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Folge 6 von 10

Schwules Leben vor 100 Jahren: Vereine und Vorträge

In dieser Folge geht es um die Homosexuellenszene mit ihren unterschiedlichen Vereinen, die auch 1925 engagiert versuchten, die Öffentlichkeit mit Vorträgen über Homosexualität aufzuklären.


Der Vortragsraum im Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld

Die homosexuellen Interessenvertretungen in der Weimarer Republik

Die Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919 garantierte unterschiedliche bürgerliche Freiheitsrechte. Wie schnell Schwule die Möglichkeiten der neuen Gesellschaftsordnung nutzten, ist u. a. daran zu erkennen, dass am 14. August 1919, also drei Tage nach dem Inkrafttreten der Reichsverfassung, erstmals die Homosexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" erschien.

In diesem Jahr formierten sich in zahlreichen deutschen Städten sogenannte Freundschaftsverbände als zunächst lose homosexuelle Interessenvertretungen. Als Dachorganisation dieser Verbände wurde 1920 der "Deutsche Freundschaftsverband" (DFV) gegründet und die Zeitschrift "Die Freundschaft" zum Organ des DFV ernannt. Damit gab es erstmals eine reichsweite Organisation, die breite Schichten der Homosexuellen erreichte. 1923 wurde der DFV unter dem neuen Vorsitzenden Friedrich Radszuweit in "Bund für Menschenrecht" (BfM) umbenannt, der vor allem von 1924 bis 1929 politisch aktiv war. Bevor ich auf Friedrich Radszuweit eingehe, stelle ich zunächst die beiden Homosexuellenaktivisten Adolf Brand und Magnus Hirschfeld vor, die sich schon in der wilhelminischen Zeit engagierten und auch noch in der Weimarer Republik eine große Bedeutung hatten. Die Bedeutung dieser beiden Männer für die Bewegung hat Marita Keilson-Lauritz in ihrer Dissertation "Die Geschichte der eigenen Geschichte" (1997) mustergültig aufbereitet.

Adolf Brand und die GdE – Emanzipation mit den Mitteln der Kunst

Seit 1896 gab Adolf Brand (1874-1945) seine Zeitschrift "Der Eigene" und damit die erste regelmäßig erscheinende Homosexuellenzeitschrift der Welt heraus. Mit der "Gemeinschaft der Eigenen" (GdE) gründete Brand 1903 eine Art Lesezirkel und gab über diese Organisation weitere Schriften heraus. Brand wollte die homosexuelle Emanzipation mit den Mitteln der Kunst erreichen.

Die Homosexuellenzeitschriften von 1925 wie "Die Freundschaft" wiesen regelmäßig auf die Aktivitäten der GdE hin, wie meistens wöchentliche Vereinstreffen an jedem Donnerstag und meistens monatliche öffentliche Veranstaltungen wie Vorträge, Autorenlesungen und Konzerte an wechselnden Orten. Adolf Brand betätigte sich – wie auch schon in den Jahren zuvor – als Aktfotograf. In der letzten Folge dieser Serie werde ich einige Fotos von ihm noch vorstellen.


Adolf Brand, der Herausgeber der ersten Homosexuellenzeitschrift der Welt

Die Satzung der "Gemeinschaft der Eigenen" von 1925

Näheres zur 1903 gegründeten "Gemeinschaft der Eigenen" erfährt man durch die neue Satzung mit dem Titel "Die Gemeinschaft der Eigenen. Bund für Freundschaft und Freiheit" von 1925. In dieser Satzung werden als Anlass der Gründung Zensurprobleme aufgeführt und es wird als Gründungsdatum der 1. Mai 1903 genannt. Außer Adolf Brand gab es zwölf weitere Gründungsmitglieder. Die Satzung enthält auch den strategisch geschönten Abschnitt "Was wir wollen", in dem die zukünftigen Pläne dieser Gemeinschaft umrissen werden: ein eigenes Licht-, Luft- und Sport-Bad, eine Genossenschaftssiedlung mit Kunstverlag und ein Kur- und Erholungsheim mit einer Herberge für durchreisende Naturfreunde und Wandervögel (Marita Keilson-Lauritz: "Die Geschichte der eigenen Geschichte", 1997, S. 95, 132-133). Diese Pläne können gut die engen Bezüge der GdE zur Lebensreformbewegung verdeutlichen. Die 37-seitige Satzung wurde im November 1925 für 50 Pfennige zum Verkauf angeboten ("Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", 25. November 1925), was heute umgerechnet einer Kaufkraft von 2,40 € entspricht.


Werbung für die Satzung der "Gemeinschaft der Eigenen" (1925) mit dem Begriff "Freundschaft" im Untertitel als gängige Chiffre für Homosexualität

Magnus Hirschfeld und das WhK – Emanzipation mit den Mitteln der Wissenschaft

Der Mediziner Magnus Hirschfeld (1868-1935) gründete gemeinsam mit anderen Männern am 15. Mai 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) und damit die weltweit erste Interessenvertretung für Homosexuelle. Er wollte die homosexuelle Emanzipation mit den Mitteln der Wissenschaft erreichen. Über mehrere Jahrzehnte blieb Hirschfeld bestimmend, nicht nur für das WhK, sondern auch für das von ihm im Namen des WhK herausgegebene "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1899-1923). Vor allem die Bände, die vor dem Ersten Weltkrieg erschienen, boten wissenschaftliche und andere Sachbeiträge auf hohem Niveau. Der letzte Band von 1923 kann jedoch nicht mehr überzeugen und wird als "eher leichtgewichtig" bewertet (Keilson-Lauritz, 1997, S. 60-61).


Magnus Hirschfeld gründete die weltweit erste Interessenvertretung für Homosexuelle

Hirschfelds Aktivitäten im Jahr 1925 für das von ihm gegründete "Institut für Sexualwissenschaft" (s. vorige Folge über Medizin) und für das WhK sind aufgrund der sich überschneidenden Aufgabenstellungen nicht klar zu trennen. Insofern können hier neben Hirschfelds Publikationen und seinem Wirken als Wissenschaftler auch die Vorträge und Führungen im Institut genannt werden.

Friedrich Radszuweit und der BfM – Emanzipation mit den Mitteln des Geldes


Friedrich Radszuweit hatte in der Homosexuellenbewegung der Zwanzigerjahre eine führende Rolle

Als sich die Dachorganisation "Deutscher Freundschaftsverband" (DFV) 1923 in "Bund für Menschenrecht" (BfM) umbenannte, wurde zum neuen ersten Vorsitzenden Friedrich Radszuweit (1876-1932) gewählt, der damit als neuer Aktivist öffentlich auftrat. Mit der Herausgabe der "Blätter für Menschenrecht" ab Februar 1923 als Vereinszeitschrift legte Radszuweit den Grundstein für seinen Verlag, der sich auf homo­sexuelle Publizistik spezialisierte und in dem neben verschiedenen Homo­sexuellenzeitschriften auch Broschüren und Bücher erschienen. Mit seinen Homo­sexuellenzeitschriften und dem BfM spielte Radszuweit in den Zwanzigerjahren eine führende Rolle in der Homo­sexuellenbewegung. Auch wenn die Angaben Radszuweits zur Anzahl der Mitglieder des BfM nicht glaubhaft sind (1924: 12.000; 1925: 23.000), kann man davon ausgehen, dass der BfM die größte homo­sexuelle Organisation der Weimarer Republik war.

Auch seinen Zahlenangaben zu den Ortsgruppen des BfM ist nicht unbedingt zu trauen. Anfang 1925 soll es in 26 Städten Ortsgruppen gegeben haben ("Blätter für Menschenrecht", Jg. 1925, Februar, ohne weitere Angaben). Wenn es jedoch konkreter wurde, konnte er von 15 bis 20 Ortsgruppen Ansprechpartner benennen. Hinweise auf Eröffnungsfeiern 1925 beziehen sich auf neu gegründete Ortsgruppen des BfM in Dresden (6. Juni), Bielefeld und Hamburg (jeweils 19. September). Auch 1925 wurden die Mitglieder des BfM durch die Vereinszeitschrift "Blätter für Menschenrecht" (BlfM) regelmäßig über die Aktivitäten des Vereins informiert. Die Geschäftsberichte von 1924 und 1925 wurden jeweils im Heft 4 des darauffolgenden Jahres publiziert. In Verbindung mit dem Vereinstreffen am 12. und 13. April 1925 schrieb Radszuweit auch von einer von ihm organisierten Protestkundgebung gegen die geplante neue Fassung des § 175 StGB am 14. April 1925, zu der jedoch keine Einzelheiten bekannt sind. Im Gegensatz zu vielen anderen seiner Angaben ist glaubhaft, dass er sehr viele emanzipatorische Broschüren an die Mitglieder des Reichstages, an Polizeibehörden, Gerichte, Rechtsanwälte, Ärzte und wissenschaftliche Vereine verschickte, Reichstagskandidat*­innen um eine Stellungnahe zum § 175 bat, Anfragen von in Not geratenen Homo­sexuellen beantwortete und bei Konflikten mit Eltern und Arbeitgebern vermittelte.

Die geplante Neugründung des Deutschen Freundschaftsverbandes

Zwischen den verschiedenen Interessengruppen gab es 1925 massive Streitigkeiten. Mehrere ehemalige führende Männer des DFV, die mit dem politischen Kurs des BfM und dem Führungsstil Radszuweits nicht zufrieden waren, aber keine Mehrheiten auf den Verbandstreffen mehr fanden oder aus dem BfM ausgeschlossen worden waren, wollten 1925 den Deutschen Freundschaftsverband neu gründen. In der kurzlebigen Homo­sexuellenzeitschrift "Die Fanfare" (1924-1926) wurden die Pläne einer Neugründung und auch die geplanten Angebote erläutert: "juristische und ärztliche Beratung, wirtschaftliche Hilfe, Stellenvermittlung, Leihbibliothek", eine Vereinszeitschrift und nur geringe Mitgliederbeiträge ("Die Fanfare", Jg. 1925, Heft 10, S. 1; s. a. "Die Freundschaft", Jg. 1925, Heft 5, S. 97). Es blieb offenbar bei der Absichtserklärung und es gibt keine Quellen, die eine Neugründung belegen.

Der Streit zwischen Hirschfeld und Radszuweit

Hirschfeld hatte 1923 und 1925 an den Treffen des BfM teilgenommen und in den Zeitschriften des Radszuweit-Verlages gelegentlich auch Artikel veröffentlicht, darunter mindestens zwei, die er vermutlich eigens für die BlfM schrieb (Jg. 1925, Heft 7, S. 15-18 und Heft 10, S. 3-11).

Ende 1925 kam es zu einem Bruch in der Zusammenarbeit, der von Radszuweit ausging, dessen konkreter Anlass jedoch unklar bleibt. Konkurrenzstreben hatte es bei Radszuweit vermutlich schon gegeben, als er die Leitung des BfM übernommen hatte. Schon zu dieser Zeit hatte er die Führungsrolle in der Bewegung für sich beansprucht und auch versucht, andere Verbände auszuschalten. Vielleicht war die Ursache der Distanzierung, dass Radszuweit sich von Hirschfeld nicht ausreichend beachtet und gewürdigt fühlte. Hatte Radszuweit 1925 also zunächst um die Unterstützung und Anerkennung Hirschfelds gebuhlt, ging er spätestens ab November 1925 auf Distanz zu ihm (Stefan Micheler: "Selbstbilder und Fremdbilder der 'Anderenʻ", 2004, S. 38-39).

Der Streit bei der Gründung des "Kartells für Reform des Sexualstrafrechts"

Nachdem im Dezember 1924 die geplanten Verschärfungen im Sexualstrafrecht bekannt geworden waren, initiierten Hirschfeld und das WhK einige Wochen später die Gründung des "Kartells für Reform des Sexualstrafrechts", das ein breites Spektrum sexualpolitischer Kräfte mobilisieren sollte und in dem sich u. a. auch der "Bund für Mutterschutz" und die "Gesellschaft für Sexualreform" engagierten. Das WhK übernahm damit eine weitere zentrale Rolle in der Sexualreformbewegung. Vor diesem Hintergrund ist auch der Beschluss auf der WhK-Versammlung am 26. Februar 1925 zu verstehen, das WhK mit dem Institut für Sexualwissenschaft zu verschmelzen. Außerdem wurde für das Frühjahr 1925 eine Vortragsreihe initiiert und im Mai 1925 ein Gegenentwurf zum amtlichen Strafrechtsentwurf formuliert.

In diesem Kartell war das WhK als einzige Homo­sexuellenorganisation vertreten. Die GdE und der BfM opponierten gegen dieses Bündnis. Im Gegensatz zur GdE versuchte der BfM zunächst, dem Kartell beizutreten, wurde aber abgelehnt. Mögliche Gründe für die Ablehnung könnten Radszuweits Anspruch auf eine Führungsrolle gewesen sein oder die Tatsache, dass das Kartell im Gegensatz zum BfM auch die Straffreiheit männlicher Prostitution forderte. Zumindest sah der BfM die Kooperation mit anderen sexualreformerischen Organisationen nicht als Chance, sondern als Verwässerung seines Anliegens (Streichung des §175) an (s. a. Rainer Herrn: "Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933", 2022, S. 255-264). 1927 veröffentlichte das Kartell einen Gegen-Entwurf zum amtlichen Strafrechtsentwurf. Bis zum Ende der Weimarer Republik wurde der § 175 weder verschärft noch abgeschafft.

Der Streit zwischen WhK und GdE: Waldeckes Vortrag und seine Broschüre

Mit dem Kampf gegen den § 175 verfolgten das WhK und die GdE ein gemeinsames Ziel. Es gab jedoch auch große Unterschiede, die zu Streitigkeiten und einer Konkurrenzsituation innerhalb der Bewegung führten. Während die GdE unter Adolf Brand einer frauenfeindlichen Männlichkeits-Ideologie folgte, setzte sich das WhK unter Magnus Hirschfeld für alle Arten von "sexuellen Zwischenstufen" ein. Das Jahr 1924 war noch von dem Versuch einer strategischen Partnerschaft geprägt gewesen. Adolf Brand hatte Magnus Hirschfeld zur Übertragung des Instituts für Sexualwissenschaft an eine Stiftung gratuliert und im November 1924 fand im Institut anlässlich von Brands 50. Geburtstag eine harmonisch verlaufende Feier statt. Mit dieser versöhnlichen Stimmung war es jedoch schnell wieder vorbei.

Zu der Anti-Hirschfeld-Hetze des Jahres 1925, die von der GdE ausging, gehörte die 18-seitige Broschüre von St. Ch. Waldecke (d. i. Ewald Tscheck, 1895-1953) "Das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee. Warum ist es zu bekämpfen und sein Wirken schädlich für das deutsche Volk?", die im Oktober 1925 über den Verlag von Adolf Brand vertrieben wurde (Werbung im "Börsenblatt", 17. Oktober 1925) und auf einem gleichnamigen Vortrag vom 27. Januar 1925 basierte. Marita Keilson-Lauritz hat das Thema "Waldecke wider das Komitee" in ihrer Dissertation ("Die Geschichte der eigenen Geschichte", 1997, S. 126-132) ausführlich aufbereitet.


St. Ch. Waldecke, der in "Der Eigene" (Jg. 1924, Heft 3) als Mitarbeiter der Zeitschrift vorgestellt wurde

Der Streit zwischen WhK und GdE: Die Spottnummer "Die Tante"

Der Streit eskalierte, als im April 1925 Adolf Brand die Sondernummer "Die Tante" seiner Zeitschrift "Der Eigene" (Heft 9, S. 377-439) veröffentlichte, die wohl als April-Scherz konzipiert war und von Brand später als "Karnevalsheft" bezeichnet wurde. Damit wollte er vor allem die "Tante" (= Tunte) Magnus Hirschfeld verspotten, der in Teilen der Szene auch als "Tante Magnesia" bekannt war. Waldecke (s. o.) war mit zwei Beiträgen vertreten: "Die Homosexualität auf dem Kirchhofe" (S. 379-390) und "Die Homosexualität vor dem Staatsanwalt" (S. 391-398), worin Hirschfeld als "Dr. Rehfeld" verunglimpft wird. Der Nationalsozialist Karl-Günther Heimsoth (s. a. Folge 1) war mit dem Beitrag "Freundesliebe oder Homosexualität" (S. 415-425) vertreten, in dem ebenfalls Magnus Hirschfeld angegriffen wurde.

Die Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz bezeichnet in ihrem Buch "Kentaurenliebe" (2013, S. 20-22) diesen Angriff als "besonders perfide". Die Veröffentlichung von Heimsoths Artikel wurde von Brand mit "wissenschaftlicher Objektivität" begründet, was – trotz Brands Distanzierung von Heimsoths Antisemitismus – nach Keilson-Lauritz' Einschätzung "nicht gerade von redaktioneller Urteilskraft zeugt". Brand verspotte hier die Tunte, "konzipiert sie aber gleichzeitig als Gegenbild eigener Männlichkeit". Das Heft enthält auch drei von Keilson-Lauritz als "bösartig" bezeichnete Karikaturen (S. 381, 387, 395), die mit "NO" signiert sind. Keilson-Lauritz verweist auf Paul Snijders, der annimmt, dass es sich dabei um Oscar (bzw. Oskar) Nerlinger (1893-1969) handle. Unter Berücksichtigung von dem, was von Nerlinger bekannt ist, drängt sich diese Zuschreibung nicht auf.


Das Cover der "Tante" und eine Karikatur des "Sexual-Königs" Magnus Hirschfeld

Das juristische Nachspiel der "Tante"

Wegen der Beiträge Waldeckes und der Karikaturen (wohl vor allem wegen der auf S. 395) wurde Anklage erhoben – allerdings nicht, weil Magnus Hirschfeld eine Anzeige wegen Beleidigung erstattet hatte, sondern wegen Verbreitung "unzüchtiger Schriften". Vom Amtsgericht Berlin-Mitte wurde das Heft am 29. September 1925 als strafbare Publikation eingestuft und es erfolgte ein Verkaufsverbot bis zum 20. Juli 1926. Waldeckes Darstellung zufolge führte ein Streit um die von Brand zugesagte Übernahme der Geldstrafe in Höhe von 50 Mark zum Ende der weiteren Zusammenarbeit. Der strafrechtliche Hintergrund erklärt auch den handschriftlichen zeitgenössischen Vermerk auf dem online einsehbaren eingescannten Exemplar: "Nummer 9 ist z. Zt. konfisziert". Das Sonderheft "Die Tante" wurde schon vor dem Verbot auch in Österreich wahrgenommen: Die Zeitung "Die Stunde" (6. Mai 1925) ging auf "Die Tante" ein und behauptete wahrheitswidrig, dass in "Der Eigene" Heterosexuelle verspottet würden und zum "Beitritt in die verpönte Veranlagung aufgefordert" würde.


Vorträge über Homosexualität 1925

In einer Zeit, in der es kein Fernsehen gab und das Radio noch ein sehr neues, wenn auch sich rasant entwickelndes Medium war, spielten öffentliche Reden und Vorträge eine wesentlich größere Rolle für die Auseinandersetzung mit neuen Ideen und ihre Verbreitung als heutzutage. Nach einer Auswertung der Homo­sexuellenpresse habe ich vor einem Jahr (s. queer.de) eine Anzahl von mehr als 100 öffentlichen Vorträgen über Homosexualität im Jahr 1924 geschätzt. 1925 waren es wohl weniger als die Hälfte. Die Gründe dafür sind unklar, aber auch hier ist ein indirekter Einfluss des Falls des schwulen Serienmörders Fritz Haarmann möglich. Die Möglichkeiten, Räume für emanzipatorische Vorträge anzumieten, hatten sich anscheinend verschlechtert.

Die GdE wies 1925 regelmäßig auf wöchentliche Treffen bzw. monatliche Veranstaltungen in Berlin hin, wo u. a. musikalische Beiträge dargeboten wurden; Hinweise wie "stets Vorträge" blieben jedoch immer unbestimmt. Eine Akademische Arbeitsgemeinschaft (mit unklarer Zusammensetzung) wies auf unregelmäßig stattfindende Vorträge von St. Ch. Waldecke hin, ohne deren Inhalte zu präzisieren. Konkrete Angaben zu Vorträgen mit Daten und Themen sind nur vom WhK (rund zehn Vorträge) und vom Bund für Menschenrecht (rund 30 Vorträge) bekannt. Darüber hinaus wurden einzelne Vorträge auch unabhängig von der Homo­sexuellenbewegung angeboten. In den Homo­sexuellenzeitschriften wurde nicht immer auf diese hingewiesen und sie waren ihnen möglicherweise auch nicht bekannt.


Magnus Hirschfeld bei einem Vortrag (Szene aus dem Film "Anders als die Andern", 1919)

Wer nur die nicht-homo­sexuellen Zeitungen liest, bekommt leicht den Eindruck, als hätte es nur vereinzelte Vorträge über Homosexualität gegeben. Weil der Homo­sexuellenbewegung die Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig war, kann man davon ausgehen, dass deren Organisationen den Redaktionen ihre öffentlichen Vorträge bekannt gaben, dass diese aber für einen Veranstaltungshinweis nur selten als interessant genug eingeschätzt wurden. Dies deutet darauf hin, dass die Meinungsbildung durch öffentliche Vorträge überwiegend innerhalb einer homo­sexuellen "Blase" stattfand. Bei den Vorträgen fällt auf, dass sich fast nur diejenigen äußerten, die zu einer Veränderung der Verhältnisse bzw. einer Legalisierung homo­sexueller Handlungen beitragen wollten. Dieser Umstand darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Meinungen leider nicht repräsentativ waren. Es gab keine politische und wohl auch keine gesellschaftliche Mehrheit, die an der strafrechtlichen Verfolgung homo­sexueller Männer etwas ändern wollte.

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Die Vorträge Magnus Hirschfelds und des WhK

Hinweise auf und Rezensionen einzelner Vorträge von Magnus Hirschfeld, dem WhK und dem Institut für Sexualwissenschaft wurden vor allem in "Die Freundschaft", aber auch in der "Fanfare" und sogar in Radszuweits "Die Insel" abgedruckt. Für 1925 konnten nur neun solcher Vorträge nachgewiesen werden. Man merkt ihnen die Fokussierung auf rechtliche Themen an, was angesichts der geplanten Strafrechtsverschärfung auch nicht verwundert. Unter den Vortragenden waren prominente Personen, wie der Jurist Max Alsberg ("Rechtspsychologie und gesetzestechnische Mängel des Sexualstrafrechts" am 13. Mai), der Publizist Kurt Hiller ("Das Recht über sich selbst" am 17. Juni) und der Kriminalinspekteur a. D. Hans von Tresckow, der von 1900 bis 1910 das Berliner Homosexuellendezernat geleitet hatte ("Erpressungen auf sexueller Grundlage" am 1. Juli). Der letztgenannte Vortrag wurde mit einem Hinweis auf die bevorstehenden Sommerferien angekündigt ("Die Freundschaft", Jg. 1925, Heft 7), aber auch danach finden sich für dieses Jahr keine Hinweise auf weitere Vorträge.


Drei Vorträge des WhK zwischen dem 8. April und dem 18. Mai 1925 ("Die Fanfare", Jg. 1925, Heft 11)

Die Vorträge Friedrich Radszuweits und des BfM

Weil Friedrich Radszuweit mehrere Homosexuellenzeitschriften herausgab, war es für ihn leicht, die Vorträge seines Vereins anzukündigen. Auf wöchentlich stattfindende Vorträge wurde hingewiesen, die Themen wurden aber nicht immer spezifiziert. Insgesamt können aber rund 30 Vorträge bestimmt werden, die der BfM im Jahr 1925 organisierte. Einige von ihnen hielt Friedrich Radszuweit selbst, wie "Unsere Bewegung" (5. Januar), zur geplanten Strafrechtsreform (2. Februar) und "Männerbünde und Prostitution" (2. März). Anderen Vortragenden wie Erwin Weiß ("Auswüchse im eigenen Lager", 8. Oktober) bot er in seinen Zeitschriften ein Forum – auch zu esoterischen Themen wie Astrologie und der Feststellung von Homosexualität mit einem siderischen Pendel.

Besonders erwähnenswert ist ein Vortrag Radszuweits über "Homosexualität und § 175"am 16. Januar 1925 in Essen, der von der BfM-Ortsgruppe Essen organisiert wurde. Nach dem Bericht in der sozialdemokratischen "Essener Arbeiter-Zeitung" (19. Januar 1925) betonte Radszuweit, dass es Homosexualität schon immer gegeben habe und dass es sich bei den Annahmen von "Übersättigung", "Krankheit", "Perversität" und "Verführung" um Irrtümer handle. Nach Radszuweit seien von "der wirklichen Homosexualität (…) Erscheinungen zu unterscheiden‟, wie sie sich "z. B. während des Krieges, in Strafanstalten, Internaten" zeigten. Homosexualität in der Pubertät sei oft nur "vorübergehender Natur". Der Fall des Serienmörders Haarmann habe "mit Homosexualität so gut wie gar nichts zu tun" und die Strafbarkeit nach § 175 sei eine "Kulturschande". Dass die "Essener Arbeiter-Zeitung" diesen Vortrag so ausführlich wiedergab, lag vielleicht auch an der bezahlten Werbeanzeige, die in der gleichen Zeitung einige Tage vorher (14. Januar 1925) geschaltet worden war. Es handelte sich damit vermutlich um einen der wenigen Vorträge, die auch außerhalb der homosexuellen "Blase" wahrgenommen wurden.


Ein Vortrag von Friedrich Radszuweit und zwei andere Vorträge, die vom BfM organisiert wurden

Einige Vorträge außerhalb der Homosexuellenbewegung

Manchmal reichen schon wenige Hinweise aus, um den Inhalt eines Vortrages recht gut bestimmen zu können, weil die vortragende Person bzw. ihre politische Einstellung bekannt ist, es eine parallele und im besten Fall sogar gleichnamige Publikation gibt, die man als Grundlage des Vortrages annehmen kann, oder andere aufschlussreiche Quellen vorliegen. Die wenigen nachweisbaren Vorträge von 1925, in denen Homosexualität behandelt wurde und die außerhalb der Homosexuellenbewegung stattfanden, gehören leider nicht dazu.

Der österreichisch-tschechoslowakische konservative Politiker und Publizist Adalbert Graf Sternberg streifte in seinem Vortrag über "Kind, Ehe, Frauenehre" am 25. Januar 1925 in Wien das Thema Homosexualität. Die Meldungen dazu bleiben kryptisch: In den Zeitungen heißt es mal, dass die "homosexuelle Entwicklung der Männerwelt" zur "Verleumdung" führe ("Neues Wiener Tagblatt", 26. Januar 1925) oder dass die Moral der Zeit die Homosexualität fördere ("Wiener Morgenzeitung", 27. Januar 1925) bzw. für das "rapide Anwachsen der Homosexualität" verantwortlich sei ("Die Stunde", 27. Januar 1925). Die Zitate als auch die politische Ausrichtung des Vortragenden lassen auf einen homophoben Vortrag schließen.

Der Kriminalist Dr. Ernst Seelig sprach in drei Vorträgen am 27. Januar, 3. und 10. Februar an der Universität Graz über "Kriminalpolitische Probleme der Gegenwart im Lichte der Kriminologie" Als Beispiele für diese Probleme nannte er u. a. Homosexualität, Abtreibung und Prostitution ("Grazer Tagblatt", 23. Juli 1925). Dass Seelig wertfrei über das aktuelle österreichische Strafrecht referierte, ist äußerst unwahrscheinlich, weil er nach dem "Anschluss" Österreichs Mitglied der NSDAP wurde und als Kriminalbiologe tätig war.

Eine Frau namens E. Rosenberg-Sturm (möglicherweise die Astrologin Elvira Rosenberg-Sturm) sprach in einem Vortrag am 3. Februar über die "zunehmende männliche und weibliche Homosexualität und ihre Ursachen". Die Homosexuellenzeitschrift "Die Fanfare" (Jg. 1925, Heft 5, Cover) kritisierte sie nicht nur inhaltlich, sondern sprach ihr die Kompetenz auf diesem Gebiet ab. Was sie genau gesagt hat, bleibt leider genauso unklar wie Ort und Anlass des Vortrags.

-w-