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Kinostart
Die Magie der ersten Gefühle
Der Spielfilm "Young Hearts" zeigt, wie schön und schmerzhaft das erste Verliebtsein ist. Das belgische Coming-of-Age-Drama über zwei 14-jährige Jungs ist ein zeitloses und wohltuendes Meisterwerk des queeren Kinos.

Elias verliebt sich in den neuen Nachbarn Alexander. Das überfordert ihn so sehr, dass er nicht mehr weiterweiß (Bild: Salzgeber)
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14. Januar 2025, 04:58h 4 Min.
Mitten in der Schulstunde öffnet sich die Tür des Klassenzimmers. Alle Augen richten sich auf den Neuen. Wer ist er, wo kommt er her – und was will er bei uns? Es ist eine ikonische Szene, aus vielen Coming-of-Age-Filmen bekannt: Der*die Neue bringt das bisherige Gefüge durcheinander, löst etwas aus, was vorher nicht da gewesen ist. Ein Impuls von außen, der für Chaos sorgen kann. Besonders schön war dieser Moment zum Beispiel in der Jugendbuchverfilmung "Die Mitte der Welt", wo Nicholas (Jannik Schümann) schon mit seinem ersten, selbstsicheren Lächeln alle zum Schmelzen bringt.
Im belgischen Film "Young Hearts" ist es Alexander, der das Klassenzimmer betritt. Der 14-Jährige ist alleine deshalb interessant, weil er mit seinem verwitweten Vater aus der Hauptstadt in das flämische Dorf gezogen ist. Ist es nicht gefährlich in Brüssel? Sprichst du dann auch Französisch?
Wenige Happy Ends im queeren Kino

Poster zum Film: "Young Hearts" startet am 16. Januar 2025 bundesweit im Kino
Elias aber kennt den Neuen schon. Der Gleichaltrige wohnt gleich gegenüber von ihm, sie haben einander von ihren Zimmerfenstern aus schon zugewinkt. Was der Teenager allerhöchstens ahnt, aber noch nicht weiß und schon gar nicht verstehen will: Alexander wird ihm so richtig den Kopf verdrehen. Er wird sich selbst nicht mehr verstehen, wird sich gegen seine Gefühle wehren, die Magie des ersten Verliebtseins verfluchen – weil Alexander ein Junge ist und Elias bislang nicht im Traum daran gedacht hätte, dass er sich in Jungs verlieben würde. Kurz: Der Neue bringt Chaos.
Aber, und es ist wirklich nicht zu viel verraten: Alles wird gut. Natürlich gibt es Konflikte, Tränen, einen Wutausbruch. Aber Elias hat ein so vorbildlich und bedingungslos unterstützendes Umfeld, das ihm genau das klar macht – dass alles gut wird, egal für wen er Gefühle hat.
Dass am Ende alles gut wird, dass sie noch heute leben, wenn sie nicht gestorben sind, ist eine Formel, die für Märchen genau wie für den klassischen Hollywood-Film gilt. Dem queeren Kino aber waren und sind Happy Ends oft verwehrt. Zu bedrückend war und ist die gesellschaftliche Stimmung, als dass ein gutes Ende überhaupt infrage kommt. Das hat sich zwar gelockert, teilweise aber bis heute bewahrt, man denke an "All of Us Strangers" oder das ebenfalls aus Belgien stammende, wahnsinnig bewegende Drama "Close".
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Alexander macht den ersten Schritt
"Young Hearts", der erste Langfilm von Regisseur Anthony Schatteman, setzt da einen ganz bewussten Kontrast. Er habe den Film machen wollen, den er, 1989 geboren und in seiner Sexualität damals unsicher, selbst gerne als Teenager gesehen hätte. Die persönliche Ebene spiegelt sich auch ganz direkt im Film: Er hat in seinem Heimatdorf gedreht, in seiner alten Straße, an seiner Schule.
Es ist eine fröhliche Welt, in der die Idylle ausnahmsweise mal nicht trügt. Elias' Großvater hat einen Bauernhof, er und Alexander toben im Stroh, kuscheln mit Ferkeln, schwimmen im Fluss. Der Neue ist dabei forscher und mutiger. Er ist es auch, der bei den aufkeimenden Gefühlen den ersten Schritt geht. Es ist ein herrlicher Spätsommer, den die Kamera von Pieter Van Campe einfängt.
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1.500 Castings, um die Hauptdarsteller zu finden
Es wäre leicht, "Young Hearts" zu kritisieren: So schön die Bilder sind, so wenig innovativ ist es, die zwei Jungs bei heiterer, sorgenfreier Musik über sommerliche Felder Fahrrad fahren zu lassen. Die Geschichte kann man oberflächlich, vorhersehbar und kitschig finden, das (groß-)elterliche Pathos zu kalkuliert.
Aber: Alleine die Chemie und das Talent der zwei aus 1.500 Castings gefundenen Nachwuchsdarsteller Lou Goossens (Elias) und Marius De Saeger (Alexander) ist bemerkenswert. So wie Regisseur Anthony Schatteman das Gefühlschaos erzählt, ist es zeitlos. Eine Geschichte, die auch in einigen Jahren noch berühren und nichts an Stärke einbüßen wird.
Und es braucht wohltuende Filme, die – aus Erwachsenensicht – für Hoffnung und Zuversicht stehen. Mit jugendlichen Augen gesehen kann "Young Hearts" aber noch viel mehr, nämlich zu vermitteln, dass alles gut wird – vor allem dann, wenn man das gerade am dringendsten hören muss.
Young Hearts. Drama. Belgien, Niederlande 2024. Regie: Anthony Schatteman. Cast: Lou Goossens, Marius De Saeger, Geert Van Rampelberg, Emilie De Roo, Dirk Van Dijck. Laufzeit: 97 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 0. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 16. Januar 2025
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage von Salzgeber
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
02:15h, Phoenix:
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