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Geheime Orgien in Berlin

Fast 100 Jahre nach der Veröffentlichung von Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" (1926) wagt sich der deutsche Regisseur Florian Frerichs an eine Neuinterpretation des Klassikers der Wiener Moderne.


Jacob (Nikolai Kinski) trifft auf Mizzi (Nora Islei) in einer Fetischbar (Bild: Warnuts Entertainment)

Wummernde Bässe erfüllen den Raum, Masken und Leder-Outfits dominieren die Szenerie. Jacob und Amelia betreten eine Fetisch-Party in einem Berliner Nachtclub. Kaum hat Jacob zwei Wodka für sich und seine Frau bestellt, nähert sich ihm eine maskierte Person. "Willst du ficken?", fragt sie unverblümt. Sie stellt sich als Domino vor, begleitet von ihrer Freundin Domina, die mit einem App-gesteuerten Vibrator ausgestattet ist. Mit einem schelmischen Grinsen demonstriert Domina die Funktion – und beginnt genüsslich zu stöhnen. Überrumpelt wagt Jacob keinen Schritt in die verbotene Richtung. Als er zu Amelia zurückkehrt, tanzt sie ausgelassen mit einem anderen Mann. Eifersucht steigt in ihm auf, und er drängt sie, die Party zu verlassen. Auf seinen Wunsch hin kehren sie schließlich ohne weitere Vorkommnisse nach Hause zurück.

Fast 100 Jahre nach der Veröffentlichung von Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" (1926) wagt sich der deutsche Regisseur Florian Frerichs an eine Neuinterpretation des Klassikers der Wiener Moderne. Im Original irrt der Arzt Fridolin – in Frerichs' Film Jacob genannt – als typischer Vertreter der oberen Mittelschicht durch das nächtliche Wien zur Jahrhundertwende. Schnitzlers präzise Beschreibungen von Bällen, Straßenlaternen und Kutschen verankern die Geschichte in ihrer Epoche. Das Werk hinterfragt moralische, gesellschaftliche und sexuelle Konventionen und thematisiert die strikten Klassenunterschiede sowie die Ehe als gesellschaftliches Fundament.

Metapher für queere Lebensrealitäten


Poster zum Film: "Traumnovelle" startet am 16. Januar 2025 bundesweit im Kino

Auch heute bleibt Schnitzlers Traumnovelle relevant. Freiheit in Beziehungen, Monogamie, sexuelle Offenheit und die Grenzen der Treue beschäftigen die Gesellschaft weiterhin. Jacobs surrealistische Träume und Ausflüge zu Bordellen, Burlesque-Bars und geheimen Orgien reflektieren Tabus, die nach wie vor brisant sind. Insbesondere die Maskenbälle und anonymen Identitäten lassen sich als Metapher für fluide Identitäten und queere Lebensrealitäten lesen. Der gesellschaftliche Druck, nicht-normative Begierden zu unterdrücken, ist für viele queere Menschen bis heute ein zentrales Thema.

Frerichs bleibt seiner Vorlage jedoch zu treu und liefert einen Film, der weitgehend aus der Zeit gefallen wirkt und keinerlei neue Perspektiven bietet. Während Stanley Kubrick in seiner losen Adaption "Eyes Wide Shut" die Handlung in das New York der 1990er Jahre verlegte, siedelt Frerichs sie im Berlin der Gegenwart an. Doch trotz des viel beworbenen Schauplatzes gelingt es dem Film nicht, die düstere Magie der Stadt einzufangen. Stattdessen wirkt das gezeigte Berlin wie eine sterile Parallelwelt: leere Straßen, makellos saubere Bordelle und eine unpersönliche Ehewohnung lassen die Subkulturen der Hauptstadt merkwürdig blutleer erscheinen. Auch die modernisierten Elemente bleiben oberflächlich. Apps wie "Car App", "Train App" oder "Vibrator App" sollen technologische Kritik vermitteln, wirken aber eher unbeholfen und beliebig.

Der Film wurde auf Englisch gedreht

Eine weitere Fehlentscheidung war es, den Film auf Englisch zu drehen und schlecht ins Deutsche zu synchronisieren. Die Dialoge wirken hölzern und leblos, vor allem in emotionalen Szenen, in denen das Ehepaar seine Ängste und Wünsche teilt. Statt Jacobs Träume visuell zu inszenieren, werden diese überwiegend wortwörtlich erzählt. Eine einzige, hektische und KI-generierte Animationssequenz bietet kaum Abwechslung und hinterlässt Kopfschmerzen.

Die Besetzung trägt ebenfalls wenig zum Gelingen bei. Nikolai Kinski – ja, es handelt sich um den Sohn der kontroversen Schauspieler-Legende Klaus Kinski – bleibt als Hauptdarsteller blass. Seine steife und theatralische Darstellung eines eifersüchtigen und unsympathischen Ehemanns, getrieben von Amelias erotischen Tagträumen, vermag nicht zu überzeugen. Auch die Verweise auf Verdis Oper "Un ballo in maschera" wirken gezwungen und prätentiös.

Detlev Buck als Sexshop-Besitzer

Der Film versucht, ein Genre-Mix aus Komödie, Erotik, Horror und Thriller zu sein, bleibt jedoch inkohärent. Besonders fragwürdig ist ein Auftritt von Detlev Buck als Gibiser, dem Besitzer eines queeren Sex- und Bekleidungsladens. Eine Szene, in der Jacob auf Gibisers Sohn trifft, der sich mitten in einer SM-Szene mit zwei Frauen befindet, unterstreicht die ziellose Inszenierung.


Gibiser (Detlev Buck) hart in seinem Fetisch-Laden alles, was die Fantasie begehrt (Bild: Warnuts Entertainment)


Ein Lichtblick bleibt Sharon Kovacs' Auftritt als "Die Priesterin". Ihr charismatischer Wahnsinn erinnert an "Eyes Wide Shut" und hätte dem Film mehr abgründige Tiefe geben können – doch dieser Ansatz wird nie konsequent verfolgt. Während der Film selbst kaum ein Publikum finden dürfte, lohnt sich ein Blick in die Diskografie der niederländischen Sängerin allemal.

Infos zum Film

Traumnovelle. Spielfilm. Deutschland 2024. Regie: Florian Frerichs. Cast: Nikolai Kinski, Laurine Price, Nora Islei, Detlev Buck, Bruno Eyron, Nike Martens, Rodney Charles, Nicole Nagel. Laufzeit: 109 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: Apollo-Film. Kinostart: 16. Januar 2025
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