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Interview

Wie queer­feindlich kann eine KI sein, Benjamin Gutsche?

Mit "All You Need" schuf Benjamin Gutsche die erste queere ARD-Serie, jetzt läuft sein Sechsteiler "Cassandra" auf Netflix. Wir sprachen mit ihm über reaktionäre Roboter, zeitlose Schlager und selbstverständliche Diversität.


Der Roboter Cassandra singt gern Schlager von Marianne Rosenberg, findet Homosexualität jedoch verwerflich (Bild: Netflix)

Nach einem Schicksalsschlag zieht Familie Prill von Hamburg in die Provinz, genauer gesagt in ein Anwesen, das Anfang der 1970er Jahre Deutschlands erstes Smart Home war. Zur Überraschung aller funktioniert die vermeintliche KI Cassandra in Roboterform wie auf den omnipräsenten Bildschirmen im Haus noch immer. Doch sie hat eine ganz Agenda – und vor allem ein dunkles Geheimnis.

Ausgedacht hat sich diese Geschichte der in Luckenwalde geborene Regisseur und Drehbuchautor Benjamin Gutsche, der auch schon Serien wie "Arthurs Gesetz" und die erste queere ARD-Serie "All You Need" verantwortete. Anlässlich seines Sechsteilers "Cassandra", der schon nach wenigen Tagen auf Platz zwei der deutschen Netflix-Charts steht (Serienkritik von Thomas Bremser), trafen wir den schwulen Showrunner zum Interview.


Die Miniserie "Cassandra" kann seit 6. Februar 2025 auf Netflix gestreamt werden

Benjamin Gutsche, wie nahm Ihre neue Serie "Cassandra" Ihren Anfang? Wollten Sie etwas über Smart Homes erzählen?

Eigentlich fing alles damit an, dass die Produzentin Eva Stadler mit mir vor einigen Jahren darüber sprach, dass gerade alle nach Near-Future-Geschichten schreien, also Geschichten, die in nicht allzu ferner Zukunft spielen. Noch ohne fliegende Autos, damit alles noch im Budget-Rahmen bleibt, aber gerne mit einer modernen Technologie, die das Ganze spannend macht. So kam der Autorin Sina Flammang und mir die Idee eines Smart Homes im Jahr 2045, das sich in den Vater der Familie verliebt, die dort einzieht. Doch dann habe ich auf Netflix "Black Mirror" geguckt und gemerkt, dass dort in zahlreichen Folgen eigentlich schon alles in dieser Richtung erzählt wurde, aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und in verschiedenen Genres. Hätten wir bloß etwas über künstliche Intelligenz und diese Technologie erzählt, hätten wir wie eine Kopie gewirkt. Also wollte ich das Projekt eigentlich schon ad acta legen.

Und dann?

Dann kam mir wirklich über Nacht die Idee, zurück an den Anfang zu gehen und von dem ersten Smart Home Deutschlands in den 1970er Jahren zu erzählen. Daraus entwickelte sich der Gedanke, dass es in der Geschichte vielleicht gar nicht mehr um die künstliche Intelligenz geht, nicht um Science-Fiction oder Futurismus. Sondern viel mehr um die Frage, wie sich das Weltbild von damals verändert hat. Was passiert, wenn das Weltbild einer vermeintlich künstlichen Intelligenz von vor 50 Jahren auf eine sehr moderne, diverse Familie von heute trifft? Als Psycho-Thriller und Familiendrama mit märchenhaften Elementen hatte ich plötzlich richtig viel Lust auf diese Geschichte, und als ich damit an Netflix herangetreten bin, war man dort zum Glück auch sofort Feuer und Flamme.

Warum gerade die frühen 1970er Jahre? Im Grunde hätte man den Retro-Handlungsstrang der Geschichte auch zehn Jahre früher oder später spielen lassen, oder?

Für mich war diese Zeit des Umbruchs wichtig, die Jahre nach 1968. Wir wollten eine Hausfrau zeigen, die nicht ausschließlich devot ist, sondern der man von Anfang an auch eine Power anmerkt. Und deren beste Freundin in Sachen Emanzipation bereits weiter ist. Hätte man "Cassandra" in den 80ern angesiedelt, wären wir wiederum schon viel zu sehr in der Computerzeit gelandet. Außerdem gab ja zuletzt einen riesigen Hype um die 1980er Jahre, weswegen man so vieles aus dieser Zeit schon in anderen Serien gesehen hat. Die 70er fand ich da einfach fresher und auch in der Ästhetik spannender.


Autor und Regisseur Benjamin Gutsche (Bild: Sasha Ostrov / Netflix)

Außerdem sind sie in "Cassandra" nun auch musikalisch sehr präsent, in der Form von zahllosen deutschen Schlagern. Ist das eine Musik, zu der Sie – Mitte der 1980er Jahre geboren – einen persönlichen Bezug haben?

Nicht in dem Sinne, dass man diese Songs heute auf meinen Spotify-Playlisten finden würde. Aber in meiner Recherche, in der ich tief abgetaucht bin in die deutsche Schlagermusik der 60er und 70er Jahre, habe ich wirklich festgestellt, wie toll die meisten dieser Lieder produziert sind. Nicht umsonst hat man eigentlich immer einen Ohrwurm von ihnen, wenn man sie mal hört. Früher haben meine Tante und mein Onkel immer Grillabende im Garten gefeiert, wo Schlager-Kassetten rauf und runter gespielt wurden. Das habe ich als Acht- oder Neunjähriger geliebt. Es gab also durchaus auch einen persönlichen Bezug meinerseits. Wobei ich bei der Auswahl der Songs nicht nur darauf geachtet habe, dass sie eingängig und bekannt sind, sondern auch inhaltlich etwas transportieren, das für die Szene wichtig ist.

Der Tonfall der Serie ist ein besonderer. Es fielen schon Schlagworte wie Thriller und Familiendrama, auch Humor spielt eine wichtige Rolle…

Ich bin kein Fan davon, immer in so eingrenzenden Kategorien wie Genre und ähnlichem zu denken. In welche Schubladen man die Serie am Ende steckt, das überlasse ich gerne dem Zuschauer oder dem Netflix-Algorithmus. Mir ist einfach wichtig, gute Unterhaltung zu bieten – und dafür liebe ich es, mit ganz verschiedenen, überraschenden Elementen zu arbeiten. Ein Film wie "Pans Labyrinth" hat doch damals gezeigt, wie spannend das sein kann. Jeder würde erwarten, dass die Geschichte eines vom spanischen Bürgerkrieg traumatisierten Mädchens ein anspruchsvolles Drama ergibt. Aber stattdessen machte Guillermo Del Toro daraus eine epische Fantasy-Geschichte.

Wie haben Sie bei all diesen Elementen die richtige Balance gefunden?

Das ist natürlich nicht ganz einfach, und selbst im Schnitt arbeitet man da noch dran. Wie viel Drama will ich erzählen und wie viel Humor darf mit rein, ohne die Spannung der Geschichte zu verlieren? Wie integriere ich Horror-Momente, ohne sie überzustrapazieren und aus den Augen zu verlieren, dass die Serie im Kern ein Familiendrama ist? All das mussten wir ein bisschen ausprobieren. Aber ich habe relativ schnell gemerkt, dass wir insgesamt auf dem richtigen Weg sind, denn dieser schräge Mix weckte bei allen eine große Neugier. Das war allemal wichtiger, als "Cassandra" ein schlichtes Label verpassen zu können.

War es von Beginn an eine Selbstverständlichkeit für Sie, dass auch Queerness wieder fester Bestandteil dieser Serie ist?

Die Idee war immer, dieses veraltete Weltbild aus den 70er Jahren auf die Zeit von heute und eine moderne Familie prallen und so ein Spannungsfeld der Gegensätze entstehen zu lassen. Deswegen war für mich immer klar, dass wir die Familie im Zentrum divers besetzen und es auch eine queere Figur darin geben soll. Das war auch wichtig mit Blick auf den Sohn der Familie in den 70ern.

Gehört es, wie manche reaktionären, diversitätsfeindlichen Zuschauenden behaupten, bei Netflix-Serien mittlerweile zwingend dazu, dass queere und nicht-weiße Menschen zu sehen sind?

Es ist schon sehr traurig, wie viele frustrierte Menschen es da draußen zu geben scheint. Deswegen versuche ich mittlerweile auch eigentlich, die Kommentare in den sozialen Netzwerken nicht mehr zu lesen. Von einem Zwang, solche Figuren in eine Geschichte zu integrieren, weiß ich in jedem Fall nichts. Aber ich freue mich sehr, dass man damit bei Netflix offene Türen einrennt. Und sie auch immer bereit sind, für solche Rollen neue Gesichter zu finden. Für mich persönlich ist diese Diversität in meinen Geschichten einfach eine Selbstverständlichkeit, selbst in den Fällen, in denen es inhaltlich gar nicht darum geht. Denn meine Lebensrealität, sei es in meinem Freundeskreis oder in meinem Arbeitsumfeld, sieht einfach so aus!

-w-