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Folge 7 von 10
Schwules Leben vor 100 Jahren: Zeitschriften und Kneipen
In dieser Folge geht es um die Homosexuellen-Szene mit ihren Zeitschriften und den vielen Bars und Kneipen, die vor allem in Berlin zahlreich waren.

Ein Kioskbesitzer in Berlin, der jeweils auf der linken Seite der beiden Zeitungsständer auch "Die Freundschaft" im Angebot hat
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9. Februar 2025, 04:53h 23 Min.
Die Homosexuellen-Zeitschriften der Weimarer Republik
Als Beispiel für die neuen Freiheiten der Weimarer Republik wurde und wird oft die große Anzahl der Homosexuellen-Zeitschriften genannt. Dies ist nur bedingt richtig, weil es sich bei einigen der Zeitschriftentitel nur um Titeländerungen handelt (aus "Die Insel" wurde "Das Freundschaftsblatt"). Zudem wurden und werden manchmal auch Titel erwähnt, die als Sondernummer ("Die Tante") oder Beilage ("Merkur") bibliografisch keine Aufnahme als Zeitschriftentitel rechtfertigen. In einigen Fällen handelt es sich um rechtlich erzwungene Titeländerungen ("Der Freund", "Garçonne", "Ledige Frauen"), die Zensur und eben kein breites Zeitschriftenangebot belegen.
Gerichtliches und polizeiliches Vorgehen
Gerade 1925 kam es häufig zu Zensur und einem besonders repressiven Vorgehen der Polizei gegenüber den bestehenden Zeitschriften. In Hamburg verbot die Polizei "Die Insel", "Die Freundin" und "Die Freundschaft" für den öffentlichen Straßenverkauf und in München erfolgte ein polizeiliches Verbot für das Auslegen der Homosexuellen-Zeitschriften "Blätter für Menschenrecht" und "Freundschaftsblatt" in Schaufenstern von Geschäften (s. die erste Folge dieser Serie). Am 18. Dezember 1926 wurde das "Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzliteratur" vom Reichstag beschlossen, es trat am 7. Januar 1927 in Kraft. Zur Orientierung, welche Literatur als "Schund und Schmutz" galt, wurde eine amtliche Liste erstellt, die regelmäßig im "Centralpolizeiblatt" veröffentlicht wurde. Ab 1929/1930 waren "praktisch (…) fast alle" Homosexuellenzeitschriften auf dieser Liste verzeichnet (Jens Dobler: "Zwischen Duldungspolitik und Verbrechensbekämpfung. Homosexuellenverfolgung durch die Berliner Polizei von 1848 bis 1933", 2008, S. 513, 520-521).
Die Zeitschriften im Einzelnen
Trotz aller Repression gilt, dass diese Zeitschriften von der Vielfalt und von der Zielgruppe her eine bedeutende Weiterentwicklung, verglichen mit dem nur begrenzten Zeitschriftenangebot der wilhelminischen Zeit, darstellten. Diese Zeitschriften sind heute wichtige historische Quellen, die nicht nur die emanzipatorischen Bestrebungen der Zeit, sondern auch Innenansichten der Szene belegen. Vermutlich erschienen in der Zeit der Weimarer Republik rund 20 verschiedene Zeitschriften für Homosexuelle, einschließlich von vier kurzlebigen Ablegern der Zeitschrift "Der Eigene" (s. u.). Hierzu zählen u. a. die "Blätter idealer Frauenfreundschaft" (1926-1927), "Das 3. Geschlecht" (1930-1932), "Frauenliebe" (1926-1931), "Freundschaft und Freiheit" (1921), "Hellasbote" (1923-1924), "Neue Freundschaft" (1928), "Die Sonne" (nur ein Heft von 1920 überliefert) und "Uranos" (1921-1922; der 1. Jahrgang ist als Reprint verfügbar). Die wichtigste Publikation des WhK war das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1899-1923), das jedoch nur bis 1923 erschien und eine Lücke hinterließ, die auch mit den "Mitteilungen des WHK" (1926-1933) nicht gefüllt werden konnte. Die Homosexuellen-Zeitschriften, die im Jahr 1925 erschienen, und die dominante Stellung des Verlegers Friedrich Radszuweit stelle ich nachfolgend etwas ausführlicher vor.
Friedrich Radszuweit, der 1923-1928 andere Zeitschriften behinderte
In Friedrich Radszuweits Verlag erschienen die "Blätter für Menschenrecht" (BlfM), die Beilage "Berliner Inseratenblatt", "Die Freundin", "Die Insel" und "Das Freundschaftsblatt", was ihm zu einer dominanten Stellung in der homosexuellen Presselandschaft verhalf. Nach Radszuweits Auskunft diente "Die Insel" der Unterhaltung und war nicht für Heterosexuelle geeignet. Dagegen dienten die "BlfM" der Aufklärung und dem "Kampf" und sollten "hauptsächlich in heterosexuellen Kreisen" verbreitet werden ("Die Insel", Jg. 1925, Heft 8). Diese Differenzierung lässt sich anhand der Zeitschrifteninhalte jedoch nicht bestätigen.
Der von zeitgenössischen Gegnern erhobene Vorwurf, Radszuweit habe andere Blätter massiv behindert, lässt sich für die Jahre 1923 bis 1928 belegen. So versuchte er, die Auslage der Zeitschriften "Hellasbote" und "Die Fanfare" in Berliner Freundschaftslokalen zu verhindern, und in Bezug auf die "Neue Freundschaft" drohte Radszuweit dort inserierenden Lokalen, ihnen Anzeigen in seinen Blättern zu verweigern, falls sie weiterhin bei der Konkurrenz annoncierten. Radszuweit bestritt die Vorwürfe und vergriff sich dabei im Ton ("dummes Geschwätz", in: "Die Insel", 9. Januar 1925, S. 2, 7, 8, hier S. 8). Radszuweit wurde sogar als "Diktator" bezeichnet, weil er angeblich "aus der Berliner Ortsgruppe alle Leser von 'Hellasbote' und 'Freundschaft' ausschließen wolle". Radszuweit war offenbar entschlossen, keine Konkurrenz aufkommen zu lassen. "Diese Strategie ging letztlich auf, außer der 'Freundschaft' und dem 'Eigenen' als bildungsbürgerlichen Klientelzeitschriften konnte sich keine andere Zeitschrift für Männer begehrende Männer neben den Blättern des Radszuweit-Verlages behaupten" (Stefan Micheler: "Selbstbilder und Fremdbilder der 'Anderenʻ", 2004, S. 60-61).
"Blätter für Menschenrecht" und die Beilage "Berliner Inseratenblatt"
Die "Blätter für Menschenrecht" (BlfM, 1923-1933) wurden von Friedrich Radszuweit herausgegeben. Er war Vorsitzender des "Bundes für Menschenrecht", die BlfM waren seit dem ersten Erscheinen das Organ dieses Vereins und setzten sich dementsprechend ebenfalls für die Rechte Homosexueller ein. Die BlfM gehörten zu den wenigen Homosexuellen-Zeitschriften, die nie mit der Zensur zu kämpfen hatten.
In den Ausgaben von 1925 gibt es keine Kontaktanzeigen und keine Werbeinserate. Nach Wikipedia beinhalteten die BlfM von 1923 bis 1925 auch die Beilage "Berliner Inseratenblatt" (BIB), die als Werbebeilage vermutlich aber auch allen anderen Homosexuellen-Zeitschriften des Radszuweit-Verlages beilag.
"Der Eigene" – die erste Homosexuellen-Zeitschrift der Welt
Von Adolf Brands bedeutsamer Zeitschrift "Der Eigene" (1896-1906, 1919-1932) geht eine große Faszination aus, weil sie – spätestens mit dem Jahrgang 1898 – die erste regelmäßig erscheinende Homosexuellen-Zeitschrift der Welt war. Es ist der Berliner Humboldt-Universität zu verdanken, dass diese Zeitschrift mittlerweile auch digitalisiert online vorliegt. Mit seiner Zeitschrift "Der Eigene" hatte Brand viel mit der Zensur zu kämpfen. Der von Brand gegründete Lesezirkel der "Gemeinschaft der Eigenen" sollte davor einen gewissen Schutz bieten. Diese Absicht erklärt auch die Zeitschriftenableger "Gemeinschaft der Eigenen" (1904-1907, 1919-1925), "Extrapost des Eigenen" (1911-1912), "Freundschaft und Freiheit" (1921-1922) und "Eros" (1926-1932), die leider nicht digitalisiert wurden und nur noch lückenhaft überliefert sind. Eine Auswertung habe ich daher unterlassen.
Während des Jahres 1925 sind vier Hefte des "Eigenen" (Hefte 9-12 des 10. Jahrgangs von 1924/1925) mit mehr als 200 Seiten erschienen, in denen belletristische Texte, Aufsätze und Aktbilder veröffentlicht wurden. Nach Einschätzung der Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz ("Die Geschichte der eigenen Geschichte", 1997, S. 133) zeigte sich "Der Eigene" in den beiden Jahren 1924/25 "kämpferischer und politischer" als in den Jahren zuvor. Sie belegt dies u. a. mit der Tatsache, dass sich Adolf Brand von dem Antisemitismus des nationalsozialistischen homosexuellen Autors und Mediziners Karl-Günther Heimsoth distanzierte (Heft 9, S. 415), sowie mit dem Abdruck einer Erwiderung auf Heimsoth von Walter Heinz Roeber, der sich ausdrücklich als deutscher Jude vorstellte (Heft 11, S. 500-502). Wie politisch, aber z. T. auch problematisch die Hefte des Jahres 1925 waren, zeigt sich auch an der in Folge 6 dieser Serie beschriebenen Sondernummer "Die Tante".

Die Hefte 11 und 12 der Zeitschrift "Der Eigene" aus dem Jahr 1925
"Die Fanfare" – ab 1924 eine Zeitschrift "für freies Menschentum"
"Die Fanfare" (1924-1926) trug anfänglich den Zusatz "für freies Menschentum". Später wurde aus der Zeitschrift laut ihrem Untertitel "Das Magazin für Junggesellen". Sie war stark literarisch geprägt, orientierte sich an Berlin und stand vermutlich dem Berliner "Theater des Eros" nahe. Neben politischen und kulturellen Beiträgen erschienen hier auch Kleinanzeigen, darunter vorsichtig formulierte Kontaktanzeigen.
Die Zeitschrift, die 20 Pfennige kostete, verstand sich auch als Sprachrohr des im März 1925 wiedergegründeten Deutschen Freundschaftsverbandes, dementsprechend meldeten sich dessen Aktivisten in der Zeitschrift zu Wort. Offensichtlich hatte sich Max H. Danielsen, der 1924 noch in den BlfM publiziert hatte, inzwischen mit Radszuweit überworfen. Begründer und Herausgeber des in Berlin erschienenen Blattes war Curt Neuburger, der seine Zeitschrift vermutlich im Zusammenhang mit Zensurmaßnahmen 1926 einstellen musste (s. a. Stefan Micheler: "Selbstbilder und Fremdbilder der 'Anderenʻ", 2004, S. 33, 58).
"Die Freundin" – die erste lesbische Zeitschrift der Welt
Die Zeitschrift "Die Freundin" (1924-1933) mit ihrem Untertitel "Das ideale Freundschaftsblatt" gilt als erste lesbische Zeitschrift der Welt. Ab August 1924 wurden hier Texte über Politik und lesbisches Leben, belletristische Texte und private Kontaktanzeigen veröffentlicht. Die Zeitschrift ist heute eine der wichtigsten Quellen für die Rekonstruktion lesbischen Lebens in der Weimarer Republik. Katharina Vogel weist in ihrem Aufsatz "Zum Selbstverständnis lesbischer Frauen in der Weimarer Republik. Eine Analyse der Zeitschrift 'Die Freundinʻ 1924-1933" (im Ausstellungskatalog "Eldorado", 1984, Neuauflage 1992, S. 162-168) auf die politischen Hintergründe und auf die Zensur von Einzelheften hin. Nach Julia Hürner ("Lebensumstände lesbischer Frauen in Österreich und Deutschland – von den 1920er Jahren bis zur NS-Zeit", 2010, S. 38-39) kann "Die Freundin" "wohl als Symbol der lesbischen Identität im Berlin der 1920er Jahre gedeutet werden (…) und war vermutlich die populärste unter den Lesbenzeitschriften in der Weimarer Republik". Sie zitiert allerdings auch die Autorin Ruth Margarete Roellig ("Berlins lesbische Frauen", 1928) mit ihrer sehr kritischen Meinung zu dieser Zeitschrift. Wer sich selber ein Urteil über diese Zeitschrift bilden möchte, sei auf die Homepage des "Forums Queeres Archiv München" verwiesen, wo viele Hefte aus den Jahren 1927 bis 1933 online gestellt sind.

"Die Freundin" (hier Heft 1 von 1924) war die erste lesbische Zeitschrift der Welt
Im Vergleich mit den anderen hier behandelten Zeitschriften hat "Die Freundin" in Wikipedia den mit Abstand größten Artikel. 1925 wurde angekündigt, aber nicht realisiert, dass sie mit einem größeren Seitenumfang und einem höheren Preis von 50 Pfennigen (statt bis dahin 30 Pfennige) erscheinen solle. Die Erscheinungsweise wechselte: 1924 monatlich, ab 1925 alle zwei Wochen und ab 1929 wöchentlich. Von 1924 bis 1925 war Aenne Weber die verantwortliche Redakteurin, die auch die 1. Vorsitzende der Damengruppe des "Bundes für Menschenrecht" war.
Nicht nur der Jahrgang 1925 erweckt den Eindruck, dass die Zielgruppe der lesbischen Frauen für eine Zeitschrift allein als nicht ausreichend angesehen worden zu sein scheint. In der Zeitschrift ging es auch um allgemeine Frauenthemen, in der Beilage "Der Transvestit" erschienen auch Beiträge über männliche Homosexualität und Kontaktanzeigen wurden auch von homosexuellen Männern aufgegeben. In den späteren Jahren erwecken die Aktfotos von Frauen auf dem Cover den Eindruck, als sollten auch heterosexuelle Männerphantasien angesprochen werden. Die Zeitschrift war nicht besonders politisch, was sich vielleicht damit begründen lässt, dass Lesben nicht strafrechtlich verfolgt wurden. Ein "Aufruf an alle homosexuell veranlagten Frauen" (Jg. 1925, Heft 5, S. 2) wirkt zunächst wie ein Aufruf, politisch aktiv zu werden, fordert aber vor allem dazu auf, zu spenden und die Zeitschrift zu abonnieren.
"Die Freundschaft" – die über viele Jahre wichtigste Homosexuellen-Zeitschrift
"Die Freundschaft" (1919-1933), zunächst herausgegeben vom "Deutschen Freundschaftsverband", erschien zuerst am 13. August 1919 mit einer Startauflage von 20.000 Exemplaren als erste neue Homosexuellen-Zeitschrift der Weimarer Republik. Die Redaktion war offen für Lesben, aber es waren hauptsächlich Männer, die diese Zeitschrift gestalteten. Heute wird sie zumindest für die Zeit bis 1922 als wichtigste Homosexuellen-Zeitschrift dieser Zeit angesehen, danach verlor sie ihre zentrale Bedeutung als Sprachrohr der Homosexuellenbewegung. Als sie nach einer zensurbedingten Zwangspause im Mai 1923 wieder erschien, gab es den "Deutschen Freundschaftsverband" nicht mehr und "Die Freundschaft" verstand sich nun als "unabhängiges Organ der ganzen Bewegung". Unter der Überschrift "Die erste schwule Kiosk-Zeitschrift wird 100" habe ich hier auf queer.de 2019 einen Artikel über diese Zeitschrift veröffentlicht. In den Jahren 1922 und 1923 veröffentlichte Magnus Hirschfeld in der "Freundschaft" unter der Überschrift "Von einst bis jetzt" eine Artikelserie mit 53 Folgen über die Geschichte der Homosexuellenbewegung, die 1986 unter dem gleichen Titel als Buch neu herausgegeben wurde.
Im Jahr 1924 erschien die Zeitschrift meistens monatlich (Doppelhefte für Januar/Februar und August/September), umfasste 20 bis 34 Seiten und kostete 50 Pfennige. Sie war auffallend breit aufgestellt und richtete sich zumindest nominell auch an Heterosexuelle (Jg. 1925, Heft 2: "Normalempfindender, opfere einen Augenblick und lies").

"Die Freundschaft" (Jg. 1925, Heft 1) mit dem kämpferischen Untertitel "Monatsschrift für den Befreiungskampf andersveranlagter Männer und Frauen"
"Die Insel" und "Das Freundschaftsblatt"
Von Friedrich Radszuweit erschien auch eine Zeitschrift, deren bibliografische Erfassung schwierig ist. Als "Die Insel. Magazin der Einsamen" war sie zunächst eine Beilage der "Blätter für Menschenrecht" (s. o.), aber bereits mit einer eigenen Jahrgangszählung (1. Jg., ab Dezember 1923). Von Mitte 1924 bis zum 5. Juni 1925 erschien sie als "Die Insel" eigenständig mit den wechselnden Untertiteln "Literarische Monatsschrift", "Wochenschrift für Aufklärung und Unterhaltung" und "Das deutsche Freundschaftsblatt".
Ab dem 12. Juni 1925 erschien sie als "Das Freundschaftsblatt" mit ebenfalls wechselnden Untertiteln bis 1933. Unter beiden Titeln war die Zeitschrift 1925 für 20 Pfennige zu haben.

Das erste Heft der Zeitschrift "Das Freundschaftsblatt" vom 12. Juni 1925. Oben links wird noch an den früheren Titel "Die Insel" erinnert
"Eros" – eine Zeitschrift, die nie erschien
Mitte Mai 1925 sollte eigentlich die neue homosexuelle Kunst- und Literaturzeitschrift "Eros. Das deutsche Freundschaftsblatt" im Verlag von Friedrich Radszuweit erscheinen, es wurde schon Werbung für sie geschaltet ("Die Freundin", Heft 9; "Die Insel", Heft 19). Kurz vor dem geplanten Erscheinungsdatum wurde dieses Projekt jedoch gestoppt. In "Die Insel" (Heft 21/22) erklärte Radszuweit die angeblichen Hintergründe: Mehrere Künstler seien mit der Idee einer neuen Homosexuellen-Zeitschrift auf ihn zugegangen, und er habe – vorbehaltlich der Qualität der Beiträge – zugestimmt. Mit zwei eingereichten Grotesken (u. a. "Großmutter-Brandhagen züchtet eine neue deutsche Rasse" – eine mögliche Satire auf Adolf Brand) sei er jedoch nicht einverstanden gewesen, weshalb er von dem Projekt "im Interesse der homosexuellen Menschen" – wohl auch in seinem eigenen – Abstand genommen habe. Die Zeitschrift ist daher nie erschienen. Der zugkräftige Titel wurde kurz danach von einem anderen schwulen Verleger aufgegriffen: Adolf Brand gab ab 1926 eine neue Zeitschrift mit dem Titel "Eros. Extrapost des Eigenen" heraus.

Werbung für die Zeitschrift "Eros", die nie erschien ("Die Insel", Jg. 1925, Heft 19)
Der Verkauf von Homosexuellen-Zeitschriften am Kiosk
Der recht häufige Hinweis in der Literatur, dass "Die Freundschaft" seit ihrem ersten Erscheinen 1919 auch an Kiosken verkauft wurde, erscheint zunächst wie ein Beleg für eine gesellschaftliche Offenheit und Akzeptanz. Das ist nur bedingt richtig, denn zum einen galt dies nicht für jede Stadt, nicht für die ganze Zeit bis 1933, nicht für alle Zeitschriften und auch nicht für jeden Kiosk. So wurde in der "Fanfare" darauf hingewiesen, dass diese zwar in Leipzig an jedem Kiosk gekauft werden könne, aber in Berlin nur an insgesamt neun Kiosken, deren Adressen im Anschluss genannt wurden ("Die Fanfare", Jg. 1924, Heft 19).
Ab August 1928 war "Die Freundschaft" nicht mehr am Kiosk, sondern nur noch im Abonnement erhältlich. Diese Entscheidung musste die Redaktion treffen, um sich vor strafrechtlicher Verfolgung wegen "unsittlicher Schriften" und die Kund*innen vor Erpressungen zu schützen. Insofern zeigt der Kiosk-Verkauf in den Anfangsjahren der Weimarer Republik nicht nur die Liberalität der Gesellschaft, sondern auch deren Grenzen auf. Wenn also heute behauptet wird, dass es in den Zwanzigerjahren homoerotische Magazine an jedem Kiosk zu kaufen gegeben habe ("Berliner Zeitung", 15. August 2023), ist das falsch.
Die Kontaktanzeigen in den Homosexuellen-Zeitschriften
In Homosexuellen-Zeitschriften gab es zensurbedingt nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, Kontaktanzeigen zu schalten. Die Münchener Zeitschrift "Der Seelenforscher" (1902-1904) gehörte schon im deutschen Kaiserreich zu den ersten Schwulenzeitschriften, die auch Kontaktanzeigen veröffentlichten. Sie wurde wegen dieser Anzeigen 1904 verboten. Offenbar hofften viele Schwule zunächst, dass durch die politischen Veränderungen nach 1918 Kontaktanzeigen nun eher möglich wären. In meinem Artikel über "Die Freundschaft" hier auf queer.de habe ich auch auf die Kontaktanzeigen in den Jahren 1919 bis 1920 hingewiesen und für diesen Zeitraum rund 80 Anzeigen aus Köln ausgewertet, in denen Schwule unmissverständlich einen Partner suchten. In den darauffolgenden Jahren wurden derartige Inserate offenbar nicht mehr akzeptiert und es erfolgten Strafanzeigen wegen "Kuppelei". Wegen der Verbreitung "unzüchtiger" Kontaktanzeigen in "Der Eigene" wurde u. a. Adolf Brand zu einer Geldstrafe verurteilt ("Das Volk", 11. Januar 1922).
In welchen Zeitungen waren 1925 private Kleinanzeigen möglich?
So offenherzige Kontaktanzeigen, wie sie noch 1919 und 1920 möglich waren, waren 1925 nicht mehr zu finden. In "Die Fanfare", "Die Freundin", "Das Freundschaftsblatt" und "Berliner Inseratenblatt" waren private Kleinanzeigen möglich, bei denen es sich aber häufig nur um Stellenangebote und -gesuche, nur selten um die Suche nach persönlichen Kontakten handelte. In "Die Insel", "Blätter für Menschenrecht" und "Die Freundschaft" wurde auf die Aufnahme privater Kleinanzeigen verzichtet.
Die Chiffre "Reitunterricht" von einem "Reitlehrer"
Um dem Vorwurf der "Kuppelei" und "Unsittlichkeit" zu entgehen, wurden Anzeigen chiffriert. Ohne weitere Angaben konnten die Inserenten daher nicht strafrechtlich beweissicher verfolgt werden. Um den Zweck der Inserate und die Personalien der Inserenten zu ermitteln, gaben sich Polizisten in einigen Fällen als Interessenten aus. In einer Kontaktanzeige von 1923 in den "Blättern für Menschenrecht" wünschte sich ein junger Herr "Reitunterricht". Ein Polizist antwortete und gab sich als "Fachmann im Reitunterricht" aus. Erst in seiner Gegenantwort gab der Inserent preis, dass kein "Reiten zu Pferde gemeint" sei. Daraufhin wurde der Inserent, der Fabrikbesitzer Hermann Schneeweiss, am 20. November 1923 zu einer Geldstrafe verurteilt (Jens Dobler: "Zwischen Duldungspolitik und Verbrechensbekämpfung. Homosexuellenverfolgung durch die Berliner Polizei von 1848 bis 1933", 2008, S. 504).
Vor diesem Hintergrund ist es überraschend, dass im "Freundschaftsblatt" (Jg. 1925, Heft 10) eine Anzeige mit dem Text erschien: "Reitlehrer sucht junger Herr, zwecks Erlernung des Reitsports und gemeinsamer Ausritte." Beide Zeitschriften erschienen im Verlag von Friedrich Radszuweit, der bei dieser Kleinanzeige eine Gefahr für sich und den Inserenten hätte erkennen müssen.

Suche nach einem "Reitlehrer" als mögliche Chiffre im "Freundschaftsblatt" (Jg. 1925, Heft 10)
Weitere mögliche Chiffren wie "französisch"
Eine leicht dechiffrierbare Formulierung ist die "Kameradschaftsehe", die manchmal auch "Heirat vor der Welt" ("Freundschaftsblatt", Jg. 1925, Heft 12, S. 8) genannt wurde. Beides bezeichnete eine Zweckehe zwischen einem Schwulen und einer Lesbe, mit der beide im Rahmen einer Win-Win-Situation vor Gerüchten und "Unterstellungen" geschützt wurden. Eine "Kameradschaftsehe" einzugehen, war strafrechtlich nicht relevant und galt offenbar selbst dann nicht als "unzüchtig", wenn sie mit finanzieller Hilfe verbunden war (BIB, Heft 13, S. 4).
Welche anderen Formulierungen als sexuelle Chiffren gemeint waren bzw. so verstanden wurden, ist kaum belegbar. Damit meine ich Inserate, in denen "französischer Sprachunterricht" oder "Körpermassage jeglicher Art" (BIB, Heft 13, Seite 4) angeboten wurden. Formulierungen wie "24jähriger (…) wünscht Gedankenaustausch (mit) älteren Menschen (mit) großer Herzensbildung" ("BIB", 13. Februar 1925, S. 1) oder die Frage nach einem "Darlehen" (BIB, Heft 13, Seite 4) könnten auf Prostitution verweisen.

Anzeigen im "Berliner Inseratenblatt" (Jg. 1925, Heft 13, S. 4) mit Suche nach "Kameradschaftsehe" und einem Darlehen
Kontaktanzeigen von nichtbinären, inter oder trans Personen
Fast alle Kleinanzeigen wurden von Männern und nur wenige von Frauen aufgegeben. Auf drei Anzeigen von nichtbinären, inter oder trans Menschen in "Das Freundschaftsblatt" möchte ich hinweisen, weil sie ansatzweise Angaben zur Situation und zum Selbstverständnis der Personen enthalten: Eine "[j]unge Dame in Herrenkleidung, polizeilich genehmigt, unauffällig" suchte eine Stelle in einem Haushalt (Jg. 1925, Nr. 18, S. 8), ein "Hermaphrodit, vornehmer Herr, 45 Jahre alt, sehr gut situiert, durch obigen Fehler vereinsamt" suchte Briefwechsel (Jg. 1925, Nr. 19, S. 8) und ein "Herr erster Kreise, Berlin, unauffällig als Frau lebend, sucht Gedankenaustausch" (Jg. 1925, Nr. 20, S. 8).

Die Kontaktanzeige eines vereinsamten "Hermaphroditen"
Ein Freispruch vor Gericht für eine Kleinanzeige
Auf einer Titelseite der Zeitschrift "Die Insel" (5. Juni 1925, S. 1) erschien die Schlagzeile: "Unsere Redaktion als Angeklagte vor dem Staatsanwalt". Es ging um die Verhandlung am 26. Mai 1925 vor einem Schöffengericht in Berlin wegen "Anbahnung unzüchtigen Verkehrs". Grundlage dafür war eine im "Berliner Inseratenblatt" und in "Die Freundin" abgedruckte Kontaktanzeige mit dem Text: "Gebildeter Herr, Bürobeamter, 44, sucht Beschäftigung als Diener nebenberuflich." Ein Polizist hatte sich als Interessent ausgegeben, woraufhin der Inserent mitgeteilt hatte, dass er "einer Dame vertrautester Diener sein" wolle. Dies wurde bereits als ausreichend für einen Strafantrag angesehen – mit der lapidaren Begründung: "'Die Insel' ist nur dazu da, um den unzüchtigen Verkehr zwischen Männern herbeizuführen, während 'Die Freundin' das gleiche Ziel für die Frauen verfolgt." Weil dafür jedoch jegliche Beweise fehlten, wurden beide Angeklagte (Inserent und Redakteur) freigesprochen. Die Redaktion der "Insel" konnte einen Erfolg verbuchen und versprach allen Abonnent*innen der beiden Zeitschriften daraufhin ein kostenloses Inserat.
Wien: Wenn Männer Freunde suchen …
Wenn Schwule vorsichtig formulierten, konnten sie auch über Kontaktanzeigen in nicht-homosexuellen Zeitungen Gleichgesinnte kennen lernen. Die Formulierungen mussten hierbei so gewählt werden, dass weder die Anzeigenredaktionen noch die Durchschnittsleser*innen Verdacht schöpfen konnten. Bei drei Kontaktanzeigen im "Neuen Wiener Journal" ging die österreichische sozialdemokratische "Arbeiter-Zeitung" (15. Dezember 1925) davon aus, dass sie von homosexuellen Männern stammten: Ein "junger Herr", ein "Arbeiter" und ein "Sportsmann" suchten hier jeweils einen "Freund". Die Kennworte "Antonius" (wie der römische Politiker Marcus Antonius), "Links vom Wege" und "Recta sequi" (= Ich bin den richtigen Weg gegangen) wurden offenbar als homosexuelle Andeutungen aufgefasst und für einen Angriff gegen den Chefredakteur und Miteigentümer des "Neuen Wiener Journals", Jakob Lippowitz, verwendet: "Diese drei Homosexuelleninserate finden sich unter den Kuppelanzeigen einer einzigen Nummer des 'Neuen Wiener Journals'." Vor dem Hintergrund, dass es sich bei dem "Neuen Wiener Journal" um eine Zeitung mit antimarxistischer Tendenz handelte, wird deutlich, dass es hier nicht nur um Homophobie ging, sondern um einen politischen Angriff: Die "Arbeiter-Zeitung" warf Lippowitz Doppelmoral vor, weil er einerseits die reaktionären Anschauungen der ehemaligen k. u. k.-Monarchie propagiere, andererseits aber Geld mit derartigen Anzeigen verdiene. Da Lippowitz Jude war, könnte auch unterschwelliger Antisemitismus eine Rolle gespielt haben.

Die Inserenten dieser Kontaktanzeigen von 1925 wurden als homosexuell angesehen
Die homosexuelle Kneipenszene der Weimarer Republik
Um die neuen Freiheiten für Homosexuelle zu verdeutlichen, wird neben den Zeitschriften auch auf die große Kneipenszene verwiesen, die vor allem aus Berlin bekannt ist. Berlin war damals der unbestreitbare Mittelpunkt der Homosexuellenbewegung, von dem eine große Sogwirkung ausging.
Zu den ersten Versuchen, die homosexuelle Szene in Deutschland zu erfassen, gehört ein Reiseführer für Homosexuelle mit dem Titel "Der Internationale Reiseführer" (1920/1921, Reprint in der schwulen Geschichtszeitschrift "Capri", 1991, Heft 14, S. 30-43; hier Online-PDF, S. 617-631). Für Berlin werden hier rund 50 Bars aufgelistet, von denen ungefähr die Hälfte in diesem Reiseführer auch Werbung schaltete. Von diesen 50 Bars existierten einige Jahre später mindestens noch acht, was sich daran zeigt, dass sie 1925 Werbeanzeigen schalteten ("Bromelia", "Café Dorian Gray", "Hannemanns Restaurant", "Hohenzollern-Diele", "Internationale Diele", "Marien-Kasino", "Mikado", "Nürnberger Diele"; ein Jahr vorher, 1924, waren es mit "Adonis-Diele" und "Alte Post" noch zwei Bars mehr). Weitere haben vielleicht ebenfalls weiterhin existiert, aber keine Werbung geschaltet. Es ist sehr schade, dass die Schwulenbewegung in den späteren Jahren der Weimarer Republik keinen weiteren Reiseführer mehr publizierte, der den Anspruch hatte, alle schwul-lesbischen Adressen unabhängig von Werbeanzeigen aufzulisten. Selbst zu Städten wie Hamburg oder Köln, heute queere Metropolen, finden sich 1925 nur vereinzelte Hinweise auf Bars.

Die "Nürnberger Diele" und das "Café Dorian Gray" waren Konstanten in der Berliner Homosexuellen-Szene
Wie viele Bars für Homosexuelle gab es in Berlin?
Heute wird die Anzahl der Berliner Bars in der Weimarer Republik manchmal auf 100, manchmal auf 150 geschätzt, wobei offensichtlich die Anzahl der Bars gemeint ist, die von 1919 bis 1933 insgesamt existierten, einschließlich erzwungener Schließungen und Neueröffnungen unter einem anderen Namen. Nach Auswertung der Homosexuellen-Zeitschriften des Jahres 1925 lässt sich zumindest feststellen, dass rund 45 Berliner Bars, Kneipen und Dielen in diesem Jahr inseriert haben (für 1924 habe ich noch rund 60 gezählt). Vermutlich waren dies aber nicht alle, die es zu diesem Zeitpunkt gab. Eine Schätzung von 70 bis 90 Bars, Kneipen und Dielen im Jahr 1925 halte ich für realistisch (für 1924 vermute ich rund 80 bis 100).
In seinem Büchlein "Vom Dorian Gray zum Eldorado. Historische Orte und schillernde Persönlichkeiten im Schöneberger Regenbogenkiez" (2012) hat Andreas Pretzel die Geschichte der früheren Szene im Westen Berlins und die dortigen wichtigsten Bars jener Zeit gut dokumentiert. Zu den bekannteren von ihnen, die es auch 1925 gab, gehörten das "Dede" (1921-1933, S. 60-61), das "Dorian Gray" (1921-1933, S. 35-36), das "Eldorado" (1924-1933, S. 111-112), das "Hollandaise" (1923-1933, S. 47-48), das "Kleist-Kasino" (1921-1933, S. 21-22) und der "Nationalhof" (1924-1932, S. 83).
Im Hinblick auf die angeblich "gefährdete Jugend" berichtete die "Bonner Zeitung" (20. Februar 1925) darüber, dass es nach der Angabe eines Arztes in Berlin rund 50.000 bis 60.000 Homosexuelle gebe, die in "150 Wirtschaften" ihr "Unwesen treiben". Ein halbes Jahr später wurden anlässlich des 64. Deutschen Katholikentags im August 1925 ganz andere Zahlen verbreitet: Jeweils rund 20 deutsche und österreichische Zeitungen zitierten aus einer Rede des Leipziger Justizrats Heinrich Schrömbgens (1874-1956), dass es in Berlin wohl rund 30.000 Homosexuelle und 2.000 Stricher gebe. Ihm ging es um "Sittenverfall", christliche Werte und ebenfalls um den "Jugendschutz" (u. a. "Gladbecker Zeitung", 25. August 1925). Worauf seine Schätzungen basierten, teilte er in seinem Vortrag nicht mit.
Welche Bars wurden 1925 neu eröffnet?
Wie für 1924 deutet sich auch im Berlin von 1925 eine starke Fluktuation von Kneipen an. Das Wort "Neueröffnung" in einer Werbeanzeige ist wohl meistens als Hinweis auf eine neu eröffnete Bar und nicht als Hinweis auf eine längere Renovierungspause anzusehen. Nach den Inseraten in Homosexuellen-Zeitschriften zu schließen, gab es im Berlin des Jahres 1925 insgesamt zwölf Neueröffnungen (für 1924 recherchierte ich 15 Neueröffnungen): das "Pan-Palais" (28. Februar), das "Miramar" (7. März), das "Königstadt-Casino" (21. März), das "Café Idyll" (20. Juni), den "Conti-Club" (26. September), die "Taverne" (10. Oktober) und das "Café Hermes" (19. Dezember). Zu den Neueröffnungen der Lokale "Bülow-Palast", "Forster Hütte", "Z. R. III", "Sphinx-Bar" und "Treptow Café Eiskonditorei" wurde in den Zeitschriften kein Datum genannt.

Werbeanzeige zur Eröffnung des Lokals "Taverne" am 10. Oktober 1925. Die Formulierungen "Freundinnen" und "Freunde" sind Chiffren für Lesben und Schwule
Die Schließung der Berliner Lokale "Eldorado" und "Pan-Palais"
Als Ferdinand Friedensburg im Februar 1925 in Berlin Polizeivizepräsident wurde, war der Posten seines Vorgesetzten, des Polizeipräsidenten, bis Mai 1925 unbesetzt, so dass Friedensburg mehrere Monate freie Hand hatte. "Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Schließung des Homosexuellenlokals 'Eldorado' (1925) in der Kantstraße", das zu dieser Zeit noch keine große Bedeutung hatte (Jens Dobler: "Zwischen Duldungspolitik und Verbrechensbekämpfung. Homosexuellenverfolgung durch die Berliner Polizei von 1848 bis 1933", 2008, S. 529).

Ein Foto aus dem späteren legendären "Eldorado" in der Motz-, Ecke Kalckreuthstraße
Auch das Berliner Homosexuellenlokal "Pan-Palais" in der Kurfürstenstraße – das erst am 28. Februar 1925 eröffnet worden war – wurde durch Friedensburg nach einer Razzia dauerhaft geschlossen ("Haaner Volkszeitung", 18. März 1925). In fast gleichlautenden Kurzmeldungen berichteten jeweils mehr als 15 deutsche und österreichische Zeitungen über die Razzia in der Nacht vom 15. auf den 16. März 1925. Die Polizei soll 500 Gäste, "größtenteils" Jugendliche, angetroffen haben, von denen "mehr als die Hälfte Frauenkleider" trugen und mit ihren männlichen Partnern tanzten. Die "Feststellungen ergaben", dass "auch das gesamte Personal homosexuell veranlagt" war. Die Personalien aller Anwesenden wurden aufgenommen und das Lokal wurde dauerhaft geschlossen (u. a. "Arbeiter-Zeitung", 17. März 1925).

In der "Fanfare" (Jg. 1925, Heft 7-9, hier Heft 8) wurde einige Wochen vor der Schließung noch Werbung zur Neueröffnung des "Pan-Palais" am 28. Februar 1925 geschaltet
Auch wenn man weiß, dass Friedensburg einige Monate lang repressiv schalten und walten konnte (s. a. die erste Folge dieser Artikelserie), bleiben einige Fragen offen: Warum habe ich weder in den Homosexuellen-Zeitschriften noch in den bürgerlichen Zeitungen Berichte über die Schließung des "Eldorado" gefunden? Waren noch mehr Kneipen von Schließungen betroffen?
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Die Dielen für die Damen
In den Homosexuellen-Zeitschriften des Jahres 1925 finden sich nur wenige Inserate von lesbischen Bars in Berlin. Für das "Café Olala" in der Zietenstraße, Ecke Bülowstraße wurde Werbung geschaltet ("Die Fanfare", Jg. 1925, Heft 2), wobei wir in diesem Fall aus anderen Quellen wissen, dass es sich um ein lesbisches Café handelte. Zur Neueröffnung der "Treptow Café Eiskonditorei" wurde diese als "Treffpunkt der Damenwelt" beworben ("Die Freundschaft", Jg. 1925, Heft 7). In ähnlicher Weise wurde auch das "Café Kobold" in der Holzmarktstraße 3 als "Treffpunkt der Dame" bezeichnet ("Freundschaftsblatt"). Im "Freundschaftsblatt" (11. September 1925) wurden Aufnahmen zu dem Film "Der zerbrochene Krug" angekündigt, der später hier auch aufgeführt werden sollte ("Freundschaftsblatt", Jg. 1925, Heft 14). Ein zeitlich dazu passender Film konnte – auch unabhängig von dem bekannten Lustspiel von Heinrich von Kleist – nicht ermittelt werden.

Bericht über ein Konzert und Filmaufnahmen im "Café Kobold"
Ein Zeitzeuge berichtet über die Cafés und Kneipen von Berlin
Konrad Haemmerling (1888-1957) hat unter seinem Pseudonym Curt Moreck u. a. in seinem "Führer durch das 'lasterhafte' Berlin" (1931, hier zitiert nach der Neuausgabe 2018) die Berliner Homosexuellenszene beschrieben. Seine lebendigen Berichte über das schwule, lesbische und trans* Leben (S. 115-152 in jeweils drei Kapiteln) geben seltene Innensichten aus dem damaligen Berliner Nachtleben wieder. Von den 21 von Moreck beschriebenen Bars hat es einige auch schon 1925 gegeben. In der (vielleicht etwas naiven) Hoffnung, dass sich in den sechs Jahren zuvor nicht viel verändert hatte, möchte ich einige seiner Eindrücke wiedergeben: Das "Dé Dé" (S. 126) wird als die "Nachtbar des Herrn" bezeichnet. Im "Café Hollandaise" (S. 126) "unter dem Hochbahnbogen der Bülowstraße gibt es allabendlich ab acht Uhr Tanz, und sonntags vereinigen sich die Freundespaare sogar zum Tanztee". Nur Morecks Beschreibung des späteren "Eldorado" (1930-1933; Kalckreuthstraße/Motzstraße) lässt sich hier schlecht anführen, weil es mit dem früheren "Eldorado" (1924-1926; Kantstraße) wohl kaum vergleichbar war.
Curt Moreck bietet auch Eindrücke von lesbischen Bars, die bereits 1925 existierten: Beim "Café Olala" (S. 139) in der Zietenstraße sollte der Name, so Moreck, eigentlich ein Versprechen sein, "aber das Milieu stellt dieses Versprechen in Frage", denn es gebe hier eher "trübe Fensterscheiben", ungepflegte Räume und viele "Frauen mit dem horizontalen Handwerk". Es gab Bars, die von Schwulen und Lesben besucht wurden. Das Lokal "Dorian Gray" (S. 138) sei "eines der ältesten dieser Art, bereits geweihte Stätte des sapphischen Eros, an der aber auch dem mannmännlichen Bruder ein Gastrecht eingeräumt wird", wobei es aber eine strikte Trennung in Männer- und Damentage gebe (übrigens ganz im Gegensatz zu Werbeanzeigen dieses Lokals, in denen Schwule und Lesben gemeinsam feiernd dargestellt wurden).

Nach Angabe des Autors Curt Moreck hielt das "Café Olala", hier eine Werbeanzeige aus der "Fanfare" (Jg. 1925, Heft 2), nicht das, was es im Namen versprach
Österreich: Eine Razzia in der Wiener Burggasse
Zum Schluss möchte ich noch auf vier Artikel in österreichischen Zeitungen von Januar 1925 hinweisen, die möglicherweise in einem indirekten Zusammenhang stehen. Sehr ausführlich berichtet "Die Stunde" (9. Januar 1925) über eine Razzia am 29. Dezember 1924 im "Café Filmburg" in der Wiener Burggasse 23: Die Polizei habe eingegriffen, weil sie eine Gruppe von Homosexuellen vermutet habe und "die angeblichen Exzesse (…) [habe] entlarven" wollen. Der spätere Polizeibericht verwies auf "verdächtige" Frauen, die Spitznamen wie "Friedrich der Große" und "die Kokaindose" trugen. 58 Personen wurden verhaftet und bis 4 Uhr morgens auf der Polizeiwache festgehalten. Später stellte sich heraus, dass es sich um das Treffen eines Theatervereins gehandelt hatte. Der Artikel kritisiert das Verhalten der Polizei, die 58 unbescholtene Personen bis morgens auf der Wache festgehalten hatte. (Es bleibt offen, ob die Zeitung die Polizei auch dann kritisiert hätte, wenn es sich tatsächlich um ein Homosexuellenlokal gehandelt hätte.) Das "Neue Wiener Journal" (7. Januar 1925) berichtete bereits zwei Tage früher als "Die Stunde" etwas voreilig von derselben Razzia: Eine "Gesellschaft homosexueller Männer und Frauen" sei ausgehoben worden. Die Männer hätten Frauennamen getragen und umgekehrt. Sie seien zur Polizei gebracht und schließlich, nach Feststellung ihrer Personalien, entlassen worden. "Die Razzia führte zu keinem Ergebnis."

Das "Neue Wiener Journal" (7. Januar 1925) berichtete etwas vorschnell von einer Razzia gegen eine angebliche "Gesellschaft homosexueller Männer und Frauen"
Bei zwei weiteren Artikeln sehe ich vor allem wegen der zeitlichen Nähe einen Zusammenhang mit dieser Razzia. Ein Artikel in "Die Stunde" (15. Januar 1925) setzt sich sehr kritisch mit dem Chef der Wiener "Sittenpolizei" vor allem im Kontext heterosexueller Prostitution auseinander und stellt am Ende die kontextlos wirkende Frage: "Wer unter den Homosexuellen heißt 'die Tuttelhilda'?" Der nachfolgende Schlusssatz mit dem "Tänzer Droste" bezieht sich offensichtlich auf den schwulen Tänzer Sebastian Droste (1898-1927), der für seine als skandalös geltenden Auftritte mit Anita Berber bekannt war und in vielen Städten – u. a. auch in Wien – auftrat.
In der "Floridsdorfer Zeitung" (17. Januar 1925) erschien zwei Tage später ein satirischer Beitrag über ein (fiktives) "große[s] Faschingsfest der Perversen und Homosexuellen", dem sich wohl auch noch "Börsenspekulanten und Bilanzverschleierer" anschließen würden. Dieser Beitrag sollte offensichtlich Homosexuelle pathologisieren und kriminalisieren.
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