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Kinostart
Queer, verloren und frei: Die Geschichte von Bird und Bailey
Märchen, Sozialdrama und Coming-of-Age-Film in einem: "Bird" mit Franz Rogowski, Nykiya Adams und Barry Keoghan ist ist ein visuell kraftvoller Independent-Film, der hoffentlich viele Herzen berührt.

Franz Rogowski als Bird in "Bird" (Bild: Atsushi Nishijima / House Bird Limited)
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18. Februar 2025, 08:09h 4 Min.
Bailey weiß, dass ihr Vater diesen rebellischen Schritt nicht gutheißen wird. Doch das hält sie nicht davon ab, sich die Haare kurz schneiden zu lassen. Mit ihrem androgynen Look strahlt die 12-Jährige eine beeindruckende Selbstsicherheit aus, die ehrfürchtige Blicke auf sich zieht. "Mum hat gesagt, ich wurde geboren, um Ärger zu machen", erklärt sie.
In "Bird" erzählt Andrea Arnold die Geschichte eines Mädchens, das nicht Kind sein darf. Bailey wächst in der rauen Hafenstadt Gravesend, nahe London, auf. Ihre Lebensumstände sind geprägt von Chaos und Vernachlässigung: Während drei ihrer Geschwister bei ihrer Mutter und deren gewalttätigem Partner leben, teilt sie sich ein heruntergekommenes besetztes Haus mit ihrem Halbbruder Hunter. Ihr "Zimmer" ist eine Matratze, die mit Vorhängen abgetrennt ist – ein notdürftiger Rückzugsort, der sie kaum vor der Härte des Lebens schützt.
Newcomerin Nykiya Adams brilliert als Bailey

Nykiya Adams als Bailey (Bild: Atsushi Nishijima / House Bird Limited)
Hier entwirft Bailey ihre eigene kleine Welt: Mit einem Beamer projiziert sie Handyvideos an den Stoff ihrer Vorhänge, taucht ein in ihre Erinnerungen, um den Momenten von Schönheit und Bedrohung nachzuspüren. Dieses filmische Spiel ist ihr Eskapismus, eine Flucht aus einer Realität, die weder Platz für ihre Träume noch für ihre Gefühle lässt. Die Flashbacks, die immer wieder die Erzählung durchbrechen, spiegeln die fragmentierte Wahrnehmung eines Kindes, das früh erwachsen werden musste.
Dass Bailey derart fesselt, liegt vor allem an der unglaublichen Nykiya Adams. Die junge Schauspielerin bringt die Zerrissenheit und die innere Stärke ihrer Figur mit einer Intensität auf die Leinwand, die unter die Haut geht. Bailey muss Verantwortung übernehmen, für sich selbst und für ihre jüngeren Geschwister, die sie bedingungslos liebt. Gleichzeitig erlebt sie die Herausforderungen des Heranwachsens: ihre erste Menstruation, Unsicherheiten und die Suche nach Identität – alles in warmherzigen Bildern, die niemals voyeuristisch wirken.
Die kindliche Leichtigkeit von Bird

Poster zum Film: "Bird" startet am 20. Februar 2025 bundesweit im Kino
Baileys skeptische Haltung gegenüber Fremden entspringt ihrem soziopolitischen Hintergrund. Doch dann trifft sie Franz Rogowski ("Große Freiheit", "Passages"), der Bird spielt, inmitten eines blumenübersäten Feldes, während die Sommersonne untergeht. Er trägt einen Rock und verkörpert jene kindliche Leichtigkeit, die Bailey sich längst nicht mehr erlaubt. Bird ist eine faszinierende Figur – queer, verloren und frei. Bailey fühlt sich von seiner Energie angezogen und schließt sich ihm an, um ihm bei der Suche nach seinen Eltern zu helfen, an die er sich nicht erinnern kann.
Zwischen den beiden entwickelt sich eine stille, unverbindliche Freundschaft, die Bailey einen Hauch von Geborgenheit gibt. Das finale Bild, in dem Bird mit seinen symbolischen Vogelflügeln Schutz bietet, bleibt tief in Kopf und Herz. Die Kamera von Robbie Ryan bringt Baileys Innenleben durch Handkamera-Aufnahmen und extreme Nahaufnahmen von Schmetterlingen oder Vogelschwärmen auf beeindruckende Weise zur Geltung. "Bird" mag der Titel des Films sein, doch das Herzstück ist Bailey.
Sie gerät immer wieder an ihren groben, unberechenbaren Vater Bug. Ständig ist er auf seinem elektrischen Roller unterwegs, nimmt vor den Kindern Drogen und plant, seine neue Freundin Kailey, die ein eigenes Baby hat, zu heiraten. Arbeitslos und knapp bei Kasse, entwickelt Bug einen absurden Plan: Er will die Hochzeit mit dem Verkauf des halluzinogenen Schleims einer importierten Kröte finanzieren. Bailey lehnt diese Patchwork-Familienkonstellation entschieden ab und reagiert mit deutlicher Ablehnung auf die Ankündigung.
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Anspielungen auf "Saltburn"
Trotz seiner Härte zeigt Bug, dass ihm seine Kinder am Herzen liegen – eine Ambivalenz, die Barry Keoghan in seiner Rolle mit Bravour verkörpert. Tätowiert von Kopf bis Fuß bringt er eine rohe Energie und zugleich eine gewisse Verletzlichkeit ein. Besonders amüsant ist eine intertextuelle Anspielung auf Keoghans Rolle in "Saltburn": Die Kröte muss mit ernster Musik zum Schleimabwerfen animiert werden. Als jemand "Murder On The Dancefloor" von Sophie Ellis-Bextor vorschlägt – einen Song, der durch "Saltburn" kürzlich ein Comeback erlebte – lehnt Bug ab und erklärt trocken, er hasse diesen Song.
"Bird" ist Märchen, Sozialdrama und Coming-of-Age-Film in einem. Die queere Präsenz von Rogowski bleibt subtil, fast nebensächlich, doch sie ergänzt die tiefgründige Erzählung um etwas Fantastisches. Obwohl der Film an manchen Stellen einen strafferen narrativen Fokus vertragen hätte, trägt das exzellente Ensemble mühelos über die knapp zwei Stunden. "Bird" ist ein berührender, visuell kraftvoller Independent-Film, der hoffentlich viele Herzen berührt und Flügel entfaltet – auf der Leinwand und darüber hinaus.
Bird. Drama. Großbritannien 2024. Regie: Andrea Arnold. Cast: Barry Keoghan, Franz Rogowski, Nykiya Adams. Laufzeit: 119 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: MFA. FSK 12. Kinostart: 20. Februar 2025
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