Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?52319

Medien

Gonzo, Glamour, Größenwahn: Das Experiment "outline"

Vor 25 Jahren – im Januar 2000 – kam die erste von zwölf Ausgaben des queeren Lifestyle-Magazins "outline" auf den Zeitschriftenmarkt. Ein Jahr später war schon wieder Schluss. Gründer und Herausgeber Axel Krämer erinnert sich.


Regenbogenfamilien, Gendergrenzen, Debatte um Gay Skins: "outline" nahm Themen vorweg, die erst viel später Gehör fanden

Eine Wohngemeinschaft als soziales Experiment: Auf der gemeinsamen Grundlage ihres jüdischen Glaubens und ihrer sexuellen Orientierung finden sich wenige Jahre vor dem Jahrtausendwechsel drei schwule Männer zwischen 31 und 41 Jahren in einer großzügigen Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg zusammen. Abgesehen von den beiden identitätsbezogenen Gemeinsamkeiten sind sie grundverschieden, schon ihrer unterschiedlichen Herkunft wegen: Zwei von ihnen wurden in der DDR sozialisiert, einer stammt aus Israel; zudem bestehen unter ihnen keine leidenschaftlichen Bindungen. Welche Rolle spielen Erfahrungen von Antisemitismus und Homophobie bei der Entstehung einer solchen Gemeinschaft? Wie funktioniert sie und welche Konflikte treten dabei auf?

Für genau diese Fragen interessierte sich die Lifestyle-Zeitschrift "outline". Die Berliner Redaktion ließ im Jahr 2000 drei Tage und Nächte den Fotografen und Künstler Ingo Taubhorn in die WG einquartieren und dokumentierte das Ergebnis mit mehr als einem Dutzend teils ganzseitiger Fotografien und einem Text unter der Überschrift "Tacheles!". Rund zwanzig Minuten Lesezeit war dafür veranschlagt.


Tacheles: Drei Tage und Nächte quartierte die Redaktion den Fotografen und Künstler Ingo Taubhorn in die WG ein und dokumentierte das Ergebnis mit mehr als einem Dutzend teils ganzseitiger Fotos

Während der Begriff "Lifestyle" gewöhnlich mit Oberflächlichkeit, Konsum und trivialen Statussymbolen verbunden ist, nimmt ihn die Redaktion buchstäblich beim Wort: In "outline" sollten Lebensstile verhandelt werden, die zu Debatten anregen und das Zielpublikum zum Nachdenken oder auch zum Staunen bringen. Es ging weniger um eine nüchterne oder kommentierende Berichterstattung aus der queeren Szene, sondern um die Lust an der Provokation und am Experimentellen. Eine gewisse Opulenz in Wort und Bild wurde zum unverzichtbaren Bestandteil. Dazu gesellte sich ein Hauch Gonzojournalismus, inklusive Grenzüberschreitung, Glamour und Größenwahn. Indes zeichnet sich schon früh ab, dass das Projekt nicht lange gut gehen wird. Unser engeres Team besteht aus fünf Personen, von denen kaum jemand über nennenswerte Erfahrungen im Medienbetrieb verfügt.

Startauflage von 40.000 Exemplaren

Aller Unbekümmertheit zum Trotz: "outline", das "Magazin für Schwule und Lesben", steigt mit einer deutschlandweiten Startauflage von 40.000 Exemplaren in den Ring des Zeitschriftenmarkts, das Printmagazin wird ausführlich – wenngleich auch skeptisch – in der "taz", der "Frankfurter Rundschau" sowie der "Berliner Zeitung" unter die Lupe genommen. Es erscheint das ganze Jahr 2000 hindurch mit zwölf Ausgaben mit jeweils 68 Seiten auf hochwertigem Papier, bis am Ende das Startkapital aufgebraucht ist. Und auch wenn sich heute nicht viele an das Magazin erinnern, lohnt ein Blick zurück. Beiträge wie jener über die schwul-jüdische Wohngemeinschaft greifen das Thema der "Intersektionaliät" auf, ohne es explizit so zu benennen – wobei "outline" seiner Zeit eindeutig voraus war. Denn erst rund zwanzig Jahre später gerät das Interesse für Mehrfachidentitäten so richtig in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Tatsächlich wäre "Tacheles!" auch heute noch von Brisanz und durchaus als Feature für ein ZDF-Vorzeigeformat wie "37 Grad" denkbar.

Zu den Pionierthemen gehört auch das der Regenbogenfamilie. Auf dem Cover der ersten Ausgabe zeigt "outline" ein inszeniertes Foto der Bildredakteurin und Fotografin Barbara Seyerlein, das in seiner beabsichtigten Künstlichkeit Aufsehen erregt. Darauf sind ein sich umarmendes Männerpaar und zwei Frauen zu sehen, eine davon hochschwanger. Drei der Eltern halten jeweils ein Baby im Arm, und zu ihren Füßen liegt auch noch ein Hund – fast so, als handle es sich um eine Parodie auf das Werbeplakat für eine amerikanische Vorabendserie aus den 1970er Jahren. Dennoch lässt "outline" an der Ernsthaftigkeit des Themas keine Zweifel – und lehnt sich dabei weit aus dem Fenster. Es geht um "neue Formen des Zusammenlebens", vielleicht sogar um eine "Renaissance der Großfamilie", fortan jedoch unter queerem Vorzeichen. Im Heft sind Fotos von ganz realen schwulen und lesbischen Eltern zu sehen, inklusive der dazugehörigen Geschichten.

Ein von Chefredakteur Rainer Hörmann konzipiertes Feature mit dem provokanten Titel "Ich bin stolz, ein Gay Skin zu sein" widmet sich einem Phänomen, das seit den späten 1990er Jahren die Fetischszene prägte. Drei Vertreter der Gay Skins, einer kritisch beäugten Minderheit innerhalb der queeren Subkultur, werden in Bild und Text porträtiert sowie ihr Lebensstil und ihre jeweilige politische Haltung eingehend beleuchtet – mit bemerkenswert unterschiedlichen Aussagen, die differenzierte Einblicke in eine kontroverse Szene gewähren. Kein anderes Medium hatte sich damals getraut, das Thema mehr als nur oberflächlich zu streifen.

"Wenn der Hetero zweimal klingelt"


Fotograf Jörn Hartmann gab den Kultfilmen von Edgar Wallace in seiner aufwändig inszenierten Fotostrecke einen queeren Touch.

Doch längst nicht jedes "outline"-Thema war von so gravierender Ernsthaftigkeit. Auch ein eher heiteres Interview mit dem Kultregisseur John Waters zählte zu den zahlreichen Highlights, ein Gespräch mit k.d. lang oder Ian McKellen sowie eine schräge Fotostrecke des Fotografen und späteren "18.15 Uhr ab Ostkreuz"-Regisseurs Jörn Hartmann, der den Kultfilmen von Edgar Wallace auf seiner aufwändig inszenierten Fotostrecke einen queeren Touch verleiht. "Der Fluch der Homo-Ehe", "Wenn der Hetero zweimal klingelt" oder "Der Lesbenfriedhof von Blackwood Castle": so lauteten die trashig-ironischen Titel der nachgestellten Filmplakate, auf denen die vermeintlichen Tatwaffen – darunter Messer und Küchenmixer – mit Marken- und Preisangaben versehen waren.

Auch wenn "outline" daran keinen Cent verdiente, war allen Beteiligten eines stets bewusst: Um mittel- bis langfristig ein Magazin dieses Formats zu finanzieren, brauchte es die Unterstützung und die Anzeigen großer Unternehmen, und dafür mussten wir ein entsprechend konsumfreudiges Klima schaffen. Allerdings konnten wir zu dieser Zeit kaum jemanden von unserem Konzept überzeugen, weder unser Zielpublikum, dem wir 6 Mark 80 pro Heft berechneten, noch den potenziellen Markenfirmen, die durch die Bank auf Abstand blieben.

"Titanic"-Kolumnisten sorgten für Abokündigungen

Das Motto von "outline" lautete, frischen Wind in die queere Szene zu bringen, über den Tellerrand zu blicken, den (pop)kulturellen Mehrwert von Queerness sichtbar zu machen und der Community eine Stimme zu verleihen – eine, die auch dem heteronormativen Mainstream zu Ohren kommt. Es ging darum, den Austausch zwischen den identitätsbezogenen Strömungen anzukurbeln – und als Teil dieser Strategie baten wir Monat für Monat heterosexuelle Journalist*innen und Autor*innen von der "FAZ", der "Welt", dem "Kölner Stadtanzeiger" oder dem "Freitag" um ein Statement zu einem queeren Thema in unsere Rubrik "Gettoblaster". Mal ging es um die schwulen Nachbarn in Neukölln, ein anderes Mal um eine missverständliche Begegnung mit Max Goldt.

Eine dieser Kolumnen löste einen gewaltigen Shitstorm aus. Sie stammte aus der Feder zweier versierter "Titanic"-Kolumnisten. Wer das Magazin kennt, weiß ungefähr, was von dieser Art Satire zu erwarten ist: radikal, häufig jenseits des guten Geschmacks und mit gezielten Schockaussagen als Stilmittel. Genau das lieferten die beiden Autoren, indem sie abwegige Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben ins Absurde übersteigerten, um das Wesen der Homophobie zu entlarven. Doch wir im "outline"-Team hätten voraussehen müssen, dass diese Aktion missverstanden werden konnte. Im Zuge dessen wurden viele Abos gekündigt, wobei das Ende des Magazins zu diesem Zeitpunkt ohnehin bereits absehbar war.


Stilvoll gescheitert: Nach zwölf Ausgaben war Schluss mit "outline"

Immer wieder wurde uns auch gesagt, schwule und lesbische Ästhetik passten einfach nicht zusammen – zumal "outline" bewusst auf die für schwule Magazine üblichen Aktdarstellungen verzichtete. Auch trans Personen wurden porträtiert, nichtbinäre Identitäten waren noch überhaupt nicht im Gespräch.

Angesichts der zunehmenden Ausdifferenzierung der queeren Community hätte es ein Printmagazin heute vermutlich noch schwerer, sich auf dem Markt zu profilieren – vor allem in Zeiten dramatischer gesellschaftlicher Umbrüche, deren Ausgang nach derzeitigem Stand höchst ungewiss bleibt. Genau deshalb war "outline" ein Spiegel seiner Zeit: eine Phase, in der vorübergehend alles möglich schien und sich die vielfältigen Identitäten noch nicht in festgefügten Nischen eingerichtet hatten.

-w-