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Interview
"Ich fühlte mich in Texas oft wie ein Außerirdischer"
Im Kinofilm "Uppercut" spielt der queere Schauspieler und Autor Jordan E. Cooper erstmals einen Boxer. Wir sprachen mit ihm über die harte Rolle, das Aufwachsen in einer religiösen Familie, die Freiheit von New York und neue Projekte.

Jordan E. Cooper als Boxer in "Uppercut" (Bild: Patrick Xiong)
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26. Januar 2025, 07:04h 6 Min.
Dafür, dass er Anfang Januar erst seinen 30. Geburtstag feierte, hat Jordan E. Cooper schon Erstaunliches geleistet. Als Schauspieler war der queere Texaner in der dritten Staffel von "Pose" zu sehen, und als Autor gehörte er zum Writers Room von Lee Daniels' Serie "Star". Seit 2021 ist er außerdem Showrunner der Emmy-nominierten Sitcom "The Ms. Pat Show" (in Deutschland leider nicht verfügbar), und für sein am Broadway gefeiertes Stück "Ain't No Mo'" wurde er gleich doppelt für den Tony nominiert.
Seit dem 23. Januar ist Cooper nun in einer Nebenrolle des Films "Uppercut" in den CineStar-Kinos zu sehen. Höchste Zeit also, sich mit ihm im Videotelefonat zu unterhalten.
Jordan, mit "Uppercut" hat der deutsche Independent-Regisseur Torsten Rüther seinen eigenen Film "Leberhaken" in den USA noch einmal verfilmt. Wie sind Sie in diesem Projekt gelandet?
Ein Kumpel von mir gehörte zu den Produzenten des Films und fragte mich eines Tages, ob ich nicht ein paar Schauspieler empfehlen könne, die für eine Rolle als Boxer in Frage kämen. Ich schickte ihm eine Liste, doch irgendwann fragte er, ob ich nicht selbst Lust darauf hätte. Und das hatte ich. Mit allem, was ich bislang gespielt hatte, hatte diese Figur so gar nichts zu tun, und mich reizt es immer, mich für eine Rolle in vollkommen neue Welten und Szenarien zu begeben.
Hatten Sie mit dem Boxen denn etwas am Hut?
Seit der Grundschule habe ich mich mit niemandem mehr geprügelt, wenn ich mich richtig erinnere. Aber mir hat es ziemlich Spaß gemacht, etliche Monate lang zu trainieren und für die Rolle in Form zu kommen. Seither gehe ich fast jeden Tag ins Gym und trainiere auch immer noch am Boxsack.
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Zwischen all Ihren anderen Projekten ist es fast erstaunlich, dass Sie überhaupt Zeit haben, noch in anderer Leute Projekten mitzuspielen…
Ich finde es selbst manchmal verrückt, wie viel ich in den letzten paar Jahren gearbeitet habe. Aber für besondere Projekte finde ich immer Zeit, gerade als Schauspieler. Spielen, schreiben und inszenieren geht für mich Hand in Hand – und alles drei habe ich schon als Kind für mich entdeckt, als ich damals bei uns im Wohnzimmer die Perücken meiner Mutter und die Arbeitsuniform meines Vaters dazu verwendete, um mir Figuren und Stücke auszudenken. Ich glaube, dass es einem als Autor hilft, wenn man auch ein guter Schauspieler ist. Und andersherum. Deswegen will ich keinen dieser Jobs je aufgeben.
Was geben Sie denn als Beruf an, wenn Sie gefragt werden?
Wenn ich wirklich nur drei Sekunden für eine Antwort habe, sage ich, dass ich schreibe. Aber ich liebe es wirklich auch sehr, auf der Bühne oder vor der Kamera zu stehen. Selbst zu performen ist definitiv etwas, wofür ich geboren bin. Gerade habe ich mit Jamie Lee Curtis und Lindsay Lohan die Fortsetzung "Freakier Friday" gedreht, die 2025 ins Kino kommen wird. Das war unglaublich cool.
Woher kam denn in Ihrer Kindheit das gerade beschriebene Entertainer-Talent? Sind Sie in einer sehr künstlerischen Familie groß geworden?
Kein bisschen. In meiner Familie interessierten sich alle für Football, Basketball und andere Sportarten. Während ich der Junge war, der während des Basketball-Trainings am Rand saß und "Wicked" las. Aber meine Großmutter, die gerade gestorben ist, war eine fantastische Frau und ich bin mir sicher, dass sie das Zeug zum Filmstar gehabt hätte, wäre sie nicht Hausfrau und Mutter gewesen. Die liebte es gefilmt zu werden und stellte manchmal die Videokamera in der Küche auf, wo sie sich stundenlang beim Kochen filmte, so als sei sie in einem Fernsehstudio. Die ganzen letzten Tage habe ich mit dem Sichten solcher Videos verbracht und bin mir sicher, dass ich meine Leidenschaft fürs Performen von ihr geerbt habe.
Voll entfalten konnten Sie sich aber erst, als Sie nach der Schulzeit aus Ihrer Heimat in Texas nach New York zogen, oder?
Oh ja, das war eine absolute Notwendigkeit. Ich fühlte mich in Texas und auch in meiner religiösen Familie oft wie ein Außerirdischer und definitiv nie zugehörig. Der einzige Weg, damit mich meine Eltern nach New York gehen ließen, war natürlich ein College-Studium. Also wählte ich diesen Weg, auch wenn ich eigentlich natürlich vom Broadway träumte. Von Anfang an liebte ich in New York, dass sich dort niemand darum schert, was du machst. Bis du sie dazu bringst, dass sie sich dafür interessieren. Ich wurde hier schlagartig erwachsen. Ich lernte, dass ich keine Gedanken daran verschwenden muss, was andere über mich denken oder welche Erwartungen ich vielleicht erfüllen muss. Plötzlich fand ich den Freiraum, meinen innersten Wünschen zu folgen, meiner queeren Identität und meiner Kreativität freien Lauf zu lassen und meine eigene Community, meine Wahlfamilie zu finden. Ohne diese Stadt wäre ich nichts!

Jordan E. Cooper in "Uppercut" (Bild: Patrick Xiong)
Selbst in der Sitcom "The Ms. Pat Show", die Sie seit 2021 als Showrunner verantworten, spielt Queerness eine Rolle. Schlägt sich Ihre Identität als queerer Schwarzer Mann in allen Aspekten Ihrer Arbeit nieder?
Ich denke schon. Und ich hoffe es. Als ich jung war, gab es eigentlich keine Geschichten, in denen ich mich selbst wiedererkannt habe. Oder wenn, dann immer nur einen Teil von mir, nie alle Aspekte meiner Identität. Deswegen versuche ich heute so gut es geht, Werke zu schaffen, die mich in meiner Ganzheit repräsentieren. Dass ich damals eine Weile lang brauchte, um mich selbst zu finden, lag eben auch daran, dass mir die Vorbilder fehlten, und dagegen will ich heute angehen. Mein Wunsch ist es, Geschichten zu kreieren, die queere Kids mit ihren Eltern konsumieren können, ohne etwas dazu zu sagen müssen. Geschichten, die Empathie auf allen Seiten wecken.
Abgesehen von "Freakier Friday" und einer fünften Staffel von "The Ms. Pat Show": was können wir von Ihnen noch erwarten?
Aktuell schreibe ich die Drehbücher zu zwei unterschiedlichen Filmen, über die ich aber noch nichts verraten kann. Außerdem bringe ich mein neues musikalisches Theaterstück nach New York. "Oh Happy Day" ist die Geschichte eines jungen Mannes, der bei seiner religiösen Familie rausgeflogen ist, weil er queer ist, und nun nach Hause kommt, um zu verkünden, dass eine Flut kommen und ihr Haus wegspülen wird. Im vergangenen Herbst hatten wir damit in Baltimore Weltpremiere, jetzt steht New York an. Ich kann es kaum erwarten, in meiner Stadt wieder auf der Bühne zu stehen. Ach, und mit der Arbeit an einer neuen Serie habe ich auch schon begonnen!
Uppercut. Thriller. USA, Deutschland 2024. Regie: Torsten Rüther. Cast: Luise Großmann, Ving Rhames, Jordan E. Cooper. Laufzeit: 104 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Seit 23. Januar 2025 exklusiv in den CineStar-Kinos.
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