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Interview

Ein ostdeutsches Liebeslied von Mann zu Mann

Pierre Sanoussi-Bliss und Arno Zillmer haben die legendäre DDR-Ballade "In jener Nacht" neu aufgenommen – im Musikvideo fummeln die beiden schwulen Männer nackt unter der Dusche. Warum, erklärt Zillmer im Interview.


Arno Zillmer (l.) und Pierre Sanoussi-Bliss erinnern mit "In jener Nacht" an eine schwule Hymne aus der DDR
  • Von Aaron Warnecke
    1. Februar 2025, 08:05h 7 Min.

Der Schauspieler und diesjährige "Dschungelcamp"-Teilnehmer Pierre Sanoussi-Bliss und der Musiker und Moderator Arno Zillmer haben zur Halbzeit von "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" den gemeinsamen Song "In jener Nacht" veröffentlicht.

Es handelt sich um ein besonderes Lied: "In jener Nacht" ist eigentlich eine 1976 erschienene Ballade aus der DDR-Zeit, gesungen von Veronika Fischer, komponiert von Franz Bartzsch und getextet von Ingeburg Branoner. Damals war es für viele ein besonderes Lied, insbesondere für queere Menschen. Jetzt wollen die beiden schwulen Berliner, die in der DDR großgeworden sind, mit dem Lied in neuem Gewand und einem dazugehörigen Video eine jüngere Generation zum Schwelgen bringen.

Wir sprachen mit Arno Zillmer über das Projekt.

Du hast mit dem Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss das Lied "In jener Nacht" aufgenommen. Wieso musste es dieses Lied sein, was bedeutet es für euch?

Pierre kam auf mich zu. Ich habe hier in Berlin eine monatliche Talentshow. Da war er Special Guest, und da haben wir uns kennen gelernt. Wegen meiner Stimme fragte er mich, ob wir das Duett machen wollen. So gibt es bei mir schon eine Vorgeschichte. Wir sind ja beide im Osten aufgewachsen, er Schauspieler, ich Musiker, also Künstler. Wir wissen um die alten Songs dieser Zeit, und es gibt einige gute Schätze, die in Vergessenheit geraten sind.

Normalerweise mache ich meine eigene Musik, weiß aber natürlich, wo ich herkomme und wie wundervoll sie früher komponiert haben – dass es sich lohnt, da mal wieder den Blick darauf zu werfen. Deswegen habe ich zu der Idee aus musikalischen Gründen ja gesagt.

Er fragte mich schnell, ob ich auch Interesse hätte, das als öffentliches schwules Duett zu machen. Ich bin zwar ein frühes Kind der 1980er, bin in den 1990ern aufgewachsen und kenne die Zeit, auch wenn ich nicht aus Ostberlin stamme, sondern aus der Provinz, wo man dann als schwuler Teenager das Coming-out vorsichtiger sieht und gucken muss, wie man damit umgehen kann.

Direktlink | Das Musikvideo zu "In jener Nacht"
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Viele Jahre später habe ich die "Operette für zwei schwule Tenöre" kennengelernt. Ich freue mich sehr über die Kernaussage zum Ende der Operette – "ein Liebeslied von Mann zu Mann hätte mir als kleiner Junge gut getan". Dieser Gedanke motivierte mich, dieses Liebeslied von Mann zu Mann zu machen, womit wir einige Jugendliche vielleicht erreichen können, die auf dem Weg zum Coming-out sind, denen es vielleicht hilft, zu sich selbst zu finden. Denn es gibt durchaus in den Provinzen heutzutage immer noch problematische Verhältnisse beim Aufwachsen, die es einem schwulen Jugendlichen schwermachen, einfach so zu sich zu stehen. Das ist in der Stadt was gänzlich anderes.

Das in Verbindung mit der alten Historie gefällt mir gut, dennoch auch mit dem Gedanken, den Menschen noch etwas zu schenken, die sich damals nicht als heteronormatives Paar in diesem Lied wiedergefunden haben, so ein bisschen als Blick auf damals, als queerer Mensch in der damaligen Zeit.

Es gibt also viele gute Gründe, den Schatz zu heben, Menschen von damals nochmal damit zu umarmen, gleichgeschlechtliche Paare damit eine Genugtuung zu geben und der heutigen Generation diese wunderschöne Komposition zu zeigen und zu zeigen, zwei alte schwule Männer sind da schon auch noch aktiv. Ich bin zwar nicht ganz so weit wie Pierre. Wir gehören beide nicht mehr zur jüngsten Generation und das mutig zu zeigen mit einer erotischen Szene – Dusche – irgendwie gab es doch viele, viele Angriffspunkte; da bin ich gerne mit dabei.

Das klingt so, als ob alles sehr harmonisch war.

Total! Es ist so witzig, dass es zeitgleich passiert. Das wussten wir damals nicht. Pierre hat mich vor einem Jahr gefragt. Da war noch nicht klar, dass das mit dem Dschungelcamp kommt. Jetzt kommt genau in der Mitte der Zeit dieses Lied raus. Und wie Pierre so tickt und drauf ist, könnt ihr da gut sehen und so ist er auch mir und all seinen Freunden gegenüber. Du lachst erstmal viel mit ihm. Du weißt nie, wie schlüpfrig seine ganzen Aussagen sind; lädt er dich zu einem tollen Rendezvous ein oder nimmt er dich hops. Ich falle da eher immer schnell drauf rein. Aber dadurch entsteht sofort eine innige Verbundenheit. Pierre ist ein toller Typ, auf den man sich zu 100 Prozent verlassen kann. Das habe ich in dieser Zeit gelernt. Deswegen war mir schnell klar, ich kann mich auch mit ihm zusammen trauen, diesen Weg zu gehen.

Pierre hat sich beim Dschungelcamp auf RTL schnell als alter schwuler Ossi geoutet. Man muss dazu sagen, dass es kein Outing ist, das weiß ja jeder. Man hat aber das große breite Publikum – bei RTL springen dann schon auch andere an. Es ging sofort los, und es war klar, wir müssen einiges aushalten. Mit jemandem wie Pierre schaffe ich das auch.

Wie war der Dreh? War die Idee von Anfang an klar?

Witzig ist vor allem erstmal, dass wir zwei kleine Outtake-Fotos von der einen Duschszene gepostet haben, wo bei mir auf Facebook und in den Social Medias gleich negative Aussagen, auch aggressiv, stattfanden. Bei mir geht es vor allem immer um die musikalischen Projekte, und dann kam das erste Mal sowas Richtung Aktivismus mit zwei schwulen Männern und einer davon Schwarz. Und ich dachte, ich gucke nicht richtig, dass nur wegen Ausschnitten aus diesen Videos solche Aggressionen kamen. Holla, die Waldfee, da sind wir 2025 also noch. Da hat es mich gefreut, dass Musikerkollegen direkt kamen, die sagten: Arno, Fahne hoch, du machst das alles richtig. Das ist ein starker Indikator dafür geworden, wo wir mit dem Video hinwollen. Deswegen haben wir schnell gesagt, wir machen das so.


Screenshot aus dem Musikvideo

Die Idee war, ein altes Klischee aufzugreifen: Der Mann, der mit Frau und Kind lebt, aber immer noch in einer Kultur aufgewachsen ist, wo man noch nicht zu sich selbst finden konnte. Es gibt viele Geschichten aus dieser Zeit, die heute gar nicht mehr so stattfinden, aber stattgefunden haben. Der Mann trifft im Park einen Typen und stellt sich eine Szene mit ihm vor. Und findet dabei raus, oh Mann, ich habe Interesse an dem. Dieser Traum, den die beiden haben, den haben wir ganz klar und deutlich umzusetzen versucht, auch mit den Duschszenen.

Und je mehr Ambition in uns wuchs und klar wurde, das wird jetzt aktivistisch, umso mehr haben wir das dann auch gemacht. Da war das auch kein Problem, nackig in der Dusche zu stehen und sich mit einem RTL-Team zu umgeben. Da wird es im Laufe des Dschungelcamps noch ein wenig darum gehen. Aber wir haben es geschafft. Man sieht nichts Verbotenes, und es ging nicht darum, unsere Pimmel zu zeigen, sondern einfach die Ästhetik. Die Kamerafrau Anyess von Berlin und der Regisseur Robert von Wrobleswky haben das so hingezaubert, sodass es richtig ansehnlich ist und niemand aufgrund der Bilder Anstoß daran finden müsste.

Du hast erwähnt, dass ihr bei der Ankündigung Hetze abbekommen habt – was wünschst du dir für die Zukunft?

Wir beide sind tatsächlich eher überrascht, dass wir mehr in Richtung Aktivismus gehen müssen, als was wir eigentlich vorhatten. Der eigentliche Plan war, queeren Menschen ein schönes Geschenk zu machen mit einem Song, der bald vergessen werden könnte – von der wunderbaren Veronika Fischer. Das wünschen wir auch weiterhin noch, einfach zu sagen, was die "Operette für zwei schwule Tenöre" kommuniziert und dass das normal wird. Jetzt sind wir überrumpelt, dass es so schnell Aktivismus werden musste. Da wünschen wir uns, dass die Menschen, die vom Video abgestoßen sind, ein bisschen wachsen und aufwachen und denken, mein Gott, was ist denn eigentlich daran so schlimm, muss man immer noch so deutlich darüber reden.

Direktlink | Das Original von Veronika Fischer
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Worüber ich mich freue, das haben wir 2025 erreicht, dass so viele Leute zur Unterstützung aufspringen, und dass wir einen Beitrag leisten können, gerade hinsichtlich des deutlichen gesellschaftlichen Rechtsrucks. Wir müssen miteinander stark sein und wachsen, aufwachen. Und unsere kleine schwule Provokation soll den Menschen das Leben ein wenig leichter machen. Wenn wir dazu einen Beitrag leisten können, dann freut uns das natürlich sehr. Wir sind aber überrascht davon, was wieder heutzutage zu tun ist. Die Statistiken bestätigen auch, dass die Gewalt gegen queere Menschen steigt. Das ist etwas, was ich in meiner Jugend in den 2000ern, als ich in Berlin war, mein Outing später hatte, gar nicht so erlebt habe.

-w-