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Gastkommentar
Wähl Liebe! Warum die Bundestagswahl über unsere Zukunft entscheidet
Die Bundestagswahl 2025 entscheidet darüber, ob queere Menschen sich vorerst auf einen echten Schutz verlassen können oder ob unsere rechtlichen Errungenschaften wieder weggenommen werden.

In 55 deutschen Städten – wie hier in Köln – haben queere Menschen unter dem Motto "Wähl Liebe" am Samstag gemeinsam mit Verbündeten gleichzeitig für Demokratie, Vielfalt in der Gesellschaft und den Schutz von Minderheiten demonstriert – ein beispielloses Ereignis in der Geschichte der CSD-Bewegung (Bild: IMAGO / Markus Matzel)
- Von Kai Bölle und Jan Bambach
16. Februar 2025, 14:30h 4 Min.
Es ist fünf vor zwölf. Der Ton gegen queere Menschen wird rauer, rechte Parteien hetzen, und queerfeindliche Gewalt nimmt zu. Dinge, die längst als gesellschaftlicher Fortschritt galten – das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, auf gleiche Chancen, auf ein Leben ohne Angst – stehen plötzlich wieder zur Debatte. Die Bundestagswahl 2025 wird zur Richtungsentscheidung: Werden unsere Rechte weiter ausgebaut und geschützt, oder droht ein Rückschritt, der mühsam erkämpfte Errungenschaften gefährdet?
Haben wir nicht andere Probleme?
In der heißen Phase des Wahlkampfs gibt es unzählige Themen, die Menschen beschäftigen: Wirtschaft, Außenpolitik, Migration. Doch warum ist es gerade jetzt so wichtig, über queere Rechte zu sprechen? Ist das nicht ein Luxusproblem angesichts der vielen Krisen?
Die Antwort ist einfach: Nein. Denn die Frage, wie eine Gesellschaft mit Minderheiten umgeht, ist ein Gradmesser für ihre Demokratie. Wer glaubt, dass die Rechte von queeren Menschen gesichert sind, weil es die Ehe für alle gibt oder das Selbstbestimmungsgesetz verabschiedet wurde, übersieht die Realität. Hass und Hetze nehmen zu, queerfeindliche Gewalt steigt, und es gibt Parteien, die gezielt daran arbeiten, queere Errungenschaften wieder zurückzudrehen.
Ein Grundgesetz, das wirklich schützt
Das Grundgesetz schützt vor Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Sprache, Behinderung, Religion oder Weltanschauung. Doch sexuelle und geschlechtliche Identität tauchen darin nicht auf. Dass queere Menschen rechtlich immer noch nicht denselben Schutz genießen wie andere Gruppen, ist nicht nur ein Versäumnis – es ist eine reale Gefahr.
Wir leben in einem Land, in dem queere Menschen über Jahrzehnte kriminalisiert wurden. In dem der § 175 mehr als 120 Jahre lang für Verhaftungen und gesellschaftliche Ächtung sorgte. In dem Schwule und Lesben noch in den 90ern mit "moralischen Bedenken" aus ihren Jobs gedrängt wurden. Diese Geschichte ist nicht abgeschlossen. Queere Menschen brauchen expliziten Schutz im Grundgesetz – nicht erst, wenn die politische Stimmung weiter kippt.
Sichere Räume dürfen keine Glückssache sein
Queere Jugendzentren, Beratungsstellen und kulturelle Angebote sind nicht einfach "nice to have", sondern überlebenswichtig. Sie sind oft die ersten Orte, an denen queere Menschen sich sicher fühlen, Unterstützung finden oder aus toxischen Umfeldern flüchten können. Doch genau diese Strukturen sind chronisch unterfinanziert, hängen an befristeten Projektmitteln und müssen jedes Jahr aufs Neue um ihre Existenz kämpfen.
Dabei ist die Rechnung einfach: Wer eine vielfältige Gesellschaft will, muss sie unterstützen. Wer sich um queere Jugendliche sorgt, muss ihnen Schutzräume bieten. Wer Diskriminierung bekämpfen will, darf queere Aufklärungsprojekte nicht kaputtkürzen. Die nächste Bundesregierung muss hier endlich Verantwortung übernehmen.
Schluss mit dem Befeuern von Hass
Jedes Jahr steigen die gemeldeten Fälle queerfeindlicher Gewalt. Menschen werden auf der Straße beleidigt, angegriffen, zusammengeschlagen. Viele trauen sich nicht mehr, öffentlich als Paar Händchen zu halten oder ihre Identität zu zeigen. Gleichzeitig werden queerfeindliche Straftaten oft als "Einzelfälle" abgetan oder nicht konsequent verfolgt.
Doch die Zahlen zeigen ein klares Bild: Wer queer ist, lebt gefährlicher als noch vor einigen Jahren. Und das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der Hetze wieder salonfähig wird. Die Politik muss queerfeindliche Gewalt ernst nehmen. Das bedeutet eine bessere Erfassung von Hasskriminalität, eine konsequente Strafverfolgung und klare Signale: Queerfeindlichkeit hat keinen Platz in dieser Gesellschaft.
Es geht um mehr als zwei Kreuzchen
Die Bundestagswahl 2025 ist eine Richtungsentscheidung. Sie entscheidet darüber, ob queere Menschen sich vorerst auf einen echten Schutz verlassen können oder ob unsere rechtlichen Errungenschaften wieder weggenommen werden. "Wähl Liebe!" ist deshalb nicht nur eine Kampagne – es ist eine Haltung. Eine klare Absage an Gleichgültigkeit und an die Idee, dass queere Rechte verhandelbar sind.
Am 15. Februar 2025 um 11:55 Uhr gingen wir deshalb mit über 125.000 Menschen in 55 Städten Deutschlands auf die Straße – von Berlin über Göppingen, Frankfurt am Main oder Darmstadt bis nach München. Wer ein Zeichen setzen will, hat weiterhin bei der kommenden Bundestagswahl am 23. Februar die Chance dazu. Wer eine Gesellschaft will, die auf Respekt, Sicherheit und Vielfalt basiert, sollte sich nicht wegducken.
Eines ist klar: Demokratie gibt es nicht zum Nulltarif. Sie lebt von Beteiligung. Und von Menschen, die für sie aus Liebe zur Demokratie kämpfen.
Unsere Gastkommentatoren Kai Bölle und Jan Bambach sind Mitglied der Kampagnenleitung von "Wähl Liebe".














