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Interview
Wer war Hitlers schwuler Hit-Schreiber, Martin Witz?
In seinem spannenden Dokumentarfilm "Im Schatten der Träume" beleuchtet der Schweizer Regisseur und Autor Martin Witz das Leben von Bruno Balz und ein weithin unbekanntes Kapitel der deutschen Filmgeschichte.

Bruno Balz (1902-1988) schrieb Texte für Schlager und Evergreens wie "Kann denn Liebe Sünde sein?", "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n" oder "Davon geht die Welt nicht unter" (Bild: Salzgeber)
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6. Februar 2025, 06:18h 7 Min.
Sie haben die Musik zu mehr als 250 Filmen verfasst: Komponist Michael Jary und Texter Bruno Balz machten Zarah Leander zum Weltstar mit Liedern wie "Davon geht die Welt nicht unter". Als schwuler Mann wird Balz von den Nazis verhaftet. Trickreich rettet ihn Jary vor dem KZ. Die Karriere des kreativen Duos geht in den Wirtschaftswunder-Jahren heiter weiter. Auch die "Mama" von Heintje stammt aus der Feder von Balz.
In seinem neuen Dokumentarfilm "Im Schatten der Träume" hat der Schweizer Regisseur und Autor Martin Witz, Jahrgang 1956, das Leben von Bruno Balz und das weithin unbekannte Kapitel der deutschen Filmgeschichte beleuchtet. Klug illustriert mit einordnenden Kommentaren von Fachleuten, mit Originalaufnahmen der Künstler sowie einem Füllhorn an Filmausschnitten ist eine spannende Doku über Hitlers Hit-Fabrikanten entstanden (Filmkritik von Fabian Schäfer).
Wir haben mit Martin Witz über die Doku gesprochen.

Regisseur Martin Witz (Bild: MUBI)
Herr Witz, was hat es mit dem Titel "Im Schatten der Träume" auf sich?
Ursprünglich hatten wir den Arbeitstitel "Kann denn Liebe Sünde sein?", nach dem gleichnamigen Lied von Zarah Leander – aber der war dann leider nicht möglich. Also haben wir nach einem neuen Titel gesucht. Träume passen gut zur Welt des Schlagers und der Traumfabrik, aber der Film zeigt auch die Brüche und biografischen Tiefen der Protagonisten. Die Kombination von "Schatten" und "Träume" ist geheimnisvoll und rätselhaft, im positiven Sinne. So kam der Titel zustande, und ich finde, er macht neugierig.
Warum wurde der Titel "Kann denn Liebe Sünde sein?" verworfen? Gab es rechtliche Bedenken?
Rechtlich hätten wir den Titel verwenden können, nun ist es aber so, dass das Lied zwar von Bruno Balz getextet, aber nicht von Michael Jary komponiert wurde. Da der Film beide Männer betrifft, wäre es unpassend gewesen, den Titel nur einem der beiden zuzuschreiben. Wir mussten uns für eine andere Lösung entscheiden.
War "Kann denn Liebe Sünde sein?" Ihrer nach Meinung ein schwuler Song von Balz?
Bruno Balz schrieb den Text kurz nach seiner ersten Verhaftung. Man kann vermuten, dass der Text etwas mit seiner eigenen Sexualität und seiner Erfahrung mit dem Justizsystem der Nazis zu tun hatte. Diese Interpretation ist möglich, aber nicht sicher. Ambivalenz ist hier das Schlüsselwort: Man weiß es nicht, aber es ist denkbar. Später äußerte sich Balz auch zweideutig, etwa bei dem legendären "Davon geht die Welt nicht unter".
Hatten Sie den Eindruck, dass er sich davor scheut, klare Aussagen zu machen?
Wenn man sich Balz' Biografie anschaut, wird klar, dass er in seiner Jugend durchaus schwule Themen ansprach. So schrieb er etwa das Lied "Bubi lass uns Freunde sein", das Homosexualität thematisiert. Zudem schrieb er kämpferische Gedichte, die seine Wut über die Verfolgung von Schwulen in den 1920er Jahren ausdrücken. Diese Gedichte erschienen in schwulen Publikationen der Weimarer Zeit und sind sehr eindrucksvoll. Später blieb er in seinen Aussagen oft vage. Er scheute sich, klare Statements über die Bedeutung seiner Texte zu machen. Mit zunehmendem Alter hielt er sich bedeckt, genoss aber auch die Doppeldeutigkeiten und Andeutungen in seinen Werken. Diese Entwicklung spiegelt sich in seiner gesamten Karriere wider. Es war wohl eine bewusste Entscheidung, sich nicht eindeutig zu positionieren.

Poster zum Film: "Im Schatten der Träume" startet am 6. Februar 2025 im Kino
Warum haben Sie diese frühe Phase nicht prominenter im Film dargestellt?
Es war eine Frage des Materials und der Balance. Und ja, der erste Teil der Balz-Biografie hätte mehr Raum gebraucht. Ich hätte auch gerne mehr über seine Verbindung zu Hirschfeld und seine Beschäftigung mit der Emanzipation erzählt. Es ist schmerzlich, wichtige biografische Aspekte dem Grundtempo des Films zu opfern, aber solche Entscheidungen müssen im Dokumentarfilm getroffen werden. Es war ein notwendiger Kompromiss.
Da könnte man ja auch einen Spielfilm draus machen. Die Geschichte ist ja schon fantastisch, oder?
Wir haben tatsächlich überlegt, ein Spielfilm-Drehbuch zu schreiben, uns dann aber dagegen entschieden. Erstens, weil ich eher ein Dokumentarfilmer bin – meine letzten Spielfilm-Drehbücher sind über 20 Jahre her. Zweitens, weil es meiner Meinung nach in einem Dokumentarfilm einfacher ist, Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Zum Beispiel eine Figur wie Zarah Leander fiktional darzustellen, ist bei einer so ikonischen Person sehr anspruchsvoll. Wer soll das spielen? Es gibt nur wenige Spielfilme, in denen es gelungen ist, eine derart ikonische Figur überzeugend darzustellen.
Gerade weil Sie Zarah Leander erwähnen: Im Film erscheint es so, dass sie sich bei seiner Verhaftung gar nicht um das Schicksal von Balz gekümmert hat.
Ja, das ist seltsam, aber auch umstritten. Gerade weil es ja zwischen den beiden eine tiefe Freundschaft gab, die über Jahrzehnte gehalten hat. Ob Zarah Leander wirklich so war, lässt sich schwer sagen. Auch warum Bruno Balz sie in seinem Interview so darstellt, ist unklar. Man hat bei ihm generell das Gefühl, dass er die Bedrohung und die Gefahr, in die er damals geriet, ein Stück weit herunterspielt. Vielleicht wollte er sich selbst nicht zu sehr in den Mittelpunkt stellen.
Man fragt sich, warum Balz nicht aus Deutschland geflohen ist, wie andere bedrohte Künstler*innen.
Warum er nicht geflüchtet ist, bleibt eine komplexe, individuelle Frage, die auch Michael Jary betrifft. Es gibt keine einfache Antwort darauf. Ein möglicher Grund, warum er in Deutschland blieb, könnte seine tiefe Verbindung zur deutschen Sprache und Kultur gewesen sein. Er konnte als Texter nicht einfach nach Hollywood gehen und sich dort etablieren, ohne Englisch-Kenntnisse. Auch die Schweiz, die gegenüber Flüchtenden damals eine sehr harte Linie fuhr, bot ihm wenig Zuflucht. Und die Schweiz hatte ja auch keine starke Filmindustrie, wo Balz ein Auskommen gefunden hätte. Um international erfolgreich zu sein, hätte er wie Thomas Mann bereits ein hohes internationales Ansehen haben müssen.
Halten Sie es für berechtigt, dass Balz aufgrund seiner sexuellen Orientierung so schnell entnazifiziert worden ist?
Es war nicht die Logik der Amerikaner zu sagen, er sei kein Nazi, nur weil er schwul war – das war nicht so einfach. Ich habe nachgeprüft, was er getan hat und was seine politische Haltung war. Meiner Ansicht nach war er mit Sicherheit kein Nazi, nicht nur, weil er schwul war, sondern auch, weil er grundsätzlich nichts mit autoritärem oder faschistischem Gedankengut zu tun hatte. Balz war einfach ein guter Texter, kein Anhänger des Faschismus. Auch Jary war keineswegs Nazi. Und doch haben beide damals am Erfolg der großen Lieder mitgearbeitet.
Es gibt im Film diese Aussage, wonach Goebbels sich in die Freilassung von Balz aus der Gestapo-Haft persönlich eingemischt haben soll mit den Worten an Jary: "Dann holen Sie ihn halt raus." Wie belastbar ist diese Aussage? Wie verantwortungsvoll ist es, so eine Geschichte im Dokumentarfilm zu präsentieren?
Diese Formulierung stützt sich auf zwei Quellen: die Aussage von Jary selbst, die zum Glück in einem TV-Interview dokumentiert ist, und die Bestätigung durch seine Tochter Micaela, die sich an die Erzählungen ihres Vaters erinnert. Ich habe mich entschieden, diese Quellen zu nutzen, da die Kernaussage vom Hauptakteur selber gemacht wird. Es gibt keine schriftlichen Stimmprotokolle, was die Geschichte verifizieren würde, aber das macht sie nicht automatisch unglaubwürdig. Es ist eine Geschichte, die mit vielen Legenden behaftet ist, aber ich hielt es für vertretbar, sie so im Film zu lassen.
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Es fällt auf, welche gute Qualität die Ausschnitte der alten Spielfilme haben.
Das liegt daran, dass viele der Filme inzwischen gut restauriert sind, insbesondere durch das Bundesfilmarchiv und die Murnau-Stiftung, die die Rechte an den meisten Ufa-Filmen hält. Wir haben also sowohl digitalisierte Kopien erhalten, als auch andere Filme, die nur auf 35-mm-Film existierten. Die wurden neu gescannt und über die Postproduktion weiter optimiert. Ich habe viel Freude an der Qualität dieser Filmausschnitte, die eine beeindruckende Kraft entfalten, wenn man sie auf der Leinwand betrachtet.
Wie teuer sind die Rechte an solchen Ausschnitten?
Die juristische Seite der Filmrechte war relativ einfach zu klären. Finanzielle Fragen waren jedoch eine andere Herausforderung. Die meisten Rechte an Ufa-Filmen aus den 1930er und 1940er Jahren liegen bei der Murnau-Stiftung, die sehr kooperativ war mit uns. Die Filme der 1950er Jahre sind etwas komplizierter, liegen aber ebenfalls größtenteils in einer Hand. Das Problem war wirklich weniger die rechtliche Klärung, sondern die Anzahl und die hohen Kosten der Spielfilmausschnitte, die das Budget erheblich belastet haben. Wir haben jedoch von Anfang an die Finanzierung so strukturiert, dass wir diese Kosten decken konnten, was dank einer schweizerisch-deutschen Koproduktion schließlich gelungen ist.
Im Schatten der Träume. Dokumentarfilm. Schweiz, Deutschland 2024. Regie: Martin Witz. Mitwirkende: Götz Alsmann, Manfred Herzer, Micaela Jary, Claudio Maniscalco, Rainer Rother, Klaudia Wick, Bibi Johns, Carol Schuler (Gesang). Laufzeit: 90 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 6. Februar 2025
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage von Salzgeber
Mehr zum Thema:
» Filmkritik von Fabian Schäfer: Schwuler Schlagertexter zwischen Nazi-Verfolgung und Propaganda-Liedern (05.02.2025)
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