Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?52574

Queerfilmnacht

Raus aus dem Knast, ab auf den Strich

Kaum wird der 18-jährige Wellington aus dem Gefängnis entlassen, lernt er den älteren Sexworker Ronaldo kennen. Der wird sein Vater-Ersatz, Lover und Zuhälter. "Baby" spricht komplexe Themen an, ist dabei aber lustvoll und sexy.


Der 18-jährige Wellington (João Pedro Mariano) wird aus der Jugendstrafanstalt entlassen und muss sich alleine auf den Straßen São Paulos durchschlagen (Bild: Salzgeber)

Mit Posaunen und Trompeten wird Wellington verabschiedet. Ein kleines Gefängnisorchester spielt auf, die Musiker tragen gut geschnittene, marineblaue Sweatshirts. Fast so, als wären sie komplementär auf die senfgelben Gefängnistüren und Gitter abgestimmt. Die Sonne scheint von oben in den Lichthof und lässt die polierten Instrumente glitzern. So formalästhetisch war schon lange kein Knast mehr, schon gar nicht in Brasilien.

Es ist ein Abgang mit Knall, könnte man meinen. Der 18-jährige Wellington (João Pedro Mariano) darf nach zwei Jahren die Jugendstrafanstalt verlassen. Die formale Strenge und Künstlichkeit der Anfangsszene wird der Spielfilm "Baby" nicht durchziehen, den hohen Grad an Stilisierung aber durchaus.

Ronaldo will eigentlich Geld vom Teenager


Poster zum Film: "Baby" startet regulär am 20. März 2025 im Kino und läuft im Februar bereits in der Queerfilmnacht

Doch erst einmal muss Wellington nach Hause. Das Problem: Da wartet niemand auf ihn. Seine Eltern leben nicht mehr in der Wohnung in São Paulo. Wohin sie gezogen sind, haben sie ihrem Sohn aber nicht verraten. Seine queere Clique ist aber noch in der Metropole. Ein Glück.

Es zieht ihn aber auch an neue Orte. In einem Pornokino lernt er den Sexworker Ronaldo (Ricardo Teodoro) kennen. Als der 42-Jährige merkt, dass der Teenager gar kein Kunde ist, winkt er zunächst schnell ab – er ist ja zum Arbeiten hier, nicht zum Spaß. Doch die beiden schwulen Männer lernen sich dennoch kennen. Zwischen ihnen entsteht eine komplexe und ambivalente Beziehung.

Ronaldo gibt dem jungen Sexarbeiter Tipps

"Baby", der zweite Spielfilm des brasilianischen Regisseurs Marcelo Caetano, stellt die Beziehung der beiden auf den ersten Blick ungleichen Männer in den Fokus. Ronaldo wird zu Wellingtons Mentor in der Sexworker-Szene, gibt ihm Tipps, zwingt ihn aber auch zur Arbeit, verhält sich wie sein Zuhälter. Wellington, der sich ab sofort Baby nennt, lebt aber auch bei ihm, findet bei Ronaldo einen Ersatz-Vater und die Zuneigung, die ihm seine Eltern offenbar verwehrt haben.

Spielfilme über schwule Stricher gibt es einige. Sexarbeit scheint in der schwulen Community ja auch zugänglicher und weniger tabuisiert zu sein – "Taschengeld"-Angebote auf schwulen Datingplattformen kennt so gut wie jeder. Dennoch ist es ein klischeebehaftetes Thema, bei dem die Realität wenig mit der Vorstellung zu tun hat – daher wohl auch die Faszination. Man könnte zwar meinen, der Stricherfilm habe so langsam seine Themen verloren, doch dem ist längst nicht so: Erst kürzlich lief mit "Sebastian" ein authentisches Porträt eines Escorts, vor wenigen Jahren lief der überwältigend gute Film "Sauvage" über einen Stricher, der die Zeit mit seinen Freiern sogar genießt.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Regenbogen­familie wird zur Ersatzfamilie

Und auch "Baby" fügt dem Genre wieder Nuancen hinzu, das es noch nicht kannte. Interessant ist vor allem, was das Drama über Familie aussagt: Wellington sehnt sich nach seiner Kernfamilie, macht sich auf die Suche nach ihr, das ist aber alles kompliziert. Sein Lover/Zuhälter Ronaldo hat einen Teenager-Sohn mit einem lesbischen Paar. Die Regenbogen­familie wird so zu Wellingtons Ersatz- und Wahlfamilie.

Die Aussage ist klar, ohne platt zu sein: Familie ist da, wo Akzeptanz herrscht. Und Queers können das mindestens genauso gut. Insbesondere in Brasilien, wo bis Dezember 2022 noch der rechte und evangelikale Jair Bolsonaro Präsident war, ist das eine relevante und hochpolitische Aussage.

Doch auch die queeren Generationen fängt "Baby" wunderbar ein. An den traditionellen Cruising-Orten, dem Park, dem Sexkino oder dem Gay-Club, herrscht ein sehr einheitliches Bild von schwulen Männern. Wellingtons queere Clique aus genderfluiden, nichtbinären und trans Menschen, die im Bus voguen, setzt da einen vielfältigen Kontrast, mit Wellington als Scharnier. Die Generationen brauchen einander und können voneinander lernen. Und die Jüngeren setzen auf gemeinsam statt getrennt. Vielleicht hätte der Film der Clique da sogar noch ein wenig mehr Raum lassen können.

Die Queer-Kollekte
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Jetzt unterstützen!

Gleichzeitigkeit der Widersprüche

Das alles steckt zwar in "Baby", Regisseur und Drehbuchautor verwebt diese soziologischen Kommentare aber wunderbar und unaufdringlich in seine eigentliche Geschichte von Wellington und Ronaldo. Und auch auf ästhetischer Ebene macht "Baby" großen Spaß. Die Kamera setzt Licht, Schatten, knallige und dann wieder sehr dunkle Farben gekonnt in Szene.

"Baby" spart aber auch die Schattenseiten aus Drogen, Eifersucht und unangenehmer Kundschaft nicht aus. An diesen Stellen wird der Film dann doch eher generisch, auch wenn er stets seinen eigenen Zugang findet. Lust und Sex überwiegen aber in Wellingtons Leben. Und so ist es eine wunderbare Gleichzeitigkeit der Widersprüche, des Glücks und der Traurigkeit, die "Baby" vermittelt.

Infos zum Filmr

Baby. Drama. Brasilien, Frankreich. Niederlande 2024. Regie: Marcelo Caetano. Cast: João Pedro Mariano, Ricardo Teodoro, Ana Flavia Cavalcanti, Bruna Linzmeyer, Luiz Bertazzo, Marcelo Varzea, Patrick Coelho, Kyra Reis, Baco Pereira, Sylvia Prado, Ariane Aparecida, Victor Hugo Martins, Kelly Campello. Laufzeit: 106 Minuten. Sprache: portugiesische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 20. März 2025. Im Februar 2025 bereits in der Queerfilmnacht
Galerie:
Baby
10 Bilder
-w-