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Literatur

Die letzte Flucht von Édouard Louis' Mutter

Die Mutter von Édouard Louis befreite sich von ihrem gewalttätigen Mann. Doch auch ihr neuer Partner misshandelt sie. In "Monique bricht aus" schildert der schwule Autor, wie sie erneut flieht – und nimmt sich selbst dabei zurück.


Édouard Louis wurde durch seinen autofiktionalem Debütroman "Das Ende von Eddy" bekannt (Bild: IMAGO / TT)

Der da. So bezeichnet Monique, die Mutter des Schriftstellers Édouard Louis, ihren Lebensgefährten jetzt nur noch. Der da soll keinen Namen bekommen, soll keine Rolle mehr in ihrem Leben spielen. Es schwingt Verachtung und Geringschätzung mit, aber auch Stärke: Der da hat keine Macht mehr über sie.

Doch es dauerte lange, bis sie sich von ihm befreien, ihm den Namen entziehen konnte. Sieben Jahre lebte sie mit ihm zusammen. Der Mann demütigte sie, beschimpfte sie und ihre Kinder, kontrollierte sie. Er soff zu viel und machte sie fertig. Sie war finanziell komplett von ihm abhängig, hatte keine zwei Euro Bargeld.

Unter Tränen erzählt Monique ihm alles

Dabei sollte der Umzug nach Paris ein Neuanfang werden. In "Die Freiheit einer Frau" schilderte Édouard Louis, wie sich seine Mutter von seinem gewalttätigen Vater trennte, die nordfranzösische Provinz verließ und ein neues Leben in Paris begann. Monique machte Pläne mit ihrem neuen Partner, der als Hausmeister arbeitet. In zehn Jahren, wenn er in Rente ist, wolle sie sich einen Wohnwagen kaufen. "Ich habe immer von einem Leben unterwegs geträumt", heißt es auf der letzten Seite des Buchs von 2021, das Falk Richter in Hamburg inszenierte.

Doch aus dem Traum wurde ein Albtraum. Der neue Lebensgefährte glich mehr oder weniger den anderen Männern in ihrem Leben: Drei Männer, drei Säufer. Er behandelte sie sogar noch schlimmer. Das erzählte sie ihrem Sohn am Telefon unter Tränen. Der war zu dieser Zeit beruflich in Athen, zögerte keine Sekunde. Gemeinsam organisierten sie ihre Flucht. Sie soll nur die wichtigsten Sachen einpacken und bereits am nächsten Morgen vorübergehend in seiner Wohnung unterkommen.

Édouard Louis, die linke Stimme seiner Generation


"Monique bricht aus" ist am 29. Januar 2025 im S. Fischer Verlag erschienen

Der Tatendrang scheint Monique selbstbewusst gemacht zu haben. Sie ist überzeugt, es zu schaffen, ihr Sohn macht sich große Sorgen um sie. Was, wenn er sie daheim einsperrt? Oder sie doch einknickt? "Morgen bin ich hier weg, das schwöre ich. Geh schlafen", schreibt sie ihm. Und sie schafft es. Aus der Ferne bucht Édouard Louis ihr am nächsten Tag ein Taxi, verfolgt aus 2.000 Kilometern Entfernung, wie sie seiner Wohnung näher kommt.

In seinem neuesten Buch "Monique bricht aus" nimmt sich der 32-jährige Édouard Louis erstaunlich zurück. "Das Ende von Eddy" über seinen eigenen Weg raus aus der gewalttätigen und homophoben Umgebung, den er als Klassenflucht beschreibt, machte ihn 2014 zum international gelesenen Shootingstar. Er wurde zur linken Stimme seiner Generation, äußerte sich über den Rechtsruck in Frankreich, Homophobie und Klassenverhältnisse, etwa im Gespräch mit Regisseur Ken Loach.

Sein Leid ermöglicht ihre Flucht

Jetzt schreibt er die Fortsetzung von "Die Freiheit einer Frau", in der Monique die verheißene Freiheit endlich erreicht. Es ist ein bewegendes Portrait seiner Mutter. In dem kurzen Buch, eher ein Essay, ist Moniques Geschichte zentral. Nur an wenigen Stellen schreibt Édouard Louis, wie er die Situationen empfand, welche Gefühle er hatte oder reflektiert darüber, weshalb der Drang, der Mutter zu helfen, so groß war.

Besonders interessant ist, wenn er sich fragt, inwieweit der Verrat – den seine Mutter ihm nach dem ersten Buch vorwarf – jetzt dazu beiträgt, dass er ihr helfen kann. Er bringt das auf die einfache Formel: "Kein Leid in meiner Kindheit = keine Bücher = kein Geld = keine Freiheit." Freiheit und Leid seien also zwei Seiten derselben Medaille. Hier schwingt ein gewisser Rechtfertigungsdruck mit, der allzu verständlich ist.

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Keine neuen Themen, aber erschreckend beständig

Nur vereinzelt, aber sehr pointiert, hebt Édouard Louis das Schicksal seiner Mutter auf eine größere gesellschaftliche Ebene: So betont er, er wolle die Geschichte nicht als Lob der Flucht verstanden wissen. Denn nicht alle können es sich überhaupt leisten zu fliehen: "Wie viele Menschen, wie viele Frauen würden ein anderes Leben wählen, wenn man ihnen das entsprechende Geld überwiese?", fragt er.

Klassismus, die strukturelle Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern, die gewaltige Ungleichheit in der Gesellschaft, Queerfeindlichkeit, die Frage nach der individuellen Schuld und Verantwortung: Das sind seit zehn Jahren Louis' Themen. Bahnbrechend neu, innovativ oder augenöffnend sind seine Gedanken nicht, eher über die Jahrzehnte erschreckend konsistent. Das verdeutlicht der Vergleich zu Didier Eribons Mutter: Sie trennten etwa 40 Jahre, teilten aber doch ein ähnliches Schicksal. Anders aber als Eribons "Eine Arbeiterin" ist Édouard Louis' Ansatz nicht so theorielastig und weniger von Verweisen auf andere Denker*innen geprägt.

Eine späte Flucht mit 55

Édouard Louis' Sprache ist auch in "Monique bricht aus" (Amazon-Affiliate-Link ) sehr unmittelbar, direkt, schnörkellos – und damit zugänglich, aber auch weniger gefeilt. In nervösen, aufregenden Momenten übersetzt sich das in einen flirrenden Gedankenstrom, dem man gebannt folgt.

Seinem Buch voran stellt der Autor ein Zitat der französischen Philosophin Hélène Cixous: "Vor mir sehe ich also das Neue Leben." Sie schrieb mit "Ève s'évade" eine Hommage an ihre fast hundertjährige Mutter. Monique ist bei ihrem Umzug in ein kleines Haus im selben Dorf, in dem ihre Tochter und Édouard Louis' Schwester lebt, 55 Jahre alt. Das klingt nach einer späten Flucht. Doch wenn sie wie Cixous' Mutter 103 wird, hat sie noch viele Jahrzehnte echter Freiheit vor sich.

Infos zum Buch

Édouard Louis: Monique bricht aus. Literarische Fiktion. Übersetzt von Sonja Finck. 160 Seiten. S. Fischer Verlag. Frankfurt 2025. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-10-397558-1). E-Book: 19,99 €

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