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Österreichischer Komponist
Wie Alban Bergs queere Oper "Lulu" das Musiktheater revolutionierte
Heute vor 140 Jahren – am 9. Februar 1885 – wurde Alban Berg geboren. Mit seine Oper "Lulu" brach er Konventionen, indem er unverblümt queere Themen ins Zentrum rückte – beeinflusst wohl auch durch das Verhältnis zu seiner offen lesbischen Schwester Smaragda.

Der österreichische Komponist Alban Berg (1885-1935) im Jahr 1909 (Bild: Atelier Madame d’Ora / ÖNB Wien)
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9. Februar 2025, 05:54h 6 Min.
Alban Berg wird als feinfühliger und geistreicher Beobachter beschrieben, gebildet und mit einer Spur von verschmitztem Humor. Man könnte ihn auf den ersten Blick mit dem jungen Oscar Wilde verwechseln. Vor allem in seiner Selbstinszenierung als Dandy: den Kopf sanft geneigt und von einer Hand leicht gestützt, die Augen halb geschlossen, das Gesicht umweht von einem aristokratisch anmutenden Lächeln. Der am 9. Februar 1885 geborene Sohn aus einer wohlhabenden Wiener Kaufmannsfamilie besticht durch seine markanten Züge, die ihm einen Hauch von Androgynität verleihen. Obwohl er dem Anschein nach keine Männer begehrt, widmet er sich mit großer Ernsthaftigkeit als einer der ersten Komponisten den Fragen nach Queerness und homosexueller Orientierung.
Alban Bergs 1937 in Zürich uraufgeführte Oper "Lulu" ist das erste bedeutende Werk der Musikgeschichte, das eine gleichgeschlechtlich orientierte Figur offen zeigt, ohne sich mit bloßen Andeutungen zu begnügen. Es handelt sich dabei um die lesbische Gräfin Geschwitz, die unsterblich in Lulu verliebt ist – wobei diese Liebe unerwidert bleibt und auf dem zu dieser Zeit üblichen Klischee der Pathologisierung beruht: Die Manipulierbarkeit und die Aufopferung der Gräfin grenzen an Masochismus. Für Lulu gibt sie ihr Vermögen dahin; sie lässt sich zur Krankenschwester ausbilden, um Lulu aus der Gefängnisstation zu befreien und sich anstelle des Objekts ihrer Begierde schließlich selbst in Haft zu begeben, wobei sie sich auch noch absichtlich mit Cholera infiziert.
Emotionale Tiefe und Empathie für lesbische Liebe
Ungeachtet ihrer inneren Zerrissenheit ist die Gräfin Geschwitz die einzige Figur in dem Drama, die eine Liebesarie vorträgt – ganz zum Schluss, als sie nach der mörderischen Attacke von Jack the Ripper zusammen mit Lulu im Sterben liegt. Es sind die ergreifendsten Momente in dem Werk, musikalisch und literarisch: "Lulu! Mein Engel! Laß dich noch einmal sehn! Ich bin dir nah! Bleibe dir nah! In Ewigkeit!" Sie allein ist es, die in dem Stück ihre bedingungslose Zuneigung gegenüber Lulu bekundet – ihre heterosexuellen Rivalen bringen bestenfalls distanzierte Bewunderung und Schmeicheleien zum Ausdruck.

Barbara Hannigan als Lulu (links) und Natascha Petrinsky als Gräfin Geschwitz in einer Krzysztof-Warlikowski-Inszenierung an der Oper Brüssel (Bild: Bernd Uhlig)
Zwar ist das gleichgeschlechtliche Begehren der Gräfin Geschwitz bereits in der literarischen Vorlage von Frank Wedekind angelegt, aber erst Bergs musikalische Umsetzung verleiht ihr emotionale Tiefe und Empathie. Die Arbeit an der Figur bereitete ihm jedoch eigenen Aussagen zufolge große Schwierigkeiten – wobei es gute Gründe zur Annahme gibt, dass Alban Berg beim Komponieren die ambivalente Beziehung zu seiner um ein Jahr jüngeren Schwester Smaragda vor Augen hatte. Zu ihr pflegte er von Kindesbeinen an ein inniges Verhältnis.
Selbstbewusst lesbisch im frühen 20. Jahrhundert
Smaragda war offen lesbisch und scherte sich nicht darum, dass sie im beheimateten Milieu des Wiener Bürgertums ein gesellschaftliches Tabu brach. Es ist bemerkenswert, mit welchem Selbstbewusstsein und mit welcher Lebensgier Smaragda ihre Sexualität auslebt. Sie schreckt nicht mal davor zurück, Prostituierte zu sich nach Hause einzuladen, während ihr verklemmter Bruder jahrelang vorgibt, seine spätere Frau Helene lediglich seelisch zu begehren. Helenes Vater stemmt sich aus diesem Grund lange gegen die Hochzeit: Der offene Umgang von Albans Schwester mit ihrem Lesbischsein ist ihm ein Dorn im Auge. Als Alban und Helene letztendlich doch heiraten, versucht Smaragda, ihrem Bruder die Gattin auszuspannen und schreibt dieser einen leidenschaftlichen Liebesbrief. Kein Wunder, dass der Vorfall die geschwisterliche Beziehung nachhaltig beeinträchtigt. Genauso herausfordernd muss es für Alban allerdings auch gewesen sein, dass ihn seine Schwester aufgrund ihrer Offenheit zur Auseinandersetzung mit seinen eigenen Affären, Geheimnissen und Verklemmungen nötigte.

Smaragda Eger-Berg im Jahr 1908 (l.), Richard Gerstls Porträt von ihr (Bilder: Alban Berg Stiftung, Wikipedia)
War sich Alban seiner eigenen sexuellen Orientierung nicht sicher? Ein Buch, das ihn von frühester Jugend prägt, ist Otto Weiningers "Geschlecht und Charakter" – rückblickend ein hochneurotisches Machwerk, in dem der Autor seine zunächst progressive These von der natürlichen Bisexualität jedes Menschen mit einem Feuerwerk an sexualfeindlichen, frauenverachtenden und antisemitischen Schlussfolgerungen konterkariert. Dabei war Weininger nicht nur selbst jüdischer Herkunft, sondern kämpfte vermutlich auch gegen eigene homoerotische Triebe an. Der Erfolg seines Buches konnte nicht verhindern, dass er sich kurz nach der Veröffentlichung selbst erschoss. Berg, gerade erst 18 Jahre alt, zeigt sich erschüttert und besucht ihn am Totenbett. Eine Ausgabe des Buchs findet sich in Bergs Nachlass, versehen mit zahlreichen Randnotizen.
"Ich liebte einmal einen Studenten mit 175 Schmissen"
In "Lulu" setzte sich Alban nicht nur explizit mit der weiblichen, sondern auch mit der männlichen Homosexualität auseinander – obwohl es dafür in Wedekinds als literarische Vorlage dienenden Dramen "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora" keine Anknüpfungspunkte gibt. Berg selbst, der zwar umfangreiche Kürzungen vornimmt, sich ansonsten jedoch streng an den Ursprungstext hält, nimmt für das Libretto an einer entscheidenden Stelle eine Änderung vor: minimal, dafür aber eindeutig.
Beim verunglückenden Sex mit einem Künstler lässt Wedekind Lulu an einer Stelle sagen: 'Ich liebte einmal einen Studenten mit vierundzwanzig Schmissen …'. Schmiss-Narben, durch Fechtkämpfe erworben, galten im 19. Jahrhundert als Zeichen männlicher Ehre. Lulu verweist auf die Absurdität und Lächerlichkeit solcher geschlechtsspezifischer Eitelkeiten und macht sich darüber lustig, indem sie mit 'vierundzwanzig' eine absurd hohe Zahl nennt – und das Versagen ihres Liebhabers auf dessen hypermännliches Selbstverständnis zurückführt. Alban Berg wiederum ersetzt Wedekinds vierundzwanzig durch eine symbolträchtige Zahl: "Ich liebte einmal einen Studenten mit 175 Schmissen". Damit verleiht er den "Schmissen" – in Anspielung auf den berüchtigten und in der Bevölkerung damals weitgehend bekannten Paragrafen 175 – eine ganz andere Bedeutung: Er lenkt das Thema auf verleugnete männliche Homosexualität. Es ist bemerkenswert, dass dieser Aspekt in der Musikwissenschaft bislang keine Rolle zu spielen scheint.
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"Lulu" ist in mehrerlei Hinsicht revolutionär
Als Alban Berg 1935 an den Folgen einer Infektion stirbt, bleibt seine Oper ein Fragment mit zwei Akten und zwei symphonischen Stücken für den geplanten dritten Akt. Die Uraufführung findet postum im Jahr 1937 statt, unvollendet und mit großem Erfolg. Zu diesem Zeitpunkt wird die von ihm verwendete Zwölftonmusik von den Nazis längst als "entartet" gebrandmarkt. Da Bergs Witwe die Wiederherstellung durch einen anderen Komponisten verhindern wollte, dauert es noch Jahrzehnte, bis Friedrich Cerha den dritten Akt nach Einsicht in das vorhandene Skizzenmaterial Bergs vervollständigen kann. Als rekonstruierte Fassung kommt "Lulu" schließlich unter der Leitung von Pierre Boulez 1979 an der Pariser Oper zur Aufführung.
"Lulu" ist in mehrerlei Hinsicht revolutionär – nicht nur, weil Berg aus der ursprünglich als Randfigur konzipierten Gräfin Geschwitz eine komplexe Persönlichkeit schafft und erstmals Homosexualität explizit benennt, anstatt sie zu verschlüsseln. Mit dem Werk entlarvt der Komponist grundlegend gesellschaftliche Kategorien von Geschlecht und Sexualität und zeigt anhand der Partitur die zerstörerische Dynamik auf, die sich aus heteronormativen Moralvorstellungen ergibt – ein Thema, das zuvor nur im Sprechtheater, nicht aber in der Oper üblich war. Zudem integriert Alban Berg die von Arnold Schönberg erfundene Zwölftonmusik in ein emotional zugängliches, mitunter romantisch wirkendes Klangspektrum, das den Weg ins Opernrepertoire fand, wenngleich es auch heute noch hohe Anforderungen an die Hörgewohnheiten des Publikums stellt.
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