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Interview
Wie autobiografisch ist Ihr Spielfilm-Debüt, Lukas Röder?
Der neue Film "Scham" von Lukas Röder ist harte Kost: Til Schindler spielt einen Sohn, der seine Mutter nach Jahren mit häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch durch einen Außenstehenden konfrontiert. Beim Filmfestival Max Ophüls Preis feiert das Drama heute Premiere.

Szene aus "Scham" (Bild: Philip Gröning Filmproduktion GmbH)
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22. Januar 2025, 15:16h 9 Min.
Vor vier Jahren gewann Lukas Röder, Jahrgang 1993, für sein Studenten-Debüt "Gehirntattoo" den "Hofer Goldpreis". Anschließend präsentierte er auf der Berlinale in der Reihe "Perspektive Deutsches Kino" als mittellangen Film das queere Drama "Langer Langer Kuss". Nun folgt mit "Scham" der dritte Streich, der am Mittwoch beim Filmfestival Max Ophüls Preis seine Premiere feiert.
Rigoros erzählt das Kammerspiel von Aaron (28) und seiner Mutter Susanne (60), die sich vier Jahre nicht gesehen haben. Jetzt konfrontiert der Sohn sie mit seiner Vergangenheit: häusliche Gewalt, fehlendes Verständnis, sexueller Missbrauch durch einen Außenstehenden. Den Aaron spielt Til Schindler, der 2021 bei #ActOut dabei war. Im Herbst ist der Kinostart geplant.
Vor der Premiere in Saarbrücken trafen wir Lukas Röder zum Interview.

Regisseur und Autor Lukas Röder (Bild: Daniel Seiffert)
Herr Röder, mit welchen Erwartungen gehen Sie beim Filmfestival Max Ophüls Preis an den Start?
Ich bin natürlich sehr gespannt auf die Reaktionen des Publikums bei dieser Premiere. Werden einige Leute rausgehen? Wie lebendig sind die Diskussionen danach? Bei "Langer, langer Kuss" auf der Berlinale war das eine schöne Erfahrung für mich, deshalb freue ich mich jetzt auch auf Saarbrücken.
Apropos Berlinale: Dort lief "Sterben", wo sich Lars Eidinger und Corinna Harfouch am Küchentisch ein ähnliches Mutter-Sohn-Gefecht liefern wie in "Scham" – was sagen Sie zu den Ähnlichkeiten?
Ein guter Freund hat mir vor der Berlinale diese Küchenszene geschickt und gesagt: "Lukas, schau mal. Da hat jemand deinen Film geklaut!" (lacht). Ich habe "Sterben" sehr geliebt und zweimal im Kino angeschaut. Die Tischszene ist thematisch ganz ähnlich, Lars Eidinger und Corinna Harfouch spielen das mit einer solchen Präsenz, dass es ein Segen ist, dabei zuzuschauen. Vielleicht macht "Sterben" manchen ja nun Lust auf "Scham".
Von wegen "Lust auf": Wie "Der lange lange Kuss" ist "Scham" kein Feelgood-Movie, sondern geht ziemlich ans Eingemachte. Warum soll man sich diese harten Tobak im Kino zumuten?
Die meisten Eltern-Kind-Beziehungen, die ich kenne, sind auf irgendeine Art und Weise problembehaftet. Gespräche, die daraus entstehen, sind oft nicht einfach. Deswegen zeigt der Film eine schwer ertragbare Situation. Zugleich zeigt er, wie notwendig solche Gespräche sind. Das gilt nicht nur im Privaten, auch gesellschaftlich ist es mittlerweile immer schwieriger, Gespräche zu führen. Menschen kommen kaum noch gemeinsam an einen Tisch. Dabei ist gegenseitiges Zuhören zwingend notwendig, um ein Miteinander möglich zu machen.
Weshalb unterhalten sich die beiden über ihre Handys, obwohl sie im selben Raum sitzen?
In der formalen Gestaltung haben wir versucht, Handys auf eine Art und Weise darzustellen, die sie auch wie Waffen erscheinen lässt. So wie ich Handys heutzutage in vielen Bereichen der Gesellschaft als eine Art Waffe betrachte. Wir filmen uns ständig, posten ununterbrochen und beobachten, wie andere Leute das gleiche tun – filmen und teilen ihre Inhalte. Das Handy ist heute der wichtigste, wenn nicht sogar der dominierende Kommunikationskanal. Deshalb haben wir uns entschieden, dass auch das Gespräch, das hier stattfindet, gefilmt wird. Auf diese Weise wollten wir gewissermaßen einen visuellen Kampf darstellen.
Wie schwierig ist es, solche rigorosen Stoffe zu realisieren?
"Scham" ist mein Abschlussfilm an der Hochschule, da hat man schon noch Freiräume. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es letztlich davon abhängt, welche Partner man für das Projekt gewinnt. Ich hatte zum Beispiel Philip Gröning als Produzenten, was sehr geholfen hat. Er ist bekannt für extreme, radikale Themen und Umsetzungen. Ich glaube, man muss die richtigen Partner finden, die die gleichen Interessen und Vorlieben haben und ähnliche Geschichten mögen. Wenn man diese Partner hat, ist es auch möglich, einen solchen Stoff zu realisieren. Ich hatte das Glück, dass Nathalie Lambsdorff vom Bayerischen Rundfunk und Philipp von Anfang an hinter dem Projekt standen. Meine Erfahrung war, dass auch die Leute, die über die Finanzierung des Films entscheiden, sich durchaus über einen radikalen Stoff freuen. Das könnte auch daran liegen, dass es mein Debütfilm ist und ich noch am Anfang meiner Karriere stehe.
Im Abspann gibt es eine Notiz an Ihre Mutter: Wie autobiografisch ist die Geschichte?
Die Notiz an meine Mutter habe ich unabhängig vom Film geschrieben. Es ist ein Gedicht von mir, und in diesem Jahr wird auch ein Lyrikband von mir erscheinen. Ich habe begonnen, Gedichte zu schreiben, und das Gedicht richtet sich eigentlich an alle Mütter, die in irgendeiner Form Schwierigkeiten in ihren Beziehungen zu ihren Kindern haben und sich vielleicht auch nicht genug gesehen fühlen für die Arbeit, die sie in die Erziehung gesteckt haben. Es soll ein Hoffnungszeichen setzen – besonders nach einem so intensiven Film und einem so schweren Gespräch – und den Menschen zeigen, dass es vielleicht doch möglich ist, sich wieder zu versöhnen. Der Film basiert auf persönlichen Erfahrungen, aber ich würde sagen, er ist Autofiktion. Es sind persönliche Motive, die durch Fantasie angereichert und weiterentwickelt wurden. Es ist also kein strikt autobiografischer Film, aber natürlich gibt es persönliche Ansatzpunkte und Einflüsse, die in die Geschichte eingeflossen sind.
Wie erhält man bei einem Kammerspiel die Spannung?
Bei einem Kammerspiel geht es darum, die Emotionen der Figuren visuell zu strukturieren. Statt die Charaktere einfach nur reden zu lassen, wollten wir ihre Gefühle sichtbar machen. Daher haben wir die Handys eingebaut – sie zeigen ständig Action und Reaktion, Sprechen und Zuhören. Die Art, wie die Mutter ihr Handy nutzt, hilft, die Szenen zu unterteilen und zu strukturieren. So konnten wir die langen Dialog-Passagen spannend und emotional aufbereiten.
Arbeitet man mit vielen Proben, oder geht dabei die Energie verloren?
Wir haben intensiv geprobt, aber bei den Proben liegt der Fokus vor allem auf der Figurenarbeit. Ich führe lange Interviews und Gespräche mit den Darstellern über ihre Figuren. Natürlich haben wir auch den Text gelesen und ein paar Durchläufe gemacht. Beim Dreh selbst haben wir jede Szene etwa zehnmal am Stück gedreht – die längeren Szenen an zwei Tagen, die kürzeren an einem. Durch diese Wiederholungen arbeitet man an den Nuancen der Figuren und des Spiels, um die größtmögliche Emotion zu erreichen. Manchmal hilft die Wiederholung, tiefer in die Figuren einzutauchen und die Emotionen intensiver hervorzubringen.
Ihr Hauptdarsteller Til Schindler fällt durch Leinwandpräsenz und eine starke Stimme auf, wie kam er zu dem Projekt?
Til und ich haben uns über Jahre hinweg gegenseitig beobachtet. Wir kannten uns, hatten uns auf dem Schirm, und bei einem Kaffee während des Filmfests München war schnell klar, dass wir diesen Film zusammen machen wollen. Til bringt eine Natürlichkeit mit, die selten ist und die man nicht oft sieht. Es ist fast unmöglich, dass ein Wort aus seinem Mund kommt, das nicht glaubhaft oder echt wirkt. Diese Natürlichkeit war für den Film entscheidend, weil ich wollte, dass der Film schwer zu unterscheiden ist – ob es ein dokumentarisches Experiment oder ein Spielfilm ist. Tils Ton, die Art, wie er spricht und sich präsentiert, hat das perfekt unterstützt.
Til könnte als Model durchgehen. Wäre die Geschichte des Aaron auch mit einem schwer übergewichtigen Brandon Fraser à la "The Whale" erzählbar? Oder braucht es Attraktivität, damit beim Publikum die Empathie gleich da ist?
In der Figur der Mutter gab es ursprünglich einen Aspekt, der es nicht in den Film geschafft hat: Sie war in Aarons Kindheit und Jugend sehr penibel und kontrollierend, besonders in Bezug auf seine Essgewohnheiten – er durfte keine Süßigkeiten essen, musste immer gesund essen. Deshalb war es für die Figur des Sohnes notwendig, dass er schlank ist. Klar, Til ist ein attraktiver Mann, aber ich glaube nicht, dass die Attraktivität darüber entscheidet, ob man Empathie für eine Figur entwickelt. Das liegt vielmehr an den Entscheidungen, die die Figur im Verlauf des Films trifft. Es sind diese Entscheidungen, die darüber bestimmen, ob ich mich zu der Figur hingezogen fühle oder nicht.
Und wenn er da aus der Badewanne steigt und nackt vor dem Spiegel steht, ist es ein Sahnehäubchen zwischendurch fürs Publikum…
Letztlich muss jeder Zuschauer selbst entscheiden, ob ihn das anzieht oder nicht. Aber mir war es wichtig, ihn einmal auch nackt zu zeigen, weil sich die Figur seelisch genauso entblößt. An dieser Stelle im Film fand ich es schlüssig, ihn ohne Kleidung zu zeigen – es war eine Möglichkeit, seine Verletzlichkeit auf eine ganz direkte Weise darzustellen.
Til war 2021 bei #ActOut dabei. Was halten Sie von der Forderung, dass queere Figuren nur von queeren Menschen gespielt werden sollten. Wichtig oder überholt?
Ich persönlich halte diese Diskussion für überholt. Die Position, dass nur ein Schwuler einen schwulen Charakter spielen darf und nur ein Hetero einen heterosexuellen, macht das Schauspielhandwerk auf eine gewisse Weise lächerlich. Es geht beim Schauspiel ja darum, sich Figuren und Welten anzueignen, die man vielleicht nicht selbst kennt, oder Aspekte in der eigenen Persönlichkeit zu entdecken. Deshalb finde ich es wichtig, dass jeder alles spielen darf und dass jeder alle Geschichten erzählen kann.
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Welche Rolle spielt Ihr Mentor Rosa von Praunheim für Ihre Arbeit?
Rosa ist für mich als Mentor absolut essenziell, sowohl für meine künstlerische Arbeit als auch für meine persönliche künstlerische Entwicklung. Ich sende ihm alles, was ich schreibe, mache oder produziere. Seine Kritik ist für mich immer eine wichtige künstlerische Orientierung. Wenn Rosa etwas, das ich mache oder schreibe, schlecht findet, nehme ich das sehr ernst. Beim Film war es so, dass ich ihm damals das Drehbuch geschickt habe und ihm den Film etwa drei Viertel der Zeit während des Schnitts gezeigt habe. Er war von beiden Arbeitsständen begeistert, das gibt mir dann auch die Sicherheit, dass das, was ich mache, auf irgendeine Weise eine Qualität hat. Wenn er jedoch zu etwas sagt, dass es schlecht ist, niemand das sehen will oder dass er es Quatsch findet, ist das auf jeden Fall ein Grund für mich, darüber nachzudenken und gegebenenfalls Änderungen vorzunehmen.
Welche Reaktionen würden Sie sich wünschen?
Ich hoffe, dass der Film Gespräche anstößt, die notwendig sind, besonders in Bezug auf Missbrauch, den er thematisiert. Ich wünsche mir, dass Eltern den Film sehen und anschließend mit ihren Kindern darüber sprechen – und umgekehrt, dass auch Kinder mit ihren Eltern ins Gespräch kommen. Das war mein Hauptziel mit diesem Film, und genau diese Reaktion erhoffe ich mir vom Publikum.
Nach diesen drei heftigen Filmen, hätten Sie keine Lust auf etwas Leichtes?
Ich habe tatsächlich etwas geschrieben, was man als Komödie bezeichnen könnte. Mal sehen, was daraus wird.
Mittwoch, 22. Januar 2025, 21:15 Uhr, CS3
Donnerstag, 23. Januar 2025, 21:00 Uhr, CS1
Freitag, 24. Januar 2025, 12:45 Uhr, Pa1
Samstag, 25. Januar 2025, 17:30 Uhr, 8½
Links zum Thema:
» Homepage des Filmfestivals Max Ophüls Preis
Mehr zum Thema:
» Starke Queer-Quote beim Filmfestival Max Ophüls Preis (05.01.2025)
» Weiteres Interview: Sind Queers anfälliger für psychische Probleme, Lukas Röder? (18.02.2023)
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