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Folge 5 von 10

Schwules Leben vor 100 Jahren: Medizin

Welche Sexualwissenschaftler äußerten sich in welcher Form 1925 über Homosexualität? Wie sollten Homosexuelle "geheilt" werden und wollten sie das überhaupt?


Experimente mit schwulen Männern: Otto Sander als Hormonforscher Eugen Steinach und Friedel von Wangenheim als Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld im Film "Der Einstein des Sex" (1999) von Rosa von Praunheim (Bild: absolut Medien)

Die Geschichte der Sexualwissenschaft und einige ihrer Vertreter

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts interessierten sich Mediziner für die Entstehung der Homosexualität. Aus unklaren Vorstellungen und diversen Begriffen wurde der medizinische Begriff "Homosexualität" geformt. Dabei veränderte sich auch der Blick auf Homosexuelle. Michel Foucault drückte es so aus: "Der Sodomit (…) war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies." Der Aufbruch zu einer modernen Sexualwissenschaft kam mit Richard von Krafft-Ebings Bestseller "Psychopathia sexualis" (1886) und es galt nun als fortschrittlich, homosexuelle Männer und lesbische Frauen in erster Linie nicht mehr als kriminell, sondern als krank zu begreifen. Die Krankheitstheorie bildete eine wichtige Argumentationsgrundlage für die erste Homosexuellenbewegung, weil Kranke im Gegensatz zu "Perversen" auf Mitleid in der Bevölkerung hoffen konnten, was als Vorteil im Kampf gegen den § 175 RStGB angesehen wurde.

Bei der Beurteilung der Situation habe ich mich u. a. an Florian Mildenbergers Buch "… in der Richtung der Homosexualität verdorben" (2002) orientiert, das die Zeit der Weimarer Republik ausführlich behandelt (S. 96-148). In einigen Fällen habe ich digitalisierte Zeitungen als wichtige Ergänzung herangezogen. Es erscheint sinnvoll, zunächst einzelne Wissenschaftler in alphabetischer Reihenfolge vorzustellen und danach verschiedene medizinische Themengebiete, die im Zusammenhang mit Homosexualität 1925 diskutiert wurden.

Havelock Ellis – Homosexualität und Inversion

Viele Bücher des britischen Sexualforschers Havelock Ellis (1859-1939) wurden u. a. in die deutsche Sprache übersetzt und in Deutschland rezipiert. Dazu gehört das Werk "Die Homosexualität (Die sexuelle Inversion)", das als "vollständig umgearbeitete Auflage" 1924 in der Reihe "Sexualpsychologische Studien" erschien und in dem er Homosexualität wissenschaftlich, breit und empathisch behandelt. Zur deutschen Homosexuellenbewegung hatte Ellis Verbindungen u. a. über die "Weltliga für Sexualreform", die ihren Sitz in Berlin in Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft hatte. Zu den ersten Präsidenten der Weltliga gehörten u. a. Magnus Hirschfeld und Havelock Ellis.

Als Ellis' Buch "Die Homosexualität (Die sexuelle Inversion)" Anfang 1925 beworben wurde ("Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", 14. Januar 1925), wurde es indirekt mit dem schwulen Serienmörder Fritz Haarmann in Verbindung gebracht ("Die Massenmorde der letzten Zeit"). Der Verlag wollte damit aus verkaufsstrategischen Gründen die aktuelle Bedeutung des Themas Homosexualität unterstreichen. Es lag bestimmt nicht in Ellis' Interesse, dass damit leider eine Parallelisierung von Homosexuellen mit Mördern vorgenommen wurde, gegen die die Homosexuellenbewegung in dieser Zeit so energisch kämpfte.

Magnus Hirschfelds Publikationen

Magnus Hirschfeld (1868-1935) war nicht nur ein Homosexuellenaktivist, sondern auch ein Sexualwissenschaftler, der forschte und publizierte. Auf seine Veröffentlichungen zur damals geplanten Strafrechtsverschärfung und zum Serienmörder Fritz Haarmann bin ich in dieser Serie bereits eingegangen. Außerdem bereitete er 1925 sein mehrbändiges Werk "Geschlechtskunde" (1926-1930) vor. 1925 erschien eine Neuauflage seines Buches "Die Transvestiten. Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb mit umfangreichem casuistischen und historischen Material" (1910, 1912, hier Aufl. von 1925). Im Vorwort, datiert auf den 1. März 1925, begründete Hirschfeld, warum es sich um eine unveränderte Neuauflage handle: Zum einen sei schon in der ersten Auflage alles Wichtige enthalten, zum anderen sei der Verfasser (also Hirschfeld selbst) "für die nächsten Jahre mit literarischen Verpflichtungen so überlastet, daß es ihm gänzlich unmöglich ist, neben der Leitung des von ihm inzwischen gegründeten 'Instituts für Sexualwissenschaft' eine Neuauflage vorzubereiten".

Ein Hinweis in der Presse auf Hirschfeld steht vielleicht in Zusammenhang mit dieser Neuauflage bzw. lässt sich damit thematisch in Verbindung bringen: Das österreichische polizeiliche Mitteilungsblatt "Öffentliche Sicherheit" (Jg. 1925, Heft 11-12, S. 9) wies auf Hirschfelds Verständnis von "Transvestitismus" hin und darauf, dass er es erreicht hatte, dass "Transvestiten" die Erlaubnis zum Tragen der Kleidung des jeweils anderen Geschlechtes erteilt werden konnte. Die Zeitschrift "Das Tagebuch" (Jg. 1925, Heft 4, S. 124-130, hier S. 125) verwies darauf, dass André Gide gegen Magnus Hirschfeld polemisierte, dessen Theorien von sexuellen Zwischenstufen (so Gide) wohl "manches Wahres enthalten mögen, die aber nur gewisse Arten der Homosexualität, nämlich die der Inversion und Verweiblichung beträfen". Mit dieser Kritik wurde Hirschfeld – innerhalb und außerhalb der Szene – häufig konfrontiert.


Am 1. März 1925 schrieb Magnus Hirschfeld, dass er insbesondere durch sein Institut sehr beschäftigt sei

Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft

Magnus Hirschfeld hatte 1919 das Institut für Sexualwissenschaft gegründet – als Beitrag zu einer Institutionalisierung der Sexualwissenschaft. Anfang 1924 hatte er dieses Institut aus seinem Privatbesitz an die von ihm gegründete Dr. Magnus-Hirschfeld-Stiftung übertragen, was in diesem Jahr zu vielen positiven Zeitungsartikeln geführt hatte. Ein Jahr später erinnerte das österreichische, in Linz erscheinende sozialdemokratische "Tagblatt" (11. August 1925) noch einmal an das nun in eine Stiftung überführte Institut und wies darauf hin, dass Homosexualität die häufigste Form des von "der Norm abweichenden Geschlechts- und Gefühlslebens" darstelle und auch den "Ausgangspunkt" von Hirschfelds gesamter Forschungsarbeit bilde.


Das Institut für Sexualwissenschaft (1919-1933)

Magnus Hirschfeld hatte bereits 1897 mit anderen Männern das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) und damit die erste Interessenvertretung für Homosexuelle gegründet. Zwischen dem WhK und dem Institut gab es enge Verbindungen. Das wurde u. a. besonders deutlich, als auf der Versammlung des WhK am 26. Februar 1925 dessen Verhältnis zum Institut mit der Zielsetzung einer "Verschmelzung" beider Institutionen neu geregelt wurde. Beide sollten "zu einer Stimme im Kampf für die Reform des Sexualstrafrechts" werden.

Diese enge Verbindung zwischen WhK und Institut wird auch bei der Bibliothek und beim Archiv deutlich. Schon 1904 hatte Hirschfeld mitgeteilt, dass das WhK die Absicht habe, ein Archiv und eine Bibliothek aufzubauen. Dieser Plan wurde 20 Jahre später – nun als Archiv und Bibliothek des Instituts – realisiert. Die Bibliothek "wurde 1924 erstmals als eigenständiger Bereich aufgeführt, stand aber vermutlich erst ab 1925 für den Publikumsverkehr zur Verfügung". Sie umfasste 4.000 Bände und stand mit zwölf Arbeitsplätzen der Öffentlichkeit zur Verfügung. Auch die Sammlungen des Instituts, zu denen leider keine Inventarlisten oder Bestandskataloge vorliegen, gingen aus den Beständen des WhK hervor. Zu diesen Sammlungen gehörten u. a. Fotos von Wilhelm von Gloeden, die Lockensammlung eines Haarfetischisten und ein 150 Jahre alter japanischer Phallusschrein (Zitat und Angaben aus Rainer Herrn: "Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933", 2022, S. 206-227, 260-264).

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Die antisemitische Hetze gegen Magnus Hirschfeld


Herwig Hartners antisemitische Hetzschrift "Erotik und Rasse" (1925) mit der Darstellung einer klischeehaft dargestellten "jüdischen Nase"

Magnus Hirschfeld wurde oft und von verschiedenen Seiten angefeindet – u. a. als Jude von Antisemiten. Ein Beispiel dafür ist Herwig Hartners antisemitische Hetzschrift "Erotik und Rasse. Eine Untersuchung über gesellschaftliche, sittliche und geschlechtliche Fragen" (laut "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" am 9. November 1925 erschienen), worin er im Kapitel "Die gleich­geschlechtliche (homo­sexuelle) Frage und die Bestrebungen des Magnus Hirschfeld" (S. 39-44) über Hirschfeld herzieht. Hartner lehnt auch bei konstitutioneller (also angeborener) Homosexualität die Auffassung ab, es gebe ein Recht, diese auszuleben. Er sieht enge Beziehungen zwischen Hirschfeld und dem österreichischen jüdischen Autor Hugo Bettauer, der auf dem Boden von Hirschfelds Lehre stehe (Bettauer und seine Ermordung 1925 habe ich in der dritten Folge dieser Serie behandelt). Auch der Jude Arnolt Bronnen wird von Hartner angegriffen, der die gleich­geschlechtliche Liebe in den Mittelpunkt seines Dramas "Septembernovelle" gestellt habe. Hartner verfasste später auch die Propagandaschrift "Das jüdische Gaunertum" (1939).

Albert Moll – die Ehe als "Heilmittel" gegen Homosexualität

Albert Moll (1862-1939) war Arzt, Psychiater und Sexualwissenschaftler. Wie seine Kontrahenten Iwan Bloch und Magnus Hirschfeld gilt er als einer der Begründer der modernen Sexualwissenschaft.

Seinen Aufsatz "Wann dürfen Homo­sexuelle heiraten?" hatte er bereits 1902 in der "Deutschen Medizinischen Presse" (Jg. 1902, Nr. 6) veröffentlicht. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde der Aufsatz aber wohl erst bekannt, als er 1925 als achtseitige Broschüre auch in selbständiger Form erschien (s. a. Werbung im "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", 23. Mai 1925) und außerdem in der Homo­sexuellenzeitschrift "Blätter für Menschenrecht" (Jg. 1925, Juni, S. 3-8) abgedruckt wurde. Was vom Titel her zunächst emanzipatorisch wirken könnte, ist meilenweit davon entfernt. Mit "Wann dürfen …" meinte Moll "In welchen Fällen dürfen …" und es ging ihm nicht um die gleich­geschlechtliche Ehe, sondern um die Ehe mit einer andersgeschlechtlichen Person als "Heilmittel" gegen Homosexualität. Dabei hatte er Schwule vor Augen, die den "Coitus mit einer Frau auszuführen vermögen", weil sie sich z. B. dabei einen Mann vorstellten. Für Lesben, die einen Mann heirateten, schien ihm dies sogar noch einfacher zu sein, weil die "Passivität des Weibes" – seiner Meinung nach – für den Sex ja schon vollkommen ausreichend sei. Wenn für eine Lesbe die Berührung eines Mannes "ekelhaft" sei, könne dieses Gefühl durch "Gewöhnung abgeschwächt werden". Neben der Potenz war für Moll aber auch die "seelische Neigung" (= Liebe) wichtig. Wenn Schwule und Lesben außerhalb der Ehe homo­sexuelle Kontakte pflegten, sei von einer Ehe abzuraten, ebenso, wenn die Homosexualität die Beziehung zum anderen Geschlecht "zu stören geeignet ist". Eine Zweckehe war für ihn eine ethische und soziale, aber keine medizinische Frage. Von der Heirat Homo­sexueller sei ebenfalls abzuraten, wenn eine "degenerierte" Nachkommenschaft zu erwarten sei. Moll meinte damit nicht die Vererbung der Homosexualität, es sei aber "sicher, daß zahlreiche Homo­sexuelle auch sonst erblich stark belastet (…) sind". Auch die Forderung der gleich­geschlechtlichen Ehe, die schon Karl Heinrich Ulrichs in seinen Schriften vertreten hatte, erwähnte Moll – allerdings nur als "Kuriosum".

Walter Rivers – über Katzen und Homo­sexuelle

Walter Courtnay Rivers geht in seinem gut gemeinten Buch "Von menschlichen Trieben. Sexualwissenschaftliche und Rassenstudien" (1925) u. a. auf Walt Whitmans Homosexualität ein (S. 93-116). In dem Kapitel "Ein neues Merkmal homo­sexueller Männer" (S. 117-131) stellt er die Katzenliebe als besonderes Merkmal Homo­sexueller hin. Dabei geht es ihm um die Darstellung von homo­sexuellen Männern als feminin, weil Katzenliebe vor allem ein "Merkmal weiblichen Geschmacks" sei. Interessant ist auch, wie er nach eigenen Angaben zu diesem Text kam: Durch eine frühere Veröffentlichung über Walt Whitman habe er einen Mann kennen gelernt, der nicht nur homo­sexuell gewesen sei, sondern sich sogar zu den entsprechenden "körperlichen Akten (…) hergab". Näheren Kontakt zu ihm habe er jedoch nicht gewollt, weil dies für ihn kompromittierend gewesen wäre, wenn er auch gleichzeitig bedauert, auf diese Weise sein Wissen über Homosexualität nicht erweitern zu können. Der Mann habe ihn mit seinen Fragen an Havelock Ellis verwiesen (s. o.).


W. C. Rivers: "Von menschlichen Trieben" (1925)

In der "Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" (Jg. 1925, S. 368) wird indirekte Kritik an der langen, populärwissenschaftlichen Einleitung und den zusammenhanglos wirkenden Kapiteln dieses Buches deutlich. In eine recht ähnliche Richtung geht die Rezension in der "Zeitschrift für Sexualwissenschaft" (Jg. 1925, S. 228), die das "empfehlenswerte, inhaltlich vielleicht etwas zu bunte Buch" lobt, das "wertvolle Anregungen zu geben vermag".

Hermann Rohleder – Vorlesungen über das Geschlechtsleben

Der Mediziner Hermann Rohleder (1866-1934) stand mit Magnus Hirschfeld lange Zeit in einem freundschaftlich-kollegialen Kontakt. Beide gingen von der Annahme aus, dass Homosexualität angeboren sei, forderten die Abschaffung des § 175 RStGB und waren im Gründungsausschuss der "Weltliga für Sexualreform" (1928-1935) tätig. Rohleder verfasste zudem Beiträge in dem von Hirschfeld herausgegebenen "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (JfsZ). Seine frühe zweibändige Veröffentlichung "Vorlesungen über den Geschlechtstrieb" (1901, 1907) wurde als Werk von "großer Wissenschaftlichkeit und hoher bleibender Bedeutung" gelobt (Rezension im JfsZ, 1908, S. 530-540).

Darauf aufbauend schrieb Rohleder später sein vierbändiges Werk "Vorlesungen über das gesamte Geschlechtsleben des Menschen". Der vierte Band über "Die homo­sexuellen Perversionen des Menschen auch vom Standpunkt der lex lata u. lex ferenda" (1912) wurde mehrfach nachgedruckt (1915, 1920). Die 5. Auflage erschien im September 1925 (s. "Neues Wiener Tagblatt", 15. September 1925) und beeinflusste die Diskussion über Homosexualität in dieser Zeit über medizinische Fachkreise hinaus. Es ist außergewöhnlich, dass darin auch lesbischer Sexualität ein für damalige Verhältnisse breiter Raum gewidmet wird (S. 334-399). Am Ende von mehr als 400 Seiten kommt Rohleder zu dem Schluss, dass sich die "Libido sexualis" (= Sexualtrieb) als "unumschränkteste Herrscherin des menschlichen Körpers und Geistes (zeigt), der das erhabendste Genie wie der größte Idiot unterworfen sind".


Hermann Rohleders "Die homo­sexuellen Perversionen des Menschen" (1925)

Alfons Schoene – Schwule und der Erste Weltkrieg

Alfons Schoene widmete in seinem dünnen Heftchen "Krieg und Sexualität" (1925) eine halbe Seite (von insgesamt 24 Seiten) der Homosexualität unter Soldaten, die er positiv schilderte und als "begreiflich und entschuldbar" ansah. Am Ende verweist er auf die im Verlag von Adolf Brand erschienene Broschüre von Georg Philipp Peiffer "Männerheldentum und Kameradenliebe im Krieg" (1924). Als emanzipatorischer Beitrag kann das Heft überzeugen – nicht jedoch als sexualwissenschaftliches Werk, auch wenn es in der Schriftenreihe "Beiträge zum Sexualproblem" des Mediziners Felix Aaron Theilhaber erschien.

Wilhelm Stekel – Homosexualität ist nicht strafwürdig, aber heilbar

Wilhelm Stekel (1868-1940) war ein österreichischer Arzt und Psychoanalytiker, der in der frühen Geschichte der Psychoanalyse eine bedeutende Rolle spielte. Richard von Krafft-Ebing hatte sein Interesse an der Sexualforschung gefördert. Von Sigmund Freuds Forschungen war er begeistert und wurde zum bedeutendsten publizistischen Propagandisten der Psychoanalyse. Strafbestimmungen gegen Homosexualität lehnte er ab.

Am ausführlichsten setzte sich Stekel mit Homosexualität in seinem Werk "Onanie und Homosexualität" (1917, 1921, 1923) auseinander. Im Vorwort der 2. Auflage (1921, S. V) weist er darauf hin, dass er die Möglichkeit gehabt habe, "viele Homo­sexuelle" zu "analysieren", und an seiner bisherigen Theorie nicht zu rütteln brauche: "Die Homosexualität ist eine Seelenkrankheit (und) heilbar." Sein Buch wurde auch 1925 noch über den Buchhandel vertrieben ("Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", 3. Oktober 1925).

Weil Stekel die Homosexualität immer mitzudenken scheint, ist es nicht verwunderlich, dass er in seinem Buch "Sadismus und Masochismus" (1925) in einem Kapitel auch die "Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität" (S. 116-170) ausführlich behandelt. Zunächst verweist er hier auf sein früheres Buch über "Onanie und Homosexualität". Anschließend stellt er viele Fälle vor, aus seiner Praxis und aus Werken anderer Sexualwissenschaftler wie Richard von Krafft-Ebing, Magnus Hirschfeld und Albert Moll. Zum Schluss bezeichnet er Homo­sexuelle als "Rückschlagerscheinungen", die ein "überstarkes Triebleben" zeigten, "das sich unmöglich den Forderungen der Kultur anpassen kann".


Wilhelm Stekel und sein Buch "Sadismus und Masochismus" (hier in englischer Übersetzung)

Anfang 1925 wurde Stekel um seine Einschätzung zu dem Fall des homo­sexuellen Karl Hauck gebeten, der über 30 Jahre lang in großem Stil Archive bestohlen hatte. Haucks homo­sexuelle Veranlagung bestärkte Stekel in seiner Ansicht, dass dieser "ein fetischistischer Kleptomane" sei ("Innsbrucker Nachrichten", 22. Januar 1925). Den Fall Karl Hauck habe ich bereits in einer früheren Folge dieser Serie aufgegriffen.


Die sexualwissenschaftlichen Themen im Jahr 1925

Die medizinischen Diskussionen über Homosexualität wurden zu recht unterschiedlichen Themen geführt. So ging es um homo­sexuelle Phasen in der Pubertät, um angebliche Ursachen von Homosexualität und um verschiedene "Heilungsmethoden". So unterschiedlich die Themen, so unterschiedlich waren auch die Einstellungen dazu, die sich in Fachzeitschriften und bürgerlichen Zeitungen widerspiegeln.

Auch aus der Homo­sexuellenbewegung wurde zu medizinischen Themen Stellung bezogen. Der Homo­sexuellenaktivist Magnus Hirschfeld war schließlich auch Mediziner und stand – trotz seiner jahrzehntelangen emanzipatorischen Tätigkeit – auf dem Standpunkt, dass Homo­sexuellen auch mit Operationen zu helfen sei, sofern diese unter ihrer Homosexualität litten. Dagegen wollten die Schwulen aus dem Umfeld von Adolf Brand nicht von Medizinern wie Hirschfeld pathologisiert werden und so wurde in dem satirischen Beitrag "Paranoia psychiatrica" (in: "Der Eigene", Jg. 1925, Heft 9, S. 426-427) das gängige Wertesystem von Krankheit und Gesundheit auf den Kopf gestellt: Nicht die Homo­sexuellen seien krank, sondern die Psychiater, die die Schwulen pathologisierten. Der Text ist nicht nur eine allgemeine Kritik an Medizin und Psychiatrie, sondern – indirekt – auch an Magnus Hirschfeld.

Homosexualität in der Pubertät – normal und doch gefährlich?

In der Homo­sexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" (Jg. 1925, Heft 5, S. 83-84) erschien der Artikel von Karl Friedrich Jordan "Der Sexualtrieb in der Pubertätszeit. Zum Problem des Alters der 'geschlechtlichen Indifferenz'". Dabei handelt es sich erkennbar nicht nur um den neutralen Versuch einer Wiedergabe des wissenschaftlichen Forschungsstandes, sondern auch um das verständliche Bestreben, die Homosexualität im Allgemeinen zu legitimieren.

Dass es in der Pubertät so etwas wie eine homo­sexuelle "Phase" gab, war bekannt und wurde meistens nicht pathologisiert. Manchmal wurde diese "Phase" erklärt und damit letztendlich legitimiert: So seien die Mädchenfreundschaften mit ihrer "homo­sexuellen Färbung" nur ein Versuch, "der gefürchteten Beziehung zu Männern auszuweichen" ("Die Mutter", 1. September 1925). In ihrer sexuellen Zielrichtung seien die Jugendlichen noch unsicher ("Neues Wiener Journal", 12. April 1925). Vor allem bei Jungen wurde jedoch auch die Gefahr gesehen, dass aus dieser "Phase" eine manifeste Homosexualität entstehen könne. Daher wurde in einem Artikel über sexuelle Aufklärung betont, dass schon der "Anblick badender, nackter Knaben" bei einem Jungen eine "bleibende Neigung zum gleichen Geschlecht bewirkt" habe ("Linzer Tagespost", 27. Januar 1925).

Nach Mildenberger (s. o., S. 131) "versuchten namhafte Vertreter der Psychologie jede sexuelle Gefahr in diesem Zeitabschnitt (der Pubertät) namhaft zu machen. Die von homo­sexuellen Gefühlen oder Trieben erfassten Jugendlichen unterschieden die Psychologen nach den Kriterien 'Durchgangsstadium' bzw. 'Dauertypus'." Mildenberger nennt als Beispiel dafür William Stern, den Mitbegründer des Instituts für angewandte Psychologie in Berlin, mit seinem Aufsatz "Erotik und Sexualität der reiferen Jugend" (in dem Sammelband "Erziehungsprobleme der Reifezeit", 1925, S. 57-73, hier S. 69).

Die Ursache von Homosexualität – konstitutionell oder erworben?

Auch 1925 wurde von Medizinern eifrig nach angeblichen Ursachen von Homosexualität geforscht, die einige in "Verführung" zu erkennen glaubten, während andere versuchten, das Angeborensein der Homosexualität zu beweisen. Nach Florian Mildenberger (s. o, S. 113) finden sich die Thesen des deutschen Mediziners und Genetikers Richard B. Goldschmidt zur Vererbung von Homosexualität in vielen Werken anderer Sexualwissenschaftler wieder, u. a. in der Untersuchung von Walter Wolf "Erblichkeitsuntersuchungen zum Problem der Homosexualität" in der Fachzeitschrift "Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten" (Jg. 1925, S. 1-12). In seinen Untersuchungen am Institut für Sexualwissenschaft bezog sich der Autor ausdrücklich auf die Forschungen Magnus Hirschfelds und Richard Goldschmidts. Der Aufsatz fasst die Ergebnisse einer Stammbaumforschung zusammen, mit denen der Autor die Vererbbarkeit von Homosexualität zu belegen versucht. Aus seinen Forschungen leitete der Autor eine doppelgeschlechtliche Anlage jedes Menschen ab, was eine Nähe zur Theorie der sexuellen Zwischenstufen von Magnus Hirschfeld herstellte.


Auszüge aus Walter Wolf: "Erblichkeitsuntersuchungen zum Problem der Homosexualität" (1925)

In eine andere Richtung ging der Amtsrichter und Dr. jur. Max Rudolf Senf, dessen Schrift "Homosexualisierung" (1924) medizinisch ausgerichtet ist und als Teil der Schriftenreihe "Abhandlungen aus dem Gebiete der Sexualforschung" (1918-1931) der Internationalen Gesellschaft für Sexualforschung erschien. In dieser sehr wirr formulierten Abhandlung scheint es ihm um den "Ursprung" der Homosexualität gegangen zu sein, wie auch der Rezensent Rudolf Allers in der "Wiener medizinischen Wochenschrift" (Jg. 1925, Heft 28, Spalte 1669) betont, der jedoch auch feststellt: Senfs "Gedankengänge sind nicht wiederzugeben".

Es gibt Autoren, die wussten, dass die Wissenschaft nichts Genaues weiß. In der Überschrift des Artikels von Walter Finkler "Zwischenstufen der Liebe. Blutdrüsen oder Unterbewusstsein?" ("Neues Wiener Journal", 17. Oktober 1925) verdeutlicht das Fragezeichen, dass die Forschung über die Ursache von Homosexualität noch nicht abgeschlossen sei. Homosexualität könne konstitutionell bedingt sein, es gebe aber auch weit verbreitete gleich­geschlechtliche Erfahrungen in der Pubertät und "die moderne Psychologie anerkennt einen bipolaren Trieb in der Jugend". Wo kommt der her? Wann ist Homosexualität also nur "Gewohnheit" und wann wurzelt sie in den "Tiefen der Seele"? Nach Ansicht des Autors wiesen Psychoanalytiker zwar auf "Heilerfolge" hin, die sich jedoch nicht nur auf eine Ursache, sondern auch auf eine Folge beziehen könnten. Nur einer Sache ist sich der Autor sicher: "Die sittliche Wertung ist von wissenschaftlichen Feststellungen unabhängig." Bei einer Formulierung wie "sollte … unabhängig sein" hätte ich ihm zugestimmt.

Die Ursache von Homosexualität – schwul durch Kokain?

"Führende Psychiater und Kriminalpsychologen (konstruierten) einen scheinbar stringenten Zusammenhang von Kokainkonsum und Homosexualität. Diese Idee geisterte die gesamten 1920er Jahre durch die Fachliteratur und erwies sich erst im Laufe der 1930er Jahre als unhaltbar" (Mildenberger, s. o., S. 111-112).


Der sogenannte Koks-Emil verkauft im Mai 1929 Kokain

Als Beispiele nennt Mildenberger acht medizinische Fachaufsätze, von denen drei im Jahr 1925 erschienen sind: Gustav Aschaffenburg: "Die Einwirkung des Kokains auf das Geschlechtsleben" (in: "Deutsche Medizinische Wochenschrift", Jg. 1925, S. 55-57), Curt Coronczy: "Zur Einwirkung des Kokains auf das Geschlechtsleben" (in: "Ärztliche Sachverständigen-Zeitung", Jg. 1925, S. 229-234) und Heinz Hartmann: "Cocainismus und Homosexualität" (in: "Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie", Jg. 1925, S. 79-94). Zum Aufsatz von Ernst Joël und Fritz Fränkel "Kokainismus und Homosexualität" (in: "Deutsche Medizinische Wochenschrift", Jg. 1925, S. 1562-1565) erschien in der österreichischen Zeitung "Der Tag" (23. September 1925) ein Artikel, der rund 100 Jahre später (gekürzt) zur einzigen Quelle für das Kapitel "Kokainismus und Homosexualität" in Peter Rohreggers Buch "Sittenloses Landvolk. Unmoral und Sexualverbrechen vor 100 Jahren" (2022, S. 269-270) wurde.

Diese Liste von Mildenberger, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat, lässt sich noch ergänzen mit Arno Offermanns Aufsatz "Über die zentrale Wirkung des Cocains und einiger neuen Ersatzpräparate" (in: "Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten", Jg. 1925, S. 600-634, hier S. 611), der Hinweise auf weitere Forschungsliteratur über Homosexualität enthält. Nikolaus Sugar berichtet in "Zur Genese und Therapie der Homosexualität" (in: "Jahrbücher für Psychiatrie und Neurologie", Jg. 1925, S. 211-229) von acht homo­sexuellen Männern, von denen vier Kokain konsumierten, wobei er mehrfach auf den oben genannten Artikel von Hartmann verweist.

In seinem Aufsatz "Homo­sexuell durch Kokaingenuss – eine Debatte in den 1920er Jahren" (in: "Zeitschrift für Sexualforschung", Jg. 2001, S. 308-315) hat Florian Mildenberger die Publikationen der Zwanzigerjahre zu diesem Thema gut zusammengefasst. In ihnen ging es nicht nur um die angebliche Veränderung der sexuellen Orientierung durch Kokain, sondern auch darum, dass "den Homo­sexuellen eine besondere Disposition zum Kokaingebrauch unterstellt (wurde). Der Kampf gegen den Kokaingebrauch war (…) in dieser Zeit weitgehend gleichbedeutend mit einem Kampf gegen die Homosexualität" (aus der Zusammenfassung des Aufsatzes).

Die Experimente Eugen Steinachs – Heilung durch Hoden?

Eugen Steinach (1861-1944) war ein österreichischer Physiologe und Pionier der Hormonforschung, der Transplantationen männlicher Keimdrüsen (= Hoden) als angebliche "Therapie" gegen Homosexualität propagierte. Sein Name wird oft im Zusammenhang mit dem Mediziner Robert Lichtenstern genannt, der einen ähnlichen Forschungsansatz verfolgte ("Die Überpflanzung der männlichen Keimdrüse", 1924). Mildenberger (s. o., S. 97-104) geht auf die Tatsache ein, dass Magnus Hirschfeld Steinachs Methode nicht nur befürwortete, sondern beide auch zusammenarbeiteten. Die sogenannte "Steinach-Hirschfeld'sche Lehre" stieß 1920 auf Anerkennung, wurde 1923/1925 widerlegt bzw. es wurde ihr Scheitern eingeräumt, 1927 verschwand sie aus dem Diskurs. Bis dahin hatten sich mindestens elf schwule Männer dieser Operation unterzogen, um "geheilt" zu werden.

Nach Mildenberger kam es jedoch bei deutschen und österreichischen Psychiatern zu unterschiedlichen Bewertungen, was sich auch anhand österreichischer Zeitungen von 1925 aufzeigen lässt. In ihnen wurde zwar darüber berichtet, dass "Steinachs Theorie der Homosexualität erschüttert" sei ("Der Morgen", 16. November 1925), oder darüber, dass die Ergebnisse dieser Operationen "wenig zufriedenstellend" seien ("Der Tag", 22. Februar 1925, S. 3-4). Im "Neuen Wiener Journal" erfährt man jedoch nicht nur, dass es auf diese Weise möglich sei, Homo­sexuelle "zu heilen" (10. April 1925), sondern auch, dass homo­sexuelle Patienten operiert worden seien, denen "nichts von dem Zweck der Operation verraten wurde". Auf diese Weise soll ein Mann durch eine Hodentransplantation nicht nur von seiner Homosexualität, sondern auch von seiner Trunksucht geheilt worden sein (23. Oktober 1925). Unter der Überschrift "Heilung der Homosexualität" berichtete auch die "Wiener Sonn- und Montagszeitung" (23. Februar 1925, S. 5-6) über die angeblichen Erfolge Steinachs. Darauf aufbauend – so die Zeitung weiter – könnte argumentiert werden, dass Homosexualität eigentlich straffrei sein müsste. Die Zeitung stellt sich aber auf den Standpunkt, dass eine verantwortungsvolle Politik wegen der "Gefährlichkeit" der Homosexualität weiterhin alle Mittel zur "Erhaltung der Art" aufbieten müsse.

Reaktionen der Homo­sexuellenpresse auf die Hodentransplantationen

Friedrich Radszuweit schrieb in seiner Homo­sexuellenzeitschrift "Das Freundschaftsblatt" (Jg. 1925, Nr. 8, S. 1-2) eine Titelgeschichte über die "Heilung" durch Hodentransplantationen und war sich sicher: "Wir kennen einige homo­sexuelle Männer, die sich von bekannten medizinischen Wissenschaftlern kastrieren ließen bzw. Hoden einpflanzen ließen, in der Annahme, daß sie (…) geheilt würden. Ihre Annahme war irrig (…) und diese Männer bereuen es außerordentlich, daß sie einen Eingriff bei sich vornehmen ließen."

Ich werde in der nächsten Folge noch ausführlicher darauf eingehen, dass sich Adolf Brand in seiner Homo­sexuellenzeitschrift "Der Eigene" (Sondernummer "Die Tante", Jg. 1925, Heft 9, S. 395) über "Dr. Rehfeld" (= Hirschfeld) lustig machte. Auf einer Karikatur über Hirschfeld sind mehrere stilisierte Hoden als Nase, Zepter und Stuhlbeine zu erkennen. Vielleicht bezieht sich diese Form der Karikatur bewusst auf die von Hirschfeld mitverantworteten Hodentransplantationen. Vielleicht bezieht sie sich aber auch nur ganz allgemein darauf, dass Hirschfeld – nach Brands Meinung – im Kampf gegen den § 175 zu sehr den Sex betone.


Friedrich Radszuweit lehnte solche "Heilmethoden" ab. In "Der Eigene" wurden die Hoden offenbar zu einer Karikatur verarbeitet

Der Kampf gegen "Sittlichkeitsverbrecher" – "Heilung" durch Kastration?

Es gab "Erfolgsmeldungen" über Kastrationen homo­sexueller "Sittlichkeitsverbrecher", die aus der Schweiz nach Deutschland drangen. Von einigen Medizinern und Juristen wurden aber auch der Sinn eines Sterilisationsgesetzes und die juristische Unbedenklichkeit von Eingriffen ohne gesetzliche Grundlage in Frage gestellt (Mildenberger, s. o., S. 120-127). Mildenberger bringt die Diskussionen um Sterilisationen und Kastrationen mit Homosexualität in Verbindung, auch wenn es bei den Sterilisationen in erster Linie um die Verhinderung "erbkranken" Nachwuchses gegangen sein wird.

Als Beispiele für beide Themen lassen sich zwei Aufsätze in den "Sozialhygienischen Mitteilungen" (Jg. 1925) anführen: In seinem Beitrag "Sterilisation und Kastration" (S. 97-102) legitimiert M. Möckel zunächst die Eugenik "mit ihrem hohen Ziel: die friedliche, schmerzlose Ausschaltung (…) der Kranken und Bösen". Bei der "Beseitigung eines krankhaften (…) Geschlechtstriebes (…) ist die Kastration anscheinend erfolglos. Der homo­sexuelle Trieb blieb nach den Erfahrungen (…) unverändert. (…) Der Erfolg der Kastration auf den Geschlechtstrieb war (…) nicht sicher vorherzusagen." Die Transplantation "heterosexuell gerichteter Hoden nach Steinach" sieht Möckel als Möglichkeit der "Heilung" an, es müsse aber vorher eine Belehrung über "Vorteile und Nachteile des Eingriffs" erfolgen. Ein Bedauern über die bisherigen unnötigen und vor allem irreversiblen Operationen erfolgte in diesem Artikel nicht. Im direkten Anschluss verwies Max Fischer in seinem Aufsatz "Betrachtungen über Unfruchtbarmachung bei Geisteskranken" (S. 102-109) darauf, dass durch Kastration und Sterilisation den Betroffenen geholfen werde: "Wohl beabsichtigen wir natürlich auch hier, den (…) mit abnormer Sexualanlage behafteten (Menschen) gesundheitlich zu fördern, indem wir auf operativem Wege seinen (…) verderblichen Trieb unschädlich machen." Zuvor müsse aber eine Gesetzesänderung angestrebt werden, wonach Kastrationen und Sterilisationen "zu Heilzwecken" auch ohne die Einwilligung der Betroffenen legalisiert werden sollten.

Ein Artikel in der österreichischen Zeitung "Der Morgen" (31. August 1925) bringt unter der Überschrift "Die Medizin und das Recht" die öffentlichen Diskussionen über Sterilisationen und Kastrationen mit dem Fall des schwulen Serienmörders Fritz Haarmann in Verbindung, der vermutlich nicht nur die strafrechtlichen, sondern auch die medizinischen Diskussionen über Homosexualität in dieser Zeit beeinflusst hat. Zwischen den Bestrebungen zur Einführung von Zwangssterilisationen und Zwangskastrationen, die in der Weimarer Republik kontrovers diskutiert wurden und der Umsetzung in der NS-Zeit besteht ein direkter Zusammenhang.

"Geschlechtsumwandlung" und Geschlechtsangleichung

Wer an die ersten geschlechtsangleichenden Operationen denkt, denkt vermutlich zunächst einmal an Lili Elbe (1882-1931), die sich 1930/31 einer solchen Operation unterzog und deren Leben mit "The Danish Girl" (2015) erfolgreich verfilmt wurde. In seinem Buch "Schnittmuster des Geschlechts. Transvestitismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft" (2005) beschreibt Rainer Herrn auch frühere geschlechtsangleichende Operationen, die in Deutschland schon ab 1912 durchgeführt wurden. In meiner Serie über das Jahr 1924 bin ich ausführlich auf die geschlechtsangleichenden Operationen an Dora (Dorchen) Richter ab 1923 eingegangen. Auch in "Der Liebe und dem Leid" (2022, S 265-288) geht Rainer Herrn auf "Hermaphroditen" ein und wie Magnus Hirschfeld zugegen war, als auf einer Sitzung der Berliner Urologischen Gesellschaft am 3. Februar 1925 ein "Hermaphrodit" dem Ärztekolleg in einer Weise vorgestellt wurde, "welche die Schamgrenze der vorgestellten Person in heute schwer erträglicher Form missachtete". Das Hirschfeld den Personen zur Anerkennung der von ihnen empfundenen Geschlechtszugehörigkeit zu helfen versucht, steht außer Frage.

Über geschlechtsangeleichende Operationen wurde auch 1925 innerhalb und außerhalb der Szene lebhaft diskutiert. So wurde in den "Blättern für Menschenrecht" (Jg. 1925, Februar, S. 15-16) unter der Überschrift "Geschlechtsumwandlung beim Menschen?" geschildert, dass entsprechende Versuche zur "Geschlechtsumwandlung" an Kröten geglückt seien. Vor zu viel Optimismus, dass solche Operationen auch beim Menschen möglich sein würden, wurde jedoch gewarnt. Ein operierter Mann – so der Tenor des Artikels – bleibe ein Mann, auch wenn er äußerlich wie eine Frau aussehe. Auch der Artikel von Walter Finkler "Das Geheimnis der Geschlechtsumwandlung. Wie man aus einem Weibchen ein Männchen macht" im "Neuen Wiener Journal" (14. Juni 1925) berichtet zunächst über Experimente an Tieren, sieht aber auch einen Zusammenhang mit menschlicher Homosexualität: "Ob auch die Homosexualität eine solche Konstitutionsanomalie (wie eine Zwitterbildung) ist oder nur ein moralischer Defekt oder noch anderes, ist bis heute nicht völlig geklärt." "Geschlechtsumwandlungen" seien weiterhin ein "unerforschtes Geheimnis". In dem Artikel "Umwandlung eines Mannes in eine Frau" in "Die Stunde" (18. Juli 1925) geht es um Meldungen aus Budapest, wonach sich ein Mann ohne Operation in eine Frau verwandelt habe: "Auch die psychosexuelle Wandlung, die Inversion (Homosexualität) findet hierin ihre Erklärung. Der von andersgeschlechtlichen Hormonen überschwemmte Organismus fühlt eben wie dieses andere Geschlecht."


Walter Finkler: "Das Geheimnis der Geschlechtsumwandlung"

Es ist schwierig zu bestimmen, ob solche zum Teil spekulativen und sensationsheischenden Zeitungsmeldungen nur pathologisierende oder vielleicht auch emanzipatorische Wirkung entfalteten. Der letztgenannte Artikel lässt aber zumindest Parallelen zu den Thesen des Homosexuellenaktivisten Karl Heinrich Ulrichs erkennen, der davon ausging, dass es sich bei homosexuellen Männern um Frauen in einem Männerkörper handle – und umgekehrt.

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