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Sky-Original
In dieser Serie dürfen queere Menschen gerne sterben!
Frederick Forsyths Thriller "The Day of the Jackal" von 1971 wurde schon mehrmals verfilmt. Die Neuadaption als TV-Serie mit Eddie Redmayne in der Hauptrolle modernisiert die Story – und macht sie deutlich queerer.

Eddie Redmayne als erfolgreicher Auftragskiller in "The Day of the Jackal" (Bild: Sky / Carnival Films)
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17. Januar 2025, 23:34h 5 Min.
"Der Schakal" ist ein skrupelloser, hochprofessioneller Auftragskiller, ein Meister der Verkleidung – und so erfolgreich, dass er für seine Dienste Millionen verlangen kann und selbst schwierigste Ziele zuverlässig eliminiert. Zu Beginn der neuen Thrillerserie "The Day of the Jackal" ist dies ein rechtspopulistischer Politiker in München, den er mit einer speziell für diesen Auftrag konstruierten Schusswaffe aus einer eigentlich unmöglichen Distanz von über 3.000 Metern "erlegt". Was ihm umgehend einen neuen Auftrag für ein noch prominenteres Ziel für noch mehr Geld einträgt.
Die Sky-Serie hat mit Eddie Redmayne nicht nur einen echten Hollywood-Star in der Hauptrolle, sondern ist auch sonst mit großer Kelle angerichtet. Dazu gehören aufwendig inszenierte Action-Szenen und spektakuläre Drehorte in halb Europa. Zudem basiert sie auf einem schon mehrfach adaptierten Roman des britischen Bestseller-Autors Frederick Forsyth und möchte offensichtlich Preise gewinnen (bei den Golden Globes gerade eben gab's Nominierungen als bestes Drama und bester Hauptdarsteller, jedoch keine Siege).
Mit unaufgeregter Selbstverständlichkeit queer

Poster zu "The Day of the Jackal": Die zehnteilige Serienadaption kann auf WOW gestreamt werden
"The Day of the Jackal" ist also ein Prestige-Serie, die tendenziell vor allem Fans von Agent*innenfilmen, Krimis oder Politthrillern ansprechen dürfte – und so wurde sie auch beworben. Ihre beiläufig und mit unaufgeregter Selbstverständlichkeit eingestreuten queeren Elemente kommen umso überraschender, als sie für die Story gar nicht nötig wären. Die Macher*innen gehen offensichtlich davon aus, dass ihr wohl nicht speziell queerfreundliches Zielpublikum sich daran zumindest nicht stört. Die entspannte Selbstverständlichkeit ist für dieses Genre durchaus bemerkenswert.
Konkret gibt es zwei queere Elemente: Das nächste Attentatsopfer des Schakals lebt in einer Beziehung mit einem Mann. Der (vielleicht auch deshalb?) sozial sensible Tech-Milliardär hat den Unmut mächtiger Gegner*innen auf sich gezogen, weil er demnächst eine neue Software veröffentlichen will, mit der sämtliche Finanzströme der Welt offengelegt würden – und somit auch die vielen dunklen, korrupten Geschäfte der Reichen und Mächtigen. Sein Partner unterstützt ihn dabei nach Kräften, ist aber auch sehr besorgt um ihn, als klar wird, dass sein Leben deswegen in Gefahr ist.
Ein bisexueller Schakal?
Die noch größere Überraschung jedoch ist der Schakal selbst. Schon im Roman von 1971 (in dem übrigens der französische Staatspräsident Charles de Gaulle das Ziel des Killers ist) versteckt er sich vor seinen Verfolgern in einer Schwulenbar und wird dort von einem Mann aufgegabelt, der ihn in seine Wohnung mitnimmt. Dort jedoch laufen dann die Nachrichten, der Schwule realisiert, dass er einen gesuchten Mörder beherbergt und wird von diesem deswegen umgehend umgebracht. In der Filmadaption von 1997 mit Bruce Willis in der Hauptrolle wird immerhin schon angedeutet, dass die beiden auch Sex gehabt haben könnten. Aber es ist ganz klar, dass der Auftragskiller den Schwulen einfach kühl-kalkuliert benutzt und auch ohne Reue umbringt. Mehr ist da nicht.

Etwas fürs schwule Auge bietet die Sky-Serie auch… (Bild: Sky / Carnival Films)
In der Neuauflage mit Eddie Redmayne sind die Dinge erheblich weniger eindeutig, und man muss fast davon ausgehen, dass der Schakal hier bi ist. Der Schwule namens Rasmus gehört in diesem Fall zum Sicherheitspersonal einer großen Eventhalle in Tallinn (Estland), in dem der Tech-Milliardär der Öffentlichkeit seine neue Software präsentieren will. Der Schakal begegnet Rasmus bei einem ersten Erkundungsbesuch, flirtet mit ihm, lädt ihn später auf ein Date in eine teure Bar ein und lässt sich schließlich von ihm nach Hause mitnehmen, wo er sich für ein paar Tage einquartiert. Die beiden haben offensichtlich mehrfach Sex und gehen so vertraut miteinander um, dass Rasmus sich Hoffnungen auf mehr macht.
Parallel dazu verschafft er ihm einen exklusiven Zugang zur Eventhalle, deren Architektur der Schakal zu bewundern vorgibt, weil er an einem ähnlichen Bauprojekt arbeite. Rasmus lässt seinen neuen Lover nach ein paar Tagen nur ungern ziehen, als dieser angeblich geschäftsbedingt weitermuss. Und auch in den Abschiedsworten des Schakals schwingt ein gewisses Bedauern mit. Gleichzeitig wissen wir, dass er in Spanien eine Frau und einen kleinen Sohn hat, an denen er offensichtlich sehr hängt, auch wenn er sein unorthodoxes Berufsleben vor seiner Familie geheim hält.
Keine Happy Ends für die Schwulen
Allerdings – Achtung: Spoiler! – überleben weder Rasmus (Andreas Jessen) noch der Tech-Milliardär (Khalid Abdalla) den Schakal. Das könnte bei den älteren Semestern im queeren Publikum allergische Reaktionen auslösen, denn in der schlechten alten Zeit war es üblich, dass Lesben oder Schwule in Filmen und Serien, wenn sie denn überhaupt mal auftauchten, entweder unglücklich waren oder schon bald tragisch verstarben.
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Aber die Zeiten haben sich zum Glück geändert: Heute wimmelt es insbesondere in Serien nur so vor queeren Figuren, und es werden vielfältige, differenzierte Geschichten aller Art mit ihnen erzählt. Es wäre langweilig, wenn es da Einschränkungen gäbe, was ihnen in diesen Geschichten passieren darf und was nicht. In "The Day of the Jackal" machen beide Tode dramaturgisch Sinn – nicht zuletzt erinnern sie das Publikum daran, dass der Schakal, mit dem es gelegentlich durchaus mitfiebert, eben doch kein guter Mensch ist, sondern ein Killer. Dass im Gegenteil auch gute, "unschuldige" Menschen durch seine Hand sterben. Auch wenn dies im Fall von Rasmus eher ein tragisches Versehen ist.
Allerlei weitere Modernisierungen
Neben dem Attentatsziel und der Tatsache, dass der Schakal in der Serie von einer dunkelhäutigen MI6-Agentin (Lashana Lynch) gejagt wird, erfährt vor allem die Darstellung des Auftragskillers selbst die stärkste Veränderung gegenüber der Romanvorlage und den früheren Adaptionen. Eddie Redmayne spielt ihn nicht als monströsen, gefühllosen Soziopathen: Der Schakal ist zu Empathie und Zuneigung fähig, was ihn als Charakter interessanter und fast noch unheimlicher macht. Und wer die hochspannende zehnteilige Serie gemocht hat, darf sich freuen: Die zweite Staffel ist bereits angekündigt.
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