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Folge 8 von 10

Schwules Leben vor 100 Jahren: Literatur

Die Zeitungen berichteten 1925 über den 25. Todestag Oscar Wildes und den 50. Geburtstag Thomas Manns. Sein Sohn Klaus Mann veröffentlichte mit "Der fromme Tanz" seinen ersten Roman.


Ein phallischer Bleistift sorgte 1925 für Diskussionen: Szene aus der Verfilmung von Thomas Manns "Zauberberg" aus dem Jahr 1981

Homosexuelle Belletristik

Mittlerweile gibt es mehrere wissenschaftliche Werke, die sich mit der schwulen Literaturgeschichte der Weimarer Republik beschäftigen, wie z. B. Marita Keilson-Lauritz' Dissertation "Die Geschichte der eigenen Geschichte. Literatur und Literaturkritik in den Anfängen der Schwulenbewegung" (1997). Die Bewertung von dem, was in der Weimarer Republik an schwuler Literatur möglich war und erschien, bleibt jedoch subjektiv. So kommen die beiden Literaturwissenschaftler René Kallinger (Diplomarbeit, 2011) und Wolf Borchers (Dissertation, 2001) zu vollkommen unterschiedlichen Einschätzungen: Für Kallinger war die Zeit "eine Blüte- und Hochzeit der schwulen Literatur" (S. 55), während Borchers leicht abfällig nur von "einer sentimentalen Erbauungsliteratur" jener Zeit schreibt (s. a. mein Beitrag für das Jahr 1924 auf queer.de).

Nach einem Abschnitt über die damalige Verlagslandschaft stelle ich eine Autorin und mehrere Autoren in alphabetischer Reihenfolge vor, deren Werke mit homosexuellen Bezügen 1925 veröffentlicht oder rezipiert wurden. Mit Oscar Wilde ist ein nicht-zeitgenössischer Autor dabei, der jedoch auch in diesem Jahr die Auseinandersetzung über schwule Literatur mitprägte.

Verlage mit homosexuellem Schwerpunkt in der Weimarer Republik

Die Anfänge der Verlage, die einen Schwerpunkt auf homosexuelle Literatur legten, sind schon im deutschen Kaiserreich zu finden. Max Spohr war ab 1893 der erste und damals einzige deutsche Buchhändler und Verleger, der in nennenswertem Umfang Publikationen rund um das Thema Homosexualität – wie die "Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen" und viele Bücher – veröffentlichte. Nach Max Spohrs Tod 1905 wurden die Geschäfte seinem jüngeren Bruder Ferdinand Spohr übergeben. Der Schwerpunkt auf Homosexualität blieb bestehen. Das zeigt sich auch daran, dass Ferdinand Spohr Mitte 1925 einen zweiseitigen Prospekt nur mit Publikationen über Homosexualität herausgab ("Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", 1. Juli 1925). Daneben gab es noch den Verleger Adolf Brand, der u. a. die Homosexuellen-Zeitschrift "Der Eigene" (1896-1906, 1919-1932) herausgab und auch Bücher publizierte, aber ein wesentlich weniger breites Publikum ansprach.

In der Weimarer Republik kamen weitere Verleger hinzu: Dazu gehörte der Steegemann-Verlag, der 1919 von Paul Steegemann gegründet wurde und auf moderne Literatur spezialisiert war (s. queer.de). Schwule und lesbische Literatur erschien hier bis 1924 – von Maximiliane Ackers' Roman "Freundinnen" einmal abgesehen, von dem 1927 und 1928 Neuauflagen erschienen (siehe unten). Ebenfalls 1919 gründete Karl Schultz seine "Karl-Schultz-Verlagsgesellschaft", in der u. a. die Homosexuellen-Zeitschrift "Die Freundschaft" herauskam. 1928 zog sich Schultz aus dem Verlagsgeschäft zurück. Besonders beeindruckend finde ich eine ganzseitige Werbeanzeige des Verlags in "Die Freundschaft" (Jg. 1925, Heft 1), die sich an Heterosexuelle richtete. Unter der Überschrift "Normalempfindender, opfere einen Augenblick und lies" ging es Schultz in seinem ernsthaften emanzipatorischen Streben darum, über Homosexualität und die Forderung nach Abschaffung des § 175 aufzuklären. (Es bleibt allerdings die Frage, warum er davon ausging, dass eine heterosexuelle Person diese Zeitschrift gelesen haben sollte). Wenige Jahre nach Schultz gründete Friedrich Radszuweit einen nach ihm benannten Verlag (1923-1933), den er später zu einer Verlags-Buchhandlung ausbaute und in dem mehrere Homosexuellen-Zeitschriften wie die "Blätter für Menschenrecht" (1923-1933), "Die Insel" mit dem Nachfolger "Das Freundschaftsblatt" (1923-1933) und "Die Freundin" (1924-1933) erschienen.


Friedrich Radszuweits Verlagsbuchhandlung in Berlin

Maximiliane Ackers: "Freundinnen"

In dem Roman "Freundinnen" (1923, 1924, 1927, 1928, 1995, 2010) mit dem teilweise verwendeten Untertitel "Ein Roman unter Frauen" beschreibt die Autorin Maximiliane Ackers (1896-1982) einfühlsam die Beziehung der 17-jährigen Erika "Eri" Felden und der etwas älteren Schauspielerin Ruth Wenk. Dabei geht es auch um Probleme am Arbeitsplatz und Beziehungen zu Männern. Die Beziehung der Protagonistinnen zerbricht letztendlich an der gesellschaftlichen Diskriminierung. Eine Szenebar im Roman wird als "Diele" bezeichnet, wobei unklar bleibt, welche Bar möglicherweise als Vorlage diente. Mit ihrem Roman bietet Ackers nur einen begrenzten Einblick in die lesbische Subkultur der Zwanzigerjahre. Im Roman geht es nicht um Sex zwischen den beiden Frauen, sondern nur um keusche Zärtlichkeiten wie einen flüchtigen Kuss auf den Mund. Dies passt zwar zu der Unerfahrenheit der Protagonistinnen, kann aber auch darin begründet sein, dass die Autorin eine solche Form der Entsexualisierung als notwendig ansah, etwa im Hinblick auf Zensur.

Renate Lackinger hat mit ihrem Buch "Verlorene Freundinnen. Leben und Werk von Maximiliane Ackers" (2005) die Geschichte dieses Romans (S. 40-85) und seiner Autorin geschildert, wobei sich zu Ackers' Leben gerade von 1923 bis 1926 kaum Unterlagen finden ließen. In ihrer Untersuchung verweist Lackinger auf die lesbischen Codes in diesem Roman, wozu männlich konnotierte Kleidung und Haarschnitte, aber auch die androgynen Verkürzungen von Vornamen wie "Eri" und "Maxi" gehören. Begriffe wie "Freundinnen" und "unter Frauen" verwiesen zu dieser Zeit auf Lesben. Weil das Wort "lesbisch" im ganzen Roman nicht auftaucht, stellt Lackinger fest, dass die "Deutlichkeit der lesbischen Thematik in Freundinnen (…) stark mit der Sprachlosigkeit in Bezug auf die Art der Liebe" kontrastiere.

Maximiliane Ackers: "Freundinnen" – Werbung und Rezeption

Das Buch erschien im Steegemann-Verlag und wurde über Friedrich Radszuweits Buchhandlung (s. o.) vertrieben. Im "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" wurden vom Verlag mindestens drei ganzseitige Anzeigen geschaltet. In der Werbung für die erste und zweite Auflage fällt jeweils der deutliche und selbstbewusste Satz auf, dass die "Gestaltung der lesbischen Liebe (…) – vielleicht zum ersten Mal in deutscher Sprache – vollkommen gelungen" sei (5. Dezember 1923; 23. April 1924). Vor dem Hintergrund des schon zuvor erschienenen lesbischen Romans "Der Skorpion" von Anna Elisabet Weirauch (1919, s. queer.de) erscheint dieser Hinweis fragwürdig. Die dritte Anzeige (27. Oktober 1927) ist äußerst reißerisch und verweist auf Mord, Totschlag und Kokain, die im Roman gar keine Rolle spielen. Die Entscheidung des Verlages, das Buch ohne inhaltlichen Bezug mit einem Foto der US-amerikanischen Schauspielerin Greta Nissen zu bewerben, wurde von Ackers kritisiert. In den ersten fünf Jahren wurde der Roman 10.000-mal verkauft.


Maximiliane Ackers' Roman "Freundinnen" wurde ohne inhaltlichen Bezug mit einem Foto der Schauspielerin Greta Nissen beworben

Von den vielen Rezensionen, die Renate Lackinger erwähnt (s. o., S. 75-78), möchte ich nur auf die in der Wiener Zeitung "Der Tag" (18. Januar 1928) hinweisen. Grete (von) Urbanitzky – selbst als lesbische Autorin bekannt – schrieb hier, dass der Roman auf "gewagtes Gebiet" führe und "jenen uns bisher nur durch Gerichtssaalberichte (…) bekannt gewordenen Typ junger knabenhafter Mädchen" schildere. Die Beschreibungen, in "denen das eigene Geschlecht zur Erfüllung wird, sind von unendlicher Zartheit". Der Roman gehöre zu den Büchern, die "durch Ehrlichkeit ergreifen, die wohl geeignet sind, klärend zu wirken und es versuchen, für jene zu kämpfen, die nicht auf der breiten Heerstraße der sogenannten Normalmenschen wandeln". Unter den Nationalsozialisten wurde das Buch 1934 beschlagnahmt und zwei Jahre später auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt.

Arnolt Bronnen: "Die Septembernovelle"

In Arnolt Bronnens Erzählung "Die Septembernovelle" (1923) ist der Lehrer Huber zwar verheiratet, mag aber keine Prinzipien und keine Festlegungen. Mit einem Jungen namens Franz fängt er ein sexuelles Verhältnis an, das bald darauf öffentlich bekannt wird. Eines Tages bringt er den Jungen sogar mit nach Hause und geht davon aus, dass seine Frau das alles verstehen würde. Es ist Franz' Geburtstag und der Hochzeitstag von Herrn und Frau Huber. Als Frau Huber die beiden nackt erwischt, fühlt sie sich hintergangen und öffentlich bloßgestellt und tötet daraufhin den Jungen. Danach nimmt sich zuerst Frau Huber und kurz danach auch ihr Mann das Leben. Nach Borchers' Auffassung erscheint hier "Homosexualität als eruptives Naturereignis (…), hemmungslos und brutal (…). Diese radikale Lebensweise, gegen jegliche bürgerlichen Moralvorstellungen verstoßend, endet schließlich in Mord und Selbstmord. Die Erzählung ist für ihre Zeit die erste, die Homosexualität als Synonym für totale Anarchie darstellt" (Borchers, S. 197).

Das Werk ist sprachlich sehr deutlich (Huber hält "seine Hoden in der Hand", 1923: S. 29; "Schwanz", S. 22; "Eier kratzen", S. 42). Darauf wies – mit großer Verspätung – auch Paul Weber in seiner Rezension im "Freundschaftsblatt" (Jg. 1925, Heft 2) hin wie auch darauf, dass es erstaunlich sei, dass dieses Buch nicht für unzüchtig erklärt oder konfisziert wurde. Weber sprach eine deutliche Warnung aus: Diese Novelle könne in heterosexuellen Kreisen "nur Abscheu gegen uns Homosexuelle erwecken". Das Werk sei auch nicht geeignet, "über die Freundesliebe aufzuklären", und: "Wer es liest, vermeide es, an heterosexuell Empfindende dieses Buch weiter zu geben."

Der Literaturwissenschaftler Joachim Campe (Nachwort in der Neuauflage der "Septembernovelle" von 1989, S. 55-65, hier S. 62) ist der Ansicht, Bronnen habe mit diesem Werk versucht, sich "von Gefühlen zu befreien, die eine Zeitlang überstark wurden" und die ihn, wie es in seiner Autobiografie "Arnolt Bronnen gibt zu Protokoll" (1954) heißt, sogar "vergifteten" (s. a. Wikipedia). Der äußere Anlass für dieses homophobe und pädosexuelle Machwerk lag also vielleicht in dem Umstand begründet, dass Arnolt Bronnen mit seiner Homosexualität nicht zurechtkam.


Arnolt Bronnen – der Autor der "Septembernovelle" – an seinem Schreibtisch

Erich Ebermayer: "Der Letzte" und "Sieg des Lebens"

Erich Ebermayer (1900-1970) war ein schwuler Schriftsteller und Jurist, der mit mehreren anderen prominenten schwulen Männern, wie Klaus Mann und dem Reformpädagogen Gustav Wyneken, in freundschaftlichem Kontakt stand. Auf seinen homoerotischen Novellenband "Doktor Angelo" (1924) bin ich schon vor einem Jahr hier auf queer.de eingegangen. 1925 hatte er sich als Rechtsanwalt niedergelassen und auch mehrere Männer bei Verfahren wegen § 175 verteidigt.

Im Jahr 1925 erschienen zwei Werke von Ebermayer, die sich nicht als homoerotisch bezeichnen lassen, die jedoch in der Schwulenzeitschrift "Der Eigene" rezipiert wurden. Erich Ebermayers Novelle "Der Letzte" wurde im Frühjahr 1925 als Liebhaberausgabe in 500 Exemplaren gedruckt, was die Seltenheit auf dem Antiquariatsmarkt erklärt. Unter dem Titel "Tischgespräch" (Jg. 1925, S. 506-511) erschien in "Der Eigene" zunächst ein autorisierter Teilabdruck mit einem recht banal wirkenden Streitgespräch des Protagonisten Raoul Edgar mit seiner Mutter. Einige Seiten später findet sich eine Rezension von "Dr. F. T." (Frank Thiess?), in der es heißt, Ebermayer sei ein "Meister des Wortes und der Darstellung" sowie "der tiefsten Geheimnisse des Herzens". Er schildere die Geschichte des einsamen Raoul Edgar mit seinem "Gefühle des Ausgeschlossenseins" (Jg. 1925, S. 525-526). Im Kontext der Zeitschrift sollte dies wohl auf Homosexualität hindeuten.

In Ebermayers Roman "Sieg des Lebens" hat der 17-jährige Dieter Bratts – im Gegensatz zu seinem 19-jährigen Freund Peter Wendelin – noch keine sexuellen Erfahrungen mit Frauen. Es treibt ihn aber auch nicht dorthin (S. 15). Dennoch lässt er sich zu einem gemeinsamen Bordell-Besuch überreden. Am nächsten Morgen realisiert er seine Erlebnisse, die ihn aufwühlen, "Ekel" steigt in ihm hoch. Als sein Vater stirbt, wird die Verbindung zur Mutter näher und er fragt nach dem Sinn des Lebens. Im "Eigenen" (Jg. 1926, S. 92) erschien eine wohlwollende Besprechung von Angelo Marion (sicherlich ein Pseudonym), was vielleicht nur daran lag, dass das Buch von einem homosexuellen Autor verfasst wurde. Der Inhalt passt aber auch gut zur elitären Attitüde des "Eigenen", in dem gerne betont wurde, wie edel die Homosexualität im Vergleich mit "niederen" Formen der Heterosexualität sei.


Erich Ebermayers Roman "Sieg des Lebens" (Ausschnitt)

Das Verhältnis Erich Ebermayers zu seinem Vater

Erich Ebermayers Vater war Ludwig Ebermayer (1858-1933), der von 1921 bis 1926 Oberreichsanwalt war. In seinem Artikel "Standesangelegenheiten. Rechtsfragen aus der ärztlichen Praxis" (in: "Deutsche Medizinische Wochenschrift", 13. Juni 1924, Heft 24, S. 806-808, hier S. 807) hat sich Ludwig Ebermayer im Tenor für eine Straffreiheit homosexueller Handlungen eingesetzt. Bezogen auf seine berufliche Prominenz ist es nachvollziehbar, dass in den "Blättern für Menschenrecht" (Jg. 1925, April, S. 18-31, hier S. 24) betont wird, "selbst Herr Oberreichsanwalt Dr. Ebermayer" habe erklärt, "dass der § 175 nicht aufrechtzuerhalten sei".

Schon vor einem Jahr habe ich hier auf queer.de vermutet, dass zwischen den Veröffentlichungen des Sohnes und des Vaters über Homosexualität "ein Zusammenhang zumindest vorstellbar" sei. Ein solcher Zusammenhang wird nun durch ein neu erschienenes Buch gestützt. Erich Ebermayer schrieb 1969/1970 das Manuskript zu seiner Autobiografie, das erst 2004 in seinem Nachlass gefunden und Ende 2024 unter dem Titel "Jugend im Lichte des Vaters. Erinnerungen 1910-1929" erstmals veröffentlicht wurde. Er berichtet hier viel über seine Freundschaften und auch davon, dass im Jahre 1924 sein akademischer Lehrer, der Germanist Albert Köster, "wegen einer homosexuellen Affäre seinem Leben ein Ende" setzte (S. 390-391). Der Germanist und Historiker Mirko Nottscheid hat in seinem Artikel über Albert Köster im Lexikon "Hamburgische Biografie" (2012, 6. Bd.) auf diesen Hintergrund bereits zuvor hingewiesen, der aber ansonsten in der schwulen Geschichtsforschung weitgehend unbekannt ist.


Foto von Erich Ebermayer (l.) und seinem Vater (r., 1922) und das Cover von "Jugend im Lichte des Vaters" (2024 mit einem Foto von ca. 1930)

Erich Ebermayer äußerte sich auch mehrfach über seine Freundschaft zu seinem Vater und dessen aufgeschlossener Haltung zu seiner Homosexualität (S. 78, 273, 327, 330, 381-382, 400; s. a. S. 425, 428). Ralf Julke schrieb in seiner Rezension für die "Leipziger Zeitung" (5. November 2024) deshalb vollkommen zu Recht: Seinem "Sohn gegenüber pflegte (er) eine zustimmende, zurückhaltende Position, die den Sohn in seinem Anderssein akzeptierte und ihn in seinen Vorstellungen vom Leben bestärkte".

Erich Ernst – "Die Symphonie des Eros" auf gefährlichem Boden


Das Cover von "Die Symphonie des Eros" (1925)

In der homo­sexuellen Geschichtsforschung ist Erich Ernst heute weitgehend unbekannt. Sein Buch "Die Symphonie des Eros" (ca. April 1925, 137 S.) erschien im Verlag des Homo­sexuellenaktivisten Friedrich Radszuweit. In der online verfügbaren schweizerischen Homo­sexuellenzeitschrift "Freundschaftsbanner" (Jg. 1934, Heft 11, Teil 1; Heft 12 mit Teil 2 und Heft 13 mit Teil 3) wurde das 3. Kapitel des Buches (1925, S. 19-25) als Leseprobe abgedruckt, die vom sprachlichen Stil als repräsentativ für das gesamte Buch angesehen werden kann. Im Kontext einer der leider nicht seltenen Geschichten vom "pädagogischen Eros" geht es um den Lehrer Gerdmann, der seinen Schüler Heinz sexuell begehrt, was hier als legitim erscheinen soll.

Die Rezensionen in zwei Homo­sexuellen-Zeitschriften ähneln sich, weil sie beide diesen Legitimierungsversuch kritisieren, ansonsten aber das sprachliche Niveau der Erzählung loben. Im "Freundschaftsblatt" (Jg. 1925, Heft 7) bezweifelt der Rezensent Martin Splittgerber, ob es "richtig und für unsere Zwecke nutzbringend war, (…) die Liebe eines Lehrers zu einem 15jährigen Schüler" zu behandeln. "Im wirklichen Leben würde eine solche Handlung auch von unserem Standpunkt als bedenklich angesehen werden müssen." Nach Ansicht des Rezensenten in "Die Freundschaft" (Jg. 1925, Heft 8) ist es ein "gefährlicher Boden", auf dem sich der Autor bewege, und auch "unsere Artgenossen werden die Handlungen des Lehrers nicht billigen".

In der NS-Zeit wurde "Die Symphonie des Eros" verboten ("Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", Register des Jahres 1933, s. a. 28. Dezember 1933). Für René Kallinger ("Freundesliebe – Liebesfreuden?!", 2011, S. 54) avancierte "schwule Literatur in der Weimarer Republik zum Massenprodukt", was sich auch bei "Trivialliteratur" wie "Die Symphonie des Eros" zeige.

Peter Hamecher – Gedichte zwischen den Geschlechtern

Peter Hamecher (1879-1938) war Autor und Schwulenaktivist und stammte aus Lechenich bei Köln. Um 1900 zog er nach Berlin, nahm Kontakt zu den Homo­sexuellenaktivisten Adolf Brand und Magnus Hirschfeld auf und betätigte sich als Dichter, Essayist, Erzähler und Herausgeber. Seine Veröffentlichungen waren stark von seinem Interesse an schwuler Literatur geprägt.

Seine literarischen Spuren lassen sich auch 1925 finden. So erschienen in der Homo­sexuellen-Zeitschrift "Der Eigene" mehr als 20 Artikel von ihm (hier online), darunter sein eher kryptisches Gedicht "Wir spielen" ("Der Eigene", Jg. 1925, Heft 9, S. 398). In der Homo­sexuellen-Zeitschrift "Die Freundschaft" veröffentlichte er 1925 zwei recht ähnliche sentimentale Erzählungen, die Empathie wecken sollen und in beiden Fällen mit dem Freitod des Homo­sexuellen enden. In "Hans" (Jg. 1925, Heft 5) schildert der Ich-Erzähler seine zweijährige Freundschaft mit dem blonden Hans während ihrer gemeinsamen Militärzeit. Hans verteidigte Kameraden und auf einer Tanzveranstaltung eine Frau gegen Übergriffe seines brutalen Vorgesetzten. Aus Angst vor den absehbaren Konsequenzen erschoss er sich. In seinem Text "Paul. Eine Strichjungen-Tragödie. Nach den Mitteilungen eines Kriminalbeamten" (Jg. 1925, Heft 6) diente der Hinweis auf einen (vermutlich fiktiven) Polizisten möglicherweise der Legitimierung der Schilderung von Prostitution. Der Polizist betont, dass manche Stricher nur durch "Elend oder Verführung" in die aktuelle Situation gekommen seien. Einer von ihnen ist Paul, der mit 18 Jahren aus seiner zerrütteten Familie fortlief und zwei Jahre lang anschaffen ging. Weil er mit seiner Lebenssituation überfordert war, erhängte er sich.

Zu Hamechers sonstigen Texten aus dieser Zeit gehören auch viele Sachtexte wie "Arthur Rimbaud. Zu seinem siebzigsten Geburtstag" (in: "Blätter des Deutschen Theaters", Jg. 1924/1925, S. 23-24). Hamecher beschreibt hier die Liebe Arthur Rimbauds, der heute als einer der einflussreichsten französischen Lyriker gilt, zu Paul Verlaine. Der Lyriker Verlaine, "schon berühmt und bürgerlich eingeordnet, verliebt sich in die frische, kraftatmende Männlichkeit des Gassenjungen", der das "Antlitz" eines "gestürzten Engels" gehabt habe. Diesen Text und viele weitere von Peter Hamecher aus der Zeit von 1901 bis 1933 habe ich vor einigen Jahren unter dem Titel "Zwischen den Geschlechtern. Literaturkritik, Gedichte, Prosa" (2011, S. 302-303) neu herausgegeben. Ich wünsche mir, dass sie hoffentlich das Interesse an einem faszinierenden Autor wieder wecken können, der bereits seit 1901 offen schwul auftrat. Eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus in Lechenich ist in Vorbereitung.


"Paul" und "Hans", zwei ähnliche Erzählungen von Peter Hamecher in "Die Freundschaft" (Jg. 1925, Hefte 5 und 6)

Christian von Kleist – über erotische Begegnungen

Christian von Kleist (1901 – nach 1933) wurde "von seiner Familie wegen seiner homo­sexuellen Neigungen verstoßen". Mit etwa 18 Jahren zog er nach Berlin, wo er sich Adolf Brand anschloss. "Er war gern gesehener Gast bei Künstlerfesten und ließ sich auch als Aktmodell in antikisierender Pose ablichten. Unter seinem Pseudonym 'Kyrillʻ erschienen die beiden einfühlsamen Novellen 'Wolf Bergenʻ (1927) und 'Nackttänzeʻ (1928). Um 1933 emigrierte er in die USA, wo sich seine Spuren verlieren" (zitiert nach Bernd-Ulrich Hergemöller: "Mann für Mann", 2010, S. 658). Zwei Aktfotos von Kleist sind in Joachim S. Hohmanns Anthologie "Der heimliche Sexus. Homo­sexuelle Belletristik in Deutschland von 1900 bis heute" (1979, S. 279) abgedruckt.


Christian von Kleist

In Adolf Brands Zeitschrift "Der Eigene" publizierte Kleist in den Jahren 1921 bis 1930 mehrere Liebesgedichte, Novellen und Rezensionen. 1924 wurde hier ein Foto von Christian von Kleist veröffentlicht mit dem Hinweis, dass er "Mitarbeiter" dieser Zeitschrift sei (S. 201), was in diesem Zusammenhang mutig und wie ein offen schwules Auftreten wirkt. Im "Eigenen" von 1925 (Heft 12, S. 579) erschien Kleists Gedicht "Sommermorgen", das eine erotische Begegnung zwischen zwei Menschen (unklaren Geschlechts) beschreibt, die sich einem "tiefen, heißen Kuss" hingeben. 1926 rezensierte er im "Eigenen" (Jg. 1926/1927, Heft 5, S. 159-160) Klaus Manns Roman "Der fromme Tanz", der im Jahr zuvor erschienen war.

Thomas Manns 50. Geburtstag

Der Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) wurde auch schon zeitgenössisch als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller angesehen. Thomas Manns Schwärmereien für Jünglinge bzw. junge Männer fanden in seinen Werken "Buddenbrooks" (1901), "Tonio Kröger" (1903) und vor allem in seiner Novelle "Der Tod in Venedig" (1911) literarischen Niederschlag.


Thomas Mann auf einem Foto von 1929

Zu seinem 50. Geburtstag am 6. Juni 1925 erschienen viele lobende Presseartikel. In einigen von ihnen ging es auch um die Frage, ob das, was er schrieb, frei erfunden oder Ausdruck seiner eigenen Gefühle sei bzw. durch welche Anlässe er inspiriert wurde. Einige Zeitungen wiesen dabei dezent auf die Parallelen zwischen seinem Leben und seinem homo­erotischen Werk hin. Für einen der Zeitungsautoren war Thomas Mann "einsam mit seiner Wärme und seiner Empfindung". Bei dem Versuch, Parallelen zwischen Leben und Werk herzustellen, kommt er auf den "uns ganz abseits" führenden "Tod in Venedig" zu sprechen, worin sich Mann "auf das psychopathische, psychoanalytische Gebiet (bewegt) – die Geschichte vom widernatürlichen Liebesleben", was der Autor als (nicht genau definierten) "Nachteil" bzw. als "Fehler" Manns ansieht ("Hagener Zeitung", 4. Juni 1925). Für Willibald Omankowski ist alles, was Thomas Mann geschrieben hat, "in hohem Maße Selbstbekenntnis und Selbstportrait", hiervon nimmt er auch den "Tod in Venedig" als den "Höhepunkt seines Schaffens" nicht aus ("Essener Arbeiter-Zeitung", 5. Juni 1925; "Volkswacht", 5. Juni 1925). Ein weiterer Artikel greift das Motiv der Nord-Süd-Polarität auf, das Thomas Mann in einigen seiner Werke behandelt und das auch für einen unterschiedlichen Umgang mit Sexualität steht: In "seinen Eltern verband sich nordisch protestantische Nüchternheit mit einem südlich freien, vielleicht gar leis ausschweifenden Leben". Das Nordisch-nüchterne werde in "Buddenbrooks" deutlich. Gelegenheit, das Südlich-ausschweifende zu beurteilen, habe er in "Tonio Kröger" und in "Der Tod in Venedig" gefunden ("Deutsche Reichszeitung", 6. Juni 1925). Einen Tag vor seinem Geburtstag erschien die Wiedergabe eines Interviews, in dem Thomas Mann betonte, der "Tod in Venedig" sei "unter dem unmittelbaren Einfluss" von Sigmund Freud entstanden. Ohne Freud – so Thomas Mann – hätte er das "erotische Motiv" nicht oder "ganz anders gestaltet" (u. a. "Westfälische Neueste Nachrichten", 5. Juni 1925).

Thomas Mann und ein Disput über den "Zauberberg"

Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" (November 1924) habe ich vor einem Jahr hier auf queer.de schon ausführlich behandelt, u. a. die Nebenhandlung der Liebe von Hans Castorp zu Pribislav Hippe und wie ein Bleistift von Thomas Mann phallische Assoziationen weckte (s. a. Wikipedia). Wie nicht anders zu erwarten war, wurden in bürgerlichen Zeitungen weder 1924 noch 1925 Artikel gefunden, die auf diese homo­erotische Nebenhandlung eingingen.

Ergänzen möchte ich jedoch noch einen Disput in zwei Homo­sexuellen-Zeitschriften von 1925, die beide den "Zauberberg" lobten. "Die Freundschaft" (Jg. 1925, Heft 5, S. 88) wies auf die Liebe Castorps zu Hippe hin, wobei Hans Castorp als "effeminierter Sproß und Zärtling seiner Familie" bezeichnet wird. Diese Äußerung führte zu einer Erwiderung eines Autors namens Kain unter der Überschrift "Ich protestiere!" in "Der Eigene" (Jg. 1925, Heft 11, S. 496-497). Kain kritisiert, dass die "Freundschaft" damit versucht habe, "ausgerechnet" Thomas Mann in das "Gebiet des effeminierten Tantentums einbeziehen zu wollen". Die "vollkommenste Form der uns bekannten Lebewesen" sieht der Autor in einem Mann, während eine "Sympathie" für Lesben alleine schon vom "ästhetischen Standpunkt" her abzulehnen sei. Verachtung von Frauen und Lesben war in diesem Teil der Homo­sexuellenbewegung leider weit verbreitet, wurde aber selten so explizit öffentlich geäußert.

Thomas Mann über die Ehe und die Bisexualität

Aufgrund der Bedeutung von Thomas Mann möchte ich auch auf eine nicht-belletristische Veröffentlichung von 1925 hinweisen, die seine Einstellung zur Homosexualität gut verdeutlicht.

In seinem Text "Die Ehe im Übergang" (in: "Das Ehe-Buch", 1925, S. 212-226, insbesondere S. 214-220) weist Thomas Mann darauf hin, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen im Schwinden begriffen sei. Die männliche Jugend sei femininer und weicher geworden und nähere sich der weiblichen Schönheit an. Die Homoerotik erfahre von der Jugend "gelassene und unbefremdete Duldsamkeit" und sei mit der Wandervogelbewegung verbunden. Die Homoerotik bzw. "der mann-männliche Liebesbund" und die "Sexualkameradschaft" genössen nunmehr ein gewisse "Gunst" und würden nicht nur im Lichte der Medizin gesehen, auch wenn der Staat sie bestrafe – weil diesem "blindlings an möglichst vielen Geburten (…) gelegen ist". Die Antike lehre, dass es Gründe gebe, sich für sie zu interessieren. Auch Hans Blüher habe plausibel begründet, dass sich "die Herkunft des Staates selbst aus dieser Sphäre" ergebe. Aus verschiedenen Gründen sei gegen diese Gefühle nichts einzuwenden und auch mit dem Urteil "unästhetisch" sei ihnen nicht beizukommen, weil Ästhetik nichts mit Moral zu tun habe. Allerdings fehle der Homoerotik "der Segen der Natur und des Lebens", sie sei gesellschaftlich verpönt und erscheine hoffnungslos. "Es entsteht nichts aus ihr, sie legt den Grund zu nichts." Sie möge stolz und frei sein, sei aber flatterhaft, weil ihr die Treue fehle. Sie sei zudem nicht "gründend, nicht familienbildend" und nicht zeugend. Aber auch solche "Fortpflanzungsgedanken" seien keine Argumente gegen Homoerotik. Seine Romanfiguren wie Gustav Aschenbach aus "Der Tod in Venedig" bezeichnet Thomas Mann als "Flüchtlinge", die er sehr gut verstehe.

Nach Auffassung von Hermann Kurzke ("Thomas Mann. Epoche, Werk, Wirkung", 1997, S. 192-194, hier z. T. online) sieht Thomas Mann in diesem Text die patriarchale Struktur im Wandel, wodurch sich die Frau "vermännliche" und der Mann "verweibliche". Dies sei für Mann kein Zeichen eines Zerfalls, sondern die Freisetzung einer Grundbefindlichkeit und einer natürlichen Bisexualität. Darauf aufbauend entwickele Mann in dieser "Gelegenheitsschrift" eine argumentativ stringente Theorie der Homosexualität, von der sich Vorstufen bereits in seinem Brief vom 4. Juli 1920 an Carl Maria Weber finden ließen (zu diesem Brief siehe meinen Artikel über Thomas Mann auf queer.de).

Klaus Mann – "Vor dem Leben"

Der älteste Sohn Thomas Manns war Klaus Mann (1906-1949), der im Gegensatz zu seinem Vater seine Homosexualität auslebte. Seine homo­sexuellen Beziehungen wurden von seinem Vater offenbar toleriert. Aus dem Jahr 1925 sind von ihm drei Veröffentlichungen bekannt, darunter sein erstes Theaterstück "Anja und Esther" (April 1925; siehe nächste Folge dieser Serie) und sein erster Roman "Der fromme Tanz" (Oktober 1925, siehe unten).

Klaus Manns Band "Vor dem Leben" (April 1925) umfasst verschiedene kleinere Erzählungen und sollte zunächst im Verlag von Steegemann (s. o.) veröffentlicht werden, erschien dann aber im Enoch-Verlag. In dem Band "Maskenscherz" (1990, hier zitiert nach der Neuauflage von 1995) wurden diese Texte wieder abgedruckt. Einige von ihnen handeln von homo­erotischem Begehren und schwulem Sex. In "Die Jungen" (S. 30, 32-33), einer von mehreren Schülergeschichten, wird Harald, weil er sich schminkt, mehrfach für einen "Lustknaben" gehalten. In "Ludwig Zoffcke" (S. 90-91) lernt die junge Lolo Herrn Zoffcke kennen und geht mit ihm nach Hause. Es gefällt ihr, wie er sich wild über sie wirft und sie lässt sich auf Sex mit ihm ein. Dabei betont er mehrfach, dass er ähnlich wild auch beim Sex mit jungen proletarischen Burschen vorgehe. In "Kaspar-Hauser-Legenden" (S. 121-123) findet Kaspar Hauser einen toten Mann von vielleicht 30 Jahren mit sehr schönen Händen. Er legt sich neben den Toten, fragt sich, ob er in seinem Leben wohl einen Freund gehabt habe, streichelt seine Haare und küsst ihn auf den Mund.

Am meisten irritiert hat mich Klaus Manns Erzählung "Der Alte" (S. 97-99): Ein Lehrer eines Internats lässt sich in seinem Zimmer gerne von Schülerinnen und Schülern besuchen. Bei Mädchen geht er meistens nach einer Viertelstunde zu Zärtlichkeiten über und sein Mund "sucht" dann ihren Mund. Auch der Besuch eines Jungen auf seinem Zimmer wird ansatzweise geschildert, dieser bekommt von seinem Lehrer zunächst Gebäck geschenkt. Viele von Klaus Manns Erzählungen sind autobiografisch geprägt. Von September 1922 bis Juni 1923 war Klaus Mann Schüler der Odenwaldschule, wo er wohl auch seine ersten homo­sexuellen Kontakte erlebte und sich zum ersten Mal in einen Mitschüler verliebte. Von der Odenwaldschule (1910-2015) wurde seit Ende der Neunzigerjahre jahrzehntelanger sexueller Missbrauch von den Sechziger- bis in die Neunzigerjahre bekannt. 2015 wurde die Schule geschlossen. Wenn Klaus Manns Erzählung "Der Alte" auf Tatsachen beruht, fand sexueller Missbrauch an der Odenwaldschule auch schon in den Zwanzigerjahren statt.


Das Herderhaus der Odenwaldschule (um 1920)

Klaus Manns Roman "Der fromme Tanz"

In Klaus Manns erstem Roman "Der fromme Tanz" (Oktober 1925, hier zitiert nach der Taschenbuchausgabe von 1982) schildert er das Leben des 18-jährigen Andreas Magnus, der aus einem großbürgerlichen Elternhaus stammt und nach Berlin reist, um das Großstadtleben zu entdecken. In Berlin lernt er auch die "einschlägigen" (fiktiven) Lokale "Das Paradiesgärtlein" und "Sankt-Margaretenkeller" kennen (S. 66-70). Dabei verliebt er sich in Niels und es kommt ihm "nicht in den Sinn, sie (die Liebe zu Niels) vor sich zu leugnen, sie zu bekämpfen als 'Entartung' oder als 'Krankheit'" (S. 129). Später reist er Niels nach Paris hinterher und sie besuchen dort ein Künstlerfest (S. 132-151). Am Ende des Romans erkennt Andreas, dass er noch viel verreisen und vieles erleben möchte (S. 158-159). "Der fromme Tanz" gilt als einer der ersten deutschsprachigen Homo­sexuellen-Romane. Aufgrund der vielen Parallelen zwischen der Figur Andreas Magnus und dem Autor Klaus Mann ist es naheliegend, dass der Roman autobiografische Züge trägt, und nur vor diesem Hintergrund ist auch die Behauptung zu verstehen, Klaus Mann habe sich damit "öffentlich zu seiner Homosexualität" bekannt (Wikipedia). Andreas Magnus' Vater wird im Roman "Dr. Magnus" genannt, eine mögliche Anspielung auf den Homo­sexuellenaktivisten Dr. Magnus Hirschfeld.

Die Reaktionen auf diesen Roman waren gemischt: Für das in Detmold erscheinende sozialdemokratische "Volksblatt" (8. Januar 1926) war es das beste Buch des Jahres. Die konservative "Westfälische Zeitung" aus Bielefeld (10. März 1926) äußerte sich über die Geschichte des 19-jährigen Künstlers, der sein Vaterhaus verlässt und sich in Berlin und Paris "in zweifelhaften Pensionen, in Kabaretts, Kaschemmen unter geschminkten homo- und bisexuellen Herrchen und Dämchen" herumtreibt, kritisch. Für das katholische "Westfälische Volksblatt" (1. November 1926), das in Paderborn erschien, zeigt der Roman nur ein "haltloses Schwanken zwischen unnatürlichem Triebleben und moralischer Verantwortungslosigkeit".

Im Buch ist als Erscheinungsdatum 1926 vermerkt – offenbar mit der Absicht, den Roman länger aktuell erscheinen zu lassen. Tatsächlich erschien der Roman schon Anfang Oktober 1925 (s. "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", 6. Oktober 1925). Die Nennung des Jahres führte zu Irritationen, weil in der Homo­sexuellen-Zeitschrift "Der Eigene" (Heft 12) im Dezember 1925 ein Auszug als "Abschnitt aus einem Entwicklungsroman" (S. 532-534), ohne Nennung des Titels, und ein Foto von Klaus Mann (S. 531) abgedruckt wurden. Dabei handelte es sich jedoch nicht um einen Vorabdruck, wie angenommen, sondern um einen auszugsweisen Nachdruck aus "Der fromme Tanz".


Ein Foto von Klaus Mann aus der Homo­sexuellenzeitschrift "Der Eigene" (1925) und zwei Ausgaben von "Der fromme Tanz" (1925, 1982)

Albert H. Rausch – "Vorspiel und Fuge" (1925) als Blut-und-Boden-Kitsch

Albert Heinrich Rausch (1882-1949) war ein Schriftsteller, der unter seinem Pseudonym Henry Benrath einige homo­erotische Novellen und Erzählungen veröffentlichte. Für Wolfgang Popp ("Männerliebe. Homosexualität und Literatur", 1992, S. 276) haben seine Erzählungen keine große Bedeutung und spielen in der schwulen Literaturgeschichte sogar eine "unangenehme Rolle", weil der Autor homo­erotische Männerfreundschaften mit "nationalistischem Größenwahn" koppele. Vor einem Jahr bin ich hier auf queer.de auf Rauschs "Ephebische Trilogie" (1924) eingegangen und habe sie im Kontext von "Blut und Boden"-Kitsch behandelt, was auch über ein Werk des darauffolgenden Jahres in ähnlicher Form geschrieben werden kann.

In seinem Werk "Vorspiel und Fuge. Les préludes" (1925) beschreibt der Ich-Erzähler, wie er seit seiner Kindheit ein Gefühl der Fremdheit gegenüber allen anderen gespürt habe. Dann verliebte er sich in Adrian, der ihm erstmals das Gefühl von Gemeinsamkeit gab. Er erzählt auch von anderen Erlebnissen mit Frauen und Männern und erinnert sich an seine Schulzeit, an "Selbstbefleckung" und Erlebnisse mit Jungen und Mädchen. Der Erzähler wünscht sich eine "Vereinigung" mit anderen Menschen über die "Grenzen des Geschlechtes" hinaus (S. 86). In diesem Werk verwendet Rausch eine ausgeprägte Symbolsprache, wozu viele Blutmetaphern gehören, die sich in ihrer unklaren Bedeutung auf Leben, Verbundenheit, Erektion, Abstammung und nationalsozialistische Rassenideologie beziehen können. Beispiele: "Was gab, von seinem Blut, der andere?" (S. 30); "einer Rasse, die ihr Blut nicht verfälscht" (S. 39); Menschen mit "lebendigem, erregbarem Blut" (S. 70); "In meinem Blute hob sich der erste große Gesang meiner Jugend" (S. 85). Vor dem Hintergrund der Herkunft des Autors unterstreichen seine diversen Ortsangaben in Baden-Baden die autobiografischen Bezüge. In seiner zum Teil kritischen Rezension schreibt Christian von Kleist in "Der Eigene" (Jg. 1926/1927, S. 190-191), dass sich in diesem Werk, das südliche Sinnenfreude ausdrücke, ein Talent offenbare und dass über der Schönheit der Landschaften und Menschen stets "Eros als die befreiende und erlösende Macht" walte.


Ein Werbezettel von Albert H. Rausch und sein Buch "Vorspiel und Fuge" (1925)

Oscar Wildes 25. Todestag und die Homo­sexuellenbewegung

In der schwulen Geschichte spielt der irische Schriftsteller Oscar Wilde eine große Rolle. Seine Verurteilung wegen Homosexualität 1897 war ein Skandal und eine persönliche Tragödie, aber auch einer der Anlässe, warum Magnus Hirschfeld und andere Männer in Berlin mit dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) die weltweit erste Interessenvertretung für Homo­sexuelle gründeten. Am 30. November 1900 starb Wilde weitgehend vereinsamt in Paris. Am 30. November 1925 jährte sich sein Todestag zum 25. Mal.

Magnus Hirschfeld ging in seinen Schriften oft und positiv auf Oscar Wilde ein. Das lag nicht nur daran, dass Wilde als prominenter Homo­sexueller eine positive Identifikationsmöglichkeit bot, sondern auch daran, dass er mit diesem Dandy seine Theorie der sexuellen Zwischenstufen als bestätigt ansehen konnte (s. Magnus Hirschfeld: "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes", 1914, u. a. S. 112, 373, 509).

In der homo­sexuellen Kunst- und Kulturzeitschrift "Der Eigene" wurde Wilde insgesamt nur zweimal behandelt, beide Male abwertend. Zuerst fasste Franz Pohl in seinem Artikel "Oscar Wilde zum 30. November 1925" (Jg. 1925, Heft 12, S. 537-542) Wildes Karriere, seine Verurteilung und seine letzten Jahre zusammen mit dem Fazit: "Wilde hatte gesündigt, er selbst bereute es bitter." Ein paar Seiten später betonte Alessandro Vittorio unter der Überschrift "Ueber die Unwürdigkeit des menschlichen Daseins und eine neue heroische Lebensanschauung" (Jg. 1925, Heft 12, S. 546-552): "Aus der Perversion Wildes entsprang sein Aesthetizismus." Das Einzige, was Vittorio an Wilde offenbar bewunderte, war, dass dieser nicht versucht habe, sich seiner Bestrafung durch Flucht zu entziehen (was er wohl als mutig und "männlich" ansah). Der Grund der Abneigung gegen Wilde wird so indirekt deutlich: Als Dandy entsprach Wilde nicht dem maskulinen homo­sexuellen Ideal dieses Teils der Homo­sexuellenbewegung.


Der Dandy Oscar Wilde (l.) – hier mit feminin wahrnehmbarer Handhaltung – entsprach nicht dem maskulinen Ideal der "Gemeinschaft der Eigenen"

Oscar Wildes 25. Todestag in der nicht-homo­sexuellen Presse

Auch für einige nicht-homo­sexuelle Zeitungen war Wildes 25. Todestag ein guter Anlass, um auf sein Leben und Werk einzugehen. Einige Zeitungen zeigten sich in Bezug auf Wildes Homosexualität erstaunlich tabuisierend und emotionalisierend. Es wurden der "tiefe Fall" Wildes ("Remscheider General-Anzeiger", 28. November 1925), sein "tragisches Schicksal" ("Velberter Zeitung", 1. Dezember 1925) und "sein Weg zum Abgrund" ("Westfälische Neueste Nachrichten", 1. Dezember 1925) beklagt. Dabei wurde insgesamt wenig Empathie deutlich für den "durch eigene Schuld so traurig verkommenen" Dichter ("Kölnische Zeitung", 28. November 1925).

Besonders möchte ich einen Artikel von Dr. Ernst Friedrichs hervorheben, der unter dem Titel "Der Dichter des Dorian Gray" u. a. in der "Velberter Zeitung" (30. November 1925) über Wilde schrieb: "Wir denken heute milder über ihn und berücksichtigen das Krankhafte in seiner Veranlagung." Auch seiner ästhetischen Kleidung "liegt etwas Krankhaftes zu Grunde". Seine Werke seien zwar witzig und geistreich, aber auch Ausdruck von "Unmoral". Offenbar ist diese Meinung Ausdruck der als "modern" geltenden Tendenz, Homo­sexuelle nicht mehr als kriminell, sondern als krank anzusehen. Heute lässt sich dies als kleiner Schritt in die richtige Richtung oder auch einfach nur als Transformation von Vorurteilen bewerten.

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Oscar Wilde – die Bücher zu seinem 25. Todestag

Bereits 1924 erschienen einige wichtige Bücher über Wilde, wie Frank Harris' Biografie "Oscar Wilde. Eine Lebensbeichte" und Carl Sternheims Drama "Oscar Wilde". Im Steegemann-Verlag erschien die Erzählung "Der Priester und der Mesnerknabe" (1922, 1924), die zu dieser Zeit fälschlicherweise noch als Werk Wildes angesehen wurde. In der "Freundschaft" (Jg. 1925, Heft 9) wurde der Verlag ausdrücklich dafür gelobt. Offenbar wegen Wildes 25. Todestag am 30. November 1925 wurden einige seiner Schriften neu aufgelegt wie "Letzte Briefe" an seinen Liebhaber Robert "Robbie" Ross. 1925 erschienen erstmals auch die beiden nachfolgend beschriebenen Bücher.

Vom deutschen Theaterdirektor Carl Hagemann (1871-1945) erschien die Biografie "Oscar Wilde. Sein Leben und sein Werk" (1925). Über den Prozess wegen homosexueller Handlungen schreibt Hagemann ausführlich und recht lebendig, seine tabuisierende Sprache war von Zeitgenoss*innen vermutlich leicht zu dechiffrieren (S. 27-54). Mit seinem Verhalten habe Wilde, so Hagemann, auch die Menschen provoziert, "die nicht gewillt sind, (…) Menschen von besonderer Veranlagung auch nur das geringste nachzusehen". Mit Lord Alfred Douglas habe ihn eine "intime Freundschaft" verbunden und mit anderen "jungen Leuten" solle er "heimliche(n) Gewohnheiten" gehuldigt haben. Bei dem Prozess in London sei es darum gegangen, einen "anders Gearteten (…) zu vernichten". Aufgrund der "ihm zur Last gelegten Dinge(n)" sei "es wohl keine Frage, daß Oscar Wildes Verurteilung zu recht erfolgte". Für Wilde sei es eine Lust gewesen, für pervers zu gelten und (…) anders zu sein als die anderen und (…) öffentlich zu betonen, daß er anders sein durfte und anders sein wollte". Hagemann sah sein Buch nicht als den richtigen Ort, um über die Berechtigung einer Strafandrohung zu schreiben, aber er wies zumindest darauf hin, dass der § 175 in Deutschland "nicht haltbar, zu beseitigen oder doch ganz anders zu fassen" sei.


Carl Hagemann und seine Biografie "Oscar Wilde. Sein Leben und sein Werk" (1925)

Die von Laurence Housman veröffentlichten "Gespräche mit Oscar Wilde. Ein Zusammentreffen in Paris" (1925) sind recht banal und thematisieren Homosexualität nicht. In seinem Nachwort äußert sich Housman jedoch einige Seiten lang über Wildes Homosexualität (S. 91-97). Seine Sprache ist zum Teil tabuisierend, seine Position aber – für seine Zeit – recht offen: Er wünscht sich eine heilsame Behandlung von Homosexuellen "ohne soziale und moralische Ächtung", weil sie schließlich schon seit ihrer Geburt oder frühen Kindheit das seien, "was sie sind". Der Prozess um Wilde habe zu einer wichtigen Enttabuisierung von Homosexualität geführt. Wildes "Sturz hat der Menschheit einen großen Dienst erwiesen, indem (…) das 'Unnennbare' nennbar wurde". Housman wagt folgende Hypothese: "Solange menschliche Erinnerung den Namen Oscar Wildes bewahrt, wird er stets mit einer schattenhaften Andeutung jener pathologischen Verirrung verbunden sein, die zu seinem Sturze führte."

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