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"The Harvey Milk of West-German Gays"

Die mehr als sieben Leben des Herbert Rusche

Ein Porträt des ersten offen homosexuellen Bundestagsabgeordneten, der Ende 2024 im Alter von 72 Jahren verstarb.


Herbert Rusche (Porträt l.) war von 1985 bis 1987 Mitglied des Deutschen Bundestags. Ralf König verewigte ihn 1986 in einem Comic. Hinten rechts: die damalige Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger

Vorbemerkung

In der Nacht auf den 22. Dezember 2024 starb Herbert Rusche, der erste offen schwule Abgeordnete im Deutschen Bundestag, im Alter von 72 Jahren in Frankfurt am Main. Kaum jemand nahm davon Notiz. Die Redaktion von queer.de erfuhr erst vier Wochen später vom Tod des queerpolitischen Pioniers, dank eines Hinweises von Elmar Kraushaar. Noch am selben Tag erschien unser Nachruf. Seitdem erinnerte als einziges weiteres Medium nur der Berliner "Tagesspiegel" an den ehemaligen Grünen- und Piraten-Politiker.

Vor 20 Jahren veröffentlichte Axel Krämer in dem im Querverlag veröffentlichten Buch "Grenzen der Sehnsucht. Eine schwule Heimatkunde" (Amazon-Affiliate-Link ) ein sehr lesenswertes Porträt von Herbert Rusche. Wir danken ihm sehr für das Angebot einer Neuveröffentlichung. Der Originaltext wurde von ihm leicht gekürzt und überarbeitet. (mize)

Die mehr als sieben Leben des Herbert Rusche

Ein Nahtod-Erlebnis. Herbert Rusche wog damals vierzig Kilo weniger als heute. Er lag im Krankenhaus, zusammengekauert in einem Bett, hatte Fieberschübe. Alles vollgeschwitzt. Kurz zuvor schien ihm sein Zustand noch unerträglich, jetzt war er auf einmal euphorisch.

"Ich spürte einen süßlichen Geschmack im Hals, der sich von da aus über den ganzen Körper ausbreitete. Das war ein unglaubliches Glücksgefühl", erzählt er.

Später haben ihm die Ärzte erklärt, dass das die Wirkung von Endorphinen sei, die der Körper selbst zu produzieren beginnt, wenn dieser sich kurz vor dem Tod wähnt. Eine Grenzerfahrung, von der man nur in Ausnahmefällen wieder ins Reich der Lebenden zurückkehrt. Medizinisch gesehen ein Glücksfall, und aus diesem Blickwinkel ist Rusche eben einfach noch mal davon gekommen. Weniger nüchtem sieht man das, wenn man es selbst durchlebt hat. Wie ein schicksalhaftes Geschenk, wie etwas, das einen das Leben mit einer größeren Intensität wahrnehmen lässt.

Das Erlebnis hatte er Mitte der 1990er Jahre, ein Jahr, bevor eine neue Generation von Aids-Medikamenten auf den Markt kam. Es sollte sich herausstellen, dass eine Kombination von Tabletten erstmals das Virus einigermaßen in den Griff kriegen würde. Nicht bei allen schlug die Therapie an, aber bei den meisten. So auch bei ihm.

"Seither habe ich weniger Angst vor Tod und Krankheit", sagt der heute knapp über 50-Jährige, der mir sehr lebendig gegenüber sitzt und in seiner Fülle einen äußerst robusten Eindruck macht. "Nach diesem Erlebnis fühlte ich mich wie ein neuer Mensch."

Es konnte beginnen, das zweite Leben des Herbert Rusche. Doch, halt: Was heißt hier eigentlich das "zweite Leben"? Eine Metapher, die sich auf einen plötzlichen Einschnitt in einer Biografie bezieht, auf eine Wendung, die eine drastische Richtungsänderung zur Folge hat. Manche sagen von sich, dass sie mit dem Wechsel des Berufes ein ganz neues, ein zweites Leben begonnen haben. Beruf und Berufung, das gehörte einmal untrennbar zusammen. Für viele gilt das auch noch heute.

So gesehen hätte der Kämpfer Herbert Rusche zum Zeitpunkt seines klinischen Beinah-Todes schon fünf, sechs, ach, noch viel mehr Leben hinter sich gehabt. Mit was er nicht alles schon seine Brötchen verdient hat: Er war Krankenpfleger in einer psychiatrischen Anstalt, Rangierarbeiter bei der Bundesbahn und Gründer des ersten Offenbacher Bioladens "Manna". Nur mal so zum Beispiel.

"Man musste in den Siebzigerjahren schauen, wo man blieb, weil man als offen Schwuler noch ständig rausflog." So erklärt er mir seine beachtliche Bandbreite an beruflicher Lebenserfahrung. Schwulsein als Triebfeder für Flexibilität. Oder besser: Homophobie, denn die war ja der eigentliche Grund für das Bäumchen-Wechsle-Dich-Spiel, nicht sein Schwulsein.

Zumindest einmal hat es ihm genützt. Man kann auch sagen, es war eine Voraussetzung dafür: für seinen Job als Bundestagsabgeordneter. Der ist ihm fast schon zugeflogen; verbissen kämpfen musste er darum nicht.

Es war zu Beginn der 1980er Jahre, als die Gründungsphase der Grünen gerade mal zwei Jahre zurücklag und die frisch gebackene Partei schon den Sprung in den hessischen Landtag geschafft hatte. Rusche war Landesgeschäftsführer in Hessen, und zuvor hatte er sich in Anti-Atomkraft-Initiativen und als Homo-Aktivist einen Namen gemacht. Damit war er geradezu prädestiniert für ein Bundestagsmandat – als Repräsentant jener Partei, die damals in erster Linie ein Sammelbecken der unterschiedlichsten Politbewegungen war.

Als es die Grünen schließlich erstmals schafften, in den Bundestag einzuziehen, galt noch das Prinzip der Rotation, nur eine halbe Wahlperiode sollte das Mandat gelten. Rusche teilte es sich mit Joschka Fischer, der für ihn 1985 den Stuhl räumen musste. Und dann saß er im Parlament, wo er bald von sich reden machte.

Wir sitzen im "Harveys" im Frankfurter Nordend, einem Café mit Putten und aufgemalten italienischen Säulen an der Wand, das fest in schwul-lesbischer Hand ist. Anders als das Publikum, von dem Rusche glaubt, das es zu mehr als 90 Prozent hetero ist. Hinten in der Speisekarte findet sich immerhin der Hinweis, dass das Lokal nach Harvey Milk benannt ist, der in den 1970er Jahren zum ersten offen schwulen Stadtrat San Franciscos gewählt wurde. Ein amerikanisches Idol, das in der Szene auch heute noch gefeiert wird.

Harvey Milk, der große Held. Auf manchen Fotos aus den Siebzigern sehen sich Milk und Rusche verblüffend ähnlich, das Bärtchen und die halblangen, leicht gelockten Haare. Der selbstbewusste Ausdruck im Gesicht. 1983 hatte der "Bay Area Reporter" aus San Francisco getitelt: "Herbert Rusche is the Harvey Milk of West-German Gays".

Für manche war Rusche tatsächlich ein Held; an Charisma fehlte es ihm gewiss nicht. Außerdem machte er nicht nur mit politischen Forderungen Furore. Einmal bildete das Lifestylemagazin "Wiener" ausgerechnet 18 Fußball-Nationalspieler mit nacktem Oberkörper ab und bat Rusche um ein "fachmännisches Urteil* – ganz in der Manier, wie es sich zu damaliger Zeit nur heterosexuelle Männer erlauben durften, über Frauen zu urteilen. Zu Lothar Matthäus meinte er: "Alles gut proportioniert wie bei Rambo. Erobert sicher die Mädchenherzen. Mein Herz zwar nicht, aber sonst … Also, attraktiv ist er auf jeden Fall."

Das galt als ein PR-Coup, auch wenn manche die Aktion unpassend und überheblich fanden. Insgesamt hielt sich der Jubel über Rusche ohnehin in Grenzen, auch innerhalb der Schwulenbewegung. Hierzulande misstraute man lange dem Heldenkult, zumindest noch in den Achtzigern, als Rusche der erste offen schwule Bundestagsabgeordnete in der Geschichte der Bundesrepublik wurde.

"Auch ich wollte damals den Personenkult nicht", sagt Rusche.

Wie war das für ihn damals, als er in den Bundestag einzog?

"Als offen Schwuler im Parlament zu sitzen fand ich natürlich toll. Aber ich hätte mich auch für jeden anderen gefreut, der es in diese Position geschafft hätte.*

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie das damals im Bonner Polit-Milieu für Furore sorgte. Schnell wurde er bekannt wie ein bunter Hund, auch wenn er so gar kein Paradiesvogel war. Ungeachtet dessen kam es einmal zu folgender Begebenheit: Er hielt eine Rede vor dem Parlament, setzte sich daraufhin hinter das Rednerpult, an der Seite des Bundestagspräsidenten, denn an diesem Tag war Rusche Schriftführer. Der folgende Redner bezog sich auf ihn und fragte: "Ja, der Herr Rusche, wo ist er denn eigentlich?" Dann rief jemand: "Vorsicht, er ist hinter ihnen!" In der CDU-Fraktion brach hämisches Gelächter aus. Schenkelklopfen wie am Stammtisch.

Ein paar Tage später hielt Rusche abermals eine Rede, in der er auf den Vorfall einging. Dass es eine "unglaubliche Dummheit" sei, Schwule auf Sexualpraktiken zu reduzieren. Demonstrativ verließ die CDU-Fraktion den Saal.


Herbert Rusche 1985 bei einer Rede im Deutschen Bundestag (Bild: Deutscher Bundestag / Presse-Service Steponaitis)

Trotzdem hat er eine differenzierte Meinung über die Union. "Es gab ja einige Schwule im Parlament, die ihr Schwulsein für sich behielten. Die vertraten die Ansicht, Homosexualität sei Privatsache. Die haben mich erst mal vorsichtig abgetastet, und später bin ich mit denen ab und zu ein Bierchen trinken gegangen. Ins Bonner 'Domfässchen'. Ich muss sagen: Die von der CDU gingen im Rahmen ihrer Doppelmoral immer noch offener mit dem Schwulsein um als die von der SPD. Ich erinnere mich an einen von der Union: katholisch, verheiratet, mehrere Kinder. Der hatte keine Berührungsängste, im Gegenteil. Immer, wenn er mich sah, hat er mich begrüßt, in aller Öffentlichkeit. Weil er seine Familie als Alibi hatte, fühlte er sich sicher."

Gab es unter den versteckten Schwulen bei den Unionsparteien keinen Neid auf ihn, der so unbefangen mit seinem Schwulsein umgehen konnte und die eigene Sexualität nicht leugnen musste?

"Nein, die lebten in einer anderen Welt, die in sich funktionierte. Mit einem abgespaltenen Liebesleben. Mein Lebensmodell hat die nicht erschüttert, die konnten das für sich so stehen lassen."

Allerdings hat er einmal auch einen kennen gelernt, der die Ansicht vertrat, dass Homosexualität einer Elite vorbehalten bleiben muss. Fürs Volk sollte es hingegen ein Tabu sein, weil sonst die öffentliche Ordnung durcheinander geriete.

Während seiner parlamentarischen Arbeit in Bonn setzte er sich für die Streichung des Diskriminierungsparagrafen 175 ein und thematisierte die Aids-Krise – das Engagement für die Homo-Ehe war eher nicht sein Ding. Und dann war es nach den zwei Jahren vorbei. Aus und finito, ganz abrupt. Wenn man auf das Thema zu sprechen kommt, verdüstert sich seine Miene. "Ich gehörte keinem der Machtblöcke an, hab nicht taktiert. Um Karriere zu machen, muss man vermutlich die Hälfte seiner Zeit der persönlichen Öffentlichkeitsarbeit widmen. Das ist aber nicht mein Ding, ich bin kein Otto Schily, ich bin nun mal ein Freak."

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Das Aus traf ihn unvorbereitet. Zum ersten Mal in seinem Leben war er ein Jahr lang arbeitslos. Auf dem Arbeitsamt sagte man ihm: "Das haben wir auch noch nicht erlebt – ein Bundestagsabgeordneter, der sich arbeitslos meldet." Später rappelte er sich wieder auf, immer wieder. Der schweren Krankheit, die ihn bald ereilte, zum Trotz. Erst verdingte er sich als Staubsaugerverkäufer, später als Geschäftsführer eines schwulen Buch- und Pornoladens. Zwischendurch war er der erste Betreiber von Telefonsex-Nummern in der Region. Ja, wirklich: An seinem fragmentierten Lebenslauf hätten radikale Wirtschafts- und Arbeitsreformer ihre Freude; er könnte ihnen als Kronzeuge für die These dienen, dass ein Mensch flexibel sein kann, wenn er sich nur ein wenig Mühe gibt.

Aber wer außer ihm würde schon einen solchen Überlebenstrieb an den Tag legen? Es fällt auf, dass er in seiner augenblicklichen Beschäftigung immer voll und ganz aufzugehen scheint, ganz gleich, ob es nun um den Bundestag geht, um den Sex-Shop oder um Staubsauger. Seine Augen funkeln, wenn er von seinem Tibet-Engagement an der Seite von Petra Kelly erzählt. Oder von dem schwulen Rentner und dessen jüngerem Freund, die häufig zu ihm in den Pornoladen kamen, nur um sich mit ihm zu unterhalten. Oder von dem schwulen Freund, der Sammler alter Haushaltsgeräte mit funktionellem Design war und der ihn für die Vorwerk-Produkte begeistern konnte, zu denen die bekannten Staubsauger gehören.

Trotzdem hat nicht alles die gleiche Bedeutung in seiner Werteskala. Die Begegnung mit Tibetanern und dem Buddhismus gehört zu jenen Dingen, die ihn auch heute noch – nach mehr als 25 Jahren – in Bann halten. Daraus, sagt er, schöpfe er Energie und spirituelle Kraft.

"Seitdem ich mich mit dem Buddhismus beschäftige, habe ich sogar aufgehört, Vegetarier zu sein." Wie bitte? Damit aufgehört? Ist es nicht normalerweise gerade andersrum – man wird Buddhist und hört dann auf, Fleisch zu essen?

"Als Vegetarier läuft man Gefahr, andere Leute vor den Kopf zu stoßen, wenn man den Eindruck erweckt, sich moralisch über sie zu stellen. Da gab es ein Schlüsselerlebnis bei einem schwulen Freund. Ich war bei ihm zum Essen eingeladen, seine Mutter hatte etwas mit Fleisch gekocht. Als ich sagte, dass ich das nicht esse, bemerkte ich, dass ihr das etwas ausgemacht hat. Da wurde mir klar, dass in einer solchen Situation Engstirnigkeit und Dogmatismus schlimmer sind als ein Stück Fleisch zu essen."

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