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Sachbuch
Gleichheit beruht auf Differenz
In ihrem absolut empfehlenswerten Buch "Universalismus von unten. Eine Theorie radikaler Gleichheit" skizziert die Sozialphilosophin Jule Govrin neue Wege zur Verwirklichung der Menschenrechte.

Jule Govrin ist derzeit Gastprofessorin am Institut für Philosophie an der Universität Hildesheim (Bild: IMAGO / Willi Schewski)
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2. Februar 2025, 12:06h 5 Min.
Seit es verbriefte Menschenrechte gibt, und das immerhin schon seit mehr als zweihundert Jahren, sind sie ein ständiger Verteidigungsfall. Noch immer kennen zu viele Menschen, wenn sie überhaupt von deren Existenz wissen, sie nur vom Papier und vom Hören-Sagen, jedenfalls nicht aus ihrem Alltagsleben. Zwar bestehe ein universeller Anspruch auf sie, aber wen kümmert das, wenn es ums nackte Überleben geht? Menschenrechtsorganisationen waren seither noch nie arbeitslos und werden es auch in Zukunft nicht werden.
Was sind Menschenrechte also wert, wenn Autokraten nach Willkür verfahren und Gesellschaften strukturelle Benachteiligungen mit aller Selbstverständlichkeit praktizieren? All die goldgerahmten Sonntagsreden wirken da nur wie Hohn. Ihr Ruf, so scheint es, ist ziemlich ramponiert. Denn nach wie vor klafft eine Riesenlücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Trotzdem wird wohl kaum jemand an der Wahrheit dieses Satzes zweifeln: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren."
Abgesehen von Verwirklichungsdefiziten, stellt sich die Frage, ob wir wirklich alle gleich sind. In der Zugänglichkeit auf das Recht, Rechte zu haben, herrscht ja offenkundig eine manifeste Ungleichheit vor, begleitet von einer permanenten Ungleichmachung. Da kommt ein Buch wie gerufen, dass die Menschenrechte und ihren Universalismus zu rehabilitieren versucht. Jule Govrin, ihres Zeichens Sozialphilosophin, gibt ihnen noch eine Chance, indem sie den Idealismus von Würde und Vernunft links liegen lässt und stattdessen einen Universalismus von unten empfiehlt, ihn gewissermaßen vom Kopf auf die Füße stellt.
Körper, Ökonomie und Gleichheit

"Universalismus von unten" ist im Januar 2025 im Suhrkamp Verlag erschienen
Das soeben im Suhrkamp Verlag erschienene Buch trägt die Botschaft schon im Titel: "Universalismus von unten. Eine Theorie radikaler Gleichheit" (Amazon-Affiliate-Link ). Auf 450 Seiten entwickelt die Autorin ihre Theorie auf drei großen Feldern, die für sich schon jeweils Buchstärke beanspruchen: Körper, Ökonomie und Gleichheit.
Man sollte sich nicht von der geballten Wissensvermittlung abschrecken lassen, abgesehen davon, dass wir es hier mit einem wirklich wichtigen Buch zu tun haben, das haargenau in unsere Zeit passt, denn Jule Govrin bleibt bei allem intellektuellen Anspruch durchweg verständlich, auch wo sie in die Tiefen von Diskursen einsteigt. Außerdem lassen sich die drei genannten Abschnitte gewinnbringend auch separat lesen, so eine Empfehlung der Autorin.
Ganz wichtig ist es für sie, von Körpern zu sprechen, denn nicht nur in Krisen, sondern generell, werden wir auf unsere Körperlichkeit verwiesen, die von Verletzlichkeit gekennzeichnet ist. "Ebenjene Verwundbarkeit wirft uns darauf zurück, dass wir miteinander verbunden und aufeinander angewiesen sind." Stets bedürfen wir der Zuwendung und Sorge, gleichzeitig aber können wir uns einander gefährden. Körper seien in ihrer sozialen Eingebundenheit und Abhängigkeit also immer politisch zu begreifen. Genau das tut Govrin beeindruckend konsequent.
Solidarität muss Differenz einbeziehen
Ein Universalismus von unten beinhalte erstens solidarische Sorgepraktiken, zweitens egalitäre Körperpolitiken und drittens eine widerständige Wissensproduktion. Dazu gehört, dass sie Gleichheit als ein "gleich in unserer Verschiedenheit" definiert und daraus folgert: "Auch Solidarität muss Differenz einbeziehen, denn eine Gemeinschaft, die sich auf eine rigide Gruppenidentität beruft, kann schwerlich egalitär sein." Sie warnt eindrücklich davor, Solidarität identitär zu verengen.
Wer wie wir marginalisierten Gruppen angehört, begreift sofort, wenn Govrin von einer radikalen Gleichheit spricht, die uns in unserer Differenz anerkennt und gerade darin als Gleiche behandelt. Ebenso verständlich und naheliegend ist, was sie über Körper und Körperlichkeit sagt, denn nichts versinnbildliche so sehr unser menschliches Miteinander. Bemerkenswert, wie dabei Gleichheit als Selbstbestimmung über den eigenen Körper im Laufe der Zeit mit eigentumsrechtlichen Begriffen vermischt wurde. Denn mit Blick auf Kolonialismus und Rassismus hieß das nun, man müsse Eigentum besitzen, um auch frei über seinen Körper als Selbsteigentum zu verfügen.
Umso wichtiger erscheint es Govrin, Ökonomien nicht als theoretische Abstraktionen aufzufassen. Sie sind vom Sozialen nicht zu trennen, sie greifen vielmehr in die kleinsten Alltagspraktiken von Menschen ein. Auch der Bereich Sorgearbeit ist von politischer Brisanz und sollte deshalb dringend aus dem Feld der Ethik herausgenommen werden. Sorgearbeit sei weniger ein ethisches Ideal als mehr politische Praxis. Und weil auch Ökonomiekritik von unten zu kommen habe, verwirft Govrin die "irreführenden Ideale von Markt, Produktivität und Wachstum", um sie durch die Kategorien "Haushalt, Alltagspraxis und Bedürfnisse" zu ersetzen.
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Praxis-Beispiele solidarischer Sorge
Im dritten, mit "Gleichheit" überschriebenen Teil, hat Govrin wiederum die soziale Praxis im Blick. Egalität sei kein idealer Entwurf und die Frage stellt sich: "Wie kann sie im Bewusstsein über die bestehenden Ungleichheiten gedacht werden, ohne grundsätzliche Gleichheit aus den Augen zu verlieren?" Wieder stehen Körper und Körperlichkeit dabei im Mittelpunkt, "deren Gleichheit auf Differenz statt auf Normen des Gleichseins beruht":
Die Menschenrechte bilden ein egalitär-emanzipatives Versprechen, das bis heute auf seine Einlösung wartet. Als bevorzugtes Aushandlungsfeld für Gleichheit und Gerechtigkeit sind sie Ideal und Praxis zugleich, da sie den normativen Rahmen bieten und das Tagesgeschäft der Politik prägen, ohne sich jemals vollends zu verwirklichen.
Der Autorin ist bewusst, dass es keine erschöpfende Antwort geben könne, keinen endgültigen Abschluss bei der Frage, wie Gleichheit zur Wirklichkeit wird. Sie bleibe eine prekäre Praxis, aber es gibt viele beschreibbare Wege. "Doch in diesem permanenten Scheitern, in dieser Brüchigkeit liegt ihr Potenzial, im Ausprobieren, im Einüben von Beziehungsweisen." Darum nehmen die Praxis-Beispiele solidarischer Sorge am Ende breiten Raum ein. Sie enthalten, so pathetisch das klingen mag, Anleitungen für ein gelingendes soziales Miteinander. Zu sehen ist daran aber auch, dass wir nie für uns allein selbstbestimmt leben. Am Ende spricht Govrin von einem "komplexen Lernprozess hin zum Universalismus". Ihre unbedingt empfehlenswerte Studie lässt uns teilhaben an dem Lernprozess.
Jule Govrin: Universalismus von unten. Eine Theorie radikaler Gleichheit. 499 Seiten. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2456. Frankfurt 2025. Taschenbuch: 28 € (ISBN 978-3-518-30056-5). E-Book: 27,99 €
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