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs" (Anfang 1925, hier online) wirkt wie Hans Hyans Broschüre vom Titel her zunächst reißerisch, ist es aber nicht. Lessing hatte den Prozess als Augenzeuge verfolgt und machte die Rolle der hannoverschen Polizei öffentlich. In seinem Buch versuchte er nicht nur die Homosexualität des Täters zu beleuchten, sondern auch die Homosexuellenszene in Hannover mit seinen angeblich 40.000 Homosexuellen und insbesondere den "Markt der männlichen Prostituierten" ("Erster Teil") wertneutral darzustellen. Die Anzahl der Nachdrucke (1996, 2011, 2015, 2020, 2022) vermittelt eine Ahnung davon, wie Lessing mit seinem Buch das Bild dieses Kriminalfalles in der Öffentlichkeit prägte und bis heute prägt.
1925 sind auch einige Broschüren erschienen, gegen die jedoch schnell polizeilich vorgegangen wurde. Der Polizeipräsident von Hannover sah bei drei Broschüren die Möglichkeit des strafrechtlichen Einschreitens, weil die "Schilderung der Tötung der Opfer und der Zerstückelung der Leichen geeignet ist, in sittlicher Beziehung Ärgernis zu erregen" ("Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", 10. Februar 1925). Damit meinte er folgende Broschüren: "Der Haarmann-Prozess", verfasst von der Redaktion der kommunistischen "Niedersächsischen Arbeiter-Zeitung" (1925), "Haarmann vor dem Schwurgericht", herausgegeben von Walter Schneider (1925, Reprint 1987), und "Haarmann, der 24fache Mörder vor dem Schwurgericht" (anonym, 1925). Alle drei Broschüren werden zwar nicht antiquarisch oder online angeboten, sind aber über die Fernleihe von Bibliotheken grundsätzlich verfügbar.

Theodor Lessings Buch über Haarmann wurde häufig nachgedruckt. Andere Schriften haben Seltenheitswert (hier Katalogkarte der Bayerischen Staatsbibliothek)
Die Berichte in den bürgerlichen Zeitungen
Haarmanns Taten hatten reichsweit für Entsetzen gesorgt und auch 1925, nach seiner Verurteilung, gab es weiterhin eine breite Berichterstattung über ihn, seine Opfer und seinen Komplizen. Häufig wurden in diesem Zusammenhang höhere Strafen für homosexuelle Handlungen gefordert.
Es ging auch um Konsequenzen, die aus diesem Fall gezogen werden sollten. In mehreren Städten wurden Vorkehrungen angekündigt, damit ein Serienmörder wie Haarmann, der sich am Hauptbahnhof von Hannover seine Opfer gesucht hatte, nicht noch einmal sein Unwesen treiben solle. Einen indirekten Eindruck der zunehmenden Kontrollen vermittelt gut ein Artikel in der "Bensberger Volkszeitung" (7. Januar 1925), in dem es hieß, der Hamburger Hauptbahnhof werde nun so gründlich überwacht, dass "Vorgänge" wie im Zusammenhang mit Fritz Haarmann "hier für unmöglich gehalten werden". In jedem Monat gebe es "400 Fälle", in denen eingeschritten werde, weil es leider immer wieder vorkomme, dass "homosexuell veranlagte Beutejäger und Schlepper" Kontakte suchten. Solche Artikel führten zu einer illegitimen Gleichsetzung von Homosexuellen mit einem Serienmörder.
Mehr als 20 Zeitungen äußerten die Ansicht, dass sich die Berichte zum Haarmann-Prozess als eine "schwere Schädigung der Jugenderziehung" erwiesen hätten. Sie führten zu "unerfreulichen Besprechungen zwischen Schülern"; deren "Seelenleben" werde dadurch "vergiftet" und ihre "Hemmungen gegen unsittliche Einflüsse gelockert" (u. a. "Bensberger Volkszeitung", 18. März 1925).
Auf unterschiedliche Art befremdlich sind zwei Artikel aus österreichischen Zeitungen: Im "Neuen Wiener Journal" (4. Januar 1925) wurde der Fall Haarmann mit Kannibalismus in Verbindung gebracht und behauptet, dass es auch im "Sexualleben normaler Menschen" Spuren von Kannibalismus gäbe, wie die Redensart, dass eine andere Person "zum Anbeißen" sei, oder die Tatsache, dass Menschen beim "Koitus zu beißen pflegen". Der Journalist Hans Liebstoeckl hatte in der von ihm redigierten Theaterzeitung "Die Bühne" für den Umgang mit Mördern wie Haarmann einen allzu simplen Rat: einfach niederschießen ("Die Bühne", Jg. 1925, Heft 8).
Die Bestattung der Opfer Haarmanns
Um wenigstens einem von Haarmanns Opfern ein Gesicht zu geben, möchte ich an dieser Stelle auf Fritz Franke hinweisen. In den Homosexuellenzeitschriften "Blätter für Menschenrecht" (Heft 37, 24. Oktober 1924) und "Die Freundschaft" (Heft 7, Oktober 1924, S. 168) wurde der Lehrling Fritz Franke seit Februar 1923 als vermisst gemeldet, ein Foto abgedruckt und um Mithilfe bei der Suche nach ihm gebeten. Es ist das einzige bisher bekannte Foto von einem Opfer Haarmanns und wurde seit rund 100 Jahren nicht mehr publiziert.
Die "Bergische Post" (19. Januar 1925) wies darauf hin, dass ein christliches Begräbnis angebracht sei, auch wenn sich ein Teil der Opfer "auf den Wegen des Lasters befunden haben". Damit wurde offenbar angedeutet, dass sich einige der Opfer aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation prostituieren mussten. Hier deutet sich eine Täter-Opfer-Umkehr an – ähnlich wie in einem Vortrag über sogenannte "Lustmorde", den der Professor für Rechtsmedizin Julius Kratter am 15. Januar 1925 in Graz hielt. Kratter führte zu Haarmanns Opfernaus, "daß die Burschen (…) schon verdorben, mit den Praktiken der Homosexuellen schon vertraut waren" ("Neues Grazer Tagblatt", 17. Januar 1925).

Fritz Franke, der auf dem Grabstein als Opfer Haarmanns an zweiter Stelle aufgeführt wird
Die sterblichen Überreste der Opfer wurden am 17. Januar 1925 von der Staatsanwaltschaft für eine Beerdigung freigegeben und im Februar 1925 in einem Ehrengrab auf dem Stadtfriedhof in Hannover-Stöcken bestattet. Der heute bekannte Grabstein mit der Nennung aller Opfer wurde erst im April 1928 aufgestellt – nach einem mehrjährigen Kampf um den Wortlaut der Grabinschrift. Als zweites Opfer wird auf dem Grabstein Fritz Franke aufgeführt, der bei seiner Ermordung 17 Jahre alt war.
Die Hinrichtung Haarmanns

Haarmanns Hinrichtung als Anlass für eine Titelgeschichte: "Die Insel" (Jg. 1925, 1. Mai 1925)
Das vom Landgericht Hannover am 19. Dezember 1924 ausgesprochene Todesurteil wurde am 15. April 1925 morgens um 6 Uhr mit einem Fallbeil vollstreckt. Neben sehr vielen bürgerlichen Zeitungen berichteten darüber auch die Homosexuellenzeitschriften, wie u. a. "Die Freundschaft" (Jg. 1925, Heft 4, S. 77). "Die Insel" (Jg. 1925, 1. Mai 1925) nahm die Hinrichtung zum Anlass für eine Titelgeschichte und freute sich, dass "dem Gesetz Genüge geschehen ist" und dass Haarmann nur "in der Kriminalgeschichte künftig noch eine gewisse Rolle spielen" werde.
Das Gerichtsverfahren gegen Haarmanns Komplizen Hans Grans

Hans Grans – Liebhaber und Komplize Haarmanns
Fritz Haarmann hatte den 20 Jahre jüngeren Kleinkriminellen Hans Grans (1901-1975) in Hannover im "Schwulen Kessel" kennen gelernt – ein zentraler Platz in Hannover, der als Treffpunkt für männliche Prostitution bekannt war. Im Oktober 1919 zog Grans zu Haarmann, wurde sein Liebhaber und Mittäter. Wegen Beihilfe zum Mord wurde auch Grans Ende Dezember 1924 zum Tode verurteilt. Im Gegensatz zu Haarmann gab sich Grans jedoch große Mühe, die Umwandlung der Todes- in eine Gefängnisstrafe zu erwirken.
Im Januar 1925 wurde die Revision vor dem Reichsgericht verworfen und Grans wollte ein Gnadengesuch einreichen. Ein Brief mit einem Geständnis Haarmanns, das Grans entlastete, führte zu einer Wiederaufnahme des Verfahrens und wurde von vielen Zeitungen im Wortlaut abgedruckt (u. a. "Hasper Zeitung", 12. Februar 1925). Ein neuer Prozess sollte im November 1925 stattfinden und wurde dann auf Januar 1926 verschoben. Grans erreichte schließlich eine Verurteilung zu zwölf Jahren Zuchthaus. Er überlebte Gefängnis, Konzentrationslager und den Zweiten Weltkrieg und kehrte nach 1945 nach Hannover zurück. Bis zu seinem Tod soll er einen kleinen Kiosk am Karl-Peters-Platz in Hannover betrieben haben.
Weitere Morde und Gewalttaten
Dieser Abschnitt war zunächst als Auflistung gedacht, welche Schwule und Lesben 1925 Opfer von Gewalttaten wurden. Ich wollte vor allem dokumentieren, wie die Zeitungen über solche Taten berichteten. Dabei bot es sich an, auch Fälle und Zeitungsberichte aus Österreich mit zu berücksichtigen.
Es kann zunächst als problematisch erscheinen, dass ich nachfolgend auch auf Fälle eingehe, in denen Schwule und Lesben Täter*innen waren. Nur bei einem oberflächlichen Blick kann dadurch der irrtümliche Eindruck entstehen, als würde ich zwischen Opfern und Täter*innen nicht ausreichend differenzieren. Die Art der Berichterstattung über Homosexualität in den Zeitungen lässt sich auch in diesen Fällen dokumentieren. Weil bei den meisten Morden an Homosexuellen der homosexuelle Hintergrund wohl nie öffentlich bekannt wurde, haben die nachfolgenden Kriminalfälle, wenn überhaupt, nur einen exemplarischen Charakter und können nur repräsentativ für Gewaltdelikte an und von Homosexuellen stehen. Von den hier behandelten Kriminalfällen sind die Morde Ella Kleins, Margarete Nebbes und Fritz Haarmanns vermutlich die einzigen aus dieser Zeit, die bis heute eine gewisse Bekanntheit haben und medial rezipiert werden.
Hinweisen möchte ich noch auf das Buch von Peter Rohregger "Sittenloses Landvolk. Unmoral und Sexualverbrechen vor 100 Jahren" (2022), das ein Kapitel über Homosexualität in Österreich mit 13 Fallbeschreibungen enthält (S. 252-287) – u. a. zum Fall der Mörderin Emilie Deutsch.
Die beiden Freundinnen Ella Klein und Margarete Nebbe und ihr Giftmord
Berlin. Ella Klein und ihre Partnerin Margarete Nebbe wollten ihre beiden Ehemänner vergiften. Ella Kleins Ehemann Willi Klein starb am 1. April 1922, während Margarete Nebbes Ehemann überlebte. Anfang März 1923 wurde die Haupttäterin Ella Klein zu vier Jahren und ihre Mittäterin Margarete Nebbe zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Prozess entwickelte sich unter medialer Begleitung zu einer Mediensensation, wobei auch die sexuelle Beziehung der beiden Frauen eine Rolle spielte.
Dass dieser Fall bis heute bekannt ist, liegt an Alfred Döblins Erzählung "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord" (Dezember 1924 und 1925), über die Anfang 1925 viel diskutiert wurde. Mit ihr wurde die kriminalistische Buchreihe "Außenseiter der Gesellschaft" eröffnet (Band 1), die mit einem Buch über den schwulen Oberst Redl (Band 2) fortgesetzt wurde. Döblin setzte sich literarisch mit der Vorgeschichte des Giftmordes auseinander, beschrieb die Entwicklung von Elli Link zur Giftmörderin, ihre Ehe mit einem gewalttätigen Mann, die Freundschaft mit Margarete Bende, aus der sich ein lesbisches Liebesverhältnis entwickelte, und den Entschluss der beiden Freundinnen, ihre Ehemänner zu vergiften. In einer ausführlichen Rezension in der Wiener Zeitung "Der Tag" (19. Januar 1925) ist zu lesen, dass beide Frauen "sexuell nicht normal veranlagt" seien, aber erst der Zufall habe "die ihnen eigene sexuelle Reaktion zum Ausbruch" gebracht. Zwischen den Zeilen kann man hier lesen, dass der "Haß gegen den Mann" als typisch für Lesben angesehen wird. Zunächst wird eine Erklärung gesucht, warum es ein Interesse an lesbischen Kriminalfällen gebe. Dies sei nicht nur "Sensationslust", sondern, "vielleicht noch stärker, die Befriedigung uneingestandener Sehnsüchte". Viele Menschen wollten das erleben, was man "aus Achtung vor dem Gesetz oder Furcht vor dem Unbekannten nicht selbst erleben kann". Das hohe "künstlerische und geistige Niveau" von Döblins Erzählung wird gelobt.
Claudia Schoppmann verweist in ihrem Buch "'Der Skorpion'. Frauenliebe in der Weimarer Republik" (1991, S. 58-59) darauf, dass diese Erzählung literarisch hoch gelobt wurde. Sie selbst ist jedoch nicht überzeugt, stört sich an pathologisierenden Formulierungen sowie der Benennung angeblicher Ursachen für Homosexualität und kritisiert Döblins Werk indirekt als vorurteilsbeladen. Döblins Erzählung wurde unzählige Male nachgedruckt, 1978 verfilmt (Wikipedia), ist auch als Hörspiel verfügbar (s. u. a. 17:30-18:25 und 22:40-22:52 Min.) und auch ansonsten medial präsent (s. Beitrag im rbb24).

Zwei Ausgaben der bemerkenswerten Erzählung von Alfred Döblin (2007, 2013)
War der schwule Georg Gasser mitschuldig an seiner Ermordung?
Klagenfurt. Im April 1923 wurde der 45-jährige Georg Gasser tot in seiner Wohnung aufgefunden. Mehrere Zeitungen gingen darauf ein, dass sich das Opfer "viel in der Gesellschaft junger Männer" aufgehalten habe (u. a. "Salzburger Volkswacht", 18. April 1923), was in diesem Fall ein dezenter Hinweis auf seine Homosexualität war.
Während der Gerichtsverhandlung wurde 1925 öffentlich, dass Gasser nach dem Sex von seinen 18- bis 21-jährigen Sexpartnern Oswald Schmuck, Franz Pacher und Hermann Schwarzenegger ermordet worden war. Dafür wurden die Täter am 14. September 1925 zu sechs bis zehn Jahren Kerker verurteilt. Als Milderungsgrund wurde u. a. berücksichtigt, dass "der Ermordete gewissermaßen mitschuldig war, da er (…) durch seine homosexuellen Gelüste eine Lage schuf, die die Tat begünstigte" ("Arbeiterwille", 19. September 1925).
Die Ermordung Johann Pollaks führte zu Treibjagden auf Homosexuelle
Breslau. Der 22-jährige Feldarbeiter Julius Csapo war obdachlos und übernachtete im Stadtwäldchen von Breslau, wo auch, wie es ein Zeitungsbericht formuliert, "krankhaft veranlagte Männer regelmäßig zu verkehren pflegten". Hier lernte er den homosexuellen Johann Pollak kennen, der im Finanzministerium arbeitete und der ihn mit zu sich nach Hause nahm. Nach körperlichen Annäherungen und einem Streit wurde Pollak von Csapo im Juni 1924 ermordet. Die Polizei konnte den Täter zunächst nicht fassen. Alle "Nachforschungen – die Polizei veranstaltete förmliche Treibjagden auf die Homosexuellen – bleiben (zunächst) ergebnislos" (beide Zitate aus der Wiener Zeitung "Der Tag", 4. Juli 1924).
Mehr als ein Jahr später berichteten mehrere Zeitungen, dass der Täter im Oktober 1925 in dritter Instanz in Breslau zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Das "Salzburger Volksblatt" (14. Oktober 1925) ergänzte: "Führe Prozesse nicht in Berufung". Der Grund: In den ersten beiden Instanzen war der Täter nur zu vier bzw. fünf Jahren verurteilt worden.
Wurde der 15-jährige Fritz Loßmann das Opfer homosexueller Verbrecher?
Niederösterreich. Am 18. Oktober 1924 wurde bei der Burgruine Mödling der 15-jährige Fritz Loßmann mit einer Schusswunde tot aufgefunden. Einige Monate später wurden die Ermittlungen durch die Polizei eingestellt, mit der Begründung, dass Loßmann mit Männern verkehrt habe und sich wohl aus Angst oder Scham selbst getötet habe. Der Vater glaubte nicht an einen Suizid, sondern ging aufgrund von Briefen des Sohnes davon aus, dass er das Opfer "homosexueller Verbrecher" geworden sei. Im Februar 1925 verteilte er in Wien Flugblätter mit der Überschrift "Wer hat meinen Sohn ermordet?", die für großes Aufsehen sorgten. Im weiteren Text bezichtigte er den homosexuellen Martin Bach und den ebenfalls homosexuellen Rechtsanwalt Adolf Lamm, die Mörder seines Sohnes zu sein, und nannte dabei auch ihre Adressen.
Mindestens acht Zeitungen übernahmen die Namen und Adressen aus dem Flugblatt in ihre redaktionelle Berichterstattung (u. a. "Neues 8 Uhr-Blatt", 27. Februar 1925). Als recht fair zeigte sich "Die Stunde", die die beiden Namen nicht nannte, sondern betonte: "Bevor man seine schweren Anklagen wiedergibt, (wird man) die amtlichen Feststellungen abwarten müssen" (28. Februar 1925). Einige Tage später erschien in derselben Zeitung ein sehr ausführlicher Text über die Situation der Homosexuellen in Österreich. Dabei nannte die Redaktion viele Wiener Szenetreffpunkte und verwies auch auf homosexuelle Fußballfans und die Berliner Friedrichstraße mit ihrem "schwülen Strich". Die Frage der Strafbarkeit der Homosexualität wurde dabei angerissen, aber leider nicht vertieft (2. März 1925). Besonders abstoßend ist die Berichterstattung in der antisemitischen "Deutschösterreichischen Tages-Zeitung". Als einzige Zeitung zitiert sie den folgenden Satz des Vaters aus dem Flugblatt: "Damit hänge ich vorläufig diese beiden an den Galgen der öffentlichen Meinung" (27. Februar 1925), wobei das Wort "vorläufig" in diesem Kontext merkwürdig anmutet. Einige Tage später wird in dieser Zeitung der indirekte Aufruf zur Selbstjustiz noch deutlicher: Martin Bach "wohnt in der Lerchenfelder Straße 120. Hin zu ihm!" (7. März 1925).
Wurde Hugo Bettauer im März 1925 von einem Schwulen ermordet?
Hugo Bettauer (1872-1925) war ein österreichischer Schriftsteller und Drehbuchautor. Acht seiner Romane wurden verfilmt, darunter "Die freudlose Gasse" (1924). In der Verfilmung von Georg Wilhelm Pabst von 1925 feierte Greta Garbo ihr internationales Leinwanddebüt. Ab 1924 gab Bettauer die Zeitschrift "Er und Sie. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik" heraus, in der er sich in scharfer Form gegen die strafrechtliche Verfolgung von Homosexualität einsetzte (Wikipedia). Wegen "Anpreisung" und "Rechtfertigung" der Homosexualität ("Illustrierte Kronen-Zeitung", 19. September 1924) wurde ihm im September 1924 der Prozess gemacht, der mit einem Freispruch endete. In mehreren literarischen Werken wie der Novelle "Die Menschenfalle" in der Wiener Zeitung "Der Tag" (23. März 1924) setzte er sich positiv mit Homosexualität auseinander. Nimmt man Bettauers Drama "Die blaue Liebe" und ein Kabarett-Programm dazu, gibt es kaum einen Autor aus der Zeit Mitte der Zwanzigerjahre, in dessen Werk Homosexualität einen so breiten Raum einnahm und der Homosexualität so leidenschaftlich verteidigte (s. meinen Artikel über Literatur und Theater im Jahre 1924 hier auf queer.de).
Am 10. März 1925 wurde Hugo Bettauer von dem 21-jährigen Otto Rothstock angeschossen und starb am 26. März an den Folgen dieses Attentats. Der Täter wollte damit ein Zeichen gegen die angebliche Sittenlosigkeit eines Autors setzen, der mit seinen sexuell freizügigen Schriften berühmt geworden sei. Zunächst war unklar, ob ein Freund Rothstocks, der wie er selbst homosexuell gewesen sein soll, an dem Attentat beteiligt war ("Arbeiter-Zeitung", 11. März 1925). Die hetzerischsten Artikel finden sich in der Zeitung "Die Stunde" (12. März 1925). Sie berichtete, der Mörder Otto Rothstock habe im Wiener Café Ferdinandshof verkehrt und damit in der "Gesellschaft von Lustknaben", die für diesen Artikel interviewt wurden (S. 4). Eine Seite zuvor wurde betont, dass es sich auch bei Rothstock selbst um einen "notorisch bekannten Lustknaben" handle (S. 3). Diese Vorwürfe waren offenbar so vehement, dass sich Rothstocks Verteidiger Dr. Walter Riehl ausdrücklich gegen die "Unterstellung einer homosexuellen Veranlagung" verwahrte ("Deutschösterreichische Tages-Zeitung", 27. März 1925). Im Rahmen antisemitischer Hetze wurde der Mord an dem Juden Bettauer in einer nationalsozialistischen Zeitung sogar ausdrücklich zu legitimieren versucht, denn der Zweck heilige die Mittel ("Niederösterreichischer Beobachter", 1. April 1925).
Otto Rothstock wurde vom Vorwurf des Mordes freigesprochen und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, die er jedoch schon im Mai 1927 als freier Mann verließ. Der Freispruch und die frühe Entlassung sind auch vor dem politischen Hintergrund zu sehen, dass der Täter der NSDAP nahestand (und zeitweise ihr Mitglied war) und dass das Opfer ein Jude war. 1977 wurde Otto Rothstock zum Mord interviewt und rühmte sich dabei seiner Tat (Wikipedia).

Hugo Bettauer und sein Mörder Otto Rothstock
Warum wurde Emilie Deutsch zur Mörderin?
Wien. Mehrere Jahre lang wohnte Emilie Deutsch als Untermieterin bei dem Ehepaar Josefine und Rudolf Babak. Sie zog aus, weil sie eine neue Stelle angenommen hatte und dort auch wohnen konnte. Nach dem Umzug wurde sich Emilie Deutsch ihrer Homosexualität bewusst. Als sie – laut Zeitungsberichten – ihre neue Arbeitgeberin zu sehr mit Liebesanträgen verfolgte, wurde sie entlassen und versuchte, sich das Leben zu nehmen. Im Krankenhaus gab sie an, lesbisch zu sein, und wurde "einer entsprechenden Behandlung unterzogen" ("Die Stunde", 24. September 1925). Weil sie keine neue Anstellung finden konnte, kehrte sie zu Josefine Babak zurück. Das war möglich, weil Rudolf Babak zunächst nicht zu Hause war. In der Wohnung trug sie Männerkleidung und konnte sich mit Josefine Babak auch über ihre homoerotischen Gefühle austauschen. Beide Frauen lebten harmonisch zusammen, bis Ende August 1925 Rudolf Babak nach einer Gefängnisstrafe wieder nach Hause zurückkehrte und es ständig Streit gab. Als sich Rudolf Babak sehr kränkend gegenüber Emilie Deutsch äußerte bzw. sie "wegen ihrer Eigenart beschimpft(e)" ("Neues Wiener Tagblatt", 23. September 1925), eskalierte die Situation und Emilie Deutsch erschlug ihn. Sie wurde verhaftet und später in eine geschlossene Anstalt eingeliefert.
Mir liegen rund 20 Zeitungsartikel zu diesem Mordfall vor, die den Hass und die Hetze gegen Lesben und jede Menge Klischees über sie verdeutlichen. Das beginnt bereits mit sensationsheischenden Überschriften wie "Die Bluttat einer lesbischen Frau" ("Die Stunde", 24. September 1925) und "Die Rache der Gleichgeschlechtlichen" ("Der Tag", 23. September und 25. September 1925). Emilie Deutsch, hieß es, "haßt die Männer und liebt das weibliche Geschlecht, (hat sich aber) nie zu erotischen Exzessen hinreißen lassen". Sie besitze, "ihrer Veranlagung entsprechend", eine Männerhose ("Arbeiter-Zeitung", 23. September 1925). Welcher "Behandlung" Emilie Deutsch im Krankenhaus unterzogen wurde und mit welchen Worten Rudolf Babak sie beleidigte, was letztendlich zur tödlichen Eskalation führte, geht aus den Zeitungsartikeln nicht hervor. Rund 100 Jahre später griff Peter Rohregger diesen Kriminalfall in seinem Buch "Sittenloses Landvolk. Unmoral und Sexualverbrechen vor 100 Jahren" (2022, S. 71-84, zum Teil online) auf, wobei er sich ebenfalls auf zeitgenössische Presseartikel stützt.

Widerliche Hetze gegen Lesben: Aufgrund der "Rache der Gleichgeschlechtlichen" habe Rudolf Babak sterben müssen ("Der Tag", 23. September 1925)
Wurde Gerhard Schnäpel von Homosexuellen verschleppt und ermordet?
Berlin. Am 28. Oktober 1925 wurde der "hübsche" 16-jährige Page Gerhard Schnäpel, der im Café Vaterland gearbeitet hatte, tot in der Havel bei Geltow (östlich von Berlin) aufgefunden. Mehrere österreichische Zeitungen hielten es für möglich, dass er zuvor "von Homosexuellen verschleppt" worden sei (u. a. "Wiener Allgemeine Zeitung", 11. November 1925). Einige deutsche Zeitungen nannten zwar nicht den Namen des Opfers, dafür aber den Grund für diese Vermutung: "Der Page hatte sich bei seinem Geschäftsführer mehrfach darüber beklagt, daß er ständig von eleganten Herren angesprochen werde, die ihn aufforderten, in ihre Wohnung zu kommen, ja daß er sich in letzter Zeit der Zudringlichkeiten kaum noch erwehren könne" (u. a. "Essener Anzeiger", 5. November 1925).
Auch zwei Homosexuellenzeitschriften beteiligten sich mit einem Aufruf an der Suche nach dem Täter ("Das Freundschaftsblatt", Nr. 23; "Die Freundschaft", Nr. 10), allerdings nicht, weil sie den Täter für homosexuell hielten, sondern ausdrücklich, um zu verhindern, dass die Verantwortung für diese Tat wieder an den Homosexuellen hängen bleibe. Der Mord an Gerhard Schnäpel konnte auch später nie aufgeklärt werden – auch nicht, als im April 1928 an derselben Stelle die Leiche eines weiteren Pagen entdeckt wurde ("Essener Allgemeine Zeitung", 9. April 1928).

Die Homosexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" (Jg. 1925, Heft 10) beteiligte sich an der Suche nach einem Mörder
Die Verschwundenen von 1925
In den Zwanzigerjahren war die Zahl der Vermissten groß: Allein in Wien wurden 1924 6.000 Vermisstenanzeigen aufgegeben, von denen 5.800 aufgeklärt werden konnten ("Der Morgen", 3. August 1925). Die Zahlen für die Großstädte in Deutschland werden vergleichbar hoch gewesen sein. Ein Teil der Gründe für die hohe Anzahl der Vermissten in diesen Jahren wird durch eine Feststellung zu den Opfern Haarmanns etwas deutlicher: "Viele seiner Opfer (…) führten ein prekäres Leben ohne engen Kontakt zu ihren Angehörigen; die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg trugen dazu bei, dass Verschwundene nicht vermisst oder zumindest nicht aktiv gesucht wurden" (Wikipedia).
Aufgrund des Falls Haarmann traf Homosexuelle nun wesentlich häufiger der Verdacht, mit dem Verschwinden von Jungen und jungen Männern etwas zu tun zu haben. Homosexuelle wurden schnell zu Sündenböcken. Der auf Homosexuelle fallende Verdacht blieb in den meisten Zeitungsartikeln im Subtext. Das "Neue Wiener Tagblatt" (20. Mai 1925) versuchte zu erklären, warum es bei vermissten Jugendlichen legitim sein könne, auch ohne einen Anhaltspunkt Homosexuelle zu verdächtigen: Es gebe Jugendliche, die "möglicherweise Opfer eines Verbrechers à la Haarmann geworden sein" könnten. "Wie erwähnt ist nicht die geringste Annahme für die Berechtigung eines solchen Gerüchtes vorhanden, wenn auch nicht von der Hand zu weisen ist, daß die verschwundenen Jugendlichen möglicherweise Opfer der Verführung widernatürlich Veranlagter geworden sein könnten."
Für Homosexuelle waren diese Verdächtigungen nicht nur abstrakt und ärgerlich, sondern führten in der Praxis auch zu Razzien und Vorladungen. Wenn Rückschlüsse gezogen wurden auf "den Behörden als Homosexuelle bekannte Persönlichkeiten" ("Der Morgen", 15. Juni 1925), ist das ein klarer Hinweis auf Homosexuellenkarteien bzw. "Rosa Listen", die in der Mehrheitsgesellschaft damals kaum jemand illegitim fand. Im Fall des Vermissten Egon Heimann (s. u.) wurde berichtet, dass "sämtliche polizeibekannten Tummelplätze der Homosexuellen (erfolglos) durchsucht" ("Neues 8 Uhr-Blatt", 25. Juli 1925) und die "polizeibekannten Homosexuellen" in ein "Sicherheitsbureau gebracht" wurden ("Der Morgen", 3. August 1925). Das lässt nicht nur erahnen, wie auch in anderen Vermisstenfällen gearbeitet wurde, sondern auch, wie Schwule in solchen Situationen gelitten haben werden. Bei den Vermissten Egon Heimann, Karl Böck und Berthold Mark gibt es Hinweise auf einen Aufenthalt in Italien. Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass Italien – aufgrund der dortigen Straflosigkeit homosexueller Kontakte – ein Land der Flucht und des Exils für viele Homosexuelle war. Die vielen Vermisstenmeldungen hätten eine Gesamteinordnung verdient, die die Quellenlage jedoch nicht ohne weitere zulässt. Man kann davon ausgehen, dass es sich bei den Spekulationen über Entführungen durch Homosexuelle, speziell nach Italien, um homophobe Phantasien handelte, die in der Gesellschaft nicht nur vereinzelt anzutreffen waren. Nachfolgend möchte ich auf einige vermisste Männer hinweisen, bei denen – mit Ausnahme des Bäckerlehrlings Fritz Keller – auch in den darauffolgenden Jahren keine weiteren Artikel zu ihrem Verbleib gefunden wurden.
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Hielt sich Walter Bütow aus Berlin in homosexuellen Kreisen auf?
Berlin. Seit dem 2. April 1924 wurde der 19-jährige Lehrling Walter Bütow vermisst. In dem österreichischen (aber international ausgerichteten) polizeilichen Mitteilungsblatt "Öffentliche Sicherheit" (Jg. 1925, Heft 9-10 mit Foto, Heft 13-14 ohne Foto) wurde nach ihm gesucht und an das Berliner Polizeipräsidium für mögliche Hinweise verwiesen. Dazu hieß es, es bestehe "auch die Möglichkeit, daß er sich in homosexuellen Kreisen aufhält", ohne die Gründe für diese Annahme mitzuteilen. In deutschen Zeitungen wurden keine Artikel zu Bütow gefunden.

Der vermisste 19-jährige Lehrling Walter Bütow
Befand sich Egon Heimann aus Wien in den Händen von Homosexuellen?
Wien. Der 17-jährige Kürschner-Lehrling Egon Heimann wurde seit dem 4. Mai 1925 vermisst. Mehrere Zeitungen verwendeten mit Bezug auf Heimann die Formulierung "In den Händen von Homosexuellen?", wobei sich das Fragezeichen auch wie ein Ausrufezeichen lesen lässt. Nach "privaten Recherchen" will man ihn zuletzt mit einem ca. 45-jährigen geschminkten Mann zusammen gesehen haben, der seinem "Gehabe nach ein Homosexueller" sei ("Illustrierte Kronen-Zeitung", 17. Mai 1925). Heimanns wohlhabende Eltern setzten eine Belohnung aus und es wurde daraufhin auch mit zwei verschiedenen Fotos nach ihm gesucht.
Im November 1925 erhielt die Mutter einen Brief von einer angeblichen "Internationalen Liga der homosexuell veranlagten Männer" mit der Mitteilung, dass es ihrem Sohn gut gehe und er sich zurzeit in Italien aufhalte. Im selben Artikel wird der Brief jedoch als Fälschung und der Inhalt als schlechter Scherz bezeichnet ("Neues Wiener Journal", 1. Dezember 1925). Ein Jahr später kam es zu einer weiteren Falschmeldung: Mehrere Zeitungen verbreiteten die perfide und gegenüber den Angehörigen auch geschmacklose Behauptung, dass Heimann im Ausland gefunden und tatsächlich von "Homosexuellen verschleppt" worden sei, nun aber bald nach Hause komme ("Illustriertes Wiener Extrablatt", 10. Juli 1926). Im Gegensatz zur ersten Falschmeldung wurde diese erst später korrigiert. Eine letzte Zeitungsmeldung zu Heimann aus dem Jahr 1936 zeigt, dass er zehn Jahre später immer noch spurlos verschwunden, aber wenigstens noch nicht vergessen war ("Die Stunde", 31. Oktober 1936).

Homophobe Hetze und gezielte Falschmeldungen zu dem vermissten Egon Heimann
Eduard Dankert wurde in der Homosexuellenszene vermisst
Berlin. Der Buchdrucker Eduard Dankert (*21. März 1871) war zuletzt in Berlin-Steglitz wohnhaft und wurde seit dem 26. Februar 1924 vermisst. Im Gegensatz zu allen anderen Beispielen geht es hier um einen Erwachsenen, bei dem nicht die bürgerlichen Zeitungen einen homosexuellen Zusammenhang sahen, sondern sich der schwule Kontext durch eine Vermisstenanzeige in der Homosexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" (Heft 1, S. 20) ergibt, in der um Hinweise zum Verbleib gebeten wurde. Auch hier sind weitere Hinweise zu dem Vermissten bzw. dieser Vermisstenanzeige, die erst neun Monate nach seinem Verschwinden aufgegeben wurde, nicht bekannt.

Der vermisste Buchdrucker Eduard Dankert
Wurden sechs weitere junge Männer aus Wien von Homosexuellen entführt oder verschleppt?
Bei dem vermissten 17-jährigen Kürschner-Lehrling Karl Böck wurde in der Presse über eine Entführung nach Italien spekuliert. "Wahrscheinlich" sei er von einem der "am Ostbahnhof sich herumtreibenden Homosexuellen verschleppt worden" ("Die Stunde", 13. Mai 1925). Kurz vor seinem Verschwinden am 7. Mai 1925 wurde der 16-jährige Wilhelm Pelikan angeblich von einem gut gekleideten Mann angesprochen. "Wie in vielen Fällen scheinen auch hier wieder Homosexuelle im Spiele zu sein" ("Illustrierte Kronen-Zeitung", 20. Mai 1925). Als im Mai 1925 der 19-jährige Bäckerlehrling Fritz Keller verschwand, wollten mehrere Zeitungen nicht ausschließen, dass der Junge, der "seinerzeit das Opfer eines Verführers geworden ist, in homosexuellen Kreisen eine Zuflucht gefunden haben könnte" ("Illustriertes Wiener Extrablatt", 29. Mai 1925). Erst als Fritz Keller im August 1926 wieder zu seiner Familie zurückkehrte, stellte sich diese Annahme als falsch heraus ("Arbeiter-Zeitung", 11. August 1926).
Seit dem 19. Mai 1925 wurde der 16-jährige Lehrling Heinrich Pezina vermisst. Weil er kurz zuvor eine "Vorladung als Zeuge in einem Prozeß gegen Homosexuelle" erhalten habe und in Kontakt mit einem unbekannten "Rudolf" gestanden habe, nahmen verschiedene Zeitungen an, dass er "in die Hände Homosexueller gefallen" sei (u. a. "Illustriertes Wiener Extrablatt", 18. Mai 1925). Im September 1925 wurde der 20-jährige Damenfriseurgehilfe Friedrich Knarr vermisst. Aufgrund einer von ihm verschickten Postkarte war bekannt, dass er nach Frankreich aufbrechen wollte. Weil ihm dazu jedoch die finanziellen Mittel fehlten, spekulierten mehrere Zeitungen, dass er von der Fremdenlegion angeworben worden sei oder sich "in den Händen Homosexueller" befinde (u. a. "Illustriertes Wiener Extrablatt", 4. September 1925). Seit dem 31. Oktober 1925 wurde der 19-jährige Schlossergehilfe Berthold Mark vermisst. Die Polizei ging davon aus, dass er wohl in die Fremdenlegion eintreten wolle. Nach Aussage seines Freundes Walter L. hatte Berthold Mark vorher erwähnt, dass er sich an einen homosexuellen Freund wenden wolle, den er in einem Park kennen gelernt habe. Im Artikel wird auch die Vermutung geäußert, dass er nach Italien entführt worden sein könne ("Die Stunde", 18. November 1925).
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